Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 1 (1915)
- Issue
- 4 (2.9.1915)
- Date
- 1915-09-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Korrespondenz Preis per Nummer 10 Heller. lxr f « * «... * w j Redaktion und Administrationvierteljährlich k 120 Wochenblatt für jüdische Interessen. Wie„, vu. mZZ£7 Nachdruck mR «oUer Oaelteaugabe gestattet Redakteur: Jonas Kreppe!. | Erscheint jeden Donnerstag ■r. 4. Wien, 2. September 1915. I. Jahrgang. Judenrechie in Rußland? Früher, als wir es ahnen konnten, haben sich unsere Vermutungen bestätigt. Seit einigen l agen gelangen über Kopenhagen und Stockholm Nachrichten aus Petersburg, denen zuloige der Zar einen Ukas unterschrieben hatte, kralt dessen den Juden der Aufenthalt in ganz Kußland mit Ausnahme von Petersburg, Moskau und einigen anderen!?) Städten sowie die Erwerbung unbeweglichen Vermögens gestattet wird. Diese Maliregel — so wird hinzugefügt — soll der erste Schritt zur Verbesserung der Judenlage in Rußland sein. Diese Gerüchte sind, wie schon erwähnt, eine Bestätigung unserer in voriger Woche ausgesprochenen Vermutung, daß angesichts der Notwendigkeit für Rußland, an den amerikanischen Geldmarkt zu appellieren, gewisse Versprechungen in Bezug auf die Judenfrage gemacht werden würden, um die öffentliche Meinung Amerikas zu „bluffen", da man sonst einen Widerstand der dortigen jüdischen Finanzkreise befürchtet. Wo die Geldnot am höchsten, sind die Juden am nächsten. Prompt hat sich also dieses schon so oft mit Erfolg angewendete Manöver eingestellt — die Frage ist nur, ob auch diesmal der Trick gelingen wird. Die erwähnten Gerüchte traten zunächst in etwas unbestimmter Form auf, sie wurden gleichzeitig voa einem teilweisen Dementi begleitet; zwei Tage später wurden sie jedoch in der Form feststehender Tatsachen gemeldet und die „große" Presse beeilte sich, dieselben mit iwnaiiMiJtLH •^oumustiueti-''w vwseucu sich in Kombinationen darüber auszulassen, welche Konsequenzen daraus resultieren werden. Selbst ein Wiener Rabbiner schrieb so stehenden Fußes eine kurzgefaßte Geschichte der Juden in Rußland und bemühte sich, auszudenken, wie die Zukunft der russischen Juden nach dieser so überraschenden Wendung sich gestalten dürfte. Es fiel niemanden ein, zu bedenken, daß es sich hiebei bloß um einen Bluff handelt und daß man durch das Breittreten dieser Nachricht gerade den geheimen Wünschen der Petersburger Machthaber entgegenkomme. Tags darauf stellte sich auch das Dementi pünktlich ein. Die Nachricht wird als verfrüht bezeichnet. Der ganze Rummel hat ein frühzeitiges Ende gefunden. Die Angelegenheit wäre damit vorläufig erledigt. Wenn wir sie aber trotzdem so ausführlich behandeln, so geschieht dies zu dem Zwecke, um die jüdische öffentliche Meinung rechtzeitig vor allen Illusionen in dieser Minsicht zu warnen. Es ist lächerlicii zu glauben, daß dasselbe Rußland, welches selbst den Polen, an deren Sympathien ihm doch im gegenwärtigen Momente sehr stark gelegen sein muß, die Gewährung gewisser Konzessionen erst nach dem Kriege in Aussicht stellte, plötzlich den Juden gegenüber sein großes Herz entdecken und ihnen schon jetzt Konzessionen machen sollte. Es ist lächerlich zu glauben, daß derselbe Justizminister, der erst vor wenigen Wochen auf die Frage eines russischen Journalisten, ob eine Verbesserung der Judenlage zu erwarten sei, kurz und bündig antwortete: „Darüber lassen Sie uns lieber schweigen" — daß dieser Minister mit einem Male zum Verteidiger der Juden geworden sein sollte, wie es in der diesbezüglichen Meldung hieß. Angesichts derartiger Tatsachen muß man solchen Gerüchten gegenüber sehr vorsichtig sein. Es handelt sich den russischen Machthabern bloß darum, die öffentliche Meinung der Kulturwelt irrezuführen, ebenso wie sie mit allen ihren offiziösen und offiziellen Kundgebungen nur