Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 11 (1937-1938)
- Issue
- Heft 735 (21.2.1938)
- Date
- 1938-02-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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r. 785. — Wien, Montag, 81. Februar 1988. DIE STIMME Seit« 3 ts ch a f 11 i c h e n Interessen Nation handeln — mögen die Juden , dort auch die Angehörigen anierer Nationen tun, die in Italien ihre Kaütalien in anonymen Gesellschaften und in Fersicherungegeseilschaften investiert haben. Auch in den freien Berufen wird dabei bleiben.“ Das Blatt schließt: „Vielleicht könnten riele Juden sagen: Warum soll ioh mein Vaterland verlieren, für welches ioh gekämpft habe und für welches ich Heldentaten vollbracht habe? Darauf antworten •, daß sie schon darin Trost finden mögen, daßsieandenKämpfend Massenversammlung der Sek ion VI/VII j Di* für Donnerstag, den 24. d., H9 Uhr bends, angesetzte Versammlung findet icht im Sektionsheim, VII., cbottenfeldgas8e 22, sondern im Verandsheim, VI., Königseggasse. Ir. 10, statt _ Doch Rassismus in Italien? _von uns veröffentlichte Erklärung der jidotmazioue Diplomatica“, welche die ta^critbeorie ablehnt, erfährt in dem offliellen „Regime Fascieta“ eine Interpretaion, die dem Sinn der Erklärung vollkomnen zuwideriäuft. Das Blatt schreibt: „An hohen Kommandostellen der italienichen Armee, in allen Institutionen, wo die .ebensansiohten der Jugend gebildet werden, Generalstab der Armee, in der Presse, an Börse uew. können jetzt allerdings eht mehr Leute anderer Rasse d anderer Länder als Italien Der Eindruck unter den Juden Italiens u n geheuer groß und ihre Freude über die Anerkennung der Erfüllung ihrer Stautsptlie.hten kommt schon in einem wahren Piebisz't des Dankes an Mussolini zum Ausdruck. Die antijüdische Kampagne gewisser Kreise hatte in der letzten Zeit immerhin besorgniserregende Formen angenommen und in den Dienst der antisemitischen Kampagne war ein neues Wochenblatt eingetreten, das aber über seine erste Nummer nicht hinausgegangen ist. Gegen die Hetze batte sich aber auch die Kirche gewendet. Von den Kanzeln predigten noch am letzten Sonntag Pfarrer und seihet Kapläne der faschistischen Miliz gegen den Antisemitismus und sagten, man müsse vielmehr für da« Seelenheil der Juden beten und dürfe nicht vergessen, daß auch Christus ein Jude war. - Italienischer Judenstaats* Plan? In der Note der „Informazione Dipiomatica“ wird bekanntlich der Judeastaat Palästina strikte abgelehnt. Dagegen; wird vorgesehiagen, daß „irgendwo in der Welt ein jüdischer Staat, errichtet wird, ein Staat im wahren Sinne dieses W’ortes, der in der Lage wäre, auf normalem, diplomatischem Wege und durch Konsularbehörden alle jüdischen Bevölkerungsteile in der Welt zu vertreten und zu schützen''. Während im allgemeinen die Ansicht vorherrscht, daß Mussolini, ebenso wie Polen und Rumänien, die W'esunächte mit der Errichtung eines solchen Staates belasten wolle, meldet der Wiener „Telegraf“, daß Mussolini an die Errichtung eines Judenstaates in d e r i t a- Manischen Kolonie Tripolis denkt „Manchester Guardian“ stellt die Frage, ob Mussolini vielleicht beabsichtige, einen Teil Abesssiniensate Territorium für den Judenstaat anztibioten. Jedenfalls, fährt das Blatt fort, muß das Zugeständnis, daß ein Judenstaat die richtige Lösung füT die Judenfrage sei, als ein Fortschritt angesehen werden, und die britische Regierung sollte dieses Moment bei Behandlung des Themas der italienischen Propaganda in Palästina nicht außer acht lassen. Das Märchen der 500.000 Illegalen Juden Gogas stümperhaftes Revisionsgesetz Na te n, die für das Recht und die Zivilisation kämpfte.