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Jüdische Korrespondenz · 1915-08-12 · 1 (12.8.1915) · page 4

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
1 (1915)
Issue
1 (12.8.1915)
Date
1915-08-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Jüdische Korrespondenz Nr. 1 Rechte fanden; insbesondere waren es die russischen Juden, die stets auf England ihre Hoffnungen setzten und meinten, daß es seinen Eirifliil.! hei Rußland geltend mache. Uiese Ansichten luit der Krieg gründlich geändert .....- die englische Regierung wandert in den Fußtupten tics russischen Bundesgenossen. Als der Krieg ausbrach, wanderten Kitcheners Werbeagenten in das Kastend Londons, um unter den dortigen .luden Rekruten zu werben. Die Londoner Presse unterstützte diese Werbetätigkeit durch Aufsätze, in denen sie die Juden in allen 'i o.iarteu lobte. Die Rekrutierung hatte jedoch im Lastend einen geringen Lrfolg; und damit war für die Londoner Fresse das /eichen zu einem Stellungswechsel gegeben. Man veröffentlichte es war Lnde November 1914 - Depeschen aus Petersburg, in denen offen die russischen Juden der Spionage zu (iunsteii Deutschlands bezichtigt wurden. Damals trat das Kabinett noch gegen diese Treibereien auf, erreichte auch bei der russischen Regierung wenigstens noch, daß die Ausweisung der Juden aus Kurland verschoben wurde. Seit der Neubildung des Kabinetts aber hat die Regierung jeden Widerstand gegen Rußlands Judenverfolgung aufgegeben. Unter Führung des Petersburger Korrespondenten der „Times*1 veranstaltet ein Teil der Presse eine förmliche Hetze gegen die russischen Juden. Zangwillsche Stücke, die das russische Judenproblem behandelten, dürfen nicht aufgeführt werden. Den jüdischen Zeitungen wurde es untersagt, an dem Verhalten der russischen Regierung Kritik zu üben. Neuerdings wurde das Erscheinen der Londoner „Jewish Times" untersagt, weil sie Berichte uber die Leiden der russischen Juden brachte. So sieht das „liberale" England aus. Die Züricher „Israelitische Wochenschrift" berichtet aus Paris: Die russische und die belgische Regierung haben bekanntlich Maßnahmen getroffen, um ihre in Frankreich weilenden wehrfähigen Staatsangehörigen für den Heeresdienst heranzuziehen. Diese Maßnahmen stießen aber auf Widerstand, namentlich bei den zahlreichen russischen politischen Flüchtlingen und ausgewanderten russischen Juden, die in Frankreich Zuflucht gesucht hatten, um den Bedrückungen zu entgehen, denen sie in Rußland ausgesetzt waren, und in Frankreich unter dem Schutz der französischen Demokratie und Republik in Ruhe zu leben. Die Aufforderung nun, für Rußland Waffendienste zu tun, gefiel ihnen durchaus nicht, selbst nicht einmal auf die ihnen gebotene Erleichterung hin, diesen Waffendienst auch im französischen Heere abzuleisten. Sehr viele von diesen russischen Flüchtlingen und Ausgewanderten sind daher einfach dem Beiehl der russischen Regierung nicht nachgekommen, zumal die sozialistische Partei in Frankreich sich ihrer annahm und von der französischen Regierung die Erklärung durchsetzte, daß sie das Asylrecht dieser Flüchtlinge und Ausgewanderten achten werde. Offenbar hat aber der Druck der russischen Regierung es doch vermocht, daß sich die Regierung dazu entschloß, die russischen Asylflüchtlinge auf einem Umwege dem Heere zwangsweise zuzutreiben. So berichteten dieser Tage Pariser Blätter, daß die Polizeibehörde sie zu