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Jüdische Korrespondenz · 1915-08-19 · 2 (19.8.1915) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
1 (1915)
Issue
2 (19.8.1915)
Date
1915-08-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 2 Jüdische Korrespondenz Seite 3 begreifen und verstehen, sein tief-religiöses Leben, sein Gottvertrauen, sein Festhalten an allen religiösen Vorschriften und Gebräuchen mußten jedem ernsten Juden imponieren und Respekt einflössen. Man erkannt in diesen Menschen, welche die Synagogen und Leseräume füllten, denen der Mangel an „Tahs" und „Tefilin" ebenso weh tat, wie der Mangel an Brot, welche täglich ihren Talmud-Abschnitt ebenso absolvieren mußten, wie ihr karges Mittagmahl verzehren, welche für den religiösen Unterricht ihrer Kinder ebenso sorgten wie für warme Kleider und ganze Schuhe _ man erkannte in diesen Menschen, daß sie „icht — wie allgemein angenommen wurde — bloß geldgierig und verdiensthaschend sind, sondern auch höhere geistige und kulturelle [Bedürfnisse haben, die sie sogar höher stellen, als alle materiellen Güter. Andererseits mußte der östliche Jude erkennen, daß das Gros seiner westlichen Brüder zwar nicht mehr religiös fromm, aber trotzdem das berühmte „jüdische Herz" am rechten Fleck haben, daß sie also in gewissen Beziehungen ebenso gute Juden sind, welche die Lage und die Not ihrer Brüder verstehen und zu denen man Vertrauen haben kann. Das Verhältnis der östlichen und westlichen Juden zu einander hat sich im Laufe des Kriegsjahres bedeutend gebessert und wir wollen hoffen, daß daraus für die Zukunft günstige Horoskope gestellt werden können. Die Westjuden haben in religiöser Beziehung vielfach neue Anregungen gefunden, ihr Interesse für das Geistig-Religiöse wurde wiederum gesteigert und der jüdisch-religiöse Baum im Westen hat neue Säfte erhalten. Unsere westlichen Brüder werden nunmehr auch für alle jüdisch-geistigen Probleme mehr Verständnis und Interesse haben. Die östlichen Juden hingegen haben im Westen die Wohltaten der europäischen Kultur kennen gelernt. Sie haben sich mehr an Ordnung, Systematik, Pünktlichkeit und Exaktheit gewöhnt und dies wird ihnen nach der Rückkehr in die Heimat vielfach nützlich sein. Aber auch in politischer und materieller Beziehung wird die notgedrungene Annäherung zwischen den Juden des Westens und des Ostens gute Früchte zeitigen. Zwischen den Juden Galiziens und der Bukowina und den Juden Westösterreichs wird nicht mehr an der sohlesischen Grenze eine Scheidewand aufgerichtet sein. Es wird viel mehr als früher in vielen wichtigen Fragen eine gemeinsame Arbeit, eine gemeinsame Aktion möglich sein. Die österreichische Judenschaft wird von nun an mehr ein einheitliches Ganzes bilden, ebenso, wie das neue Österreich selbst nach dem Kriege einheitlicher und konsolidierter dastehen wird. Dasselbe dürfte auch in materieller Hinsicht der Fall ein. Erst der Krieg hat in Westösterreich die Uberzeugung wachgerufen, welche große Bedeutung Galizien und die Bukowina für die Monarchie haben. Die wirtschaftliche Entwickelung dieser Länder wird jetzt im Westen viel größerem Interesse begegnen und energischere Förderung finden. Galizien und die Bukowina werden authören, passive herrschte der Kommandant die Deputation an — „werde ich mir schon ohnedies verschaffen. Glaubt aber nicht, daß mit der Hinrichtung der 10 Geiseln die Sache abgetan sein wird. Euch allen droht dasselbe Schicksal, denn Ihr seid Feinde des Zaren und Spione der Awstriaken!" Beklemmten Herzens verließen die Juden die Wohnung des Kommandanten. Sie erschienen jedoch bald wieder, nachdem sie mit ihren Glaubensgenossen eine Beratung abgehalten und die Höhe des früher angebotenen Lösegeldes