Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 11 (1937-1938)
- Issue
- Heft 731 (11.2.1938)
- Date
- 1938-02-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Kt. 7S1. ■— Wien, Freitag, 11. Februar 1938. DIE STIMME Solt« 3 Alles spricht davon, daß die berühmten ScHMIDL-MAZZOTH heuer besonders schmackhaft sind Verlangen Sie in Ihrem eigenen Interesse Schmidl-GrieB nur in plombierten Säcken Garantiert frische Erzeugnisse der heurigen Saison Versuch wird Sie überzeugen Bestellungen: Zentrale, II., leopoldsgasse 43 Tel. A 40-0-90, A 80-2-63, R 41-0-S8, A 48-4-48 und In allen besseren einschlägigen Geschäften l!ill!llll!llil!lllllil!ill!ll Litauen wahrt das Minderheitenrecht Kaunas, 10. Februar. (JTA.) Eine jüdische Delegation hat dem Präsidenten von Litauen, S m e t o n a, ein Memorandum überreicht, in dem die Aufnahme einer Klaueei, betreffend Garantie der Rechte der nationalen Minderheiten, in die neue litauische Verfassung gefordert wird, überreicht. Präsident Smetona erklärte der Abordnung, die litauische Regierung sei entschlossen, den Minderheiten auch in Zukunft mit Toleranz zu begegnen und die bereift; traditionell gewordene litauisch-jüdische Freundschaft aufrechtzuerhalten. Die Regierung werde es vielleicht für ratsam halten, in die Verfassung einen Ergänzungsparagraphen aufzunehmen, in "Jeden fHoeyen eine Süuxibungmit D i a n a, stärkt Sie für den ganzen Tag Sie arbeiten flott und müden nicht. Masst weichem ihre Entschlossenheit, die Rechte der nationalen Minderheiten zu garantieren, zum Ausdruck kommen wird. Die Juden Litauen« haben, neben dem Memorandum an die Regierung, auch dem Parlament ein Memorandum unterbreitet, in welchem die verfassungsmäßige Wahrung der Rechte der nationalen Minderheiten verlangt wird. Einwanderung von | Jugendlichen in Australien xugelassen Melbourne, 10. Februar. (JTA.) Die Regierung von Australien hat auf Ersuchen der Jüdischen Wohlfahrtsgesellechaft acht j üland, i Eil Kn i Alter an de 8 bis 18 Jahren, die Aue all. FÜR WEEKEND UND REISfcN DIE BESTEN WÖRSTE U. KONSERVEN VON EISEN bewilligt, wo diese zu Landwirten a gebildet werden sollen. Ein Ersuchen, um Zulassung von jüdischen Mädchen aus Deutschland zu Hausarbeit in Australien ist vorläufig abschlägig beechieden worden. Ausweisungsverordnung in Ekuador zurückgezogen Paris, 10. Februar. (JTA.) Die Hias-Iea- Emigration Association (Hioem) hat bekanntgegeben. daß die Regierung vou Ekuador ihre vor kurzem erlassene Verordnung betreffend Ausweisung von J u d e n, die. nicht auf dem flachen Lande arbeiten, annulliert hat. Toseanini erhält die Aus* Zeichnung des „American Hebrew“ New York, 10. Februar. (JTA.) Die Zeitschrift „American Hebrew“, die alljährlich einer großen Persönlichkeit die Medaille für Verdienste um interkonfessionelle Verständigung verleiht, hat die Medaille 1938 dem heute größten Dirigenten Arturo Tose anini für sein Wirken zugunsten des Palästina-Orchesters verliehen. Toseanini gab in einem Telegramm an die Zeitschrift seiner „tiefen“ Rührung“ über die Auszeichnung Ausdruck. Jagd auf Juden n1 ' x ' \ V w DIANA FRANZBRANNTWEIN MIT MENTHOL Da« System der Juden -Razzien in Ungarn nimmt nachgerade unerträgliche Formen an. Nach den Blamagen der ersten derartigen Aktionen hätte man annebmen können, daß die ungarischen Behörden schon im Interesse ihrer; eigenen