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Jüdische Korrespondenz · 1915-08-19 · 2 (19.8.1915) · page 4

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
1 (1915)
Issue
2 (19.8.1915)
Date
1915-08-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 JUdische Korrespondenz Nr. 2 sern Standpunkte aus den Versicherungen der Fntente irgendwelchen (ilauben zu schenken, f Jie Herren in Paris und London — wenn sie überhaupt diesbezüglich irgendwelche offiziellen Versprechungen gemacht haben — würden dann ganz einfach mit den Juden dasselbe Spiel treiben, wie mit gewissen neutralen Staaten, denen man für ihre Mithilfe am Kriege Gebiete verspricht, über welche man gar nicht verfugt. Die .luden, deren Geschichte reich an Enttäuschungen und Erfahrungen ist, sollten doch derartige lächerliche Versprechungen auf ihren richtigen Wert zu prüfen wissen. Wir wissen es wohl, daß kein ernster jüdischer Politiker allen derartigen Versprechungen irgendwelche Bedeutung beimißt. Nur ein ganz verschwindender Bruchteil indischer Kreise in gewissen Landern ist es, w elcher seinen althergebrachten Anglo- und Frankophilistnus auch in der jetztigen Zeit bewahren will und angesichts der Verbindung Englands und Frankreichs mit Rußland sich selbst durch die Aussichten auf Palästina zu täuschen versucht. Allein, angesichts der gebieterischen Notwendigkeit, daß sich die luden aller Länder gegenwärtig gegen Rußland vereinigen, angesichts der Tatsache, da Ii man sich in London und Paris bemüht, aus diesen angeblichen Sympathien gewisser Juden für die Kriegsziele des Vierverbandes Kapital zu schlagen, so liegt es im Interesse des gesamten Judentums, ein für allemal öffentlich zu erklären, daß die Juden für derartige Absurditäten nicht zu haben sind. Schließlich muß die Haltung Englands und Frankreichs im gegenwärtigen Kriege den russischen Juden gegenüber jedermann überzeugen, daß die Juden von dieser Seite absolut nichts zu erwarten haben. Geht Frankreich in seiner Liebdienerei gegenüber Rußland so weit, die in seinem Lande vor Verfolgung und Pogrom Schutz suchenden Juden mit allen Mitteln zu zwingen, entweder ins russische Heer einzutreten oder Frankreich zu verlassen; geht England so weit, den jüdischen Blättern seines Landes jede Protesterhebung gegen die Verfolgung der Juden in Rußland mit drakonischen Maßregeln zu verbieten (siehe „Jüd. Korr." Nr. 1) -- so kann man sich leicht einen Begriff davon machen, wie wenig die Juden von dieser Seite zu erhoffen haben. Das Schicksal des iüdischen Volkes ist zu ernst, um sich Illusionen hingeben zu dürfen. Mit der Hilfe der Entente wird die Palästinafrage im Sinne der Juden sicherlich nicht gelöst werden. Spectator. Die Woche. Der Kaiser an die türkische Israeliiengemeincie in Wien. Der Verband der türkischen Israeliten (Sephardim) in Wien hatte an die Kabinettskanzlei des Kaisers folgende Depesche gerichtet: „Die seit fast zweihundert Jahren in Wien bestehende Gemeinde der türkischen Israeliten (Sephardim) in Wien, die seit der glorreichen Regierung Ihrer kaiserlichen und königlichen Majestät Maria Theresia des mächtigen Schutzes und der gnädigsten Gastfreundschaft der glorreichen und erhabenen Herrscher der habsburgischen Monarchie teilhaftig ist, unterbreitet Euer kaiserlichen und königlich Apostolischen Majestät hiedurch alleruntertänigst in ehrfurchtsvollster Ergebenheit die Bitte, es wolle Euer kaiserliche und königliche Majestät allergnädigst geruhen, die alleruntertänigst dargebrachten Glückwünsche dieser alten türkischen Kolonie Wiens anläßlich der durch die Eroberung Warschaus und Iwangorods neuerlich bewährten glanzvollen, weltbestimmenden Siege der ruhmbedeckten Armeen Euer kaiserlichen und königlich Apostolischen Majestät anzunehmen. In