Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 1 (1915)
- Issue
- 2 (19.8.1915)
- Date
- 1915-08-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3495278-3495279-3495281--0009-3520591- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 jüdische Korrespondenz Nr. 2 den Salonikis für die Veniselos-Kandidaten stimmten und denselben zum Siege verhalfen. Ms wäre iedoeh talseh. zu glauben, als ob sie damit die Hinneigungen dieser Partei zur Entente unterstützen wollten. Die Haltung der Salonikis luden war vielmehr von einem rein persönlichen Dankbarkeitsgefuhle für "Veniselos diktiert. Als seinerzeit Saloniki von den Griechen erobert wurde, hatten die Juden unter der Feindseligkeit der griechischen Bevölkerung zu leiden, welche sie heimlicher Sympai tinen tur die besiegten I urken beschuldigte | und übrigens auch aus Konkurrenzneid mog- I heust unterdrücken wollte. Die Juden wandten i sich dann an Veniselos und dieser verschaffte ihnen mit energischer Hand Ruhe und Ordnung, hr verhalf ihnen auch zur Erlangung vollster Gleichberechtigung und möglichster Wahrung ihrer ökonomischen und finanziellen Stellung. Das Dankbarkensgeiuhl für Veniselos war es also, welches tien Juden Salonikis ihre Haltung bei den uuigsten Wahlen diktierte. Aber auch diese Haltung wurde nicht von der ganzen .ludenschatt .Salonikis gebilligt, Ein wesentlicher I eil derselben vertrat den Standpunkt, daß einerseits die Interessen des Landes, andererseits die Interessen des Judentums die Unterstützung der k'egierung m ihrer auswärtigen Politik gebieterisch fordern — Momente, gegenüber uelch.cn das rem persönliche Dankbarkensgeiuhl tur Veniselos in den Hintergrund treten muß. fcs entstand auch infolgedessen unter den Juden Salonikis eine Spaltung; da ihr bisheriges Organ, „Independence ". allzusehr Traukoplnl schillerte, so gründete die Gegengruppe ein neues Organ, „Echo de Salonique . welches energisch die Sache der ZentralmachtL veriedittt Audi das neugegriuidete spaniohsche Wochenblatt „La Esperanca", Organ der National-.luden, tritt sehr scharf gegen Rußland auf und stutzt eo ipso die Position der Zentralmachte. Dies in großen Zugen die Haltung der Balkaujuden in dem gegenwärtigen Weltkriege. Wenn sie auch im allgemeinen in ihrer überwiegenden Majorität den einzig richtigen Standpunkt einnehmen, daß die Juden der ganzen Welt eine Niederringung Rußlands und somit einen Sieg der Zentralmachte herbeiwünschen musseii, so mögen auch jene in \ crsdivv mdendtr Minorität sieh befindlichen Balkanjuden, welche »Holge ihres Franko- und Anglophilisrnus eine entgegengesetzte Haltung einnehmen, bedenken, daß sie hiebet einen großen Fehler begehen. Wer nur einen k 1 e 1 n e n B egriff von der schrecklichen Lage. i Ii welcher sich die Jude n R u ß- 1 a ii d s betmden, hat, der m u ß z u g eb e n, daß angesichts dessen alle Sympathien für franzosisch-eng 1 i s c h e n Q e i s t, für französischenglische Kultur in den Hintergrund treten müssen. Die „Alliance Israeiite Universelle" hat wohl ihren Sitz in Paris, ihre Tätigkeit kann jedoch absolut nicht voll und ganz auf das Konto Frankreichs oder der französischen Juden geschrieben werden. Sie ist eine allweltlich-jüdische Organisation, sie besitzt Mitglieder in allen Ländern und kann absolut nicht als eine ausgesprochen französische Organisation gelten. Wohl haben sich Frankreich und England bei wiedernolten Gelegenheiten sehr energisch der Juden angenommen. Allein, gegen wen richteten sich hauptsachlich alle diese Aktionen? Oegen Rußland! Gegen dasselbe Rußland, mit welchem freute England und