verdoppelten. Der Empfang war diesmal noch weniger freundlich. „Ich brauche Euer Geld überhaupt nicht — schrie der aufgeregte Kommandant — ich werde es mir schon selbst holen, nachdem ich Euch alle ins Jenseits befördern werde!" „Gnädiger Herr! — versuchten die Juden zu flehen — „habe doch Erbarmen mit uns! Nehme alles, was wir haben, nur schenke uns das nackte Leben! Was soll Dir auch unser Tod? Dein Kaiser wird doch nicht über eine tote Stadt herrschen wollen! War es die mächtige Kraft dieses letzten Arguments, oder hatte schon früher der Kosakenoffizier ganz andere Pläne — er schien etwas wie verändert und erklärte nach kurzem Widerstand den vor ihm stehenden Juden, sie mögen nach einer Stunde wiederkommen, er wolle sich inzwischen mit seinen Offizieren über ihr Schicksal beraten. Als die Deputation nach einer Stunde wiederum erschien, erhielt sie die klare und präzise Entscheidung: „Die Arretierten werden freigelassen werden, wenn den Offizieren einige . . . Weiber zur Verfügung gestellt werden. . . .« Man kann sich den Eindruck vorstellen, welchen diese Worte auf die Mitglieder der Deputation machten. Auf alles waren sie eher als auf eine derartige Forderung gefaßt Woher auch die Möglichkeit haben, das tierische Verlangen der Kosaken zu befrieden? In diesem elenden Neste gab es ja überhaupt kein derartiges Provinzen zu sein. Den Juden als einer handel- und industrietreibenden Volksklasse wird dieser Wandel zum Besseren sicherlich nur zum Vorteile gereichen. S. L. Palästina und der Krieg. Seit Ausbruch des Weltkrieges und besonders seit dem Eingreifen der Türkei in denselben, spielt auch die P a l ä s t i n a-F r a g e in dem Weltringen eine gewisse Rolle. Die Ententemächte, die gerade die Türkei als ihren schwächsten Gegner betrachteten und von dieser Seite auf leichte Beute rechneten, haben sofort nach Kriegsausbruch die Verteilung des Bärenfelles vorgenommen, noch bevor derselbe erlegt war. Selbstverständlich gelaugte auch das heilige Land unter jene Gebiete, die verteilt werden sollten und da es der Entente daran gelegen ist, die Stimmung in den neutralen Ländern zu beeinflussen und da diesbezüglich die Juden dieser Lander eine gewisse Rolle spielen, so war es nur natürlich, daß man von verschiedenen Seiten diesen Juden indirekt andeuten ließ, sie können nach einer Besiegung der Türkei auf die Erfüllung gewisser Aspirationen in Palästhia rechnen. Seither spukt dieser Gedanke in verschiedenen Köpfen herum. Gewisse jüdische Kreise in den neutralen Ländern, welche vom jüdischen Standpunkte die absolute Besiegung Rußlands wünschen sollten, lassen sich hie und da in das Fahrwasser der Entente Iiineinziehen, mit der Ausrede, ein Sieg derselben dürfte die Judenfrage durch Gewährung gewisser politischer Rechte in Palästina einer teihveisen Lösung zuführen. Wir wollen es dahingestellt sein lassen, ob es richtig wäre, die 6 Millionen Juden Rußlands ganz einfach ihrem Schicksale zu überlassen, selbst wenn Frankreich und England in der Lage sein und den guten Willen haben sollten, einem kleinen Bruchteile der Juden in Palästina gewisse nationalen Rechte zu gewähren — eine völlige Überlassung des Landes an die Juden haben selbst die Ententekreise nie in Aussicht gestellt. Jeder Kenner der Verhältnisse muß jedoch a priori überzeugt sein, daß all diese Versprechungen nichts als bewußte Irreführung und systematische Täuschung sind und es daber absurd wäre, auf Grund derselben irgendwelche Hoffnungen zu bauen. Angenommen den Fall, es würde der Entente gelingen, die Türkei zu besiegen -..... was angesichts der gegenwärtigen Kriegssituation ja fast ausgeschlossen ist — so wird gerade das heilige Land dasjenige Gebiet sein, um w elches die einzelnen