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Die Stimme · 1938-01-21 · Heft 722 (21.1.1938) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
11 (1937-1938)
Issue
Heft 722 (21.1.1938)
Date
1938-01-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 788. — Wien, Freitag, Sl. Jauner 1938. Seit« 3 r- Geistige Arbeit«* -> Fronen, Hartleibige, IcfdU Zuckerkranke Simonsbrol «■ Na «>u«n «Mi Vit««nt n «HU ■« Btriter, K«m, Ha«t| «de- ManMtad* wkr nahrialt- In den b*mtcnT<inl»>tlMUH«H«n and <Wu Bäckerei«, »■ haben. Gratl« Aonpekt. V. awnduntfabHk, Wien, «/« - TäfL V»mrf. eben, die über Aufruhr zetern, fest, daß die jüdische Presse mit größter Vorsicht über Rumänien berichtet. Was sie melden muß, ist auch in anderen Blättern zu lesen. So be richten die „Wiener Neuesten Nachrichten“ am 12. Jänner über Judenausschluß ans der Advokatenkammer; am 13. „Keine Juden in den Staatstheatern“; am 14. ,Keine jüdischen Kassenärzte“; am 17. bringen sie die Drohreden Gogae und Gazas; am 18. „Jiddisch in Bessarabien verboten“. Das ist freilich noch sehr wenig im Vergleich zu den. sagen wir Meldungen, die diese Art Presse täglich über die Lage der Deutschen in der Tschechoslowakei in Umlauf setzt. Das ist Welthetze. Die Bodenständigkeitsphrase Eine alpenlindische Pressefahrt Vom 14. bis 16. d. weilten 30 Vertreter der Presse ans den Bundesländern in Wien. Die Einladung war von der Stadt Wien uni ihrer Fremdenverkehrs stelle ausgegangen. In einem Bericht der „Innsbrucker Nachrichten“ wird u. a. das folgende erzählt: „Von berufener Seite wurde auf die erschreckende Verseuchung F JS WEEKEND UND REISEN DIE BESTEN WÜRSTE U. KONSERVEN VON EISEN Wiens durch volksfremde Elemente hingewiesen und die Bundespresee um Unterstützung des Kampfe«, den die bodenständige Bevölkerung gegen diese Seuche führt, gebeten. Eine Bitte, die bei deT alpenländischen Journalistik stärksten Anklang gefunden hat. Freudig wurde die Zusicherung gegeben, daß Wien in diesem Kampfe von den Ländern nicht im Stich gelassen werden wird.“ Leider wird verschwiegen, ob sieh die berufene Seite in der Leitung der Stadt Wien oder der Fremdenverkehrsetelle befindet.) Aus ihrem Hinweis, der durch die Tatsachen j widerlegt wird, grinst wieder der boden-, ständige Futtemeid. Die mit dem Fremden-, verkehr befaßten Stellen werden sich wundem... „Welthetze" „Die Stimme“ hat am 14. Jänner einen Brief des gewesenen Abg. Dr. Reifer aus Czernowitz über die Vorgänge in Rumänien veröffentlicht In dem Brief, der, wie wir hervorgehoben haben, vom 11. Jänner datiert war, hieß es, daß bis zu diesem Zeitpunkt keine sonderlich auffälligen Maßnahmen der Regierung erfolgt waren. Darauf nehmen die ,.W ienerNeuestenNachrichten“ Bezug, um sich über das aufgeregte Geschrei der internationalen demokratisch tuenden Judenpresse zu mokieren. Dies sei ©in nicht unwesentlicher Beitrag zu dem Kapitel „Vergiftung der öffentlichen Meinung der Welt“ durch die jüdische Weltpresse. Wir stellen also gegenüber diesen Grac- 1000 BOcher. Roman«, Erzählungen, Kin »Co. '„Fr . S V- „Stunn über Österreich“, das bekannte, ' den Regierungsstellen nahestehende Organ, i hat sich, wie berichtet, sehr scharf gegen I den Unfug gewendet, in die Betrachtung der politischen Dinge das Prinzip der Bo- | denständigkeit hineinzutragen. Das Blatt hat sehr richtig bemerkt, daß sich hinter dieser Parole das Streben deckt, sich durch den „Zugereisten“ ja nicht zu besserer Leistung oder billigeren Preisen zwingen zu lassen. „Jemand schädigen, der Tüchtiges und Gediegenes für die Gesamtheit vollj bringt, heißt die Gemeinschaft schädigen.