den Zweck verfolgen, die Welt zu „bluffen". Am wenigsten sollte daher die österreichisch-ungarische und die reichsdeutsche Presse sich dazu hergeben, diese Lügennachrichten so ohne weiteres zu verbreiten. Sollte aber der höchst unwahrscheinliche Fall eintreten, sollte Rußland tatsächlich schon jetzt .gewisse Konzessionen in der Judenfrage machen — dann würde dies erst recht die An- I sieht bekräftigen, daß nur in einem im Kriege I niedergerungenen Rußland eine Besserung der I Judenlage zu erwarten sei. Nicht der Zar Nii kolaus würde „seinen lieben Juden" Konzessionen machen, sondern den Kaisern Franz Josef und Wilhelm werden sie diese Wohltaten zu verdanken haben; nicht Nikolaj Nikolajewitsch würde ihr Befreier sein, sondern Hötzendorf und Hindenburg. Nur in einem besiegten Rußland wird es de Juden besser ergehen! Der Krieg und die Juden in Skandinavien. (Brief aus Kopenhagen.) Die Juden in den skandinavischen Staaten spielen sonst in der jüdischen Welt und in der jüdischen öffentlichen Meinung keine große Rolle. Abgesehen von ihrer ziemlich kleinen Zahl (in allen dieseii Nordstaaten erreicht in normalen Zeiten die Zahl der Juden kaum 20—25.000 Seelen), haben sie auch in geistiger Beziehung sich nur selten hervorgetan und man rechnete mit ihrer Haltung und mit ihrer Stellungnahme zu den allfalligen jüdischen Fragen sehr wenig. Da audi die Nordstaaten in der allgemeinen Weltpolitik selten zur Geltung gelangten, so war die politische Bedeutung der dortigen Juden ebenfalls eine ganz minimale. Während des gegenwärtigen Krieges hat sich jedoch die Situation etwas geändert. Einerseits ist die Zahl der Juden in diesen Ländern, . heiQBrrtere. in,, den JtoiQtirtäittfiai Ito»anfragen und Stockholm, bedeutend gestiegen, indem ein großer Teil der in Deutschland und auch in Frankreich und England lebenden Juden aus Rußland in diesen neutralen Ländern Aufenthalt suchte. Andererseits hat die Entente, vorzüglich Rußland, dort ihre Pressebüros errichtet, um von diesen Stellen aus die öffentliche Meinung in den neutralen Ländern mittelst einer ausgebreiteten Presse-Propaganda zu beeiniiusseii. Dabei isi auch der Juden nicht vergessen worden und auch sie werden mit allen Mitteln der Propaganda für die Sache der Entente Learbeitet. Rußland ging so weit, selbst die Gründung einer Jargontageszeitung in Kopenhagen materiell zu fördern und natürlich auch „geistig" zu inspirieren — dies in derselben Zeit, da es in seinem eigenen Reiche das Erscheinen der jüdischen Zeitungen untersagte. Es kann jedoch gesagt werden, daß die Liebesmühe der Entente diesbezüglich ganz vergeblich sei. Mögen die Juden in den skandinavischen Ländern noch so sehr gewisse Sympathien für England und Frankreich hegen, so hat die Gemeinschaft dieser Staaten mit dem tinsteren, barbarischen Rußland alle jüdischen Kreise arg verstimmt und trotz aller Bemühungen steht das Gros der skandinavischen Juden auf Seite i der verbündeten Zentralmächte. Es ist dies übrigens eine Wiederspiegelung der Stimmungen der allgemeinen öffentlichen Meinung in diesen Ländern, welchen Georg Brandes in den letzten Tagen in der „Politiken" so entschieden Ausdruck verlieh. Eine Allianz, in der Rußland das große Wort führt, kann in der Kulturwelt keine Sympathien finden, am wenigsten unter jüdischen Kreisen, selbst wenn ihnen dies im Jargon mundgerecht zu machen versucht wird. Die Tatsache, daß das zionistische Aktionskomitee nach Kriegsausbruch seinen Sitz von Berlin nach Kopenhagen verlegt hatte, übte auf die Entente-Agitatoren einen gewissen Reiz aus und sie versuchten, eine Stellungnahme der zionistischen Organisation für die Kriegsziele dieser Mächtegruppe zu erwirken, natürlich mit dem Versprechen, daß die Entente nach errungenem Siege die Juden mit Palästina belohnen werde. Dank der entschiedenen Haltung der besonnenen Elemente