sich befohlen und ihnen eröffnet habe, sie würden, soweit sie wehrfähig seien und trotzdem dem veröffentlichten Gestellungsbefehl der russischen Botschaft nicht nachkämen, in Konzentrationslager als Zivilgefangene abgeführt werden. Die Polizeipräfektur von Paris bestreitet nunmehr in einer Mitteilung, die sie der Presse hat zugehen lassen, diese Drohung. Sie räumt aber ein, den Beteiligten eröffnet zu haben, daß man sie ersuchen würde, Paris zu verlassen und sich außerhalb des „verschanzten Lagers von Paris, wo ihre Anwesenheit zu peinlichen Erörterungen Anlaß gebe", ins Ausland oder in das Innere von Frankreich außerhalb dieser Zone und des militärischen Operationsgebietes zu begeben. Es liegt auf der Hand, daß der für diese Ausweisung angegebene Grund nur ein Vorwand ist und in Wirklichkeit darauf ausgeht, die wehrfähigen russischen Flüchtlinge und Juden 'in Frankreich auf diese Weise für den Heeresdienst zu pressen, von dem sie nichts wissen wollen. Denn abgesehen davon, daß es vielen von ihnen wohl an Mitteln fehlen wird, um ohne weiteres anderswo sich ein neues Dasein zu gründen, würden sie für das Ausland keinen Paß von ihrem | Konsulat erhalten und in der französischen Pro-! vinz zum mindesten zu denselben peinlichen t Erörterungen Anlaß geben wie in Paris. Hinter i dein Vorwand versteckt sich lediglich die Ver-! x-genheit der Regierung, die wohl gern bereit! st, für die russische Regierung in der verlangj ten Weise den Büttel zu spielen, aber zugleich! durch ihr den Sozialisten gegebens Wort gebunden ist, das republikanische Asylrecht für diese russischen Flüchtlinge und Juden zu achten. Nun süll, mein Kind___ (Ein russisch-jüdisches Kriegslied.) Nun still, mein Kind, mein süßes Kind, Die trüben Tage scheiden; Die letzte Träne ist's, die rinnt . . . Es sind die letzten Leiden. O, hörst du. Kind, den Donnerhall? (), hörst du die Kanonen; Das ist Elias' Schofarschall! . . . Messianische Posaunen! . . . Zünd an, mein Kind, mein süßes Kind, Nun stille Freudenkerzen; Die letzte Träne ist's, die rinnt. Es sind die letzten Schmerzen. Messias kommt! Er ist nicht weit! — Falt still, mein Kind, die Hände — Messias kommt — und macht dem Leid, Dem Judenleid ein Ende! Und weißt du. wie sein Angesicht? Und kennst du seine Zeichen? Er trägt im Herzen Treu und Pflicht Und Liebe ohnegleichen. Sein Sinn -- der ist so ehrlich --- grad So bieder und bescheiden . . . Er liebt die Wahrheit, liebt die Tat . . . Kann alle Menschen leiden. Die Feinde nennen ihn „den Feind". Er haßt — wie Gott — die Bösen . . . Doch wir, mein Kind, sind nicht gemeint, Uns kommt er zu erlösen . . . Zünd an, mein Kind, mein liebes Kind, Drum stille Freudenkerzen: 1 >ie letzte 'Träne ist's, die rinnt, Es sind die letzten Schmerzen! Jacob Diamant.*) Chronik. Die jüdischen Arbeiter Englands für die russischen Juden. Nicht nur die jüdischen Arbeiterorgani'ationen Amerikas protestieren gegen die unmenschliche Behandlung der Juden in Rußland, auch in London hat sich ein zeitweiliges Komitee gebildet, in welchem sich Vertreter verschiedener jüdisch r Arbeitervereine befinden und zu d.'m auch Vertreter der englischen Arbeiterschaft zugezogen wurden. Es soll möglichst bald eine öf entliche Konferenz einberufen werden. Das Komitee veröffentlicht folgende Resolution : „Das jüdische Proletariat, als ein Teil eines Volkes, das durch den Krieg am wenigsten gewinnen und am meisten