Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 11 (1937-1938)
- Issue
- Heft 723 (24.1.1938)
- Date
- 1938-01-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 723. — Wien, Montag, 24. Jänner 1938. OIE STIMME Seite 3 den. -In den Gemeindeschulen sollten solche Fremdsprachen unterrichtet werden, die vom Gesichtspunkt der Auswanderung wichtig sind; außerdem solle Neuhebräisch unterrichtet werden. Dr. Fried trat ferner für Beteilung der Kleinkaufleute und Gewerbetreibenden mit Darlehen ein. Auch er verlangte Reform des Wahlrechtsystems. Zum Schluß stellte er die Forderung, daß die Gemeinde aktiv an der Arbeit der Jewish Agency im Rahmen derselben teilnehme. Dr. Leopold 0 s z t e r n setzte sich dafür ein, daß die Rabbiner in einen engeren Kontakt zur Jugend treten. Ende einer Anschuldigung Die ,.W a h r h e i t“ veröffentlicht in ihrer letzten Nummer auf Grund eines Vergleiches in dem Ehrenbeleidigungsprozeß, den Kultusvorsteher Dr. Isidor Klaber gegen sie anstrengte, folgende Erklärung: In der Zeitung „Jüdische Wochenschrift Die Wahrheit“ vom 2. Juli 1937, Nr. 26, ist auf Seite 3 ein Artikel veröffentlicht, in welchem Herrn Dr. Isidor Klaber vorgeworfen wurde, daß er als jüdischnationaler Obmann der Schulkctnmission mit Vergeltungsmaßnahmen drohe, wenn Lehrer nicht jüdischnational sind. Dieser Artikel wurde auf Grund zugekommener Informationen geschrieben und veröffentlicht. Da ich mich überzeugt habe, daß diese Anschuldigung auf Grund mißverstandener Informationen erhoben wurde, ziehe ich diese Anschuldigung mit dem Ausdrucke des Bedauerns zurück. Oskar Hirschfeld. ken Anlaß. Die von der ..Reichspost“ gegebene Interpretation, daß politische Flüchtlinge gemeint seien, vermag die Bedenken absolut nicht zu zerstreuen. Der Begriff „politischer Flüchtling“ kann sehr „wi herzig“, das heißt, wilikürlicb ausgelegt werden, Jeder Jude zum Beispiel, welcher der durch die Politik Gogas und Cuzas geschaffenen Hölle entrinnen und hier mit Unterstützung verwandter oder befreundeter Gesinnungsgenossen verschnaufen und nach einer Auswanderumrsmöglicbkeit Ausschau halten will, könnte nach dieser Fassung des Fremdengesetzes sogleich an die Grenze zurückbefördert werden. Dagegen ist die Annahme nicht ungerechtfertigt, daß die gewissen Personen, die aus einem! westlichen oder einem nördlichen Nachbarland einreisen und sich hier von Gesinnungsfreunden zum Dank dafür auslialten lassen, daß sie ihnen unösterreichiscbes Wesen beizubringen versuchen, die Schwere der zitierten Anordnung weniger zu spüren bekommen werden. Deshalb wäre es eines Kulturlandes. das doch Österreich bleiben will, würdiger, eine solche teils unmenschliche, teils zwecklose Bestimmung iii das Fremdengesetz gar nicht, amfzunehmen. Schließlich; ist auch in Erwägung zu ziehen, daß solche,' man kanu ruhig sagen, gehässige Anordj nungen leicht Repressalien in anderen Staaten zur Folge haben. 135.090 Juden aus Deutschland ausgewaudert Das Fremdengesetz Die „Reichspost“ wußte vor einigen Tagen mitzuteilen, daß das geplante Fremdengesetz, das bereits wiederholt, angekündigt worden ist, gegenwärtig von den Referenten der beteiligten Ministerien und Behörden beraten werde und in der Hauptsache folgende Bestimmungen enthalten eolle. Nach einem dreimonatigen Aufenthalt im Bundesgebiet muß jeder Ausländer, selbst ein Vergnügungsreisender, sich um die Erlaubnis bewerben, in Österreich zu verbleiben. Wer einem Erwerb nachgehen will, sei er Unternehmer oder Angestellter, muß unmittelbar nach der Einreise sich jene Erlaubnis erwirken. Dasselbe gilt von allen Personen, die von Unterstützungen anderer leben, (He nicht nach dem Gesetz zu ihrem Unterhalt verpflichtet sind; damit solle es . unmöglich gemacht werden, hieß es in der „Reichspost“, daß politische Flüchtlinge hier auf Kosten ihrer Gesinnungsgenossen leben. Die Gesuche um jene Bewilligung werden bei der zuständigen Bundespolizeidirektion, am Lande bei den