taglichen Gebeten danken alle Sephardim dem Allmächtigen für die kraftvolle Niederwerfung der mächtigen Gegner und blicken voll stolzer unerschütterlicher Zuversicht auf die mächtige und erhebende Waffenbrüderschaft der habsburgischen Monarchie und des Ottomanischen Kaiserreiches, den Bund ihrer zweiten Heimat mit ihrem fernen Mutterlande. In diesen heiligen Stunden erneuern wir den Eid der unverbrüchlichsten Treue und ehrfurchtsvollsten Ergebenheit an Euer kaiserliche und königlich Apostolische Majestät und an das glorreiche habsburgische Herrscherhaus. Der Präsident Mosco de Majo. Der Sekräter Dr. Marcel Halfen." Auf diese Depesche traf folgende Antwort ein: „Seine k. u. k. Apostolische Majestät haben die von der Gemeinde der türkischen Israeliten in Wien in altbewährter Anhänglichkeit darj gebrachte Huldigung mit aufrichtiger Befriedi- I gung entgegenzunehmen geruht und danken den Mitgliedern dieser Kolonie des in treuer Waffenbrüderschaft zu uns stehenden Ottomanischen Kaiserreiches huldvollst für die anläßlich der Siege aber den gemeinsamen Gegner zum Ausdruck gebrachten Segenswünsche. Auf Allerhöchsten Befehl: Freiherr v. Schießl." Die russischen Greuellaien gegen die Juden. In einem Berichte an das Oberste polnische Nationalkomite über die russischen Greueltaten;n Galizien wird unter anderem der folgende Fakt geschildert: In Uscie Zielone sind alle jüdischen Einwohner auf hundert Wagen aufgeladen worden und nachdem bei jedem Wagen ein Soldat mit aufgepflanztem Bajonett aufgestellt wurde, stürzten sich die übrigen russischen Soldaten auf die Häuser, um sie vollständig auszuplündern. Dann setzte sich der Wagenzug in Bewegung und nachdem eine bedeutende Strecke zurückgelegt wurde, begannen die Russen gegen einen Loskauf von 50 bis 100 Rubel die einzelnen Juden freizugeben. Auf dem Rückweg, den die Freigelassenen zu Fuß zurücklegten, wurden sie jedoch von den folgenden Abteilungen wieder aufgehalten, mußten sich neuerdings loskaufen und dieser Vorgang wiederholte sich von Etappe zu Etappe so lange, bis sie, aller Mittel entblößt, in dem vollkommen ausgeraubten Heitnatsstädten wieder einlangten. Aus Osfgalizien. Privatnachrichten aus Ostgalizien melden: Wenn nicht alle Anzeichen trügen, steht auch der Raum zwischen Zlota Lipa und Zbrucz vor der baldigen Befreiung. Die Russen verlegen bereits ihre in Brody, Tarnopol und Czortkow befindlichen Kommanden nach dem Inneren Rußlands. Die Tarnopoler Etappenzentrale befindet sich nunmehr in Proskurow, einer Station der Woloczyska-Odessaer Bahn. Brody wird auch schon von den Russen evakuiert. Unsere Truppen befinden sich in Wladimir Wolhynski und machen dadurch die Stellung der Russen östlich des oberen Bug auf die Dauer unhaltbar. Es ist also wohl vorauszusehen, daß die Russen Oalizisch-Podolien räumen werden. Nach den bisherigen Erfahrungen können die Bewohner dieser kommenden Zeit leider nur mit Entsetzen entgegenblicken. Denn schon im Wolhynischen, in Krylow und Wladimir Wolhynski, also im eigenen Lande, haben die Russen alles vernichtet, zerstört und angezündet. Wie werden sie erst in Podolien wirtschaften? Jauchzend und klagend werden die Einwohner Galizisch-Podoliens ihre Befreier begrüßen: klagend, weil der Abzug der Russen tausendfach schlimmer ist als ihre Anwesenheit: jauchzend, daß die Russenzeit endlich vorüber ist. Eine Rabbinerrede Uber den Krieg. In einem Städtchen Russisch-Polens feierte eine Kompagnie eines badischen Landsturm-Bataillons den Geburtstag ihres Großherzogs. Landsturmleute hatten in einer von den Russen zerstörten Druckerei eine mit dem Bildnis des Landesfürsten geschmückte stattliche Festzeitung hergestellt. Auf dem Festplatz fand sich die gesamte jüdische und polnische Bevölkerung ein. Zum Erstaunen der