Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 11 (1937-1938)
- Issue
- Heft 730 (9.2.1938)
- Date
- 1938-02-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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x*. 730. - Wien, Mittwoch, fl. Februar 1938. Salt« 3 Die Chancen der rumänischen Wehten: Goga oder Codreanu? Von unserem nach Rumänien entsandten Sonderberichterstatter Die Menschen können sich — und das nicht zu verwundern — nur schwer daran gewöhnen, Unglaubliches, auch wenn es schon zur greifbaren Tatsache geworden ist, zu fassen. So ist es verständlich, daß es auch heute noch in Rumänien und (wie man aus den Zeitungen entnehmen kann) auch im Ausland Menschen gibt, die sich den Kopf darüber zerbrechen, ob das denn auch alles so bleiben werde, wie es jetzt ist, und ob man das unmögliche und unmenschliche Programm auch vollstrecken wird. Es wird demnächst in Rumänien wieder gewählt und dieser Umstand verlockt natürlich noch mehr zu Spekulationen über die Möglichkeit einer Rückgängigmachung dessen, was geschehen ist. Der gewöhnliche Europäer sagt sich: Wenn gewählt wird, soll das doch eine Entscheidung bringen, sonst haben Wahlen keinen Sinn; also warten wir ab, was die Märzwahlen in Rumänien bringen. Andere wieder bemühen sich, herauszufinden, was wohl vom König zu erwarten sei, und meinen, Garol habe mit Goga ein Experiment gemacht, er habe ihn a__,_ sichts des Ergebnisses der letzten Wahl eigentlich nur aus Verlegenheit ernannt, und er werde gern die erste Gelegenheit ergreifen, um ein seiner eigenen Sinnesart entsprechendes Regime aufzurichten. Gefährliche Illusionen Soll man den Menschen noch das bißchen Zeit für Illusionen gönnen, soll man sie bis zum März hoffen lassen — oder soll man frei heraussagen, was man auf Grund dessen, was man gehört und gesehen hat, über die weitere Entwicklung denkt? Ich erinnere mich an den Fall Deutschland: man klammerte sich krampfhaft an allerletzte Illusionen, man begnügte sich mit jedem „kleineren“ Übel, und wenn es auch nur mehr um Nuancen kleiner war als das größte Obel, bis man ganz unvorbereitet in die Katastrophe hineintaumelte. Das hat keinen Sinn. Man soll die Dinge natürlich nicht schwärzer seben, als sie sind, aber vor Realitäten, und wenn sie noch so schlimm sind,- darf man nicht die Augen schließen. Die Illusionen muß man sjch abgewöbnen, die Gefahren muß man sehen, das ist die erste Voraussetzung für eine Abwehr. Überlegen wir einmal, welche Kräfte denn vorhanden sind, von denen man in Rumänien eine Wendung zum Besseren oder wenigstens eine Abwendung des größten Unglücks erhoffen könnte? Diejenigen, die noch hoffen, verweisen auf die Liberale Partei Tataresens oder die Nationalzaxanisten Maaini. Tatsächlich waren diese zwei Gruppen einmal Wälle gegen die faschistischen Kräfte Aber heute auf sie Hoffnungen setzen, ist aus zwei Gründen naiv: Erstens, weil die Führergarden beider Parteien selbst schon viel zu sehr faschistisch und antisemitisch infiziert sind und tatsächlich unter dem Druck der Schlagworte und der Garden Gogas und Codreanus stehen, zweitens weil gar keine reale Möglichkeit besteht, daß eine dieser Gruppen durch die Wahlen an die Macht komme. Moni« gegen improvisierten Antisemitismus Es ist erstaunlich, wie schnell man vergessen hat, daß doch gerade Tatarescu die ersten schweren antisemitischen Maßnahmen getroffen, daß seine Regierung die Nationalisierung der Wirtschaft angeordnet und mit der stillen, aber systematischen Ausbürgerung von Juden begonnen hat. Noch vor den Wahlen waren zum Beispiel in Czernowitz schon 220 Juden ihrer Staatsbürgerschaft verlustig erklärt worden. Und was Maniu anlangt, so geben seine und seiner Unterführer Erklärungen zur Judenfrage, die sie in ihren ersten Wahlreden gemacht haben, schlimme Auskunft über ihre Hal- Sie agitieren gegen die Regierung Goga mit dem Vorwurf, sie vollstrecke das Programm nicht oder nicht richtig, sie löse ihr Versprechen, Rumänien den Rumänen wiederzugeben, nicht ein! So