Ansehens damit aufhören würden. Diese Annahme war ein Irrtum. Eine Stadt nach der anderen kommt an die Reibe, es gibt keinen Winkel im Lande mehr, wo sieh die Juden sicher fühlen und mit dem ruhigen Bewußtsein ins Bett gehen können, daß ihnen wenigstens noch der Schlaf gegönnt ist, den eie doch wirklich niemand anderem „gestohlen“ haben. Die Juden-Razzien werden, damit man sicher sei, alle Juden erwischen zu können, zwischen der zweiten und der fünften Stunde nach Mitternacht durchgelührt. Juden gegenüber ist eben alles erlaubt, woran man bei anderen Menschen nicht einmal zu denken wagt. Razzien sind in Verbrechervierteln üblich. Aber auch dort beschränkt man sich gewöhnlich auf die Durchsuchung der bekannten Zueammenkunftsorte der Verbrecher. Die Privatwohnung gilt im allgemeinen ale unantastbar, es «ei denn, daß sie auf Grund eines Tatbestandes oder auf Bewohnpt einer bestimmten Wohnung sich beziehender konkreter Verdachtsmomente zum Schauplatz einer Amtshandlung gemacht wird. Juden gegenüber gilt das nicht. Da wird einfach angeorduel: Heute nachts wird jeder Jude dieses oder jenes Bezirkes oder dieser oder jener Stadt aus dem Bett geholt und „perlustriert“, wie es in der schönen Amtssprache heißt. Antisemitische Gespensterfurcht Was soll bei diesen Razzien herauskommen? Die Menschen sind von einem merk würdigen Gespensterglau ben befal len Die Juden verschiedener europäischer Staate; sind leider wieder zum Wandern gezwunge: und das hat die Phantasie der Antisemitei in einen krankhaften Zustand versetzt. Si sieht überall Juden, sie vervielfacht die Zahl der wandernden Juden und auf einmal fühlt sieh jede« Land durch sie überschwemmt. Es beginnt ein krampfhaftes Suchen nach ihnen. Es wurde in Rumänien angeordnet, daß jeder der 758.000 Juden des Landes auf Herz und Nieren zu prüfen sei. ob er nicht im geheimen ein Emigrant aus Polen, aus Rußland, aus Deutschland oder weiß Gott von wo sei. Man hat in Rumänien noch keinen einzigen „Illegalen“ gefaßt. Aber die Phantasie ruht nicht, eie hat einmal 500.000 eingeschlichene Juden produziert, und die müssen, kost’s was ’s kost', herbelgeschafft werden. Durch die antisemitische Presse anderer Länder wieder geht das Thema vom „Menschenschmuggel“ aus _ Rumänien, überall klagt man Uber ein Zuviel an Juden. Man legt sich aber zu den Juden, die man wirklich hat. noch eine Masse jüdischer Gespenster zu. In Ungarn war vorige W'oche Györ iRaaM Schauplatz einer Judenrazzia. Wir sind der gtadthauptmannschalt von Györ zu Dank verpflichtet, daß sie einmal in einem jungen, seriösen Mann zirka" S 20.000 bis S 25.000 „Keine Sanierung“ an die Expedition de! Blattes Dos Ergebnis einer nächtlichen Razzia Wegen seiner Wichtigkeit drucken wir dieses Dokument hier auch im ungarischen Originaltext ab: A p£nteki razzia sorän 1528 szemüyt Igazoltatunk. Ezek közül 135-öt rendeltßnk be a kapitänysägra äilampolgärsägänak igazoläsära, A berendeltek nagy tesze igazolta |s ällampolgärsdgät es a beremielt 135 szemily közül 46 egyinnek keil klvlzsgälni ällampolgürsagÄt Ezen 46 «zemäly is szerzett Uletösfcgi, vagy lakhatä»! engedilyt 6s ezek nagyrEsze Magyarorszägon született, de blzonytalan, liogy szülelk rdvfen, aklk nem Csonka-Magyarorszägon születtek, magyar äliampolgärok-e. Ezt fogja most tlsztäzni a meginduit eijäräs. EgyChkCnt kljelentem, hogy a razziiin egyetlen olyan egyänt sem üllitottak elö, aki jogosulatlanul tartözkodott volna Györött! Unterzeichnet ist der Bericht vom Oberstadthauptmanu-Stellvertreter Karl T Ö r ö k. | Hier dir; wörflicho Übersetzung:! „Im Zuge der Freitag-Razzia haben wir! 1528 Personen perlustriert. Davon haben wir 135 zum Zwecke des Nachweises der l Staatsbürgerschaft zur Polizeihauptmannschaft vorgeladen. Ein großer Teil 1 der Vorgeladenen wies auch seine Staats- I Kammersänger Alexander Kipn!