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Die Stimme · 1938-02-14 · Heft 732 (14.2.1938) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
11 (1937-1938)
Issue
Heft 732 (14.2.1938)
Date
1938-02-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Kr. 7Sa — Wien, Montag, 14. Februar 18S& Oll STIMME Seit» 3 Menschenunwürdig, ekelhaft, restlos dumm ... Die der Vaterländischen , Front nahestehenden „Wiener S t a d 16 t i m m e n“ veröffentlichen einen Artikel über den österreichischen Antisemitismus, in weichem es u. aheißt: „Antisemitismus ist bei uns in Österreich Privabsache. Energische Stellung muß aber zu Dingen genommen werden, die österreichischer Kultur, österreichischem Ansehen und nicht zuletzt österreichischer Wirtschaft Abbruch tun. Der österreichische Antisemitenbund, der nichts anderesals die Geschäfte der Nazi besorgt, gefällt sich neuerdiwrs darin, den Spuren Streichens zu folgen. Die vom Antisemitenbund gewählte Art der Propaganda st menechemwwürdg, ekelhaft und, was noch gefährlicher ist, restlos dumm.“ Gewerbebund des Herrn Kresse betrieben J diese Argumentation kategorisch abgelehnt wird, im Blatt des Bundes jüdischer Fronthat. Schließlich wäre der Schriftleitung der Soldaten Unterschlupf findet Das Organ des j ..Jüdischen Front“ zu raten, jüdischen Bundes könnte sich zumindest ein Beispiel j Ärzten ihre Angelegenheiten zu überlassen, am „Sturm über Österreich“ nehmen, derj Ein „bodenständiger“ Arzt Noch keine Klarheit über Rumänien Die Regierung Chriitea-Tatarescu Ein Jüdischer Bodens’änd igkelts-Fanatiker In der letzten Nummer der „Jüdischen Front“ war ein Aufsatz des Herrn Medizinalrats Dr. Paul Strassar zu lesen, der in jüdischen Ärztekreisen berechtigtes Staunen und begreiflichen Unwillen erregte. Dr. Strasser kommt auf Grund einer Statistik der Geburtsorte der Wiener Arzte, die Dr Sonnenfeld in der Jännerfolge der Mitteilungen der Wiener Ärztekammer veröffentlicht hat, unter Berufung auf Dr. Sonnenfeld zu einem seltsamen Schluß. Er „findet“, daß es Pflicht der jüdischen Ärzte sei, für die Bodenständigkeit im Beruf zu kämpfen. Vor allem sei es Dr. Strasser ein für allemal gesagt, daß die jüdischen Ärzte ihn nm seinen Rat nicht gebeten haben. Sie haben in der „Vereinigung der jüdischen Ärzte“ eine Vertretung, die ohne Dr. Strasser schon j das Richtige findet , Und dann soll Dr. Strasser doch so gut sein und einen Artikel, auf den er sich bezieht, genau lesen und nicht etwas hineininterpretieren, was der Autor gar nicht beabsichtigt hat. Dr. Sonnenfeld kommt in dem zitierten Artikel überhaupt zu keiner Konklusion, schon gar nicht zu der, die Dr. Strasser ihm unterschiebt. Beweis für die Cberflüssigkeit des ganzen Artikels Dr. Strassers ist der geringe Anteil der im Osten der Monarchie geborenen Ärzte — nicht einmal 15 Prozent Dazu ist zu bemerken, daß seit Kriegsende kein Zuzug erfolgte. Und zum Abschluß eine Pikanterie. Dr. Strassers Publikationsorgnn war ausgerechnet die „Jüdische Front“. Dr. Strasser, der nicht einen einzigen Tag während des ganzen langen Weltkrieges aus dem Hinterland hinauszubringen war, unter Frontsoldaten! Sollte er erst jetzt seinen Heldenmut entdeckt haben? Es nimmt wunder, daß die arische Bodenständigkeitsphrase, die nur ein K o n k u rrenzmanöver decken soll, wie es vom Die am 10. Februar in Bukarest setzte neue Regierung des Patriarchen Miron Chris tea, deren aktivste Persönlichkeit der stellvertretende Ministerpräsident Tatärescu ist, hat noch nichts darüber verlauten lassen, daß eine Zurückziehung der antijüdischen Verordnungen ihrer national-christlichen Vorgängerin erwogen wird. Eine Reihe dieser Verordnungen, wie zum Beispiel das Verbot der Nichtbesehäftigung weiblichen christlichen Dienstpersonals in jüdischen Haushalten, dessen Durchführung sich als unmöglich erwies und darum von Gheorghe C u z a selbst verschoben