Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 1 (1915)
- Issue
- 1 (12.8.1915)
- Date
- 1915-08-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 jüdische Korrespondenz: Seite 3 ist, indem er die peinlichste Befolgung der Gesetze und Verordnungen, die größte Unparteilichkeit gegenüber allen Bevölkerungsschichten als die einzigen Richtlinien für die Tätigkeit der Landesbeamtenschaft aufstellte, so entspricht er damit all dem, was die jüdische Bevölkerung von einem Landeschef, von einem k. k. Statthalter erwarten könne. Über das Verhältnis zwischen Juden und Polen wird in letzter Zeit sehr viel gesprochen und geschrieben. Diese Frage ist wirklich aktuell und verdient die weitgehendste Aufmerksamkeit. Auch in Qalizien hat die zehnmonatige russische Invasion in einem Teile des Landes auch das ihrige dazu beigetragen, das Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden zu verschärfen, schon deswegen, weil die Rußen die Juden als Rechtlose behandelten, als Menschen, denen gegenüber man sich alles erlauben darf. Auf die unwissende Landbevölkerung sowie auf die kleinstädtischen Spießbürger konnte eine solche Politik nicht ohne Einfluß bleiben. Nun aber, da die russische Herrschaft glücklicherweise für immer beseitigt ist, da mit derselben auch die wenigen allpolnischen Propagatoren der „russischen Orientierung" in allen ihren Konsequenzen das Land verlassen haben, es ist zu erwarten, daß auch in dieser Beziehung gar bald normale Zustände eintreten werden. Es dürfte die Aufgabe des neuen Statthalters sein, nicht nur für die Sanierung der durch die Kriegsereignisse verursachten Schäden materieller Natur Sorge zu tragen, sondern auch auf ein friedliches Zusammenleben aller Bevölkerungskreise hinzuwirken. Mit dem Verjagen der Kosaken aus dem Lande soll auch jede judenfeindliche Regung im Keime erstickt werden. Alle ernsten jüdischen Kreise werden es ihrerseits nicht an Bemühungen fehlen lassen, den diesbezüglichen Intentionen in vollstem Maße gerecht zu werden. Allerdings, die Juden Oaliziens müssen sich bewußt werden, daß auch sie selbst ihrerseits sehr große Aufgaben zu erfüllen haben und sie dürfen nicht alles von außen erwarten. Vor allem wäre es notwendig, eine ernste jüdische Organisation mit einem festen, realen Programme zu bilden, welche als Wächter der allgemeinen jüdischen Interessen nach Innen und Außen auftreten könnte. Nach Beendigung des Krieges dürfte das gesamte innerpolitische Leben Österreichs auf neue Grundlagen gestellt werden. Wollen die galizischen Juden hiebet entsprechend ihren Lebensinteressen berücksichtigt werden, so müssen sie rechtzeitig dafür sorgen, daß ihre gerechten Wünsche und Forderungen an maßgebender Stelle zur Kenntnis gelangen. Dies ist jedoch nur im Wege einer einheitlichen, auf realer Grundlage basierenden Organisation möglich. Mag die Kriegsentschädigungsfrage seitens der staatlichen Faktoren noch in so weitgehender liberaler Weise einer Erledigung zugeführt werden, so ist es klar, daß bei den ganz speziellen Verhältnissen, unter welchen die breiten jüdischen Volksmassen in Galizien leben, auch eine spezielle Hilfe von anderer Seite notwendig sein werde. Alle diese sog. „Luftmenschen", Pächter, Makler, Vermittler etc., die eigentlich gar keinen effektiven Schaden erlitten haben, für welchen sie irgendwelchen Anspruch auf Entschädigung erheben könnten, die aber trotzdem viel mehr eingebüßt haben, weil sie infolge der Kriegsereignisse und der veränderten Verhältnisse ganz einfach ihre Existenz verloren haben — für alle diese ist eine dringende Hilfe von jüdischer Seite notwendig, um ihnen neue Existenzmöglichkeiten zu schaffen. Hier werden die großen jüdischen Organisationen eingreifen müssen. Um aber dieses Eingreifen rechtzeitig zu ermöglichen, wäre es notwendig, daß von jüdisch-galizischer Seite das diesbezügliche Material gesammelt und die diesbezüglichen Pläne ausgearbeitet und