« wurde nach dem sensationellen Erfolg seines atisverkauften ersten Konzertes für ein zweites Konzert verpflichtet, da» als Abschieds-Abend vor Antritt seiner großen Australientournee am 22. Februar im Großen Musikvereinwaal &!« Arien-Almnd stattflnden wird. Karten an der Konzertkasse Dr. Hohenberg, I., Operngebäude, Tel. Ii 27-2-11. E yiadUfudeoHiUe in Jmtsatem Von M. Y. Ben-gavriei Leute, die niemals einen Krieg mitgemacht und niemals eme Kugel m den Leib bekommen haben, überhaupt Leute, die niemals mit dem einzig Unabänderlichen im Leben mit dem Tod, konfrontiert worden eind. neigen dazu, Abenteuergeechicbten mit jenem angenehmem Schauer der Romantik zu lesen, mit der man Erlebnisse anderer Menschen gern zu umgeben pflegt. Wenn man aber selbst in einem Erlebnis steckt, dann schwindet mit überraschender Schnelligkeit jede« Gefühl für Romantik und wird — je nach dem — durch ein sehr nüchternes Gefühl für Verantwortlichkeit — Verantwortlichkeit für sich oder für at>flere ersetzt, dae, so romantieeh auch das Szenarium des Erlebnisses sein mag, durchaus sachlich kt: Es wird zu einem einfachen Rechenexempel. Man rechnet, bewußt oder ■unbewußt, alle vorhandenen und alle möglichen Faktoren zusammen, um zu einem erwünschten Ergebnis zu kommen. Dieses Ergebnis aber hat nichts mit Romantik_zu tun, sondern einzig und allein mit dem Wunsch, das Erlebnis darartig hinter sich zu bringen, daß sowohl der erhaltene Auftrag, wie auch der primitive Selbsterhaltungstrieb befriedigt wird. Diese oder ähnliche Gedanken beschäftigen mich, da ich, mit einem guten englischen Gewehr im Arm, vor dem letzten Haus Jerusalems sitze und in die fahle Berglandsohaft hinaussehe, aus deren Höhlen jeden Augenblick eich ein Schuß lösen kann. Rechts unten liegt ein arabisches Dorf. Es gibt kaum ein Dorf in diesem Land, aus dem mehr Unheil kam und zu dem mehr Spuren von Meuchemördern von den Polizeihunden verfolgt wurden, und doch liegt es friedlich schlafend, wie aus dem Stein der Wüste heiausgemeiselt, im kargen Licht des jungen Mondes da. Ein paar uralte ölbäume stehen unten, am Rand der Straße, die ich nicht, betreten darf, wie verzweifelte alte Männer mit erhobenen Armen, und hinter mir leuchten die Lichter von Jerusalem. Es ist halb sechs Uhr abends, tiefe Nacht schon. Die Menschen in dem kleinen Häuserblock, der zu meinem Rayon gehört, rüsten sich zum Schlafen. Ein Mädchen reicht mir ein Glas Tee heraus. Ob eie eich nicht fürchte, hieT, am Rande der Stadt, den Arabern gegenüber? „Nein“, lacht eie (ich eehe die Weiße ihrer Zähne in der Dunkelheit), „alles ist Bestimmung. Wenn geschossen wird, löschen wir eben die Lichter aus und so spät in der Nacht (es ißt, wie gesagt, halb sechs) geht man ja so wie so nicht aus. „Nun, das ist ein Lebensstandpunkt, über den zu streiten keinen Sinn hat. Wir grüßen uns mit dem Gruß des Landes „Schalem!