hat M i c h a I a k e, Manius Stellvertreter in der Führung der Partei, in Kimpolung wörtlich folgendes gesagt: „Ich habe einmal in einem Gespräch mit Cuza auf dessen Frage, ob nach meiner Meinung in Rumänien eine Judenfragc existiere, geantet, es sei unbedingt notwendig, daß wir die nach dem Krieg eingewanderten Juden ■ Revision unterziehen, daß wir aber auch anderseits die altansässigen Juden Rumäniens planmäßig durch entsprechend ausgebildete Rumänen im Wirtschaftsleben ersetzen. Um zu zeigen, wie man das macht, lud ich einmal alle Politiker zu uns nach Topoloveni ein, wo früher der Markt Juden nur so wimmelte und heute aus-; schließb'eh Rumänen Handel betreiben, die ' in den Genossenschaften kaufmännisch .gebildet haben. Cuza gefiel meine Idee aber nicht Er meinte, man solle die Juden einfach ins Schwarze Meer werfen. Heute hat Cuza auf die Entfernung der Juden und ihren Austausch gegen Rumänen verzichtet, und er begnügt sich mit oberflächlichen Maßnahmen, die höchstens zum Wählerfang gut sind. Die Führer der Nationalchristlichen Partei verraten das Programm ...“ Also: Die Partei, auf die mau jüdische Hoffnungen setzen möchte, rühmt sich, daß sie sich auf den Antisemitismus besser verstehe als Cuza und Goga, die nur antisemitische Raketen steigen ließen, aber die Juden in ihren Existenzen belassen (was natürlich, wie die bisherigen Ereignisse zeigen, gar nicht wahr ist). Der Parteiführer Julius Maniu selbst drückte sich weniger kraß, aber auch unmißverständlich aus. Er meinte, „es sei natürlich, daß die Vorrechte des rumänischen Elements, seine Wiedereinsetzung in seine natürlichen Rechte... ein grundlegender Punkt des Programms jeder rumänischen Partei sind, aber die Verwirklichung dieses Zieles erfordert ein ganze« System positiver Verfügungen, die ein improvisiertes Regime zu treffen nicht imstande ist...“ Verlangen nach Ausdehnung der Ungerechtigkeit Manius Organ, die „Dreptatea“, verlangt — die Ausdehnung der Revision der Staatsbürgerschaften auf alle Minderheiten, das ist alles, was es gegen das Gesetz einzuwendeu hat. Das sieht nach Gerechtigkeit aus, weil gegen ungleiche Behandlung verschiedener Gruppen von Staatsbürgern protestiert wird, aber tatsächlich bedeutet eine solche Forderung nur die Ausdehnung der Ungerechtigkeit auf andere. Im übrigen hält das Blatt an der Fiktion der massenhaften erschlichenen Staatsbürgerschaften von Juden fest, obwohl sein Redakteur natürlich genau weiß, daß die Zahl der Juden in Rumänien seit dem Krieg wesentlich abgenommen hat» Günstige Berufsaussichten Spratt'enkurse mit Afcsditußdlp.'om r «Dgl-, itai., fr&na.» spaa, porlag., hebräisch Englische Re fepr hingen Italienische Matura Kindergärtnerinnenem nar Fachausbildung mit *wei Fremdsprachen Lehrgang für Laborantinnen Schule für Kunsthandarerk^ RekUmeteicbnen — Beruf»Obarl».tun« Landschulheim Florenz Höhere SoHule und Internat für Knabe« u. Mäddi«n von * bis S) Iahten Oberreflierungerat flrtniu (ilnlla) Plan del Olullarl 31 Auskunft Bruno Hella, V„ üassergasse 33 Wae käme nach all dem heraus, wenn Maniu nun wirklich bei dem Wahlen siegte und die Regierung bildete? Ein organischer, systematischer Antisemitismus — soweit die Eiserne Garde ihm Zeit ließe, organisch und systematisch vorzugehen. Siamesische Wahlen Aber, wie gesagt, Maniu hat, ebensowenig Aussicht, wie Tatarescu, aus den Wahlen siegreich hervorzugehen. Man weiß, wie in .Rumänien Wahlen gemacht werden. Tata- I rescu war. seitdem in Rumänien gewählt wird, der erste Regierungschef, der bei Wahlen (lurchgefallen ist. Goga wird es besser machen. Reste von Bedenken gegen die Anwendung der letzten Mittel von Gewalt und Schwindel, wie sie bei den Liberalen vorhanden sein mögen, werden die Christlich- Nationalen nicht haben. Sie wissen, daß eine ’ Chance, wie gie ihnen jetzt geboten ist, nie wieder kommt, und danach werden sie handeln. Man sagt in Bukarest, die Märzwahlen würden schon keine rumänischen Wahlen, das würden — siamesische Wahlen sein. Das ist