Frankreich in einem Alhanzverhaltnisse stehen, mit dem sie an einem Strange ziehen und gegenibei dessen baibansdiu ludenpohtik sie ein Auge zudrücken müssen. Angesichts dieses Umstandes darf von einem Franko- und Anglophilisnms unter den Juden absolut keine Rede Die Juden der Balkanlander müssen auch bedenken, daß die Ententemachte nicht nur gegen Österreich-Ungarn und Deutschland, sondern auch gegen die Türkei Krieg tunren und gerade in Bezug auf dieses Reich dessen Vernichtung proklamieren. Das ottomanische Reich verdient jedoch wegen seiner seit Jahrhunderten bewahrten judenfreundhehen Haltung die weitgehendsten Sympathien der ganzen Judenheit und gerade die Juden des Balkans durften dies am besten wissen. Und noch besonders durften dies die aut dem Balkan lebenden zahlreichen Spatuolen verstehen, deren Ahnen einst m Spanien ebenfalls unter ahnlichen Verfolgungen und Drangsaherungen wie ihre heutigen Bruder in Rußland zu leiden hatten und denen die T urkei die freundlichste Aufnahme in ihre Lander gewahrte. Die Regierungstreue und der Patriotismus ist uberall der Juden.höchste Pflicht. Man kann es demnach den Juden in den kriegführenden Staaten nicht verargen, daß sie den Sieg ihres Vaterlandes herbeiwünschen, selbst wenn dasselbe mit Rußland alliiert ist. In denjenigen Landern aber, die neutral sind, deren Konig und Regierung neutral bleiben wollen — dort muß die Rücksicht auf die judischen Interessen sämtlichen Juden den Weg klar vorschreiben, den sie zu wandeln haben. Rußland ist unser bitterster Feind, eine Niederlage desselben wird nicht nur den Millionen Juden Polens und der angrenzenden Oebiete Freiheit und Erlösung bringen, sondern auch den übrigen noch im /arinreichc \ erbleibenden luden eine 1 rleichterung ihres Schicksales verschaffen, ndem ein auf dem Schlachtfelde geschlagenes Rußland auch in seine ii Inneren reformiert und demokratisiert weiden wird Die Niedtt ringung Rußlands und demgemäß der Sieg Österreich- Ungarns, Deutschlands und der Türkei muß also das erstrebenswerteste Ziel aller Juden sein. La Paloma. Die P. T. Leser u. Freunde unseres Bialles werden Höflichst ersucht, in allen öffentlichen Lokalen die Jüdische Korrespondenz zu verlangen. Feuilleton. Die drei Opfer. (Eine wahre Kriegs-Begebenheit). „Die Kosaken kommen!" Dieser Ruf ertönte an einem trüben Herbstmorgen in den schmalen und engen Gäßchen des ostgalizischen Städtchens S., alle Bewohner mit einem entsetzlichen Schrecken ertüllend. „Die Kosaken kommen!" Mit Grauen vernahm man diese Botschaft. Sie kam zwar nicht allzusehr überraschend; seit einigen Tagen war man in S. darauf gefaßt, daß die modernen „Streiter für Kultur und Zivilisation", welche England und Frankreich aus den Orenburger Steppen gegen die „deutschen und österreichischen Barbaren" in Bewegung setzten, auch dieses gottvergessene Nest mit ihrem Besuche beehren werden. Hat sich doch die österreichische Armee aus strategischen Gründen aus jenem Gebiet kampflos zurückgezogen und die Russen konnten dort zeitweilig einrücken. Da die ganze Gegend militärisch ohne bedeutender Wichtigkeit war, hatte der Feind dorthin bloß kleine Kosakenabteilungen dirigiert, welche im langsamen Tempo eine Ortschaft nach der anderen besetzten. Die Nachbarstädtchen und -Dörfer von S. hatten schon seit einigen Tagen das zweifelhafte Glück, die russischen Gäste zu beherbergen — in S. sollten diese in den nächsten Stunden einrücken. Man war aiso in S. auf das Einziehen des Feindes gefaßt — und doch erzitterte jedes Herz, als der Ruf „Die Kosaken kommen!" erscholl. Die Nachrichten aus