Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 1 (1915)
- Issue
- 1 (12.8.1915)
- Date
- 1915-08-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz Nr. 1 Die Zahl dieser Unglücklichen ist nicht näher bekannt. Sie muß aber sehr groß sein, uemi man bedenkt, daß selbst aus manchen kleinen Städtchen Hunderte jüdischer Familien verschleppt wurden und daß beispielsweise in Smatvn allein etwa 4000 Juden von diesem schrecklichen Lose betroffen wurden. Will man jedoch einen Anhaltspunkt für die Zahl dieser Unglücklichen finden, so kann man auf (jrund eines Artikels der diesbezüglich sicherlich verläßlichen ..Novvoje Wreinia" zu einem geradezu erschütternden Resultate gelangen. In ihrer Nummer vom 2K Juli berichtet diese Zeitung nämlich über die Lage dieser „Flüchtlinge"*?) aus (ializien und schildert ihre Not und ihr Llend in einer überaus ergreifenden Weise. Ihre Zahl, schreibt das Blatt, ist wohl noch nicht festgestellt. Line beiläufige Zählung ergab jedoch ca. 15.000 Frauen und 30.000 Kinder. Man rechnet auch mit der Notwendigkeit, für den bevorstehenden Winter warme Kleider für etwa lOO.OOii Personen anschaffen zu rnüßen. Diese Ziffern führen eine geradezu furchtbare Sprache. Man kann also die Zahl dieser Verschleppten mit 100.000 annehmen und man wurde nicht fehlgehen, wenn man etwa die Hälfte derselben als Juden annimmt. Vielleicht ist der l'erzentsatz der Juden noch größer, da doch die Rußen es hauptsächlich bei der Durchführung ihrer drakonischen Maßregel auf diese abgesehen haben. Angesichts dieser Ziffern kann man ganz getrost von einem „Qolus-Rußland'' in der weitgehendsten Bedeutung dieses Wortes sprechen, von einem Exil, welches nur noch in dem Fxil der .luden nach Babylonien, vor etwa dritthalb Jahrtausenden, seinesgleichen findet. Wohl kennt die jüdische Geschichte noch eine ganze Reihe von Judenaustreibungen. Diese waren jedoch bei all ihrer Schrecklichkeit nicht so grausam, da sie den von ihrer Heimat verjagten Juden wenigstens die Freiheit ließen, sich in anderen Ländern nach Belieben anzusiedeln. Daß aber Tausende Familien zwangsweise aus ihrer Heimat verschleppt und gezwungen werden, in einem bestimmten Feindeslande wie Sklaven, ohne jeder Bewegungsfreiheit Aufenthalt zu nehmen — eine solche Tyrannei findet ihresgleichen nur noch in der Verschleppung der Juden nach Assyrien und Babvlonien durch die Könige Salmanassar und Nebukadnezar. Als die Russen ihre haarsträubenden Greueltaten gegen die Juden in Galizien über Auftrag ihres Generalissimus verübten, da verglich man Nikolaj Nikolajewitsch mit dein Kosakenhetman Chmieinicki. welcher in den Jahren 1648.....-1649 unter den Juden Polens ein ähnliches Blutbad anrichtete. Nikolaj Nikolajewitsch scheint jedoch weit höhere Aspirationen zu haben, als ein „Chmieinicki II." zu sein. Er möchte ein zweiter Nebukadnezar sein. Der unaufhaltsame Siegeszug der verbündeten österreichisch-ungarischen und deutschen Heere in Galizien und Polen dürfte aber auch für ihn ein furchtbares „Mene-tekel" bedeuten. Brief aus Galizien. - 8. August 1915 : I >ie Rückbewegung der jüdischen Flüchtlinge nach Galizien hat bereits begonnen und seitdem 2,5 Bezirke Westgaliziens für die Rückkehr offiziell freigegeben wurden, ist die Rüekströmung der Flüchtlinge eine ziemlich intensive. Man hat in jüdischen Kreisen dieser Rückströmung mit gewissen Besorgnissen entgegengesehen. Die meisten Flüchtlinge sind ja aller Mittel bar und zu Hause dürfte sie zumeist Hab und (int /.erstort vorfinden. Andererseits ist die ' Kriegsentschädigungsfrage noch nicht geregelt und selbst seitens der galizischen Kriegs-Kreditanstalt können die handel- und gewerbetreibenden Flüchtlinge nicht auf sofortige Hilfe rech- [ neu, da die