Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 11 (1937-1938)
- Issue
- Heft 743 (11.3.1938)
- Date
- 1938-03-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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So»* 3 Wien, Freitag, den 11. März 1938. — Kr. 743. Alles spricht davon, daß die berühmten SCHMIDL -MAZZOTH heuer besonders schmackhaft sind Verlangen Sie in Ihrem eigenen Interesse Sdimiedl-Grieß nur in plombierten Sacken Garantiert frisohe Erzeugnisse der heurigen Saison Versuch wird Sie überzeugen Bestellungen: Zentrale, II., leopoldsgasse 43 Tel. A 40-0-90, A 60-2-63, R 41 -0-58, A 48-4-48 und In allen besseren einschlägigen Geschäften J sönlichen Bedrohung, wird eine ganze I Skala von Schimpfworten angewandt. Ge- I wöbnlich kauft dann der Jude irgend etwa«,! tun eich durch diesen Ka-u! die weitere! Schimpforgie zu ersparen. I & 1 Krakau! ist es um Vieles besser. Hier gibt es noch I einen Verkehr zwischen Juden und Christen, I hauptsächlich geschäftlicher, aber auch pri-! vater. gesellschaftlicher Natur. Doch | | überall Berufsumscbichtungsschulen, über- | all Wunsch nach Emigration, überall! Wunsch nach Befreiung von diesem kaum vorstellbaren Druck auf das Judentum. Manchen, den ich noch vor Jahren in Krakau sprach und der den Zionismus als. Utopie sträflichen Leichtsinns betrachtete,' sab ich jetzt mit einem hebräischen Lehrbuch oder mit Büchern von Achad Haam, Max Nordau und anderen. In Kongreßpolen Im ehemaligen Rufieiseb-Polen, dem heutigen Kongreß-Polen, ist das Leben von, Grund auf beim jüdischen Bevölkarnngeteii: anders geartet, ale in Klein-Polen. Hier werden noch oft und oft Vergleiche angewandt, daß der heutige Antisemitismus, im FÜR WEEKEND UND RIlSüN DIE BESTEN WÜRSTE U. KONSERVEN VON EISEN Das polnische Provinzjudentum Von unserem nach den Oststaaten entsandten Sonderberichterstatter.*) Nun bin ich in der Provinz herumgefahren und habe mich mit jüdischen Führern, Priestern, Popen, Militärs, mit Rabbinern und einfachen jüdischen Handwerkern unterhalten. Kellner in Restaurants wurden von mir genau so ausgefra-gt wie die tartarischen Offiziere der Garnison in Wilna. Zuerst soll einiges über die Lage der; Juden in jenem Teil Polens besprochen werden, der einstmals unter dem Namen Galizien zu Österreich gehört bat. Dieses Land beißt jetzt Klein-Polen und unterscheidet sich grundsätzlich vom übrigen Polen. Die Juden sind zwar, wie in der ganzen übrigen Provinz Groß-Polens, straff organisiert und stehen in allen ihren Schattierungen rückhaltlos hinter den sechs jüdischen Abgeordneten des polnischen Sejms, Aber trotz alledem blicken sie manchmal wehmütig nach Wien und sprechen gern von der guten, alten Monarchie. Für sie ist der Antisemitismus auch überaus drückend, da sie ihn in der Monarchie niemals gewöhnt waren. Sie können sich noch immer nicht daran gewöhnen, rechtlose Bürger letzten Grades Antisemitismus b t stark fühlbar ist dei Gegensatz zu dem ehemalig zaristisch-russischen, mehr oder weniger erträglich ist 1 oder sein kann. Man muß eich vor allem! vor Augen halten, daß in dan meisten Ge* , bieten Kongreß-Polens, also in den von mir 1 besuchten Bialystok, Lodz und Wilna, im alten zaristischen Rußland die Ausiedlung von Juden keine Begrenzung seitens der zaristisch-russischen Behörden erhielt Hier! konnte sich daher jüdischer