“ Nach dieser Auslegung sind die jüdischen Bürger Italiens Bürger minderen Rechtes. Dies wiederum stünde im Widerspruch zur ganzen Grundlage des Faschismus. Mussolini angeblich Antor der Erklärung Die „Prager Presse“ meldet aus Rom: | Die offizielle Erledigung der Judenfrage in Italien hat den tiefsten Widerhall und den besten Eindruck hervorgenjfen. Die betreffende Note der „Informazione Dipiomatica“ verrät den Stil Mussolinis selbst Ihre Fassung und Aufmachung läßt keinen Zweifel übrig, daß jede Polemik, w! * auch jede antisemitische Kompagne ii faschistischen Italien von nun ab a u < I e i b e n w i r d. Die von der Goga-Cuza-Regierung verfügte Revision der Staatsbürgerschaft der Juden von Rumänien stößt auf viele Schwierigkeiten. Das königliche Dekretgesetz, mit welchem die verflossene offizielle antisemitische Regierung fast allen Juden das noch vor mehr als zehn Jahren zuorkannte Bürgerrecht suspendiert hatte, hat die Herausgabe eines besonderen Reglement« angekündigt, welche« die näheren Modalitäten dieser überaus schwierigen Revision regeln sollte. Dieses Reglement wurde der Legislativkommfesion zur Prüfung übergeben, aber bfe heute hat «ich diese aus hervorragenden Juristen zusammengesetzte Kommission nicht entschließen können, ein Reglement zu bestätigen, weiches in vielen Hinsichten juristisch unhaltbar und mit dem grundlegenden Fehler behaftet ist, daß da« Dekretgesetz selbst, welches die Revision anordnet, der Konstitution de« Lande« widerspricht.. Vorsicht war um so eher geboten, als diese Revision der jüdischen Staatsbürgerschaften heute den Völkerbund beschäftigt und geradezu zu einer Weltfrage geworden ist. Der neuen Regierung, weiche anscheinend den Rechtskurs, wenn auch ohne Ruhe und S i c h e r he i t &i m Lande, einhalten will, steckt diese von Goga-Cuza hinterlaeeene Erbschaft wie ein Knochen im Hals. Man hat sich in der Öffentlichkeit für diese Revision der jüdischen Staatsbürgerschaften viel zu sehr engagiert, als daß man eie ohneweiters fallen lassen könnte. Man kann also nicht von einer Revision Umgang nehmen, die man für notwendig hält. Man kann sie aber vom Standpunkt der Konstitution, die keine Unterschiede zwischen den Bürgern kennt, auf die Juden allein nicht beschränken, zumal nicht einzusehen ist, warum nichtjüdische Ausländer, die nach dem Kriege ins Land gekommen «ind und gleichfalls das Staahsbürgerrecht mit Betrug erschlichen! haben, von einer Revision verschont bleiben I sollen. ' Immerhin wäre eine Ausdehnung der | Revision auf alle ethnischen 1 Minderheiten vom Standpunkt der Friedensverträge noch irgendwie zulässig, aber hiezu will sich die gegenwärtige Regierung nicht entschließen, zumal ihr die Revision der jüdischen Staatsbürgerschaften schon genug Sorgen bereitet. Ein völlig unbrauchbares Resultat Inzwischen laufen die vom Dekretgesetz vorgesehenen zwanzigtAgigeu Fristen zur Vorlegung der Beweisdokuniente ab. Im alten Königreiche ist die Frist schon am 12. Februar abgelaufen. Ein neue« Dekretgesetz hat diese Frist bis zum 10. März verlängert, und ee ist. anzunehmen, daß die neue Regierung die sukzessive ablaufcnden Fristen auch in den anderen drei Provinzen des Reiche« verlängere wird. Aber mit der Verlängerung ist in der Sache geltet noch wenig getan. Die Schwierigkeiten bestehen für die Juden noch fort. Es besteht aber aus vielen Gründen die Wahrscheinlichkeit, daß das aus der Revision sich ergebende Resultat die Methode der Revision seihst ad absurdum führen wird. überflüssigorwefeo wird man etwa 800.000 Menschen unsägliche. Schmerzen und Hunderte Millionen Ko«ten verursacht haben, das Resultat selber aber wird nach keiner Seite hin brauchbar sein. Nicht für die Juden, von denen wahrscheinlich eine halbe Million oder mehr das Bürgerrecht verloren haben werden, und nicht, für d i e R c g i firn n g geltet, welche mit dom zu erzielen Ion Resultat nicht nur nichts, sondern gerade das Gegenteil bewiesen haben wird, was die antisemitischen Väter de« Gesetzes haben beweisen wollen. Wohin Ist eine halbe Million Juden gekommen T Man wollte doch beweisen, daß eine halbe Million Juden, die nach dem Kriege in« Land gekommen sind, ihre Staatsbürgerschaft auf betrügerische Weise erschlichen haben, daß sie also zu Unrecht in die Staatsbürgerlfeten eingetragen worden «ind. Wenn nun die Revision ergibt, daß nur 300.000 Juden oder gar noch weniger zu Recht die Staatsbürgerschaft besitzen, wirft sich sofort die Frage auf: Wo sind Zlmüt. Bezlrksseh Ion u. Wild HmlaMlf-lteiiliini '• ‘.'