“' Die Unsachlichkeit, die politische oder Haßi Momente im Wirtschaftskampf verwendet, ’ ist nichts anderes als Futterneid, gesehen durch die Hakenkreuzbrille, und sie hat schon Schaden genügend angerichtet. Sie hat durch die öffentliche Verhetzung in Versammlungen und in Druckschriften, durch vertrauliche Weisungen in Vereinen und anderen Organisationen eine vergiftete Stimmung erzeugt, die nicht darauf Rücksicht nimmt, daß bei den so gehaßten Juden auch Christen ihr Brot finden, und es wäre nicht so schlecht, wenn die berufenen Behörden die jeweiligen Anmeldungen von Arbeitslosen auch auf diese Ursache prüfen i würden. Der Staat und seine Wirtschaft wird geschädigt und schließlich dringt die Kunde von dem unbestraften Treiben der) diversen Werbeleiter auch ins Ausland, auf | dessen günstige Haltung Österreich allen; Wert legen muß. Der Aufsatz des „Sturm' über Österreich“ ist ein Signal dafür, daß man doch auch in maßgebenden Kreisen \ über diese Dinge und ihre Wirkung sich j Rechnung abzulegen beginnt. | Solche Umtriebe gibt es nicht nur in Österreich. Sie sind eine WeRplage. Auch der ungarische Finanzminister Fabinyi hat vor einigen Tagen in einer Rede auch zu den Boykott-Tendenzen Stellung genommen, die die jüdische Bevölkerung am allen Berufen ausschließen wollen. D>er Minister hat ausgeführt, daß sich die christliche ungarische Gesellschaft die Positionen zurtlckerobem will, von denen sie sich i lange Jahrzehnte hindurch freiwillig abgei schlossen hat Dabei dürfen aber diejenigen, I die auf diesen Arbeitsgebieten seit Jahr-1 zehnten ehrlich und fachkundig wirken, nicht ausgeschlossen werden. „Ich will“, sagte der Minister, „offen heraussagen, daß wir niemandes Existenz zu vernichten trachten. Es handelt sich bloß um die Notwendigkeit der Angleichung unserer Interessen. Hierzu kt die Möglichkeit gegeben, wenn wir Zusammenhalten und eine Expansion des nationalen Wirtschaftslebens vorbereiten, die mehr Menschen Lebensmöglichkeit bietet. In diesem Geist mag jeder Staatsbürger, welcher Konfession auch immer er angehört mit. uns Zusammenwirken. Es gibt keine Widerstände, die nicht überwunden werden könnten. Sie müssen bloß nicht mit roher Hand und starrer Auffassung, sondern vom Gesichtspunkt der Solidarität und des sozialen Friedens behandelt werden. Tun wir es nicht, sind wir alle verloren.“ Das ist eine positive Betrachtung, die der sonst so beliebten Demagogie sorgfältig aus dem Wege geht. Nicht Hungornrteil gegen die einen schafft Besserung der sozialen Krise, sondern nur Vermehrung der Arbeitsmögliehkeiten. Kein Volk und kein Staat kann es sich leisten, auf irgend eine mitarbeitende Kraft zu verzichten. Der Minister Fabinyi gehört einer Regierung an, Minderheitsfragen Bescheid weiß und die jetzt in die leidvolle. Lage gedrängt worden ist, sich mit der rumänischen Verdieses Problems sehr ernst zu befassen. In Ungarn hat der antisemitische Janhagel der Wirtschaft schwere Wunden geschlagen und nur das Zurückdrängen der Exaltados kann den Organisiitionsapparat in Handel und Gewerbe, der durch jüdische Fähigkeit ins Leben gerufen wurde, zu seiner alten Konkurrenzfähigkeit zurückführen. Mehr Arbeit — mehr Frieden. Die Parole des Ministers deckt sich mit den Anmerkungei des „Sturm über Österreich“. Die Lage in Jugoslawien Belgrad, 20. Jänner. (JTA.) Eine Abordnung des Verbandes jüdischer Gemeinden sprach beim Juetizminister vor und ersuchte ihn, bei der Regierung dahin zu intervenieren, daß Oberrabbiner Dr. I. A1kalay neuerlich zum Mitglied des jugoslawischen Senats ernannt werde. Der Minister erwiderte, die Ernennung von Senatoren obliege direkt dem Regentschaftsrat. Dr. Alkalay 6ei nicht der wird wie alljährlich vom Der große Repräsentation - BAU dub „E R EZ-IS RAE L veranstaltet am 22. Jänner 1938 in sämtlichen