der Umgebung waren auch nicht darnach angetan, für die russischen Gäste eine freundliche Stimmung zu schaffen. Rauh, Plünderung, Brandschatzung und Schändung — a'üe diese schönen Dinge brachten die Sendlinge des „Zar-Befreiers" mit sich; die Knute und die Nagajka traten an Stelle jeden Gesetzes und jeder Obrigkeit. Die Kosaken waren die Herren, von Leben und Vermögen und sie geizten wahrlich nicht mit ihrer Machtvollkommenheit. Die Bewohner von S. haben auch alle Vorbereitungen zum Empfang der Kasakenhorden getroffen. Sämtliche Frauen und Mädchen wurden entweder fortgeschickt oder in den Kellern versteckt. Geld und Wertsachen wurden vergraben. Wer in seiner Wohnung etwas besseres Mobiliar, Kleiderstücke, Eßzeug etc. hatte, versteckte es in höchst vorsichtig-raffinierter Weise. Auch Vorräte an Lebensmitteln, Warenlager, besonders geistige Getränke, wurden beiseite geschaffen. Man dachte, auf diese Weise am leichtesten die ungebetenen Gäste schnell los zu werden. Was sollten sie auch in diesem elenden Nest suchen? Trotz all dem erzitterten alle Herzen, als der Ruf „die Kosaken kommen!" erscholl. Türen und Fenster wurden geschlossen, niemand wagte sich auf die Straße, das ganze Städtchen war wie ausgestorben, als in den ersten Vormittagsstunden eine Kosakenpatrouille die schmutzigen, kotigen Gäßchen durchritt, in ein wildes Geheul ausbrechend, als sie die verschlossenen Häuser bemerkte. Kurz darauf rückte eine größere Kosakenabteilung unter dem Kommando einiger Offiziere in S. ein. Auf Befehl des Kommandanten wurden einige Türen erbrochen, die zu Tode erschrockenen Bewohner, zumeist Juden, aus den Häusern geschleppt und unter wilden Drohungen um Auskunft über den Verbleib der österreichischen Truppen und den Aufenhalt der Stadtbehörden befragt. Die Auskunft, welche sie erteilten, befriedigte keineswegs die Neugier der Kosaken. „Die österreichischen Truppen sind seit einigen Tagen abgezogen" — erwiederten die peinlich Befragten — „die Stadtbehörden sind geflüchtet ebenso alle wohlhabenden Bürger. Zurückgeblieben sind bloß einige arme Leute, welche nun um Schonung ihres Lebens und ihrer armen Habseligkeiten bitten." Die geüüäsciien und die westösierreicniscnen Juden. Der große Krieg hat in Bezug auf das österreichische Judentum einige nicht zu unterschätzende Lichtseiten gebracht. Groß ist das Leid all jener Zehntausende Juden aus Qalizien und Bukowina, welche infolge der Kriegsereignisse ihr Heim, ihr Hab und Gut verlassen mußten und monatelang als Flüchtlinge in den Barackenlagern oder in den fremden Städten Böhmens, Mährens und Niederösterreichs von Unterstützung leben mußten, während zu Hause ihr „bißchen Armut" der Raubgier der wilden Kosakenhorden zum Opfer gefallen ist; groß ist das Leid all dieser vernichteten Existenzen, die heute, in dem Momente, da sie im Begriffe sind, nach Hause zurückzukehren, noch keine Ahnung haben, auf welcher Grundlage sie ihre neuen Existenzen werden aufbauen können. Groß waren andererseits die Opfer, welche die westösterreichischen Juden für ihre östlichen Brüder bringen mußten. Wenn sie auch nicht immer ihre Pflicht voll und ganz erfüllt haben, wenn auch manche jüdische Kreise nicht das getan haben, was sie tun konnten und sollten — im großen und ganzen jedoch haben die österreichischen Juden für ihre galizischen und bukowinaer Bruder viel getan und bedeutende Opfer gebracht. Diese Schattenseiten des Krieges haben aber auch ihre Lichtseiten und ebenso wie das Licht und die Wärme in der Natur von viel anhaltenderer Wirkung als die Finsternis und die Kälte sind, ebenso wollen