“, der mir in diesem Augenblick, da meine Finger den Lauf eines englischen Armeegewehres entlanggleiten, so unendlich naiv dünkt, daß ich ihn, nachdem das Mädchen, dessen warme Hand die meine einen Augenblick lang gestreift hatte, schon längst verschwunden war, verwundert wiederhole, i Schalom? Nun ja, Friede: es ist ja kein Krieg und wir, die wir in selbstverständlicher Freiwilligkeit, die Nächte um diese ewige Stadt der Heiligkeit und des Hasses durchschreiten, betreiben ja kein Kriegshandwerk, kämpfen nicht gegen Soldaten, sondern schützen die friedlichen Bürger — wie wir es seihst während des Tages sind — vor (Iein Ermordetwerden aus dem Hinterhalt. Es ist kein Krieg von Mann zu Mann, den wir hier führen, sondern ein Kampf letzter Entschlossenheit gegen den feigen Meuchelmord, gegen das sinnlose Hinmorden unschuldiger Menschen, das, längst über das j Politische hinaus, aus dem Gebiet primitivster, finsterster Urwelttriebe hervorbricht. Eine Stunde rinnt in die andere, verrinnt in die Stille dieser Nächte vor Jerusalem, die stiller sind ais die irgend cineT Stadt der Welt. Der Kamerad, der mit mir Dienst macht, ein Junge von kaum neunzehn Jahren. lehnt an einem Felsblock und starrt auf die arabischen Häuser im Tal. „Du“, sagt er, „sie geben wieder Lichtsignale. Gleich wird die Schießerei wieder losgehen. Es wäre besser, wir kämen ihnen zuvor.“ Mechanisch enteichere ich das Gewehr, aber dann packt mich wieder die ganze außer- ■weltlich-unwirkliche Stille dieser friedlichen Gebirgsnaeht, ich schließe wieder die Sicherung und sage: „Ach, Unsinn, wozu schießen? Ein Fellache dort unten wird sicherlich von Getreideflöhen geplagt.“ Ich weiß nicht, ob meine Erklärung richtig ist, aber allenfalls verschwindet dü Licht bald und es fällt kein Schuß. Fröstelnd und in seinem Tatendrang veräergert, verkriecht I eich der Junge in «einem schweren Uniformmantel, zieht den Kalpak tiefer in die Stirne und starrt weiter mißtrauisch, mit jenem Haß, den der Primitive und der Jugendliche gern vom Einzelnen auf da« Kollektiv überträgt, auf das Dorf, das wie ein riesige«, mit unbekannten Absichten und Gedanken angefülltes Tier, dort unten liegt. Ich schreite weiter, Schritt vor Schritt, vorsichtig jeder Liohtfurt des Mondes ausweichend, umschreite, das Gewehr «chußfertig, jeden verdächtigen Feteblock und dann höre ich leise Schritte von rechts kommen. Ich erhebe da« Gewehr und rufe den eich nähernden Schatten an: „Stehe, hier ist Polizei!“ Schon will ich den andern rufen, damit er den Unbekannten nach Waffen absuche, während ich ihm das Gewehr vor die Brust halte, da erkenne ich. daß der Schatten einem alten Weib gehört. „Was machst du so spät“ — es tat inzwischen sechs Uhr geworden — „außer dem Haus, o Mutter, batst du denn keine „die .Mörder werden einer alten Frau nicht« antun.“ Soll ich ihr sagen, daß ein richtiger Terrorist, und die herrschen doch seit Monaten im Land, keinen Unterschied macht zwischen jung und alt, zwischen Mann und Frau? Wozu soll ich da« Weltbild ihrer alten Tage, da« mit Zeitung und Radio nichts zu tun hat, außer Gleichgewicht bringen? Ich geleite sie zu einem der Häuser und sie dankt mir mit einem unendlich langen Segenswunsch. Dann steive ich zu der durch Glasscherbene primitiv gesicherten Umfassungsmauer des Häuserblocks hinauf lege da« Gewehr auf die Brüstung und ver-