Mitglieder der. Entente sich herumschlagen dürften, da jedes von ihnen dortselbst weitgehende Aspirationen verfolgt und nicht ohne weiteres auf seine angeblichen Rechte verzichten wird. Am stärksten aspiriert Frankreich seit Jahrzehnten auf das heilige Land, es betrachtete sich als Beschützer der dortigen i Katholiken und strebte mit allen Mitteln dazu, j seine dortige Einflußsphäre auszubreiten. Spricht j man in Ententekreisen von einer Aufteilung der i Menschenmaterial — die eigene Tochter aber der Schande ausliefern, dazu kann sich kein Jude entschließen, selbst wenn ihm Lebensgefahr droht. Wiederum hielten die Juden des Städtchens eine Beratung ab, alle Möglichkeiten wurden ventiliert, nach vielen Mühen und Anstrengungen gelang es, einige „Damen" aus der nächsten Umgebung herbeizuschaffen, welche für Geld und gute Worte sich bereit erklärten, den Offizieren zu Willen zu sein. Die Hoffnung der gequälten Juden, nunmehr des Verhängnisses los zu sein, erwies sich jedoch bald als trügerisch. Als sie die Mädchen den Offizieren präsentierten, wurden sie schnöde abgewiesen. „Nicht solches Weibervolk verlangten wir!" tobten die von tierischer Leidenschaft verzerrten Kosaken. „Jewrejski krasawicc (schöne Jüdinnen) bringt uns! Bis in die weiten Orenburger Steppen ist zu uns der Ruf gedrungen, daß die jüdischen Töchter schön und begehrenswert sind! Entweder Ihr bringt uns schöne Jüdinnen, oder wir machen mit Euch kurzen Prozeß! Wiederum zogen die verzweifelten Juden ab, wiederum hielt die ganze Gemeinde eine längere Beratung ab, auch die 10 arretierten Opfer wurden von der Sachlage verständigt und deren Meinung eingeholt. Einstimmig wurde der Beschluß gefaßt, daß keine jüdische Tochter der Schande zugeführt werden soll. Lieber der grausamste Tod, als die Schande der Kinderl Das Schicksal der 10 arretierten Juden war besiegelt. In einem tiefen, finsteren Keller versteckt, lagen die wenigen zurückgebliebenen Frauen und Töchter der S.-er Juden. Zunächst wußten sie gar nicht, welche Gefahr der Gemeinde droht. Im Laufe des Tages jedoch haben sie die schreckliche Wahrheit erfahren und gebärdeten sich wie die Verzweifelten. Mit aller Gewalt unterdrückten sie ihr Jammern, um nicht durch dessen Echo den herumreitenden Kosaken ihre Schlupfwinkel zu verraten. Türkei, dann heißt es immer, daß Syrien und Palästina Frankreich zufallen werden, ebenso, wie Ägypten an England und Konstantinopel an Rußland. Fällt Palästina an Frankreich, dann wird es sicherlich den Juden keine wie immer gearteten nationalen Rechte gewähren. Andererseits ist es kein Geheimnis, daß gerade England in Bezug auf Palästina einen großen Plan verfolgt. Die Gründung eines großen arabischen Reiches unter englischem Protektorate, welches ein Bindeglied zwischen den englischen Besitzungen in Afrika und Indien bilden soll, ist seit jeher das Ziel des englischen Imperialismus, welches mit der äussersten Konsequenz verfolgt wird. I >ie Engländer ließen es sich deshalb stets angelegen sein, die Araber für sich zu gewinnen. Außer den bekannten „klingenden Argumenten", mit weichen die Engländer in allen Weltteilen ihre Expansionsgelüste vertreten, operieren sie in Bezug auf die Araber noch mit ganz anderen, politischen und religiösen Argumenten. Es wird den Arabern die Errichtung eines selbständigen arabischen Kalifats in Aussicht gestellt und der Besitz der heiligen Stätten Mekkas versprochen. Der Sultan wird als Usurpator auf dem Throne des Kalifen und die Türken als Bedrücker und Unterjocher hingestellt. Es ist nicht leicht zu beurteilen, inwiefern all diese englischen Versprechungen und Vorspiegelungen bei den Arabern Glauben finden. Tatsache aber ist, daß die Engländer sich mit allen Mitteln bemühen, den arabischen Chauvinismus zu stärken und die Feindschaft der Araber gegenüber den Türken und Juden bis zu den äußersten Grenzen zu treiben. Es ist kein Geheimnis, und gerade die Zionisten wissen dies am besten, daß die arabische judenfeindliche Presse in Palästina durch die Engländer inspiriert und materiell gefördert wird. Mau darf sich übrigens darüber nicht wundern. Es gehört zu den bekannten englischen Regierungsmaximen, in den Kolonien diejenige Volksgruppe zu favorisieren, welche in dem gegebenen Gebiete die Majorität bildet. 