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Jüdische Korrespondenz · 1915-08-19 · 2 (19.8.1915) · page 1

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
1 (1915)
Issue
2 (19.8.1915)
Date
1915-08-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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IDdische Korrespondenz ™:ZK°"r Wochenblatt für judische Interessen, j ^^r^TZTr NacMnickmitvolle7Öi^l8«M8abe sottet Redakteur: Jolias Kreppel. | Erscheint jeden Donnerstag Mr< 2. _ — Wien, 19. August 1915. I. Jahrgang. JtidiscH-polifiscrie Zeilfragen. (Von besonderer Seite.) I. (S z.) In der letzten Zeit wird in den jüdischen Kreisen Österreichs viel gesprochen und auch teilweise — so weit dies gegenwärtig zuläßig ist — geschrieben über eine Neu-Orientierung der jüdischen Politik in Österreich. Um jedes Mißverständnis zu vermeiden, sei ausdrücklich erklärt, daß es sich hiebei absolut nicht um eine Neu-Orientierung in Bezug auf das Verhältnis der Juden zur gesamtstaatlichen Politik handelt. Die österreichische Judenschaft ist in der glücklichen Lage, diesbezüglich keine Neu-Orientierung zu benötigen, sie war immer ein staatserhaltendes Element par excellence und wenn die Bezeichnung ..schwarz-gelb" auf eine besondere Betonung des österreichertums hinweisen sollte, so waren die Juden „schwarz-gelb" in der weitgehendsten Bedeutung dieses Wortes. Wer daran jemals aus Neid, Scheelsucht, Mißgunst oder Unkenntnis der Verhältnisse zweifeln wollte, den hatte die Haltung der österreichischen Judenschaft während des Krieges wohl eines besseren belehrt oder zum Schweigen gezwungen. Wenn in dieser Hinsicht von irgendwelchem Wandel die Rede sein kann, so kann es sich höchstens darum handeln, daß selbst diejenigen wenigen radikalen Elemente, welche sich früher als „oppositionell" zu gebärden pflegten, weil sie mit diesem Schlagworten die breiten Volksmassen für sich zu gewinnen hofften, nunmehr f das flaben-Konto des s handelt sich vielmehr einerseits um eine Neu-Orientierung der inneren jüdischen Politik, um das Verhältnis der jüdischen Parteien zu einander, andererseits um das Verhältnis der Juden zu den anderen Nationalitäten und Parteien des Reiches. In dieser Beziehung gibt es Leute, welche die jüdische Politik auf neue Geleisen schieben möchten und aus gewissen, angeblich in der österreichisch-politischen Atmosphäre durchblitzenden Erscheinungen ziemlich weitgehende Schlußfolgerungen ziehen wollen. Es möge jedoch offen erklärt werden, daß alle diese Erwägungsmomente jeder realen Grundlage entbehren und infolgedessen nicht nur als eine zwecklose Arbeit erscheinen müssen, sondern auch wenig nützlich sein können. Nicht nur im Interesse des allgemein proklamierten „Burgfriedens" ist jede vorzeitige Erörterung geschweige denn Stellungnahme in bestimmten Richtungen unzulässig, sondern auch im eigenen Interesse der Juden ist eine derartige Taktik nur schädlich. Das innere jüdisch-politische Leben sowie das Verhältnis der Juden Österreichs zu gewissen Nationalitäten und Parteien des Reiches kann sich nur im Rahmen der gesamtstaatlichen inneren Politik gestalten. Es ist jedoch absolut verfrüht, schon heute diesbezüglich irgendwelche Horoskope zu stellen. Wenn die allgemeine Erörterung aller politischen Probleme gegenwärtig unzuläßig ist, so geschieht dies sicherlich nicht infolge der Übergriffe der Preßzensur, sondern weil die zukünftige Gestaltung unserer innerpolitischen Verhältnisse in jeder Beziehung von dem endgiltigen Resultate des Krieges abhängig ist. Niemand ist näher in die Zukunftspläne und Absichten der maßgebenden Faktoren eingeweiht; vielleicht sind diese sich sogar selbst noch nicht über die Richtlinien der zukünftigen österreichischen Politik genug klar. Es wäre dies auch ein vages Unternehmen. Jeder ernste Mensch muß sich darüber klar sein, daß die Ereignisse auf den Kriegsschauplätzen in Nord und Süd vom Mai