entsprechend formuliert werden. Auch diese Arbeit erfordert ein ernstes Wollen und ein klares Ziel. Nur durch eine Vereinigung aller ernsten Kreise zu einer gemeinsamen Arbeit läßt sich dies erreichen. Ungeheuer groß sind die Leiden und Opfer, welche die Kriegsereiguisse den galizischen Juden auferlegt haben. Überwältigend sind auch die Beweise ihres Patriotismus, ihrer Kaisertreue und ihrer Loyalität, welche sie gerade in diesen schweren Zeiten geliefert haben. So groß und überwältigend, daß sie geradezu darüber beneidet werden, und sich Personen finden, die aus Mißgunst ihnen diesen Ruhm streitig machen wollen. Irgendein Doktor Mupka wagt es, in einem Zeitungsartikel den Patriotismus der Juden Lembergs in Frage zu stellen, irgendein „Schriftsetzer aus Steiermark" beschimpft sie als Ausbeuter, weil irgendein Jude in Bolechow ihm eine Schachtel Zündhölzchen für einen ihm allzu hoch scheinenden Preis abgegeben habe. So wenig alle derartigen Versuche es vermögen, der jüdischen Ehre irgendwelchen Abbruch zu tun, so wäre es andererseits notwendig, durch eine Sammlung und Veröffentlichung des gesamten für den Patriotismus und die Loyalität der Juden zeugenden beglaubigten Materials allen derartigen Versuchen die Spitze zu bieten. Auch dies soll die Aufgabe einer allgemeinen jüdischen Organisation sein. An Versuchen, die Juden Galiziens zu organisieren, hat es auch früher nicht gefehlt. Sie haben fehlgeschlagen, weil die bekannten radikalen Elemente im Namen ihres „heiligen Parteiegoismus" das Zustandekommen einer solchen Organisation zu verhindern wußten. Wollen wir hoffen, daß die ernste Zeit auch diesbezüglich einen Wandel zum Bessern herbeiführen werde. Die ernsten jüdischen Kreise sollen ietzt zum Worte gelangen. S. L. Leiden und Hoffnungslosiyk.cii. Die russische Regierung bemüht sich bei den verschiedensten Gelegenheiten, offiziell die Nachrichten zu dementieren, daß in Rußland während des Krieges Judenpogrome vorgekommen .sind. In seiner letzten Rede in der Duma ging Ministerpräsident Goremykin so weit, nach dem Kriege „allen russischen Völkern ohne Unterschied der Nationalität und des Glaubens", weitgehende Freiheiten in Aussicht zu stellen. Wie weit diese Behauptungen mit der Wahrheit auf Kriegsfuß stehen, beweist die Rede des Kadettenführers Miljukow in derselben Dumasitzung. Aus dieser Rede, welche im allgemeinen eine vernichtende Kritik des russischen Regierungssystems enthielt, entnahmen wir die folgenden, auf die Juden bezughabenden Sätze: „Unter dem Verwände des Kriegszwanges wurden die unsinnigsten Verfolgungen fremder Völker, besonders der Juden, eingeleitet." - „Gegen die armen russischen Juden wurden die systematischen rohesten Drangsalierungen unter dem Vorwurfe der Spionage durchgeführt, wofür keinerlei Beweise erbracht wurden." — „Im ganzen Volke sprach man von Verrätereien, was von der Regierung direkt, durch Hinweise auf die Juden und nichtrussischen Familien systematisch genährt werde und wodurch Pogromstimmungen hervorgerufen werden." --- Diese Erklärungen Miljukows verdienen sicherlich mehr Glauben, als sämtliche Deinentierungen der russischen Regierung und ihrer ausländischen Freunde. Was jedoch die Aussichten der Juden in Rußland nach dem Kriege betrifft, so ist hiefür die Äußerung des neuen Justizministers Chwostow zum Redakteur des „Djen" sehr charakteristisch. Auf die Frage in Bezug auf die Einschränkung der Rechte der Juden in der Advokatie, worüber die öffentliche Meinung aufgeregt sei, erwiderte der Minister kalt: „Ich glaube nicht, daß sich die öffentliche Meinung übermäßig darüber aufregt." — Auf die weitere Frage, ob die Absicht bestehe, eine Gleichberechtigung der Juden durchzuführen, erwiderte der Minister: „Darüber lassen Sie uns lieber schweigen." Dieser Erklärung des Justizministers setzt wohl die Versicherungen Goremykins ins richtige Licht. Die Woche. Kundgebung der galizischen Jüdischen Flüchtlinge in