Geist und jüdische Arbeit einigermaßen entfalten, I 2 Freunde, le Holländer, 36 Johne. Ue Ostjudi, | tO Jahre, 15 Jahre in Amsterdam, suchen mit 2 Heben Wienerinnen zwecks Eh« bekannt zu werden. Brieje mit Bildern, welche ehrenwörllich retourniert werden, unter M. 62, an N. B. Rudolf Masse. Amsterdam C Klelnstgewerbe und Kleinsthandwerh In dieser Stadt gibt es etwa ein Drittel Polen, ein Drittel Ukrainer — auch Ruthenen genannt —, und ein Dritte! Juden Was sich die Polen gegenüber den Judei leisten, ist schwer zu beschreiben. Hier soll absolut nicht an Universitätsbräuohe „befreiten'1 Polen erinnert, werden. Ganz andere Spielarten des tätigen Judenhasses sind an der Tagesordnung. An den Boykott jüdischer Geschäfte und Unternehmungen hat man sich ja bereite gewöhnt! Anders liegt es aber, wenn sich ein polnischer Jude zum Beispiel traut, in ein polnisches Geschäft einzutreten, Ware zu besichtigen und dann etwa nichts zu kaufen. Was so ein erkannter „jüdischer Nichtskäufer“ dann hören muß. ist schwer zu Papier zu bringen; von der Beschimpfung des jüdischen Ausbeutorlums beginnend, bis zur tätlichen per- Sprieht. man von der heutigen wirtschaftlichen Lage der Juden, so muß einiges über Kleinetgewerbe und K 1 ei netbandwerk gesagt werden. Diese beiden ErwerbsaTten sind vorzüglich im ehemalig russischen Gebiet zu Hause. Darüber hatte ich zwei ganz interessante Informationsgespräc.ho in Bialystok und Wilna. Erspart sich einmal ein jüdischer Handwerker oder Gehilfe etwa einen Mim betrag von 75 Zloty, so geht, er gewöhnlich bereite daran, eich selbständig zu machen. Daß man mit 75 Zloty noch kein Geschäft, auch nicht das kleinste, und auch nicht u Polen, gründen kann, ist für diesen Mann genau so evident, wie für jeden anderen. Er wendet, sich daher an eine der vielen jüdischen Kreditkassen. Kann nun der Bewerber bei dev Kreditkasee «eine Anständigkeit und seinen guten Leumund beweisen, so erklärt eich diese bereit, ihm einen Kredit in der Höhe seines naebgewiesenen, voll eingezahlten Grilndungsvennögene zu erteilen, wenn er sich einen Warenkredit von mindestens weiteren 75 Zloty und weiters einen Barvorschuß von einem Verwandten oder Bekannten aus dem Auslände in wieder der gleichen Höhe zu beschaffen in der Lage. ist.. Gelingt das, so wird rin Kleinstgeschäft mit einem Totalwert von 300 Zloty gegründet, was heute noch als fundiert gilt. Nun muB darauf aufmerksam gemacht werden, daß ein Betrag von jährlich etwas mehr als 20 Millionen Zloty aus dem über* seeisehen Ausland, vorzüglich aus der USA, nach den kleinen jüdisch-polnischen Ortschaften ln Form von Kleinstbeträgen zwischen jeweils 50 und 125 Zloty einzeln überwiesen werden. Natürlich werden solche Barvorschüsse der bereits emigrierten „reichen“ Verwandten aus dem Auslande fast niemals zurückverlangt und bleiben Polen erhalten. In Lodz fragte ich einen jüdischen Fabrikanten. wieviel er jährlich für jüdische Wohltätigkeitsaktionen ausgebe. Als Antwort bekam ich die Gegenfrage, ob ich Wohltütigkritsverpfliohtungen oder effektive Spenden für den ärmeren jüdischen Volksteil meine. Als ich ihm zu verstehen gab, daß ich nicht verstünde, was er eigentlich meine, erklärte er mir folgendes: Er verpflichte sich gegenüber den jüdischen Organisationen, durchschnittlich einen Betrag von 1000 Zloty alljährlich zu spenden, doch er