des zionistischen Aktionskomitees hat auch diese merkwürdige Seelenfängerei kernen greifbaren Erfolg erzielen können, selbst dann nicht, als auch Rußland diesbezüglich mit Versprechungen und Verlockungen nicht geizte. | Die Entente und ihre Agitatoren habe« j wohl ihre Arbeit in Wort und Schrift noch nicht eingestellt. Es ist jedoch zu erwarten, daß sie sich auch da ein Fiasko holen werden, wie bei allen ihren Versuchen und Anstrengungen, die neutrale Welt irrezuführen. Diejenigen aber, die im Dienste dieser Propaganda stehen, mögen endlich einmal bedenken, daß sie eine dem Gesamtjudentume schädliche Arbeit verrichten. Ein Sieg Rußlands bedroht die Zukunft des ganzen Judentums ebenso, wie die Zukunft, Unabhängigkeit und die Freiheit der skandinavischen Völker. „Z'foni". Moratorium und Kriegs- RredUanstall. (Brief aus Galizien.) —, 30. August 1915. Die Angelegenheit, die hier berührt werden soll, ist eigentlich keine ausgesprochen jüdische und ebensowenig hat sie irgendwelchen konfessionellen Charakter. Sie betrifft jedoch vorzüglich die Interessen der jüdischen Bevölkerung und infolgedessen möge sie in der „Jüdischen Korrespondenz" Erörterung finden. Am 1. September geht in ganz Österreich das Moratorium zu Ende. Bloß für Galizien und die Bukowina bleibt dasselbe bis Ende September noch weiter in Kraft. Wenn der vollständige Abbau des Moratoriums im Laufe des erstenKriegsjahres^dn unwiderleglicher Beweis * ttr "die ii^^i^ti^'äitM^Kdi^t^idK'hl^'^t^f wirtschaftlichen Verhältnisse der Monarchie ist. so lnui. te in Bezug auf Galizien und die Bukowina eine Ausnahme gemacht werden, da diese Provinzen durch die Kriegsereignisse am stärksten gelitten haben und zum großen Teile monatelang unter der feindlichen Invasion sich befanden. Es war nun vollständig gerechtfertigt, daß für diese Gebiete in Bezug auf das Moratorium Ausnahmen stipuliert wurden. Nun sind beide Provinzen vom Feinde frei. Der letzte Zipfel Ostgahziens, wo die Russen sich am längsten halten konnten, dürfte in den nächsten Tagen ebenfalls vom Feinde gesäubert sein. Der breite Flüchtlingsstrom fließt hngsarn.ai.ersteiig zurück. Handel und Wandel kehren wieder und das wirtschaftliche Leben nimmt wiederum seinen normalen Lauf. Es wird nun die Frage aufgeworfen, ob die Moratoriumsvorschriften weiterhin in Kraft bleiben sollen, oder ob auch da mit dein Abbau begonnen werden möge. I tiese letzte Anschauung wird gerade von einem gewissen Teile der westösterreichischen Handels- und Finan/.welt ziemlich energisch vertreten, da diese in Galizien und der Bukowina ziemlich große Aussenstande habe und wiederum zu ihrem Oelde wenigstens teilweise kommen möchte. Zumindest wird verlangt, daß das Moratorium iür diejenigen Landesgebiete, die vom Kriege weniger gelitten haben, beispielsweise Krakau und Biala, aufgehoben werde. Der Standpunkt dieser westösterreichischen Kreise ist wohl begreiflich — jedoch nicht in allem v.erci htfertigt. Die Frage ist eine sehr heikle und erfordert vorsichtiger Behandlung. Am wenigsten ist dazu eine Art Beeinflussung durch Zeitungsnotizen geeignet, wie dies von gewisser Seite in einem Teile der Wiener Presse versucht wird. Das Moratorium wurde ja zu dem Zweck erlassen, um das wirtschaftliche Leben vor Erschütterungen zu bewahren. Niemand ist so sehr an der Wiederkehr normaler Verhältnisse interessiert, wie die gahzische Handels- und Industriewell. Es muIi jedoch in Betracht gezogen werden, da 1.1 die gegenwärtigen Verhältnisse eine Aufhebung des Moratoriums oder selbst einen weitgehenden Abbau desselben noch nicht zulassen. Abgesehen davon, daß die Stipulierung von Ausnahmen für gewisse Städte oder Kreise ein sehr kompliziertes Verfahren erfordern würde, muß berücksichtigt werden, daß selbst die einigen Städte, die nicht direkt durch den Krieg gelitten haben, trotzdem durch die Kriegs-