Kreditgewährung an diese Kreise; an besondere Formalitäten gebunden ist. die J jedenfalls eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen : müssen. j Nichts destoweniger muß gesagt werden, daß es im Interesse der Flüchtlinge gelegen ist, i dorthin, wo die Möglichkeit dazu vorhanden | ist. ohne weiteres zurückzukehren. Die ersten i Schwierigkeiten bei der Retablierung der frühel reu Existenzen, müssen einmal überwunden werj den. Je früher, desto besser. Die Kriegsentschä-; digungsfrage, die Inanspruchnahme des Kredits \ der galizischen Kriegs-Kreditanstalt können \ auch nur erst vom Hause aus erledigt werden.; Ferner muß in Betracht gezogen werden, daß | in denjenigen Gegenden, wo die Kriegslage ein i normales Leben wiederum zuläßt, die Anwe-! senheit der handel- und gewerbetreibenden j Kreise in ihrem eigenen Interesse notwendig ist, da sonst ihre Plätze von anderen Schichten besetzt werden könnten und sie nachher bloß das Nachsehen haben werden. In Bezug auf die Kriegsentschädigungsfrage braucht man nicht vorzeitig irgendwelchem Pessimismus anheimzufallen. Wohl ist diese Frage noch nicht gesetzlich reguliert, jedoch hat die Regierung, indem sie einerseits aus ihrer eigenen Mitte eine spezielle Kommission für diese Frage gebildet hatte, andererseits indem sie mittelst eines offiziellen Communiques verlautbaren ließ, daß sie dieser Frage eine besondere Aufmerksamkeit widmet und diesbezüglich Vorerhebungen vornehmen läßt, hinreichend dokumentiert, daß sie diese Angelegenheit in der liberalsten Weise einer Erledigung zuzuführen entschlossen sei. Schließlich bürgt ja das Wort unseres Allergnädigsten Monarchen in dem bekannten Handschreiben an den Ministerpräsidenten Grafen Stürgkh vom 25. Oktober 1914, sowie wiederholte Allerhöchst; Äußerungen bei verschiedenen Gelegenheiten dafür, daß die Kriegsschäden nach Möglichkeit gutgemacht werden. Die galizischen Juden, welchen der Krieg so große Opfer auferlegt hatte, deren patriotische Haltung und Loyalität wiederholt seitens der Allerhöchsten und höchsten Faktoren im Staate rühmlichst anerkannt wurde, können jedenfalls darauf rechnen, daß ihre speziellen Interessen hiebei ganz besonders berücksichtigt werden dürften. Das Programm des neuen Statthalters von Galizien bürgt auch dafür, daß die Juden in jeder Beziehung auf die Wahrung ihrer Interessen rechnen können. Der neue Statthalter. General der Infanterie Hermann von Colard, hat bei der Übernahme seines Amtes ein Programm entwickelt, welches in den jüdischen Kreisen vollste Zufriedenheit hervorgerufen hat. Indem Se. Exzellenz sich ausdrücklich auf den Standpunkt vollster Gleichberechtigung aller Völker und Schichten ohne jeden nationalen oder konfessionellen Unterschied stellte, indem er der gesamten. Beamtenschaft die strikteste Beobachtung dieses Standpunktes einschärfte, indem er erklärte, daß die Beamten für die Bevölkerung und nicht die Bevölkerung für die Beamten da Feuilleton. Der Weltkrieg und die Jargonpresse. im gegenwärtigen Weltkriege spielt die Jargonpresse, besonders in Amerika und den anderen neutralen Ländern eine bedeutende Rolle, indem sie mit der höchsten Begeisterung tür die Sache der Zentralmächte die öffentliche Meinung zugunsten dieser Mächtegruppe beeinflußt. Es dürfte daher von allgemeinem Interesse sein, einige nähere Daten über diese Presse zu erfahren. Die Jargonpresse in der breiteren Bedeutung dieses Wortes ist ganz jungen Datums. Wohl gab es schon in der ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts hie und da periodische Zeitschriften im Jargon — eine Jargonzeitung ist sogar vor etwa 200 Jahren in Deutschland erschienen — doch hatten diese Blätter zumeist bloß eine kurze Lebensdauer und blieben ohne jede Wirkung