."l. * DonneritnUAFebr.'/säüliriibds. »Die gegenwärtige politische u. olrisMIIdK Loge der Joden« V&fövu-JlytoUtüs, dei: QesetUcUafUing&HiewP Josef Popper wurde am 21. Februar 1838 n Ghetto der böhmischen Stadt Kolin cboren. Sein Vater hatte ein kleines Ge- ‘ äft, von dem die Familie mehr schlecht recht lebte. Der Bruder seiner Mutter r ein Gelehrter, der Abhandlungen über igionsgeschiehte und Reügionsphiloßoe schrieb. Die Mutter war es wohl, die «s Nature!! des Sohne« entscheidend rmte. Ihr Beispiel war ec auch, da6 ihn die lieber «o verehren ließ, daß er „beinahe den, der ein Buch heraußgab, wie ein höhes Wessen ansah und bewunderte“ übnns eine Geisteshaltung, die im jüdischen leinbürgertum gang und gäbe fet oder ■ch bfe vor kuzem war. Durchaus da« :wölmliche fet es auch, daß Jceef. Popper > zu «einem zwölften Jahr die jüdische hule besuchte. _ Von da an nimmt er einen anderen Weg, a immer stärker «eine eigene Neigung, ein diesem Milieu fast erstaunliches Interesse ' aiie« Technische, ihm vorschreibt. Die efehauptschule, die deutsche Oberreaiiuie in Prag, da« deutsche Polytechnikum Prag, da« Polytechnikum in Wien sind! Stationen der nächsten sieben Jahre. 59, mit 21 Jahren, hat er di« Studium redet. E« folgt eine Phase, die uns viel rtranter ist: der junge Ingenieur findet ine Stellung als solcher. Er bekommt für ei oder drei Jahre Arbeit im Frachtbüro r Eisenbahn in Prag, erlebt übrigen« da- :1s, als 2*2jähriger, seine erste Veröffenthung (eine Studie über Aviatik, die er itcr afe wertlos bezeichnet). wird. dann f eine gottverlassene Eisenbahnstation im ■■' verschickt, erkrankt dort an Malaria, An* dem gleichnamigen Buche von Robert >* da? kürzlich im Saturn-Verlag, Wien,, muß zurück und ein Jahr lang als kranker j Mensch bei «einen Eltern leben. Damit fet -diese Laufbahn beendet. Er geht nach Wien und bringt sich dort ein paar Jahre damit fort, daß er Stunden gibt ^einige Zeit hat einen Hofmeisterposten) und eine — technisch kläglich primitive — Zeitungskorrospondenz berausgibt, die hauptsächlich Uber technische Vorträge referiert. In seinem 27. Jahr beginnt er^ zu dichten; aus diesen Versuchen, die er selbst kaum ernst nimmt, sollen später die „Phantasien“ werden — aber noch regieren andere Götter die Stunde. Im Jahre 1867 erfindet er Kesscleiniagen, die die Bildung de« schädlichen Kesselsteins in den Dampfmaschinen verhüten, und einige zwanzig •Jahre später Kühiapparate für Maschinen. Beides keine Erfindungen von geschichtlicher Bedeutung, auch heute längst durch andere« überholt, aber beides kluge und brauchbare Konstruktionen, die für die Industrie einige Jahrzehnte hindurch von Nutzen waren. Von seinem 29. bfe zu «einem 59. Jahr hat Popper-Lynkeus einen fest umschriebenen Beruf: Er fet Ingenieur und befaßt «ich mit der Ausarbeitung. Konstruktion, Montage, Verwertung seiner Erfindungen,’ eine halb technische, halb geschäftliche Arbeit mit viel Reisen, unendlicher Plage und leidlichem Verdienst, der ihm immerhin ermöglichte, zwanzig Altersjahre von.seinen Ersparnissen zu leben, bfe die Inflation sie vernichtete. 