Bezirkshauptmannsohaften einzubringen sein; über sie entscheidet in der bundeeunmittelbaren Stadt Wien der Bürgermeister, in den Bundesländern der Landeshauptmann. Die Bestimmung, daß auch Personen, die sich hier mit Unterstützung von Freunden oder nicht unterhaltspflichtigen Verwandten aufhalten könnten, also nicht der öffentlichen Mildtätigkeit zur Last fallen würden, sofort bei ihrer Einreise einer speziellen Erlaubnis bedürfen, gibt zu schweren Beden¬ In der ..Population“, der Londoner Zeitschrift der „International Union for the Scientific Investigation of Population Problems“, veröffentlicht Dr. Kurt Zielenziger. Amsterdam, einen Artikel „Die Auswanderung der deutschen Juden seit 1933“. Auf Grund sorgfältiger Erhebungen kommt der Verfasser zu dem Schluß, daß bis zum Ende des Jahres 1937 aus Deutschland ungefähr 135.000 Juden ausgewandert sind. Die Auswanderung verteilt sich w'ie folgt: Nach den europäischen Ländern 30.000 nach Nordamerika.15.000 nach Südamerika.21.000 nach Südafrika.4.000 nach der übrigen Welt. . . . 2.000 nach Palästina. 43.000 Rückwanderer nach Osteuropa^ 20.000_ in Summa.7T35.0ÖO- Die Auswanderung deutscher Juden nach den einzelnen Ländern ist besonders schwer festzustellen, weil behördlich ermittelte genaue Zahlen fast nirgends existieren. Hinzu kommt noch die Tatsache, daß zahlreiche deutsche Juden besonders aus den europäischen Ländern, die ihre ursprüngliche Zufluchtsstätte waren, weiter gewandert sind. Durch direkte Ermittlungen kommt Zielenziger zu folgenden Feststellungen über die europäischen Staaten. Die Verteilung auf die europäischen Staaten Man zählte Ende des Jahres 1937 unter Berücksichtigung aller Unsicherheitsmomente in: England .4.000 Frankreich . 6 000 Holland .5-000 Schweden. 800 Dänemark .1.000 Norwegen. . 300 Österreich . . . 1.500 Jugoslawien . 450 Tschechoslowakei .1.000 Luxemburg . 200 Italien .2.000 den übrigen europäischen Ländern 9.800 Der Gesaintverlust durch Tod, Austritt und Auswanderung hat die Gesamtzahl der jüdischen Bevölkerung Deutschlands inzwischen auf 360000 Köpfe verringert. Sie hat also seit der Volkszählung im Juni 1933 um fast 30% ab genommen, seit Beginn des Die Erhebungen, die Zielenziger angestellt Reichsdevisenstelle gab nun den Ausschlag für die Beschlagnahme. Streicher beschuldigte die Relchsdevisenstelle, daß sie jüdischen Studenten Devisen zur Ermöglichung ihres Studiums an ausländischen Schulen zur Verfügung stellt. So zum Beispiel werde zahlreichen jüdischen Studenten aus Deutschland der Besuch der Thora- Schule in Montreux (Schweiz) durch Zuteilung von Devisen durch die Reichsbank ermöglicht; im deutschschweizerischen Reiseabkommen sei eine Zuteilung von Devisen an jüdische Studenten ausdrücklich zu diesem Zwecke vorgesehen. Streicher verlangte, daß den zuständigen höheren Beamten der Reichsbank 1 or- J u de gehalten werden. Umgang hat, decken sich also mit. der Erklärung in dem kürzlich veröffentlichten Aufruf der ,Reichsvertretung der Juden in Deutschland“, in dem es heißt: „Etwa ein Dritte! des früheren Bestandes der jüdischen Bevölkeig bat Deutsoldand bereits verlassen...“ bedeutungsvoll die Auswanderungsziffern ftir die Geschichte des deutschen Judentums sind, so beweisen diese statistischen Erhebungen in der „Population“, wie sehr sieh die Verstreunng der deutschen Juden fort setzt und wie wenig sie im llgemeinen die Zufluchtslänerbelastet Der Verfasser erklärt, daß bei dieser Auswanderung die verschiedensten Momente mitsprechen, „neben den politischen und wirtschaftlichen auch die seelischen“, er weist auch darauf hin, daß der Auszug so zahlreicher Menschen, die bisher in Deutschland auf den verschiedensten Gebieten erfolgreich gewirkt hatten, der vielen Gelehrten, Ärzte, Anwälte, Ingenieure, Künstler und Schriftsteller für das Auswanderungsland einen Verlust bedeu- Io seiner statistischen Abhandlung konnte der Autor aber nicht betonen, wieviel Leid und wieviel Elend sich