verlieren kann, druckt den Wunsch aus, daß die sozialistische Internationale, deren M ssion es ist, die Verbrüderung der Völker anzustreben, sich mögichst bald wieder konstituiere. Die westeuropäi-clien Vö'ker, welche behaupten, daß sie einen Krieg gegen den preußischen „Militarismus" führen, gehen trotzdem mit Rubi nd, welches die reaktionärste Macht Europas ist, Hand in ' and. Es ist die heilige Pflicht der westeuropäischen Völker, ihre Regierungen anzuweisen, daß die russische Regierung den Völkern in den von Rußland i kkupierten Orten nicht die elementarsten Rechte entziehe und daß sie aufhöre, die jüdische Bevölkerung zu unterdrücken und Pogrome zuzulassen". Gräfin Coudenhove in der judischen Volksküche. Aus Prag wird berichtet: Dieser Tage besuchte die Gemahlin des Statthalters, Gräfin Coudenhove, die seit Kriegsbeginn in Aktion gesetzte jüdische Volksküche. Nach einer Begrüßungsansprache durchschritt die Gemah in des Statthalters die Küchen- und Speiseräume, in welchen gerade die Ausspeisung der galiz. Flüchtlinge, sowie der jüdischen Soldaten vor sich ging. In überaus leutseliger Weise sprach die Gräfin viele polnische Juden an, sich teilnahmsvoll nach ihrem Schicksal und Verhältnissen erkundieend. Die Frau Gräfin zeigte auch lebhaftes Interesse für die rituellen Speisevorschriften und bezeichnete es als anerkennenswert, daß diesen Leuten, auch außerhalb ihrer Heimat, Gelegenheit geboten wird, an ihrer Tradition festzuhalten. Ein kleines Mädchen, die Tochter eines Flüchtlings, trug ein stimmungsvolles Gedicht vor und überreichte der Gräfin einen *) Aus" „Israel im Kriege", Kriegsgedichte von Jacob Diamant. Frankfurt am Main, 1915, Verlag Gebrüder Knauer. Blumenstrauß. Nach mehr als einstündigem Verweilen verließ Gräfin Coudenhove die Volksküche, begleitet von begeisterten Hochrufen der vor dem Hause angesammelten vielen Hunderten galizisctier Juden. Eiserne Kreuze ftfr Juden. In der deutschen Armee wurden bisher 3532 jüdische Soldaten mit dem Eisernen Kreuze ausgezeichnet. Kriegs-SHchoth. Die Rabbinate von Pest und Väcz ordneten an, daß in diesem Jahre schon am 15. August „Sliehoth" gesagt werden. Gleichzeitig wird empfohlen, den „Donnerstag- Chazos" solenn abzuhalten und im Elul auch abends Schofar zu blasen. Versammlung des Zentralhilfsfonds fUr Palästina. Dienstag, den 24. d. M. findet im Sitzungssaale der israelitischen Kultusgemeinde, Wien I. Bezirk Seitenstettengasse Nr. 4, I. Stock, um 3 Uhr eine Versammlung des Landeskomitees statt. Für 5 Uhr werden die Mitglieder des Exekutivkomitees der Hilfskommission zu einer Vorbesprechung ebendaselbst eingeladen. Um 6 Uhr beginnt die Vollversammlung der Hilfskommission, zu der nach dem Verzeichnis im „Union-Kalender" sämtliche Rabbinate und Kultusvorstände der Monarchie eingeladen werden. Auf der Tagesordnung steht: 1. Begrüßung durch den Vorsitzenden; 2. Referat des Herrn Oberrabbiners W. Reich; 3. Anträge; 4. Diverses. — Gäste willkommen. Abgeordneter Bernhard Stern gestorben. Nachrichten aus Buczacz, die auf Umwegen hieher gelangt sind, melden, daß dortselbst der Bürgermeister, Reichsratsabgeordneter des Wahlkreises Buczacz-Sniatyn- Zaleszczyki Bernhard Stern im Alter von 62 Jahren gestorben ist. Abgeordneter Stern war der einzige jüdische Abgeordnete, welcher während der russischen Invasion in der Heimat geblieben ist. Wie es sich hört, soll er von den Russen furchtbar malträtiert