wir hoffen, daß die Schattenseiten des Krieges gar bald verschwinden, wogegen die Lichtseiten von nachhaltender Wirkung bleiben werden. Das ösiliehe und westliche Judentum standen sich in den letzten Jahren ziemlich verständnislos gegenüber. Warum sollen wir es leugnen: der galizische Jude erfreute sich keiner großen Sympathien bei seinen Brüdern im Westen — er seinerseits betrachtete sie als faule Glieder am Körper des wahren Judentums, denen jedes jüdische Gefühl, jedes Verständnis für Juden und Judentum abhanden gekommen ist. In religiöser Beziehung waren unsere westlichen Juden wie dürre Zweige, ohne jeden Saft und ohne jeder Frische, das Gros der östlichen Juden hingegen,sientbehr.te jeder modernen Schulung, jeder Systematik, jeder Ordnung nicht nur in seinem geistigkulturellen Leben, sondern auch in seinem Wirtschaftsleben. Es waren somit auf beiden Seiten gewisse Mängel vorhanden, die sich aber gegenseitig ergänzen konnten. Da kam der große Krieg und brachte beide Volks :ruppen einander näher. Hunderttausende östlicher Juden kamen nach dem Westen geflüchtet, sie kamen mit ihren westlichen Brüdern in Berührung. Anfänglich standen sie sich noch fremd gegenüber; sie begegneten einander mit Mißtrauen und konnten sich in die neue Situation nicht recht hineinleben. Bald jedoch war das Eis geschmolzen. Der Westjude lernte seinen östlichen Bruder kennen, „Ach, wir kennen das schon!" rief der Kommandant in höchster Erregung. „Wir werden schon wissen, wo die reichen Leute zu finden sind und auch Euch werden schon unsere Nagajkas zum Sprechen bringen!" Die Erfüllung dieser Drohung ließ nicht lange auf sich warten. Auf Befehl des Kommandanten wurden fast sämtliche Häuser gewaltsam geöffnet, die Bewohner auf den Marktplatz zusammengeschleppt und nach Vornahme eines peinlichen Verhöres, begleitet von Knutenhieben , und dem Sausen der Nagajkas auf die Körper der Befragten, konnte der Kommandant die Namen der lOreichi sten jüdischen Bürger des Städtchens herausbekommen und deren Unterbringung im Gemeindehause veranlassen, i Dort angelangt, ließ sie der Gestrenge vor sich I führen. Er verlangte von ihnen nichts weniger, als daß I sie ihm alle nur möglichen militärischen Geheimnisse l verraten, alle vorhandenen Gemeinde- und Staatsgelder ausliefern sowie eine große Menge Lebensmittel zur j Verfügung stellen. Die Unglücklichen erklärten sich natür- 1 lieh außerstande, diese Forderungen zu erfüllen, worauf der ergrimmte Kommandant sie kurzerhand zum Tode i verurteilte und die Nachricht darüber im ganzen Städt- | chen publizieren ließ. Der Schrecken und die Verzweiflung der ganzen j Bevölkerung spotten jeder Beschreibung. Man war ja auf! vieles gefaßt, aber 10 Todesurteile am ersten Tage, das überstieg schon jede Fantasie. Keiner war ja mehr seines Lebens sicher. Die Psychologie der Kosaken kennend, verlegte man sich zuerst aufs Verhandeln. Eine Bürgerdeputation begab sich zum Kommandanten, um kniefällig unter Angebot eines beträchtlichen Lösegeldes seine Gnade zu erflehen. Jedoch vergebens! Die Summe, welche die verzweifelten Juden anboten, war dem Kosakenoffizier zu gering; diejenige hingegen, welche er verlangte, war in dem ganzen Städtchen absolut nicht aufzutreiben. Dazu noch waren die der Deputation in Aussicht gestellten Perspektiven nicht allzu rosig: „Den Bettel, den ihr mir anbietet" — wmm~- Air-M „Der Weltkrieg und die Judontrage** von J. Kreppet. Preis 1 K. — miiihoiio „Österreich-Ungarn nach dam Friedensschlüsse" von J.Kreppel. Preis K1-20. Kriegsbroschtiren : f- *•«.*.» «». •*,•.„, ««. */«.r.*....„ 7,