wurde, enthält eine schwere Diffamierung der Juden. Andere Verordnungen, wie zum Beispiel das in den Zeitungen nicht einmal publiziert gewesene Dekret über Entlassung jüdischer Angestellter, ferner die Vertreibung der Reste jüdischer Staatsbeamten und das Schänkergesetz, haben bereits viele Tausende Juden in allen Teilen Rumäniens zlo cbt. Bis jetzt wurde lediglich bekannt, daß die Regierung die Verordnung Gogas betreffend Überprüfung des Bürgerschaftsstatus der Juden in Rumänien zwar nicht aufgehoben, aber den ursprünglich auf den 12. Februar angesetzten Termin für die Einbringung der Dokumente zum Nachweis der Staatsbürgerschaft big zum 10. März verlängert hat. Aus all dem schließt die Presse des Auslandes — die rumänische Inlandspresse, die sträng unter Zensur steht, enthält sich der Erörterung des jüdischen Problems überhaupt —,'daß die Besserung Christea-Tatarescu zwar an die Stelle der bisherigen Unsicherheit und Unordnung ein System setzen, im übrigen aber streng nationalistisch regieren will. Im Hinblick aber darauf, daß die Frage des in den internationalen Verträgen and im besonderen in dem Vertrag mit Rumänien vom 9. i»eze-r.'-er 1919 betreffend Schutz der jüdischen Minderheit, der von Frankreich und Italien roituntemiehnet ist und in welchem der Schutz der Minderheiten* rechte an die Integrität der neuen rumänischen Grenzen gebunden ist. gemäß der eimreschlagencn Prozedur in einer Reihe von Wochen wieder vor d i e V ö 1 k e r b u n d i n s t a n z e n zur Behänddaß bis dahin die neue rumänische Regierung eine Formel gefunden haben wird, nach der die juridische und materielle Situation der Juden in Rumänien mit den international verankerten Verträgen in Einklang gebracht wird. Das Programm zur Behandlung der iudenfrage Über die Behandlung der Judenfrage liegt bisher nichts an materiellen Verfügungen vor. Die Regierung hat einen Aufruf an die Nation erlassen, in welchem sie ein Programm der nationalen Konzentration ankündigt. Im ersten Punkt wird eine Verfassungsreform angekündigt, z i p auf allen Gebieten des staatlichen Le-: bens betont, im dritten Punkt verspricht die Regierung die „Gutmachung der historischen Ungerechtigkeiten, deren Opfer das heimische und überwiegende rumänische Element wurde, ohne daß irgendwelche Akte der Ungerechtigkeit gegenüber den alten Minderheiten“ verübt werden sollen. Viertens wird eine „genaue was eine „größere Teilnahme des rumänischen Elements am Wirtschaftsleben des Landes ermöglichen“ wird. Fünftens soll die e! s u r je r EL Rumänien organisiert werden, die „i gen sind und welche das sittliche Leben des rumänischen Volkes schädigen und schwächen.“ Sechstens: Rumänien ward auf der Grundlage der internationalen Übereinkommen mit den übrigen Staaten, die einen Überschuß an jüdischer Bevölkerung haben, Zusammenarbeiten, tun diesen Juden ein neues Vaterland zu finden. Im zwölften Punkt wird die Einhaltung der »ton sttsthe Bertr’iaekTon leopoldtadt, I Pra'ars’r, 13, Tel,; B 43.4-07 statt Generalversammlung Tagesordnung: 1. Referat des Präsidenten des Zion. Landesverbandes Dr. Oskar Orlinbaum. 2. Bericht über die Tätigkeit des abgelaufenen Jahres. 8. Kassabericht. 4. Wahlen. 5. Eventuelles. : Garantie aller Gesetzesrechte, die „f üf Das ist ein Programmentwurf, und man wird abwarten, wie die auf dje Juden zielenden Punkte durchgefiihrt werden. Die abtretende Regierung Goga hat als letzte Verfügung die Entziehung der Subventionen an die jüdischen Gemeinden rückgängig gern acht» Die deutsche Presse Mit Ausnahme Deutschlands und Italiens wird fast überall in der Welt Genugtuung über die schnelle Beseitigung der Regierung Goga-Cuza ausgesprochen. Die Presse in Deutschland spricht von einem angeblichen „unerhört starken Druck ausländischer Mächte“ und erzählt, da» Judentum sei am Mißerfolg Gogas schuld; das internatlob a f tr i g k e i t e n