auf die jüdische; Meii jng. Erst in den letzten zwei Dezennien des vorigen Jahrhunderts enistand eine moderne politisch? Jargonpresse, welche bis heute in steter Entwicklung begriffen ist. Die erste Jargontageszeitung entstand in New-York u. zw. das dortige „Jüdische Tagblatt", welches Ende der AcliziL'erjahre gegründet wurde und ununterbrochen bis henu. als das einflußreichste jüdische Organ in den Vereinigten Maaten von Nordamerika erscheint. In New- York eischeiren außerdem gegenwärtig noch folgende Jargontageszeihutgcn: „Das Morgenjournal", „Die Wahrheit", „Vorwärts' (sozialistisch) und „Der Tag". Diese Blätter haben Aullagen von je 75-150.000 Exemplaren täglich und besitzen einen großen Einfiuß im jüdischen Quartal in New-York. Die Herausgeber und Redakteure sind zumeist Emigranten aus Rußland. Trotzdem — oder vielleicht gerade deswegen sind sie so günstig für die Sache Österreich-Ungarns und Deutschlands im gegenwärtigen Weltkriege gestimmt. Haben sie doch am eigenen Leibe das Wohlwollen des „Väterchen Zars" für „seine lieben Juden" verspürt und wissen es, daß der Sieg der europäischen Zentra mächte über Rußland auch den 6 Millionen Juden im Zarenreiche Freiheit und Oleichberechtigung bringen wird. Außer den erwähnten Tageszeitungen erscheint in New-York eine ganze Reine von Jargon Wochenblattes n und -monatsschriften. In den Vereinigten Staaten gibt es noch Jargontageszeitungen in Chicago, Philadelphia, Boston, Cleveland etc. Kanada besitzt ebenfalls eine stark verbreitete Jar- :< npresse, darunter die Tageszeitungen : „Der Kanader Adler" in Montreal und „Der Jud" in Winnipeg. Auch in Südamerika erscheinen mehrere Jargonbätter u. zw. in Buenos-Aires, Rio de Janeiro etc. In den letzten Jahren, seitdem die jüdische Emigration nach Südafrika bedeutend gestiegen ist, erscheinen auch dort Jargonzeitungen, in Johannesburg sogar eine Tageszeitung „Die jüdische Fahne". Ebenso ist in den letzten Jahren in Alexandrien eine Jargonzeitung erschienen, i In Palästina, wo ebenfalls ca. 100 000 jüdischer Emigranten aus üalizien, Rußland und Rumänien wohnen, konnte die Jargonpresse keine Wurzel fassen. Einige diesbezügliche Versuche sind nach kurzer Zeit mißlungen i u. zw. infolge des Widerstandes, auf welchen die Jargonj blätter von zionistischer Seite gestoßen haben. Die jiidi-! scheu Nationalisten sehen nämlich im Jargon eine Koni kurrenz des Hebräismus und wollen dieselbe wenigstens auf palästinensischem Boden los werden, ganz so, wie! sie im vorigen Jahre gegen das Sehn.werk des „Hilfs- ' Vereins der deutschen Juden in Palästina" den Boykottj kämpf proklamierten, weil sie eine Ausbreitung der deutj sehen Sprache auf Kosten der hebräischen befürchteten. In Rußland, wo das Gros der jargonsprechenden Juden wohnt, hat sich die Jargonpresse viel später als in Amerika entwickelt. In den 60er und 70er Jahren des | letzten Jahrhunderts sind wohl in Rußland einige Jargonwochenblätter erschienen, jedoch bloß kurze Zeit. Nach- | her wollte die russische Zensur aus prinzipiellen Gründen! keine Konzession für Jargonblätter ertei en. Und erst im ■ Jahre 1899 ist es gelungen, für die Juden Rußlands ein Jargonwochenblatt („Der Jud") in der Weise erscheinen zu lassen, daß dasselbe wohl in Warschau redigiert wurde, jedoch in Krakau gedruckt und als „ausländisches Blatt" nach Rußland das Postdebüt erhielt. Es erfreute sich großer Verbreitung und sein Erfolg veranlaßte gewisse jüdische Kreise, die Bemühungen zur Erlangung einer Konzession für ein Jargontagblatt in Petersburg zu erneuern und mit „Geld'und guten Worten" einen Erfolg zu erreichen. So entstand vor etwa 12 Jahren in Petersburg die erste Jargontageszeitung in Rußland, „Der Freund", welche später nach Warschau