geworden sein. „Sulamilh" im Wiener Carltheater. Im Wiener Carltheater wurde vorige Woche durch eine Theatergesellschaft aus Pressburg die romantische Operette „Sulamith" von A. Goldfaden in entsprechender deutscher Obersetzung aufgeführt. Eine neue spaniolische Zeltung. Seit dem 5. Aw erscheint in Saloniki eine neue spaniolische Zeitung „La Esperanca", als Organ der dortigen Jüdisch-Nationalen. Amerikanische Juden lehnen die Lieferung von Munition an den Vierverband ab. Aus St. Louis meldet „The Hebrew": George W. Heller, der Besitzer eines hiesigen Stahlwerkes, hat Anfang Juni einen, unbegrenzten Auftrag der französischen Regierung auf Schrapnells abgelehnt. Die Bestellung hatte wöchentlich auf 90.001 Dollar gelautet. Mr. Heller lehnte den Auftrag aus Opposition gegen den Krieg ab. Einige Tage früher hat ein anderer amerikanischer Jude aus derselben Stadt, Theodore Philipps, eine Bestellung im Werte von 900.000 Dollars auf Maschinen zur Herstellung von Kartätschen abgelehnt. Profeste der Jüdischen Presse in England. Die „Jewish Chronicle" vom 23. Juli enthält ausführliche Mitteilungen, die mit den Progromberichten auf eine Linie zu setzen sind. Das Blatt enthält entrüstete Proteste gegen die Bundesgenossen, die die russischen Juden mißhandeln. Einstellung einer jüdischen Zeitung in London. Das Erscheinen der „Jewish Times" inLondon wurde durch die Behörde provisorisch verboten, weil das Blatt seine Unzufriedenheit über die Judenverfolgungen in Rußland geäußert hat. Ausweisung der Juden aus Grodno und Wilna. Aus Amsterdam wird berichtet: Nach Schilderungen Moskauer Berichte wird die gesamte jüdische Bevölkerung aus den Gouvernements Grodno und Wilna entfernt. In Kurland wurde den Juden drei Tage Zeit gegeben, um ihre Angelegenheiten zu ordnen. Für die jüdische Bevölkerung von mehr als einer Million bedeutet dieses Vorgehen das größte Elend und den vollkommenen Ruin. Neue BUcl\er. „Israel im Kriege". Kriegsgedichte von Jacob Diamant. Frankfurt a. M. 1915. Verlag Gebrüder Knauer. „Der Krieg - eine Schicksalsstunde des jüdischen Volkes", von W. W. Kaplan-Kogan. Bonn 1915. Verlag G. Markus & E. Webers. „Der Krieg und die polnischen Juden in ihrem Verhältnisse zu Deutschland", von Felix Perles. Königsberg i. P. 1914. Verlag von Gräfe <£ Unzer. „Jüdisches Archiv", Mitteilungen des Komitees „Jüdisches Kriegsarchiv". Nummer 1, Mai 1915. Verlag R. Löwit, Wien. „Galizien und der Krieg", von Eugen Benzion. Wien 1915, Eigenverlag. Die Säuglings-Fürsorgestelle für die Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina. Bericht für die Zeit vom 1. Jänner 1915 bis 30. Juni 1915, von Primarius Dr. Jan Landau. Wien 1915. „Die Kriegsschäden und deren Vergütung" nach dem österreichischen und deutschen Rechte von Dr. Demeter Koropatnicki. Wien 1915. Verlag M. Breitenstein. Österreichisch-ungarisches Rotbuch. Diplomatische Aktenstücke zur Vorgeschichte des Krieges 1914. Wien 1915. Verlag Manz. Sammlung von Nachweisen für die Verletzung des Völkerrechtes durch die mit Österreich-Ungarn kriegführenden Staaten. Abgeschlossen mit 31. Jänner 1915. Wien 1915. Herausgegeben vom k. u. k. Ministerium des Äussern. — Erster Nachtrag, abgeschlossen mit 30. April 1915. Herausgeber und veiantwi rtlicher Redakteur: Jonas Kreppet. — Buchdruckerei „Melantrich", Wien IX., Pramergasse 6. (Verantwortlich S. Grünhot).

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