bis heute auch auf die zukunftige innere Politik Österreichs nicht ohne Einfluß bleiben konnten. Wer weiß, was noch die Zukunft bringen wird, wohin die siegreiche Offensive unserer tapferen Truppen diese noch führen wird? Wir alle wollen ein großes, starkes, in jeder Hinsicht konsolidiertes Österreich — die Einzelheiten, die politischen Richtlinien »vatoff^ in Bezug auf die mannigfachen Erscheinungen und Anforderungen des politischen Lebens lassen sich aber erst festsetzen, wenn der Krieg beendigt und der Kähmen dieses neuen Österreich festgestellt sein wird. Es hat demnach keinen Sinn und keinen Zweck, schon jetzt die Richtlinien der jüdischen Politik in Österreich feststellen zu wollen. Es macht geradezu einen lächerlichen Eindruck, wenn beispielsweise eine gewisse Gruppe, die stets auf das Programm der „nationalen Autonomie" eingeschworen war. plötzlich sich als extrem-zentralistisch deklariert, weil es ihr scheint, daß jetzt der Zeniralismus Trump! ist. ebenso, wie es lächerlich ist. wenn ein ehemaliger Abgeordneter sich plötzlich Abgeordneter titulieren läßt, weil ihm unter den angeblich „geänderten". Verhältnissen die Hoffnung zu lächeln scheint, bei den künftigen Wahlen nicht mehr durchzufallen . . . Ebenso hat es keinen Sinn, das Verhältnis der Juden zu gewissen Nationalitäten und Parteien unter dem Eindrucke des Tages regeln zu wollen, ohne zu bedenken, daß bei der Neuordnung der inner-österreichischen Verhältnisse die Position der in Betracht kommenden Nationalitäten oder Parteien eine ganz andere als heute sein könnte. Wer unsichere Posten eskomptiert, hat den eventuellen Schaden sich selbst zuzuschreiben. Am wenigsten darf jedoch dieses Vorgreifen in der politischen Orientierung so weit gehen, daß sich gewisse Personen oder Gruppen plötzlich als die Herren der Situation im jüdischen Lager aufspielen und glauben machen Bär zu jetaer dem mfäÜQB&ßfäsri #en. ^efsönHchen und Parfigl|||thetzutig, sondern teföin auch durch :ihfe demagogische Patina dem ganzen Judentum unermeßlichen Schaden zufügen. Die österreichische Judenschaft hat jetzt, wie alle anderen Völker der Monarchie, bloß ein Ziel: Durchzuhalten und mit allen Kräften zur Erringung des endgiltigen Sieges mitzuhelfen. Ebenso wie der große Kampf alle Völker und Volksgruppen einander näher brachte, ebenso wird der große Sieg jenes herrliche Kaiserwort „Viribus unitis" seiner Verwirklichung zuführen. Wir wollen hoffen, daß gar manche parteipolitische und Nationalitätsfrage in dem neuen Österreich jeden Boden verlieren wird. Es ist daher zwecklos, sich heute in dieser oder jener Richtung zu engagieren, und durch unüberlegte Kundgebungen oder Polemiken Antagonismen hervorzurufen, die lieber vermieden werden sollten. Drängen wir uns nicht allzusehr vor, bilden wir uns nicht ein, als ob gewisse Maßnahmen in gewissen Richtungen uns zuliebe oder uns zuleide ergriffen würden. Wir sollen der Zukunft ohne jeden Kleinmut, aber auch ohne jeden Sanguinismus entgegensehen. Das große Vaterland, welches die Opferwilligkeit und Opferfreudigkeit aller seiner Völker würdigen wird, wird auch uns gebührend behandeln. Wir wollen unseren Platz unter des Kaisers Gnadensonne behaupten, aber hüten wir uns vor Übertreibung und Selbsttäuschung. Wir wollen auch nach wie vor ein staatserhaltendes Element bilden, aber eine konsequente Politik treiben und nicht in unseren Verhältnissen zu den anderen Nationalitäten und Parteien den Mantel nach dem Winde drehen, wie es manche wenig leistende, aber großsprecherische Elemente zu tun belieben. (Ein zweiter Artikel folgt.) Der Krieg und die Balkan- Juden. (Brief aus Rumänien.) Der Schwerpunkt des diplomatischen Ringens der zwei den Weltkrieg führenden Mächtegruppen befindet sich gegenwärtig auf dem Balkan. Während die Millionenheere der kriegführenden Staaten auf den Schlachtfeldern Polens, Litauens, Kurlands und Wolyniens um die Entscheidung