hinter diesen trocke- Zahlcn über die Auswanderung der deutschen Juden verbirgt,. Nur unter stärkstem politischem Druck hat diese Wanderungsbewegimg eingesetzt., durch die bereite ein Drittel der deutschen Juden gezwungen wurde, ihre, Heimat zu verlassen. Weshalb der „Stürmer“ beschlagnahmt wurde Berlin, 23. Jänner. (JTA.) Die letzte Ausgabe von Julius Streichers „Stürme r“ ist beschlagnahmt worden, aber nicht, wie verbreitet wird, wegen der in ihr enthalten gewesenen Forderung nach Einführung der Todesstrafe für Rassenschande — obwohl Streicher gleichzeitig unflätige Angriffe gegen deutsche Richter schleuderte, weil sie seiner Meinung nach Rassenschandedelikte zu milde beurteilen — sondern wegen eines schweren Angriffs auf die Reichsdevisenstelle. Immer wieder beschweren sich deutsche Reichsstellen bei der Reichsregierung, daß Streicher im Zuge seines Kampfes gegen das Judentum auch Behörden diffamiert und eie der Judenfreundschaft bezichtigte. Der Angriff auf die Jugendliche Amtlich wird mitgeteilt, daß eine Anzahl von Personen testgenommen wurde, die in den Abendstunden der letzten Tage die Auslagenscheiben „einiger Geschäft e“ in Wien mit Steinen oder Eisonstiieken zertrümmert; haben. Diese Geschäfte sind natürlich jüdische Geschäfte und die Festgenommenen, Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren, gehören der illegalen Hitler-Jugend an. Es handelt, sich um eine organisierte Aktion. Das „Neuigkeits-Weltblatt“ erklärt, daß die Verantwortlichen ins Kriminal gehören. Ja, aber wer sind denn die Verantwortlichen? Doch nur jene Werbeleiter und sonstigen Redner und Ausstellungs- Veranstalter. die in der bekannten Rinnsteinpresse und in Versammlungen über die Schädlichkeit der Juden reden und öffentlich den Boykott fordern. Es ist, sicher, daß ein geheimes Zentrum der Nationalsozialisten existiert, das die Bübereien in ein geordnetes System bringt, aber es gibt auch eine öffentliche, jederzeit greifbare Stelle, von der die intellektuelle Urheberschaft, ausgeht. Es gibt, Jugendliche in Menge, die zu den Veranstaltungen des AntisemitenbundeB laufen, die da« „Deutsche Volksblatt“ ständig lesen und immer darauf aus sind, so zu zwitschern, wie die Alten sungen. So ein Bub hat den begreiflichen Ehrgeiz, zu zeigen, was er gelernt hat, und die politischen Theorien so auszuführen, wie das von ihm erwartet wird. Die Rede eines Kaplans Die Klagenfurter „Freien Stammen“ vom 22. Jänner berichten: Am Sonntag, den 16. d., fand im Schwarzautale eine große Werbeveraam ml uug statt, die, wie alle Veranstaltungen des Antisemitenbundes in letzter Zeit einen Massenbesuch auf wies. In dieser Versammlung, deren Vorsitz Dr. B o u v i e r führte, sprachen zunächst die in der Steiermark bereits bestens bekannten, erfolgreichen Redner: Friedrich Urwalek und Thomas Wetschnig. Zu ihnen gesellte sich der Ortskaplan Stitz, der als Gastredner um das Wort gebeten hatte, das ihm gern erteilt wurde. Wiederholt von Beifall unterbrochen, führte der Redner aus, wie wichtig der Antisemitismus für Österreich seL Er betonte vor allem die Notwendigkeit eines praktischen Antisemitismus. Die ländliche Bevölkerung solle nur beim ortsansässigen arischen Kaufmann kaufen und nicht in den jüdischen | Eingang seines Buches setzt, hat diesen Ge-1 danken verwirklicht, indem er mit der ge- I schichtliehen Darstellung eines Zeitraumes auch die ewigen, unveränderlichen Wesenszüge des Judentums zum Ausdruck gebracht Auf eine neue, bisher unbekannte Art j aAuf dfm ersten B]i(.k fet KoWers Buch stellt Kobler die Geschichte des Zeitalters. njgtorie. Allerdings wird diesmal «er Emanzipation dar. Was er mit. seinem | nuf gin Ja}jrh,UD(iert behandelt. Aber gerade ersten Werk: „Juden und Judentum m deut- - ■ - ... l&dUcke' (fmUickie U% Briefe***) sehen Briefen aus drei Jahrhunderten“ bereits mit überraschendem Erfolg versucht hat, gelingt ihm hier in vollendeter Meisterschaft: Nicht fortlaufende