herboigoführt. Im übrigen setzt diese I’resso ihre Hoffnungen auf einen spateren Sieg von Codreanu* „Eiserner Garde“. Die italienische Presse behauptet im allgemeinen, daß der Regierungswechsel in Rumänien durch die jüdischen Wirtschaftskreise herbeigeführt wurde und eine Folge des Einschreitens Englands und Frankreichs sei. Die diplomatische Vorgeschichte Paris, 14. Februar. Französische diplomatische Kreise weisen darauf hin, daß ihre Regierung selbst dem Ministerium Goga gegenüber Zurückhaltung geübt habe, wiewohl man viele seiner Regierunsreaktionen mit den im Westen herrschenden Grundsätzen nicht in Einklang zu bringen vermochte. Was aber den Widerstand der französischen öffentlichen Meinung auf den Platt rief, waren die so zahlreichen Erklärungen einiger Regierungsmitglieder an italienische and reichsdentscbe Zeitungen, aus denen man wenig Vertrauen auf eine Kontinuität der rumänischen Außenpolitik schöpfen konnte. Erstaunen rief es auch in Paris hervor, daß Ministerpräsident Goga an eine Pariser obskure antisemitische Monatsschrift ein Dankgehreiben richtete, weiches eine Desavouierung des gegenwärtigen französischen Regierungssystems war. Schließlich beunruhigte auch die von Goga geplante Regelung der Judenfrage, die schwere Auswirkungen für ganz Osteuropa nach sich gezogen hätte. Man teilte hierbei die Auffassung des britischen Außenministers Eden, wonach es sich nicht um ein innerpoiitisebes, sondern um ein zivilisatorisches Problem handelt, „Petit I’arismn“ schreib: „Das Kabinett Goga ist. kläglich znsammengebrochen n n t e r dem Druck der ö f f e n t- 1 i c h ptiMeinungRumänie n s, für die es unerträglich war, daß eine Partei, die auf so schwachen Füßen stand und einer aun- Erwachen des französischen Judentums*) Von Dr. Chanan Lehrmann. Ein Sprichwort lautet: „Am glücklichsten sind die Völker ohne Geschichte.“ In diesem Sinne wollte das französische Judentum glücklich werden. Es hatte geglaubt und stolz verkündet, daß es seit der großen Revolution keine Geschichte des französischen Judentums gäbe. Es gäbe nur noch jüdische Franzosen, deren einzige Geschichte die des französischen Volkes sei. Dementsprechend wurde im Verlauf des der großen Revolution folgenden Jahrhundert« systematisch der innere Zusammenhang mit dem Gesamtjudentum gelockert, und jüdische Denker Frankreichs, wie Salvador, erklärten Pari« als das wahre geistige Zentrum des französischen Judentums, welches an die Stelle Jerusalems getreten sei. Ein Gelehrter wie James Darmstetter, in logischer Fortführung dieser Gedankengänge, predigte eine Vermischung, ein Aufsrehen der Juden im französischen Volk, während da« geschichtliche, jüdische Gedankengut lediglich als literarische Erinnerung gepflegt werden sollte. Dia französischen Juden wurden solche Patrioten, daß sie vor lauter Patriotismus fast alle Menschlichkeit verfaßen. Die armen jüdischen Flüchtlinge Polen tmd Rußland, und sogar die aus dem Elsaß, fan- *) Aus einem Vortrag des Dozenten der Universität Lausanne, Dr. Chanan Lehrmann, der Vorlesungen Ober den jüdischen Beitrag zum französischen Geistesieben hält, den bei ihren Glaubensgenossen in Frank-j reich einen gar kläglichen Empfang. „Wir; haben mit nichtjüdischen Franzosen mehr | gemeinsam, als mit nichtfranzösischen j Judeu.“ So lautete ihre These, welche Edj mond Fleg köstlich verspottet in seinem Drama „Le julf du Pape“. I Aber diese These der nichtjüdischen' Franzosen Lautete anders. Es wäre vielleicht j gar nicht zu der bei Anlaß der Dreyfusj Affäre heftig ausbrechenden Diskussion über! die Judenfrage gekommen, wenn die Juden] die Psychologie de« französischen Volkes j bessser erfaßt und sich ihr angepaßt hätten. | Dann hätten sie bemerkt, daß Frankreich | für die den Juden gewährte Emanzipation j gar nicht den Preis verlangte, den die Juden | ihm so übereifrig zahlen wollten, in Form i gänzlicher