spende alljährlich mehr als 80.000 Zloty für den arbeitenden, ärmeren Volkßteil durch den Umstand, daß oft jüdische Kleinstgesobäfte fallit werden und er keine Rückzahlung für die gewährten Warenkredite erhalte. Diese Antwort eine« der größeren Textilfabrikanten in Lodz kennzeichnet am Laßt Euch nicht einschüchtern! JEDER stimmt für Österreich! Erinnerungen an Alfons Petzold Von Dr. Marek Scherlag. Es gab eine Zeit, wo Deutsche und Juden Freundschaft hegten und gemeisam höheren Zielen zustrebten. Der Name Alfons Petzold fiel mir schon 1912 auf. Ich las seine Gedichte und Skizzen in der „Arbeiter* Zeitung^, die ich Sonntags wegen der literarischen Beilage im Kaffeehaus durchblätterte. Einmal geriet mir auch ein Bändchen dieses Arbeiterdicbters in die Hand. Da ich dazumal Bücher gerne besprach, verfaßte und veröffentlichte ich eine Notiz auch über Petzolds Büchlein. Es drängte mich, dem Dichter einige anerkennende und verbindliche Zeilen zu schreiben, ihm auch mein Versbuch „In der Fremde“ zu schicken und ihm anzudeuten, daß er auf meine Verehrung und Hilfe rechnen könnte. Meine Hilfe hätte der arme Volksdiohter, der, wie ich von Stefan Zweig i hörte, mit der Not kämpfte, gut brauchen k nnen, er nahm sie aber nicht in Anspruch. | Lediglich meine Bekanntschaft wollte er ] machen, um meine Hand, die ich ihm reichte, zu drücken. So kam es zu unserer ersten j Begegnung. I Alfons Petzold war untersetzt und hager, sein Rücken war* breit und leicht verwachsen, dennoch machte der Dichter nicht den Eindruck eines Krüppels. Sein Kopf war e, die Stirne verriet den Denker, die an Augen leuchteten wie bei einem treuherzigen Kinde, die glattrasierten Wangen jvaren wie die eines Schwindsüchtigen gerötet, die feinen Lippen ließen, wenn sie sich öffneten, eine angenehme Stimme durch. Mir war dieser Mensch sofort sympathisch. Der erste Eindruck verwischte sich, auch im Laufe der Jahre nicht, im Gegenteil, er verstärkte sich immer mehr. Aus der Bekanntschaft wurde eine Freundschaft. Davon logt auch der Briefwechsel, der sich zwischen uns ergab. Zeugnis ab. Wärme war in seinen Worten, seinen Blicken, in seinen Briefen, wie in seinen Liedern. Bald war ich im Besitz einer ansehnlichen Anzahl von dünnen Bändchen, die Petzold herausgegeben hatte. Mit dem wachsenden Ruhm des Dichters wuchs meine Verehrung für den liebenswürdigen Menschen, der seine Bescheidenheit beibehielt. Er stellte mich Felix Braun vor und wollte mich mit Wildgans und Csokor bekanntmachen. Mit besonderer Liebe sprach er von Stefan Zweig, von Pernerstorfer und Dr. Stefan Licht, denen er anscheinend zu Dank verpflichtet war. Unterstützung in der Not fand er, wie er selbst sagte, gewöhnlich nur bei jüdischen Freunden, die ihm auch Verehrung und Anerkennung, Verständnis für sein Werk bezeigten und es förderten- Petzold, der, ein zweiter Gorki, Schwere«, Allzuschweree mitgemacht hatte, umfaßte mit seinem geprüf-! tem, liebevollen Herzen alle Menschen, ohne Unterschied, der Rasse und der Religion. I Dieser Arbeiterdichter war gebürtiger j Reichsdeutscher, ein guter österreichischer j Patriot, ein echter Europäer und eine gläu- 1 bige Seele. i Nach dem Tode seiner ersten Frau veröffentlichte Petzold ein rührendes Bueh des , Gedenken« ,-Johanna“. Einige Gedichte dar- ’ au« sagten mir besonders zu. „Reißen Sie sieb heraus“, riet