1897, kurz vor «einem 60. Geburtstag, zog sich Popper wegen dauernder Krankheit von jeder technischen und geschäftlichen Tätigkeit zurück. Auch «ein Dichten schloß er ab und Heß 1899 die „Phantasien eines Realisten“ erscheinen — unter dem Pseudonym Lynkeus, eei es nach jenem Türmer, den Faust in so preisenden Vereen der Helena vomteilt, «ei e«, direkter, nach dem Mann am Ausguck der Argonauten. Weh diese« Buch ihn berühmt machte, ist «ein Pseudonym zu «einem zweiten Namen gelworden — fa«t abßurderwefee: denn länget, längst vorher, im Jahre 1878, war in aller Stille „Das Recht zu leben und die Pflicht zu st-erben“ erschienen, und in diesem Buch de« 40jährigen Josef Popper steht sozusagen alle« drin. Deo Rest «eines Lebens wandte Popper-Lynkeu« vorwiegend an die detaillierte Ausarbeitung der Entwürfe, aus denen d'-ese-s «ein Hauptwerk besteht, in einer Reihe weiterer Bücher, die zum Teil eret nach seinem Tode erschienen. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts hatte Popper-Lynkeus ständig in Wien gelebt- Im Jahre 1910 bezog er seine Wohnung in Hietzing, die er bfe zu seinem Tode inne hatte. Aus Anlaß dieser Übersiedlung soll er zum letzten Male ein Mittagessen außer Haus eingenommen haben. Wie Immanuel Kant wurde ihm «ein Zimmer die Welt, dieses überaus schlichte, so ganz unliterarische, ganz an philosophische Zimmer, in dem sein Arbeitstisch stand, de-r nicht einmal ein richtiger Schreibtisch war. Er besuchte öfter Konzerte, denn er liebte die Musik sehr (Mozart, Bach, Beethoven vor allen anderen), sonst verließ er sein Hai* kaum länger als für Spaziergänge. Sein Tag gehörte vorwiegend der Arbeit, am späteren Nachmittag pflegte er seine Freunde und Gäste zu empfangen. Der Freundeskreis seiner jüngeren Jahre, als ihm Menschen wie der bertilunte Physiker und Philosoph Mach und der Schachmeister Steinitz sehr nahe gestanden waren, war allmählich in eine andere Art menschlicher Beziehung b'mübergeglitten: Um Popper-Lynkeus sammelte sich ein Kreis von Menschen, die halb seine Freunde, halb seine Jünger waren, ein Kreis. um dessen Peripherie sieh locker die Menschen gruppierten, die, Wiener oder Fremde, gelegentlich einmal kamen, um dem großen Mann ihre Reverenz zu erwefeen. Unter diesen gab es einen, Albert Einstein, der einen tiefen Eindruck auf Popper-Lynkeus machte: hier war einmal ein Mann, den er sofort und eindeutig als überlegen empfand — vielleicht die einzige solche Begegnung in seinem Leben. Dean erj! war ein Mensch voll Kraft und voll Kraft- ' bewußtsoin, erfüllt von seiner Sendung und der Überzeugung, ihr gewachsen zu sein. Schon seine finßerc Erscheinung war wuchtig, er war ein „Sitzrieso“, dessen prachtvoller Kopf imponierte, die hohe Stirn, die leuchtenden Augen erzwange» zum mindesten Respekt. Er habe ansgr.- schen, bemerkt einer seiner Freunde, „wie zehn Feklmarschalleutnants“ — wirklich ereignete es bich, daß er einmal ein Lokal besuchte, das hauptsächlich von Offizieren frequentiert wurde, daß viele aufstanden, weil sie fei ihm einen pensionierten General vermuteten. Soviel Energie, gebändigt, durch da« Bewußtsein einer Aufgabe, mußte eine Erscheinung ergehen, die ebenso schwer wie schwierig «ein konnte. Seine Freunde und Verehrer, stolz auf ihre nicht immer leichte Rolle, fühlten, sowie eie in seine Nähe kamen, ihre Tagessorgen wie weegebla^en, so sehr zwang dieser Mensch alles in den Bann der großen Fragen, zu deren Lösung er «ich bestimmt fühlt*?. Daß dieser Mensch sich so in einen höheren Dienst gestellt hatte, dürfte auch der Grund sein, warum er nie an die Gründung einer Familie dachte (daß er am letzten Tage seines Loben« seine Haushälterin heiratete, hatte nur den Zweck, ihr seine Wohnung zu sichern). Von Eparainondas erzählen die Lese- ' bücher. er habe auf eine Frage, warum er nicht die Wehrkraft seines Stammes durch Zeugung von Kindern vermehrt habe, erwidert: „Ich hmterlasfic eine Tochter, die Schlacht von Lcuktra.“ Popper-T-ynkeu« i hintöriieß eine Tochter: die Allgemeine Nährpflicht. Noch in den Jahren nach dem. Kriege studierte er die neuen Erfahrungen, die Denen Möglichkeiten, die sieh eröffnen mochten, und mitten in Ausblicken, Hoffj nötigen, Plänen, fet er am 21. Dezember 1921, kurz vor Vollendung seines 84. Lebensjahre«, in seinem Arbeitszimmer gestoubeo.