Selbstauflösung. Frankreich hat! nämlich nie da» Prinzip der „Gleichschal-) tung“ gekannt oder anerkannt. Es ist sich i bewußt, daß sein geistiger Reichtum den vielfachen Elementen zu verdanken ist, aus j denen die französische Kultur sich zusammensetzt. Das griechisch-römische und das gallische Element sind gar verschiedener Natur, und der Menschenschlag der Provence dem der Normandie unähnlich, als daß eine wirkliche Verschmelzung stattfinden finden könnte; ein harmonischer Einklang jedoch war nicht nur möglich, sondern auch flberaus fruchtbar. Dfe dreimal tausendjährige Vergangenheit hat den Juden gleichfalls, gelbst wenn er sich von jeder religiösen Bindung freimacht, zu einem Wesen mit besonderem Typus ge- I prägt Dreitausend Jahre kann man nicht so leicht wegwischen, selbst unter den besten politischen und sozialen Bedingungen in einer neuen Heimat. Die Juden; die das übersehen und sich selbst krampfhaft assimilieren und glfcic.hschaile» wollen, sind gar nicht die besten Patrioten. „Sich räuspern und spucken“, wie die andern, bedeutet noch nicht wirkliche Assimilation, das heißt wirkliche Synthese des eigenen Gedankenguts mit dem der Um gebung. Diese Tatsache wurde von der jüngsten Generation immer deutlicher erkannt, das heißt von der Generation seit, der Dreyfus- Affüre, In Frankreich hat diese Affäre, nicht eigentlich zum Zionismus geführt; jedoch zu einem immer stärkeren Erwachen des jüdischen Selbstbesinnung. Diese neue positive Einsteiung zur jüdischen Tradition und. zur jüdischen Gesamtheit gibt dem französischen Judentum eine aufrechtere Haltung und verliilft ihm zu einer geachteten Rolle im Rahmen des französischen Geisteslebens. Am Beispiele des Dichters Andre Spiro verfolgte der Redner dann diese Entwicklung von einem seiner selbst unbewußten zu ehern selbstbewußten Judentum in Frankreich. Spire, der nach dem Urteil des Liteiaturfaistorikers M. PoM-e eine hohe Stelluig in der französischen Literatur einninmt. stammt aus einer in Lothringen alteirgesessenen jüdischen Familie und wuchs au' in der geistig beruhigter, Atmosphäre da jüdischen Bürgertums, dessen Judeeein sim in der Wohltätigkeit erschöpfte. Warme: Anteilnahme führt ihn zunächst der ge-; drickten Schicht der Arbeiterschaft zu,] deieu Anklagen gegen die Gesellschaft erl in Efinen ersten Gedichten übernahm. Aber bald macht sich bei ihm die Enttäuschung über ein zur bloßen Masse werdendes Volk geltend, das mit der Freiheit nichts anzufangen wisse. Er zieht sich auf die Poesie zurück, der Franzose in ihm kommt zu Worte, der da« wunderbare Land Frankreich besingt. Eine Reihe erschütternder Ereignisse, vor allem der Dreyfns-Prozeß und der starke Einfluß der Dichtungen von Israel Zangwill, reißen Spiro aus dem Aesthetischon heraus und wecken seinen jüdischen Elan. Er beschäftigt sieh mit den ost-jüdischen Arbeitern, die trotz ihres Elends eine reiche Kultur zu behalten und zu vermehren verstanden hätten. Seine unruhige Natur findet wieder zu ethischen Problemen zurück und findet in ihnen etwas spezifisch Jüdisches. Immer stärker bekennt er Rieh zu dem, was er in sich als jüdisch entdeckt. In seinen „Rfeves juives“ stehen sich «eine beiden Komponenten, die französische und die jüdische, nicht mehr feindlich gegenüber, sondern ergänzen sich gegenseitig. Spiro beschränkt sich nicht nur auf Traume, sondern nimmt lebhaften Anteil am Wiederaufbau de* neuen Jerusalem, er gründet so die Lage der Freunde des Zionismus und wird neben Silvain L6vy Mitglied der jüdischen Delegation an der Friedenskonferenz, wo er über das zionistische Judentum referiert. So wird da« Band der jüdischen Geschichte wieder geknüpft und Spire wünscht nichts sehnlicher, als daß zum Bau des neuen Jerusalem all das hfazusretragen werde, was der Jude auf seiner Wanderung durch die Völker ausgenommen

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