eine Anspielung auf die Herkunft des neuen Abstimmun^ssystems. In Rumänien hatten immer alle Parteien mit Rücksich auf die Analphabeten ihre besonderen Zeichen, die auf den Abstimmungslisten neben dem Namen der Partei angebracht waren. Diese Zeichen blieben im Laufe der Jahre unverändert, so daß sie sieb dem Wähler schon gut eingeprägt haben. Es waren einfache Zeichnungen. So hatte die Bauernpartei einen Kreis, die Partei Codreanus ein Quadrat mit zwei Punkten. Die Regierung Goga hat die Zeichen abgeschafft, ihrer Stelle Punkte eingeführt» Die i und Parteien werden nach der Zahl dieser Punkto zu erkennen sein. Die Zahl der Punkte wieder wird durch die Reihenfolge der Einreichung der Kandidatenlisten bestimmt. Nun hat Goga natürlich dafür gesorgt, daß seine Partei inj Augenblick der Publikation der neuen Wahlordnung ihre Liste beim zuständigen Amt überreiche, so daß sie einen Punkt bekommt und an der Spitze der Parteien steht» Es gab wegen der weiteren Reihenfolge dann einen Streit, der vor dem obersten Wahlausschuß ausgetragen wurde, Codreanus Leute waren nach Schluß der Amtszeit in das Ministerium de« Innern, in dem die Wahlbehörde amtiert, eingedrungen und hatten die Übernahme der Liste erzwungen, wodurch sie an die dritte Steile kamen. Maniu glitt auf die sechste Stelle ab und geriet, damit auf die Rückseite des Wahizetteis, weil er erst am Tag nach der Publikation der Verordnung seine Liste überreichte. Der oberste Wahlausschuß hat auf seinen Protest hin Codreanu an di« sechste und Maniu an die dritte Steile gesetzt Dieses Punktesystem hat den Zweck, zunächst Verwirrung anzurichten, dann aber meint, man, der Bauer werde automatisch sein Zeichen neben (len einen Punkt der Regierungspartei setzen, der noch dazu an der Spitze der Liste ist.. Diese Idee mit den Punkten aber bekam der Innenminister aus Htaciih, Bü&ee und die (udcscUe Seeie Zu seinem 60. Geburtstag Von Dr. Alfred Werner. Stiller iet es im Laufe der letzten Jahre um Martin Buber geworden, der Gratulanten sind heuer weniger als anno 1928, da nicht nur die Judenheit aller Länder und aller Richtungen, sondern auch das protestantische und das katholische, das liberale und das konservative Deutschland den Schriftsteller, den Lehrer, den religiösen Erwecke* feierten. Eine rein äußerliche Wahrnehmung — und doch hat diese Erscheinung symptomatischen Charakter. Haben demnach Wirken und Wirksamkeit Bubers eine Minderung erfahren? Wohl ist dem heute wie je Unermüdlichen gewaltsam der Raum seiner Tätigkeit eingeschränkt worden, aber diese Feststellung erfaßt doch nur einen Teil der tiefgreifenden Wandlung: die (relativ) befriedete Vorkrisenwelt von 1928 ist wesensverschieden von de* großen Krisen zeit, in die Bubers 60. Geburtstag ölltl Wenn nun Buber auf seine fast vier Jahrzehnte umspannende schöpferische Arbeit als Reformator des Judentums, als Fortgestalter des Zrömemns, als Brückenbauer zwischen den Nationen und Konfessiooen zurückblickt: muß er da nicht ans?©- sichte der Wahn- und Qualwelt ringsum, die, von Gutgläubigen bereits totgewähnt, wiederaufgestanden ist, am Sinn seines Wirkens verzweifeln, mit dem Geisterehor aus „Faust“ klagen „über die verlorene Schöne“? Nicht in allen Punkten hat Buber' gehaltenen, Brief an Herzl — vom 26. Mai recht behalten, die rauhe Wirklichkeit hat 1903 — als Visionär erweist, wenn er den die Realpolitiker oft siegen lassen über den 1 „hofunfähigen Idealismus“, der in seiner schwärmerischen Utopisten; der Kultureigenen, oppositionellen Gruppe brennt, Politiker, der Künstler, der relineben He*zls persönliches „Traum- und Tatgiöse Mensch Buber jedoch bat sich Ideal“ als die Kraft der nationalen Beweso fest in der Liebe des jüdischen Volkes gung setzt, indem in diesen beiden „in Ihrer verankert, daß dieses der Dankespflicht fast konsequenten Energie und in unserer vergißt, obwohl Bubers Werke, aus dem schrankenlosen Begeisterung — der Sinn kalten Buchstaben in blühendes Leben ver-1 der Historie und ein Stück Volksschicksal“ wandelt, bereits Teile des Seelenkapitales lebe. sind, womit der Jischuw, womit Israel inj Schon von Kindheit, an waT ja Buber auf der Galuth schaltet... das innigste mit Religion und Volkheit Längst ein Stück Geschichte ist die 0 pverbunden: durch seinen gelehrten Großposition, die einst unter der Führung j vater Salomon Buber. den .