übersiedelte und dortselbst bis jetzt erscheint. „Der Freund" blieb nicht : lange vereinzelt. Es entstanden nacheinander verschiedene Jargonzeitungen in Petersburg, Wilna und Warschau. („Der Tag", „Der Telegraf", „Der Weg", „Die Zeit", „Jüdische Volkszeitung" etc.), welche sich jedoch nicht J erhalten konnten. Erst mit Ausbruch des russisch-japai nischen Krieges fand die Jargonpresse eine größere Ver- : breitung und nacheinander entstanden in Warschau, fcödz, Odessa etc. Jargonzeitungen, welche große Auflagen bis zu 100.000 Exemplaren täglich erreichten und die jüdische öffentliche Meinung stark beeinflußten. Im letzten Jahre ■ hatte Warschau drei Jargonzeitungen, i.ödz zwei, Odessa eine, weitere erschienen in Minsk, Bialystock etc. In Galizien entwickelte sich die Jargonpresse erst ■, im letzten Decennium. So erschienen daselbst zwei i Tageszeitungen „Der Tag" in Krakau (redigiert vom Redakteur dieses Blattes) und „Tagblatt" in Lemberg, wie auch mehrere Wochenblätter. In Rumänien gibt es ebenfalls eine Jargonpresse u. zw. eilige Wocheblätter und ein 2—3mal wöchentlich erscheinendes Blatt „Der wahre Ratgeber" in Bukarest. Wiederholte Versuche, Jargontageszeitungen in Bukarest und in Jassy ins Leben zu rufen, mußten nach kurzer Zeit aufgegeben werden. England hat in den letzten 10 Jahren ebenfalls eine ziemlich stark verbreitete Jargonpresse, darunter Tageszeitungen in London und Leeds. Auch in Paris, Kopennd Antwerpen sind in den letzten Jahren Jargonblast« daß e Dil rschie riegsi eignisse haben ' zahl (■ mit sich gebracht, ahnten Blätter ihr id andere Blätter neuige durfte die Jargon- Erscheinen einstellte, hingegen gegründet werden. Nach dem 1< „. . . I presse höchstwahrscheinlich vielfache Evolu! machen. Es ist hier nicht der geeignete Ort, sich näher mit der kuliurellen und politischen Bedeutung der Jargonpresse zu befassen. Eines jedoch ist für jeden klar: Die Jargonpresse, wie die Jargonsptache überhaupt, hat sich im jetzigen Weltkriege von sehr großem Nutzen für die Sache Österreich-Ungarns und Deutschlands erwiesen. \ Dank derselben ist deutscher Geist und deutsche Kultur ■ den breiten Volksmassen in Ost-Europa und Amerika zuteil geworden und selbst Juden in und aus Rußland i wissen es wohl, was sie von einem Sieg der europäischen Zentralmächte zu erwarten haben. Bei allem Patriotismus der Juden in Rußland sind dieselben für eine antideutsche : Agitation unzugänglich. Die jüdisch-russischen Emigranten im Auslande erwarten mit Sehnsucht den österreichisch-deutschen Sieg. Die Haltung der Jargonpresse in Amerika beeinflußt stark die dortige öffentliche Meinung zugunsten Österreich-Ungarns und Deutschlands i und die aus Rußland stammenden Jargondichter schreiben deutsch-patriotische Kriegslieder. Im allgemeinen läßt i sich sagen, daß die Jargonpresse sehr stark unter dem 1 Einfluße der österreichisch-ungarischen und reichsi deutschen Presse steht. Selbst die Jargonzeitungen in j Rußan.1 pflegten oft politische Artikel Wiener und Berliner Blätter zu übersetzen und damit eine für die j Zentralmächte günstige allgemein-politische Orientierung ' zu schaffen. Auch andererseits hat der so verrufene Jargon den Österreichern und Deutschen viel Nutzen gebracht. Die i österreichisch-ungarischen und deutschen Heere in Galii zien und Polen können sich überall mit der jüdischen Bevölkerung in der heimischen Mundart verständigen und kommen dadurch sehr oft aus den fatalsten Lagen. Und so hat sich der Jargon und die Jargonsprache als sehr nützlich für die Sache der Zentralmächte erwiesen. Die alte Stammverwandschaft hat da sehr gute Früchte getragen. Die Anschauungen gewisser Kreise über den Jargon werden wohl jetzt entsprechend revidiert werden müssen. Ben-Zwi.