Prag. Aus Prag. 9. ü., wird gemeldet: Anläßlich der bevorstehenden Rückkehr der galizischen Flüchtlinge m ihre Heimat veranstalteten dieselben gestern vom jüdischen Rathause aus einen Umzug, welchem Fahnen in den Farben der Verbündeten vorangetragen wurden. Der Zug bewegte sich zum Statthaltereigebäude, wo Statthalter Graf Coudenhove eine von den Teilnehmern entsandte Deputation empfing. Diese sprach den Dank der galizischen Flüchtlinge midie ihnen seitens der Behörden zuteil gewordene Unterstützung aus und trug die Bitte vor. anläßlich des Falles von Warschau und iwaugorod die ehrerbietigsten Glückwünsche der jüdischen Flüchtlinge in Prag an die Stufen des Allerhöchsten Thrones gelangen lassen zu wollen, welcher Bitte der Statthalter zu entsprechen sich bereit erklärte. Auch bei dem Präsidenten der Landesverwaltungskommission Adalbert Grafen Schönborn erschien eine von den Manifestanten entsandte 1 »ankdeputation. Eine „Krieg s-Slicha". In unserer Liturgie ist eine spezielle „Siicha" fiir Kriegszeiten vorhanden, welche den Rabbiner Rabbi Mliescr Ben Eliahu Aschkenase in Krakau, der dortselbs! im Jahre lno<S verschieden ist, zum Verfasser hat. Diese „Slicha", welche das Waffenglück der vaterländischen Armee erfleht, befindet sich nur in den alten „Slicha-Ausgaben" und ist in den neueren Ausgaben nicht mehr gedruckt worden, nachdem die letzten Jahrzente im allgemeinen ohne größerer Kriege abgelaufen sind. Anläßlich des Kriegsausbruches im vorigen Jahre wurde dieses Gebet in den jüdischen Zeitungen reproduziert und über Veranlassung der orthodoxen Rabbiner in Ungarn den vorjährigen „Slicha-Gebeten" beigefügt. Auch dieses Jahr dürfte dasselbe der Fall sein, nachdem der Krieg noch nicht zu Ende ist. Empfehlenswert wäre, daß auch die österreichischen und besonders die galizischen Rabbiner dein Beispiel ihrer ungarischen Kollegen folgen und dieses Gebet anläßlich der „Slicha" als obligatorisch erklären sollen. Galizische Juden als Marketender. Der Korrespondent der „M. N. N.", Erich Sieghardt, beschre bt in einer Schilderung „Polnische Juden" die Rolle derselben als Marketender folgendennassen: „Wir lagen einmal längere Zeit in einem Ort im Quartier und hatten wie immer in solchen Fällen, unseren Hausjuden, der sich täglich bei uns einfand und alles verkaufte, dessen wir bedurften. Diese Juden, die wie Marketender den Truppen folgen, leisten ihnen eigentlich große Dienste. Und zugleich zeigen sie sich dabei als echtes Handelsgenie. Der Jude mußte mit Weib und Kind flüchten. Er geht fünfzig, sechzig, hundert Kilometer zurück, bringt die Familie bei Verwandten in Sicherheit; dann aber kauft er Wein und Rum. Zucker und Kerzen, zieht damit wieder zur Front und handelt. Erfährt er, daß sein Dorf wieder vom „Rüssen" frei ist, so holt er seine Familie und kehrt in die Heimat zurück. Aber er kommt nie leer. Was der Wagen nur irgend tragen und das Pferd nur ziehen will, lädt er auf und verkauft es den Truppen. Und es ist das wirklich ein Glück: wir wären oft in böse Verlegenheit geraten, ohne diese handelnd heimkehrenden Juden." Diese Schilderung dürfte wohl all die Behauptungen über angebliche Ausbeutung der Truppen seitens der galizischen Juden Lügen strafen, welche gewiße Korrespondenten der ..Reichspost" und selbst der „Arbeiter-Zeitung' in letzter Zeit verbreiten. England, Frankreich und die Juden. Der „F. Z." wird geschrieben: Vor dem Kriege hat die englische Öffentlichkeit - Regierung und Presse — den Anschein zu erwecken versucht, als sei sie der Gerichtshof, vor dem die Verfolgten aller Länder ihre «W- Jktrtaacllt* —„Oer Weltkrieg und die Judenfrage** von J. Kreppet. Pr,is 1 K. #MCUOT*C7 „Österreich-Ungarn nach dem Friedensschlüsse" von J. Kreppe/. Preis K1-20. Jff*iäinS&hrmnSifihiii*fin ' bazimhan durch die Administration dar „Jüdimchen (foirespondom". Wien, VIII. /Wsersfrassß 7. ■ ma wg^WäW« vmm m . . . xawio durch alle Buchhandlungen. -. t