Geschichtserzählung, aber auch nicht interessantes Quellenmaterial, sondern eine voll gelungene Synthese beider Mittel, wodurch die Schilderung dieses entseheidungshaften Kapitels unserer jüngsten Vergangenheit das Höchstmaß an Lebendigkeit, Farbe und Gestalt gewinnt» „Das Judentnm, erläutert in Form von Briefen, ist eine Idee, die mich begeistert und entflammt“, hat vor fast einem Jahrhundert der große Samuel David Luzzatto, der selbst ein genialer Briefschreiber war, bekannt, und Kobler, der diesen Satz als Motto an den Franz Koble „Jüdische durch diese Begrenzung kann die ganze Breite des Geschehens umfaßt werden, so daß hier nicht mehr das deutsche Judentum alein, sondern die ganze Vielfältigkeit jüdischen Schicksals geboten werden kann. Gerade dadurch aber wird neben dem Kampf um die bürgerliche Gleichberechtigung (Emanzipation) und neben der Selbstaufgabe (Assimilation) als Preis für dieses selbstverständliche Lebensrecht auch die positive und schöpferische Leistung des scheinbar nur negativen Zeitalters sichtbar. Hat ja auch Dubnow diese« Zeitalter einzig durch den Rhythmus von Emanzipation und Reaktion gegliedert. Kobler aber arbeitet gerade das innere und kulturelle Geschehen heraus. Die Träger der Erneuerung des Judentums in dieser Epoche sind ihm nicht weniger wichtig als die politischen Ereignisse und *efen aus Ost und ai<s Cu6 poiiuscntjn £»rei^iusbe uuu wixi»- West0“, das * Zeitalter der Emanzipation, im Ischaftlichen Wandlungen. Das ist nur mög- Saturn-Verlag, Wien 1988. |hoh, weil Briefe von innen her Geschichte bezeugen, weil sie Erlebnis, Stimmung, Gedanken und Strömungen festhalten, die Geschichtsquellen, wie Akten und Urkunden kaum ahnen lassen. Und damit sind wir bei dem letzten Ziel, das Kobler vor Augen steht. Alle Irrungen und Wirrungen der Epoche führen zur „Begegnung des Judentums mit sich selbst“. Wesen und Sinn des Judentums soll aus all dem Abfall vom Judentum und all dem Bekennen zum Judentum deutlich werden. Man lese da« Kapitel, das S. D. Luzzatto. dem „Einsamen von Padua“, gewidmet ist! Hier bat Kobler einer unwissenden und schnell vergessenden Gegenwart die mutige Originalität eines Großen in Israel wiederentdeckt. Der rationalistischen Epoche, die abstrakte Ethik mit Judentum gleichsetzte, stellt Luzzatto die aus dem irrationalen Glauben strömende Kraft jüdischer Religiosität gegenüber. Schon daß Kobler dieser Gedankenwelt, die bis heute nur von Simon Bemfeld und Sehalom Spiegel zusammengefaßt worden ist, die lebensvolle Form einer Auswahl bezeichnender Briefe aus dem unübersichtlichen Meer seiner vielfältigen Korrespondenz gegeben hat, ist ein nicht hoch genug zu wertendes Ve.rdienst Ähnliches gilt auch für den Erwecker Perez Smolenskin, während noch der Abschnitt „Jüdische Künstler“ die Gleichgültigkeit! und Abneigung der Schaffenden dem Judentum gegenüber zeigt Noch ein Wort über die wundervolle Architektonik des Buches. Wir Juden sind nicht darin verwöhnt, daß unsere Autoren neben dem Gehalt auch der Gestalt ihrer Werke Aufmerksamkeit widmen. Kobler aber hat hier einen wohldurwhdachten, ästhetisch im höchsten Grade wirkungsvollen Bau errichtet Von Georges Washingtons Briefen an jüdische Gemeinden in Amerika, die den starken Akkord edelster und hoffnungsvollster Humanität anschlagen, bis zu den gutgemeinten Poesien der amerikanischen Jüdin Emma Lazarus spannt sich der Bogen dieser Tragödie, die nach bittersten Enttäuschungen in verantwortungsbewußte Selbstbesinnung und freudiges Siebselbstfinden ausklingt. Und wenn'zu all diesen Werten des Koblerschen Buches noch die Feststellung hinzukommt, daß hier ein stupendes Wissen um die gedruckte und ungedruckte jüdische Briefliteratur in beinahe allen für die Juden wichtigen Sprachen ausgeforsobt und wichtiges Material zusammengetragen wmrie, so darf wohl gesagt werden. daß dieses Buch eine epochale Tat im jüdischen Geistesleben bedeutet, die unseren tiefsten Dank verdient. w. stein.