1 >a nun die Araber in Palästina den Juden gegenüber eine geradezu erdrückende Majorität bilden, so hält es England eben mit den Arabern, selbst auf Kosten der Juden. Stellen wir uns nun den ganz unwahrscheinlichen Fall vor, daß England tatsächlich in der Lage sein könnte, über das Schicksal Palästinar/':urenteehe!Utirr,'s4o \\'Mm«cW'ääft(i erst recht davor hüten, die Araber durch Gewährung gewisser nationaler Rechte an die Juden vor den Kopf zu stoßen. Das Schicksal seiner weitgehenden Pläne bezüglich Arabiens wird England sicherlich viel näher sein, als die nationalen Aspirationen der Juden. Gerade von dieser Seite hätten dann die Jüdisch-Nationalen am wenigsten zu erhoffen. Die Frage ist. wie schon erwähnt, nicht einmal theoretisch diskutierbar. Der bisherige Kriegsverlauf hat ein derartiges Ubergewicht der Zentralmächte und der Türkei gebracht, I daß von einem Siege der Entente nach men- | schlicher Voraussicht gar nicht die Rede sein | kann, (ierade deswegen aber sollte man es in 1 allen jüdischen Kreisen unterlassen, von die- Unter diesen Verzweifelten befanden sich auch drei schöne, junge Mädchen, deren Väter zu den 10 Arretierten und vom Tode bedrohten Geiseln zählten. Die ganze Nacht kämpften sie schwer mit ihrem Gewissen, schließlich aber faßten sie den entsetzlichen Entschluß, sich zu opfern. Als der Morgen graute, verständigten sie die erschreckte Judengemeinde, daß sie entschlossen seien, das Leben ihrer Väter mit ihrer Mädchenehre zu erkaufen. Starr von Entsetzen hörten es die Juden von S. Die Väter der Mädchen wollten es ihren eigenen Ohren nicht glauben, als ihnen diese Botschaft gebracht wurde. Sie verwahrten sich mit der größten Entschiedenheit dagegen und erklärten klipp und klar, daß ihnen der grausamste Tod viel lieber sei, als ein weiteres Leben in Schmach und Schande. Die drei Mädchen ließen sich jedoch von ihrem Entschlüsse nicht abhalten, gewaltsam rissen sie sich aus ihrem Versteck und von den sie umgebenden Juden los und eilten in die Wohnung des russischen Kommandanten, um für das Leben der 10 Juden zu bitten. Die schönen Jüdinnen fanden Gnade und Wohlgefallen in den Augen der Kosaken, sie blieben im Kommandohause und die 10 arretierten Juden erhielten die Freiheit — — _ Am zweitnächsten Tage in aller Frühe wurde die jüdische Gemeinde wiederum von einer Schreckensbotschaft alarmiert. Auf dem jüdischen Friedhof wurden Qr- Leichen der drei Mädchen aufgefunden. Sie hatten ihiv Schande nicht überleben wollen; nachdem sie die tierische Leidenschaft der Kosaken befriedigten, begaben sie sich auf den Friedhof, wo sie an den Gräbern ihre; (ir<>ßeltern ihr Leid klagten und von dieser traurigen, grausamen Welt mit Hilfe eines Giftfläschchens Abschied genommen haben. Still, ohne jedes Aufsehen, wurden die drei Opfer nebeneinander zur ewigen Ruhe bestattet. Ein gemeinsamer Grabstein wird für ewige Zeiten Kunde geben von der russischen „Kulturarbeit" m Galizien. Ben-Zwi. Drucku- Verlags-Anstalt »MELANTRICH« uefert sämiiicheBuchdruck- Arbeilen zu maßigen Preisen. Wien IX. Bezirk, Pramergasse 6. -~ Telephon Nr. 17.424. speziaii««: Fremde sprachen.

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