Landstürmer erhob sich der Ortsrabbiner zu folgender Festansprache: „In unser heiligen Bibel hat der jüdischer Kaiser Salomon gesagt: „In den guten Tagen brauchst du frehlich sein und in dem schlechten, traurigen Tage, — dann kann man sehn". Die kluge Bedeutung derin ist zum Beispiel: wenn ein Doktor kommt besuchen einen Kranken und der Arzt will wissen, wieviel groß ist die Gradhitze des Kranken, so nehmt er ein Thermometer und beilegt ihn bei dem Kranken unter den Arm; dann bemerkt der Doktor, wieviel Hitze der Kranker hat. Dasselbe ist, wenn wir wollen wissen, wieviel Grad, wie groß ist die warme Liebschaft und heiße Treue zu ihrem Vaterland. Das kann man wissen und bemerken in jetzige traurige Zeit; denn es ist wirklich zu bewundern die Liebschaft, die badische Truppen zu ihrem großer Herzog haben, was sie feiern, und mit Mut Kenigs Geburtstag in dem Feindesland begehen. Denn in Friedenszeit ist keine Wunder nicht, daß die Menschen frehlich sind; aber in so schlechte Zeit, wenn die ganze Welt blutiges Feier ist, haben badische Truppen gezeigt, wieviel groß ihre heiße Liebe zum Kenig ist; und mit Stolz kennen wir hoffen, daß die Ende auch wird ginstig sein. Denn Ordnung ist die Tochter der Wahrheit, und in Deutschland ist die greßte Ordnung; darum ist die Wahrheit und Gerechtigkeit auf ihrer Seite. In unser heiligen Talmud wird erzählt, daß, wie der Ewige hat die Welt geschaffen und hat begrindet zwei Lichte, die Welt zu beleuchten, die Sonne und die Monde, — daß die beide haben am Anfang ganz egal geschaint und gestrahlt; dann kam die blasse Monde mit eine Klage zu Gott und sagte diese Worte: Wie ist das meglich, daß zwei Kenige sollen sich mit eine Krone begnigen?" Dann antwortete Gottes Stimme zu der Monde: „Gehe und manche dich selbst kleinere Das heißt: Wenn du willst nicht, daß deine Kam'rad soll so groß und hibsch wie du sein, mußt du dich selbst kleiner machen! — Dasselbe Frage, was die Monde hat gefragt bei Gott, hat auch jetzt die pol.tische Macht Eiropa gefragt, und das ist die Ursache von der grofcer Weltkrieg, was hat die ganze Welt in Blut und Feier rundum gebracht. Denn in der letzter Zeit hat die große politische Macnt bemerkt, wie groß und hibsch ist die deutsche Kultur, daß sie wirklich wie die Sonne mit ihren Strahlen die ganze Welt beleuchtet hat mit ihre Kunst und Wissenschaft. Dann hat die greßte politische Macht Angst gehabt, vielleicht wird ihre Kam'rad mehr beleichten die Welt als sie; darum haben sie aufgehetzt die Velker, zu machen den Weltsturm. Da antwortete die gettliche Stimme zu der Politik: „Gehe selbst und mache dich selbst kleiner"; denn wer wollte den zweiten kleiner machen, der muß selbst kleiner werden und wir hoffen, daß unsere Sonne auch immer und ewig scheinen wird iber deutschem Land. Chronik. Feslgoltesdiensie In den Wiener Tempeln. Anläßlich des Kaisers Geburtstages fanden Dienstag, den 17. d. abends sowie Mittwoch, den 18. d. vor- und nachmittags in fast sämtlichen jüdischen Tempeln und Synagogen in Wien überaus feierliche Festgottesdienste statt. Erzherzog Josef Ferdinand Uber die Leiden der g alizischen Juden. Beim Einzug des Armeekommandanten Erzherzog Josef Ferdinand in das eroberte Lublin wurde derselbe auch vom Präsidenten der jüdischen Gemeinde, Boleslaw Wahrmann, mit einer Ansprache begrüßt. In seiner Antwort sagte der Erzherzog: „In Galizien habe ich erfahren, wieviel Ihre Glaubensgenossen durch die Feinde zu leiden hatten. Ich hege die aufrichtigste Teilnahme für ihre Leiden". Dank der türkischen Regierung. Aus Konstantinopel wird berichtet: Der Kriegsminister veröffentlicht in den Zeitungen eine Notiz, worin er den jüdischen Gesellschaften in Deutschland seinen Dank dafür ausspricht, daß sie der Türkei für Kriegsfürsorgezwecke