Festsälen des „HOTEL METROPOLE“ Ballordiester „ELITE KIDDIES" — Juxbatar — Akademie — Barkapelle — Beginn: 8 Uhr abend« Kleidung der Dame; BeUtollelte, Abendkleid. Karten im V oroerhauf beim Veranstalter; Club mB Warner Bros, btinsen: Boris Karloff Cer gelbe Kerrscher Kreuz-Kino. I. Votivpark-Kino, IX. einzige, der nicht wiederernannt wurde. Die Regierung sei interessiert, daß lediglich ihre Anhänger im Senat sitzen. Die führenden jüdischen Persönlichkeiten Jugoslawiens, unter ihnen Dr. Alkalay selbst, sind der Ansicht, daß es vom Standounkt der alljüdisehen Interessen besser sei, daßsieh die Ju den nicht mit politischen Gruppen zusammenschließen. ln der Begleitung des nach Deutschland gereisten Ministerpräsidenten Dr. Stojadin o v i c befand sich auch der Redakteur der antisemitischen Zeitung „Balkan“, S a v k o v i c. WIENER INTERNAT Frau Dr. Leo Deutschländer Freu Dr, Lee Deutsch'Snder Wien, XIX., Hofztile 12, Tel. B 10-304 XIX., Molzeile IV Ein Bach Streichers Berlin, 20. Jänner. (Privat.) Gauleiter Julius Streicher kündigt die Herausgabe eines Buches aus seiner Feder unter dem Titel „Juden, Judengesetze und Juden verbrechen in Deutschland von der Vergangenheit bis zur Gegenwart“ an. Diese Veröffentlichung ist das erste Buch, das Julius Streicher nerauegibt, nachdem schon die meisten übrigen Gefolgsmänner des Führers Werke herausgegeben haben. SWING Das Urteil gegen Szalassi Budapest, 20. Jänner. (Privat.) Das Oberste Gericht verhandelte unter dem Vorsitz des Präsidenten Töreky die Strafsache de« Majors i. R. Franz S za läsei, der geschrieben hatte, daß der ungarische Staat sieh in einen jüdischen Staat verwandelt habe. Die unteren Instanzen verurteilten Szalassi wegen Aufreizung gegen eine Konfession zu zwei Monaten Gefängnis mit Bewährungsfrist. Das Oberste Gericht bestätigte das Urteil, jedoch unter dem Titel der Verletzung des ungarischen Staates. jCüiwify }ocofawsUi I Am 21. Jänner 1938 wäre Jacobowski 70 Jahre alt geworden. Er hat aber nur ein Alter von 32 Jahren erreicht. Geboren wurde er am 21. Jänner 1868 in Strelno im Posensehen. Er stammte aus einer jüdischen Familie, die in jener Gegend seit Jahrzehn-, tea ansässig war. Sein Vater war ein kleiner Kaufmann, der ziemlich schwer^ zu kämpfen hatte, um seine vielköpfige Familie zu erhalten. Die Mutter war immer krank, lag die meiste Zeit im Bett und verursachte dem Vater viele Kosten, da man Ärzte und Pilege für sie brauchte. Ludwig hatte vier Brüder, von denen die meisten in jungen Jahren starben. Die Familie übersiedelte nach Berlin, wo der Vater ein Unternehmen gründete, welches die Familie besser ernährte. Der kleine Ludwig, der von Natur stiefmütterlich behandelt war — er stotterte nämlich — besuchte zuerst eine Privatr sehule, dann eine öffentliche Schule, die er aber verlassen mußte, um wieder in eine Privatschule gesteckt zu werden. Dennoch gelang es ihm, rechtzeitig die Reifeprüfung zu bestehen und sich dem Studium der Philosophie zu widmen. Er hatte es unter seinen Mitschülern nicht leicht und fühlte sich oft zurückgesetzt, verspottet und verhöhnt, nicht nur we“ er Jude, sondern auch weil er, wie gesagt, in seiner physischen Entwicklung ein wenig zurückgeblieben war. Um so stärker entwickelte sich sein Geist und sein Wille, die ihm von Natur gezogenen Hindernisse zu besiegen und sich das schon in jungen Jahren gesteckte höhere Ziel zu erreichen. Er wollte als deutscher Dichter sich einen Namen maehen — und hatte auch die Eignung und das Talent dazu. Schon als ganz junger Menseh begann er zu dichten. Er schrieb nur, wie er fühlte und was er fühlte. Selbstverständlich ist nicht alles, was er schon in der Jugend schrieb und veröffentlichte, von gleichem