ich ihm. Da er die Einsamkeit, Verlassenheit und Armut nicht Sänger ertragen wollte, entschloß er sich, allerdings nach längerer Pause, wieder zu heiraten. Diesmal war es ein Mädchen aus gutbürgerlichem Hause. Ihre Angehörigen nahmen dem jungen Paar eine saubere geräumige Wohnung m Brunn am Gebirge auf und ermöglichten dem Dichter ein ruhiges Dasein. In seinem großen Bibliothekszimmer konnte er nun gemütlich ausruhen oder ungestört arbeiten. Er entschied sich für die Arbeit. Immer häufiger erschienen Gedichte und Skizzen von ihm. Auch begann er aus seinem Leben zu erzählen. Als er einmal „Drei Tage aus meinem Leben“ vorlas, erzielte er auch damit einen bemerkenswerten Erfolg, eiferte ihn an, die Erinnerungen aus se harten Leben fortzusetzen und auszuarbeiten. Wie freute es mich, nach Jahren seinen ersten Roman „Das raube Leben“ die Hand zu nehmen, ein reifes Buch, woi er beine eigene Entwicklung, seinen Kampf mit Krankheit und Not dichterisch lebhaft schilderte. Ihn interessierte eine Zeitlang d . jüdische Dichtung. Er hatte nämlich in Meran, wohin er wegen seiner kranken Lungen öfter geschickt wurde, einen russischen Juden kennengelernt, der ihn auf die Jargonlyrik der Ostjuden aufmerksam machte. Petzold begann sogar die jüdische Sprache zu lernen. Mit mir sprach er gern über die Poesie der Ostjuden und war mir dankbar dafür, daß ich mir einige Bücher von Roeenfeid und Jehoaech anschaffte und ihm daraus vorlas. Damit allein begnügte er sieb aber nicht, sondern langte von mir eine wörtliche Übersetzung sagten mir Besonders zu. „iteiuen sie sich , taugte von mir eine wortnene uoersetzung dieser gefährlichen Einsiedlers tim mwng I der besten Verse, die er oaehdiehten wollte. hatte er mir einige seiner Nachdichvorgelegt, ging auch ich daran, einige mir zusagende Gedichte selbst frei zu übersetzen. In einer Bücbereammlung für Flüchtlinge fand ich noch andere versbüeher ostjüdischer Dichter. Ein eifrige« Übersetzen füllte meine freien Stunden au«. Petzold gelang es, manche seiner Nachdichtungen in bekannten Zeitschriften zu veröffentlichen. Von da zu einem Buch war nur in Schritt, so meinten wir wenigsten«. Petzold sagte nun die Herausgabe einer Anthologie aus ostjiidischer Lyrik an. Widmen wollte er sie dem von ihm verehrten Genossen im Geiste, dem Mystiker Martin Buber, Das Vorwort bestellte ich bei Samuel Meiseis, dem bekannten Kritiker und guten Kenner der jüdischen Literatur. Al« das Büchlein, au« Petzold« und meinen Übersetzungen bestehend, fertig vorlag, übergab Petzold es seinem Verleger, der infolge Verteuerung des Papiere« einen Druckkostenbeitrag verlangte. LeideT wollte ich mich nicht zu diesem Opfer aufraffen, hoffte vielmehr mit Petzolds Hilfe einmal einen Verlag zu finden, der uns für unsere Sammlung noch im voran« honorieren werde. Ich unverbesserlicher Schwärmer und Zauderer sollte mich auch diesmal wie schon «n oft um einen Erfolg bringen. In meiner Lade ruht nun eine Handschrift mehr. Nicht anders erging ee dem Stück, das Petzold gemeinsam mit mir verfaßte oder, b_esser gesagt, auf Grund meiner Vorlage dichtete. Die Sache verhielt sich nämlich so: Ich hatte noch als Student ein mehraktiges Proeastüok geschrieben, von dem ich mir Erfolg und Ruhm versorach. Es hieß „Da« Wiedersehen“ und war aus dem Leben geschöpft, insofern©, als ich beim Schreiben