„letzten des erat zwekmdzwanzigjährigen Studenten! Meister der alten Haskala“, wie. ihn sein der Philosophie und Kunstgeschichte Martin ’ Enkel in einer Buchwidmung preist, durch Buber (und des vor kurzem verstorbenen j die frühe Begegnung des zwar in Wien ge- Berthold Feiwel) auf dem Kongreß dem borenen, aber in Lemberg aufgezogenen Schöpfer des politischen Zionismus ent-: Knaben mit dem Chassidismus, der gegentrat. „Für Buber bedeutete der Zio- Bewegung, worin man jene volle Menschnfcmus eine ,Weltanschauung', für Herz! lichkeit, jenes unverkümmerte Leben aus eine politische Aktion. Hm zu einer Frage der Fülle des Herzens und des Geistes Ander Politik gemacht zu haben, war ja sein den konnte, die einem in der zeitgenössigrößtes Verdienst“ (Alex Bein). Vielleicht sehen Judenheit abgehen mußten, jener hat es der Altersunterschied be-j Mutvollen Strömung, die Nathan Birnwirkt, daß der Künstler Herzl, der den bäum aus einem dionysischen Bedürfnis der Dreyfns-Prozeß aus unmittelbare* Nähe er- \ Masse, als wilde Auflehnung der Lebenslebt hatte, den stärkeren Akzent auf die säfte gegen die lebensvertrocknende Alt- Politik setzte, während Buber, der un- Orthodoxie zu erklären suchte. Ihr benachgestüm jugendliche Idealist, sich beengt bart aber traf der Jüngling gerade in seinem fühlte durch die gebundene Marschroute der Großvater einen prominenten Vertreter Partei. Dennoch hat sich Bubers kulturelle eineranderen, einer Gegenströmung an: der „Gegenwartsarbeit“ planvoll einge-j A n f k 1 ä r nng, die, aus Sehnsucht nach fügt in den mächtigen Bau deT jüdischen Freiheit und Schönheit, die Schranken zer- Renaissance, unschätzbare positive Kräfte brechen wollte, welche das starre Judentum sind dem Zionismus zusreströmt aus seinem von den Geistes- und Seelengutem der euro- und seiner Gruppe Wirken, so daß Buber päisehen Kultur trennen. Beide Erscheinen Herzl freimütig zum Redakteur der, nungsformen des neueren Judentums gru- „Walt“ erkoren) sich In seinem, polemisch iben Erlebnissparen tief in die Seele des aufhorchenden und wißbegierigen jungen Juden: der Weg ist ihm mm vorgezeichnet, den das Judentum gehen muß, um beide, ihm teuer gewordenen Schicksalselemente fruchtbringend zu vereinigen: die Ha«- k.ala, der wir eine neuhebräischo Literatur, die religiöse Reform, ein neues Erziehungswesen und die „Wissenschaft des Judentums“ verdanken, und den Chassidism u s, der den einzelnen wie die Masse näher bringt zu Gott, der ihn fähig macht zum Sichemporhr-bcn zum Göttlichen, das in jedem, auch im geringsten Ding, enthalten äst. Es ist der Weg der Synthese! „Das Kind ist, dos Mannes Vater“, dieses Wort des englischen Dichters erweist auch an Buber seine Gültigkeit. Der Dreißigjährige, der die Legende des Baal Sehern aus „später, oft verstümmelter Nachschrift von Schülerhand“ oder aus „Aufzeichnungen versprengter mündlich überlieferter, vielfach überbauter Motive, an denen die Phantasie des Volkes weitergeschaffen hatte“ (H. Kohn) umdichtend formt, der Vierzigjährige, der in bitterer Weltkriegsnot den Weg aufzeichnet, der ihn zum Chassidismus geführt, der Fünfzigjährige, der zusammen mit einem Protestanten und einem Katholiken eine Zeitschrift berausgibt, die übe* die „Besonderheit der Religionen und Völkerschaften, die jede eine von ihren Wahrheiten aus verschiedene, aber von der Wirklichkeit der Erfüllung aus gemeinsame Richtung haben“, die „Verbundenheit der gesehöpflichen Weit“ demonstrieren will: endlich der Sechzigjährige, der, umbrand c^t von den Haßwogen des teutonischen NationalchauvinIsmus mundtot, gemacht, in. Einsamkeit an der Vollendung der seinerzeit gemeinsam mit Franz Rosen-