Wert, aber das meiste gewinnt durch die Aufrichtigkeit und Tiefe des Gefühls. Seine Jugendgerichte erschienen unter dem Titel: „Aus bewegten Stunden“. Sie fanden keine Beachtung, aber er ließ sich nicht abgebrochen und veröffentlichte von da ab fast jedes Jahr ein Buch mit Gedichten, Erzählungen und Essays oder Dramen. Er war sehr fleißig und fruchtbar. Aber nicht dieser Umstand machte es, daß sein Name in der deutschen Literatur einen Klang gewonnen hat, sondern die stete Vervollkommnung seiner dichterischen Gaben. Insbesondere machte er sich dadurch bekannt, daß er schon früh- I zeitig sieh der Sammeltätigkeit widmete. I Er sammelte Gedichte aus allen Zeiten, Ge bieten und Dichtern und gab wohlfeile An-; thologien für das Volk heraus. Er wollte i Bildung und Kenntnis der Literatur, zumal der Poesie, in die weitesten Kreise des Vol- |kee tragen und hatte das Glück, daß seine Sammelbücher schon wegen der Billigkeit tatsächlich eine ungeheure Verbreitung in Deutschland fanden. Dabei unterließ er es nicht, sich mit wissenschaftlichen Abhandlungen. zumal mit der Forschung der Anfänge der Poesie aller Völker zu befassen. Er arbeitete an einem Werk, das epochal geworden wäre, wenn es ihm vergönnt gewesen wäre, es zu vollenden, aber der frühe Tod nahm ihm die Feder aus der Hand und Deutschland hatte um einen wirklich talentierten Lyriker weniger. j Ludwig Jacobowski hatte sich auch als Herausgeber von literarischen Zeitschriften hervorgetan. Namentlich war die von ihm eine Zeitlang herausgegebena Zeitschrift „Die Gesellschaft“ führend auf dem Gebiete. der Literatur. Von seinen lyrischen Bänden* verdienen erwähnt zu werden: „Flammen“, „Leuchtende Tage“, „Aus Tag und Traum“. Wie leicht er schaffen konnte, beweist der Umstand, daß es ihm in seinem kurzen ] Leben gelang, außer den zahlreichen Gedichten, Skizzen und Stücken und Abhandlungen auch zwei Romane herauszugeben. „Loki, Roman eines Gottes“, dünkte ihm das bedeutendere Werk. Aufgebaut war dieser Roman auf dem Fundament der altgermanischen Sagen und behandelte den ewigen Kampf zwischen Licht und Schatten. Für mich war sein erster Roman „Werther, der Jude“ wertvoller. Und dieser Roman ist eben der Anlaß dieses Aufsatzes über ihn, weil ich in dem Buche des jungen, früh ver*! storben-en Dichters den Typus des Juden finde, der ganz im Deutschtum aufgehen wollte. Jacobowski kam aus einem jüdischen Haus, verbrachte seine Jugend in einer kleinen Stadt nicht weit von der russischen Grenze und hatte Gelegenheit, Judengestalten zu beobachten, das ostjüdische Leben auch kennenzulernen. ln der Schule hatte er, wie bereits erwähnt, auch wegen seiner Abstammung zu leiden und dennoch finden wir in seinen Gedichten nur wenig Anklang an das traditionelle Judentum. Er sagte geltet einmal von sich, er sei in erster Linie Deutscher und dann erst Jude. Unter der antisemitischen Bewegung jener Tage hatte dieser ideal gesinnte und dem Deutschtum so treu ergebene Jude viel zu leiden. Die Pfeilstiche des Judenhasses trafen ihn schmerzhaft tief, aber sie vermochten nicht, ihn mit Bitterkeit und Gleichgültigkeit gegenüber dem Deutschtum zu erfüllen, eT liebte das deutsche Volk, die deutsche Kultur, den deutschen Geist, die deutsche Dichtkunst über alles in der Welt. Er war wie ein unglücklich Verliebter, er verschenkte sich gang und freute sich des leisesten Anzeichens einer Gegenliebe. F.r hoffte, daß der Antisemitismus,'” den einige Propagandisten in die Masse trugen, sich verflüchtigen werde wie eine vorübergehende! Krankheit. Er täuschte sich gewaltig. Aber j er fand nicht den Weg zum Judentum, ob- I wohl in jenen Jahren der Ruf Theodor

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