ringen, während am lsouzo und bei den Dardanellen blutige Entseheidungskämpfe sich vorbereiten, während man auch am westlichen Kriegsschauplatze mit einer baldigen Unterbrechung des relativen Stillstandes rechnet —- arbeitet die Diplomatie sowohl der Entente als auch der Zentralmächte auf dem Balkan mit Hochdruck, um die noch neutralen Balkanstaaten zu sich hinüber zu ziehen. Die Mächte der Entente sehen in einem Eingreifen der Balkanstaaten die einzige Hilfe und Rettung aus ihrer verzweifelten Lage; hingegen legen Österreich-Ungarn und Deutschland, die sich überall als Sieger fühlen, kein so großes Gewicht auf ein aktives Eingreifen der Balkanstaaten, möchten aber dieselben weiterhin in ihrer neutralen Haltung verbleibend sehen. Von diesem Unterschiede abgesehen, werden beiderseits alle Anstrengungen gemacht, um am Balkan die Oberhand zu behalten. Die Situation reift ihrer Entscheidung entgegen. Wie immer der Entschluß der Balkanstaaten ausfallen sollte, lange dürfte er auf sich nicht mehr warten lassen. Die Entscheidung liegt zwar hauptsächlich in den Händen der Könige und der verantwortlichen Regierungen, aber wer die Zustände und die Verhältnisse m diesen Ländern näher kennt, weiß es, daß auch die öffentliche Meinung dieser Länder hiebei ein nicht zu unterschätzender Faktor ist. Da nun auch die Juden in der öffentlichen Meinung ein Wörtchen mitzureden haben, so kommt ihrer Stimmung ebenfalls eine gewisse Bedeutung zu. Es wäre deswegen von Interesse, die Haltung und die Stimflo^duHimtin ,4k)*.<&wUumiw etwa« nStoet zs^ beiel ' Die Juden in Ruiitä'flie* steWe» zum überwiegerndeti Teil'fe 911 f dfcf Seite der Zentrafrafichte. HkSfi mir deswegen, weil die wirtschaftlichen Interessen Rumäniens dieses Land naturgemäß mehr an Österreich-Ungarn und Deutschland verweisen, sondern auch v o in r e in j ü d i s c h e ri S t a n d p 11 n k t e. Rumänien liegt zu nahe an Rußland, die dortigen Juden wissen es ganz gut, was ihre Brüder im Zarenreiche zu leiden haben und begreifen es, daß das Interesse des Judentums eine Niederringuu; Rußlands erheischt. Eine Ausnahme diesbezüglich bildet nur ein verschwindend geringer Teil der sog. jüdischen Intelligenz, welche, vom französischen Geiste und französischer Kultur durchdrungen, einem weitgehenden Frankophilismus huldigt und infolgedessen ihre Sympathien für Frankreich auch auf die ganze Entente-Politik überträgt. Über den Judenpunkt kommen diese Herren mit der Ausrede hinweg, daß Frankreich und England nach einem Siege der Entente auch schon für die Juden Rußlands ein gutes Wörtchen sprechen werden. Die Haltung dieser Kreise wird noch dadurch beeinflußt, daß sich seinerzeit die „Alliance Israelite Universelle" sehr viel für die politische und kulturelle Lage der Juden Rumäniens interessierte und auch sehr viel in dieser Beziehung geleistet hatte. Es ist demnach eine Art Dankbarkeitsgefühl für Frankreich, das diese Juden zu den Franzosen hinzieht. Die Juden in Bulgarien sind ebenfalls vorzüglich für die Zentralmächte. Auch da ist nur ein verschwindend kleiner Teil von dem früheren Frankophilismus beeinflußt und zwar sind es fast die ähnlichen Argumente wie in Rumänien, die hiefür ins Feld geführt werden. In Griechenland kommt hauptsächlich der Judengemeinde in Saloniki eine größere Rolle zu, da die Juden in dieser Stadt die Majorität bilden, das wirtschaftliche und finanzielle Lesen fast vollständig beherrschen und demgemäß auf die öffentliche Meinung einen großen Einfluß ausüben. Auch die Juden Griechenlands und besonders Salonikis sympathisieren mit den Zentralmächten. Bei ihnen kommen noch die Dankbarkeitsgefühle für die Türkei in Betracht, unter deren Herrschaft sie bis vor drei Jahren lebten und sich aller Freiheiten und aller Rechte erfreuten. Nun ereignete es sich bei den letzten Wahlen zur griechischen Kammer, daß die Ju-

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