über 100.000 Mark spendeten und außerdem 47 Waggons pharmazeutischer Produkte, chirurgischer Instrumente und Feldküchen sandten. Dr. Ofner's 70 er Geburtstag. Am 20. August feiert der bekannte jüdische Reichsrats-Abgeordnete Dr. Julius Ofner in Wien seinen 70-sten Geburtstag. Die Juden in Jerusalem. Bei Kriegsausbruch hat ein gewißer Teil der in Palästina wohnenden russischen Juden das Land verlassen, da sie der Bedingung, das türkische Bürgerrecht anzunehmen, nicht entsprechen wollten. Ihre Frauen und Kinder blieben jedoch in Jerusalem zurück und sollten über Anordnung des Militärkommandos nach Tiberias gebracht werden. Über Intervention der führenden jüdischen Kreise wurde diese Anordnung rückgängig gemacht und ihnen der Aufenthalt in Jerusalem weiterhin, gestattet. Diese Handlungsweise der türkischen Regierung unterscheidet sich wohl von derjenigen der „kulturtriefenden" Engländer und Franzosen, welche selbst Frauen und Kinder der Ausländer in Konzentrationslagern internierten. Jerzy Zulawski gestorben. Vor einigen Tagen ist der bekannte polnische Schriftsteller jerzy Zulawski, gestorben. Zulawski war einer der hervorragendsten jungpolnischen Literaten und Dramaturgen. In seinen Werken beschäftigte er sich auch vielfach mit den Juden. So in seiner Erzählung „Benedikt Spinoza" und besonders in seinem Drama „Koniec Messyasza" (Messias' tnde), welches'den Pseudomessias Sabathi Z'wi und sein Treiben behandelt. Das Drama hat seinerzeit auf der polnischen Bühne einen großen Eindruck gemacht. FlUchllings-RUckkehr. Außer den im vorigen Monate für die Flüchtlingsrückkehr freigegebenen 23 west- und mittelgalizischen Bezirken wurden dieser Tage wiederum die Bezirke Tarnobrzeg, Nisko und Lancut für die Flüchtlingsrückkehr freigegeben. Weitere Bezirke Galiziens und der Bukowina werden demnächst freigegeben werden. Die jüdischen Zeitungen in Warschau. In den letzten Tagen vor dem russischen Abzüge aus Warschau hat die nissische Zensur das Weitererscheinen der dortigen jüdischen und hebräischen Presse verboten. Sofort nach dem Einzüge der Deutschen haben die Jargontageszeitungen „Hajnt" und „Moment" wiederum zu erscheinen angefangen. „Phei menm phei**. Diese geheimnisvollen drei Worte haben sich die Juden Warschaus in den letzten Tagen vor dem russischen Rückzug heimlich zugeflüstert und sich hiebei die Hände vor Freude gerieben. Diese geheimnisvollen Worte bilden die Anfangsbuchstaben der Worte: F. m. F.: „Fonje macht Füss", was soviel, als „die Russen zahlen Fersengeld" bedeutet. Diese drei Worte sind jetzt unter der jüdischen Bevölkerung Warschaus sehr populär geworden. Rückbeförderung der verschleppten galizischen Juden. Aus Rußland über Stockholm einlangende Nachrichten wissen zu melden, daß die zahlreichen von den Russen bei ihrem Rückzüge aus Galizien verschleppten jüdischen Familien wiederum nach Hause zurückbefördert werden sollen. Diese Meldung besagt jedoch nicht, auf welchem Wege dies geschehen dürfte. Neue Bücher. „Polen und Juden". Ein Appell von Hermann Feldstein, mit einem Vorwort von Hofrat Josef Sare. Wien, 1915. Verlag des Obersten Polnischen National- Komitees. „Die polnische Frage", von Dr. Moritz Ritter von Straszewski. Wien, 1915. Verlag des Obersten Polnischen National-Komitees. „Unser gemeinsamer Krieg", von Ernst Moraht. Verlag von Rütler & Loenins, Frankfurt a. M., 1915. »Der Krieg", seine Rückwirkungen auf die finanziellen und wirtschaftlichen Verhältnisse der Monarchie, von Philipp Broch, Direktor der k. k. priv. Allgemeinen Verkehrsbank. Wien, 1915. Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Jonas Kreppel. — Buchdruckerei „Melantrich", Wien IX., Pramergasse 6. (Verantwortlich S. Grünhut).

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