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Die Stimme · 1938-01-17 · Heft 720 (17.1.1938) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
11 (1937-1938)
Issue
Heft 720 (17.1.1938)
Date
1938-01-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Sr. 780. — Wien, Montag, den 17. Jänner 1938. Seit« 3 Der Mythos der Bodenständigkeit Unter diesem Titel beschäftigt sieh der „Sturm über Österreich“ mit dem in letzter Zeit zu einem Schlagwort gewordenen Begriff der Bodenständigkeit Es heißt in dem lesenswerten Artikel unter anderem: Bodenständigkeit ist ein Schlagwort, dem man nicht nachsagea kann, daß an »einer Wiege ein drängender Reigen von blendenden, einander überbietenden tiefen Ideen stünde. Im Gegenteil, wenn man erfährt, worin eich der Sinn des Ganzen erschöpft, dann möchte man, Goethe variierend, sagen: „Dort, wo die Gedanken fehlen, da »teilt die Bodenständigkeit sich ein.“ Dieses Schiagwort ist flach, well es auf keine tieferen Anliegen Bezug nimmt. Wer nach „Sohutz der Bodenständigkeit“ ruft, meint damit fast ni«-l mals, daß etwa eine wertvolle Heimatkunat gegen Verkitschung bewahrt werden soll, sondern ihm iet es meist um etwas recht. Triviales zu tun; meist soll der „Zugereiste“! den Bodenständigen nur ja nicht zu der Anstrengung nötigen, ' Die Winterhiifsaktion der Kult «gemeinde Spende des Bundeskanzlers für jüdische Notleidende höhe gebräuchlit Das Schlagwort, ist schillernd, weil man alle®, was man will, darunter verstehen oder davon aueeebheßen kann. Man ist in der Lage, al» einen „Bodenständigen“ schon denjenigen zu bezeichnen und einen besonderen Schutz für ihn zu beanspruchen, der bloß zehn Jahre oder noch weniger an einem Ort ansässig iet, oder nur denjenigen, der an ihm selbst geboren oder gar schon seit Generationen mit dem Ort verwurzelt ist. Man kann weitere, feinere Unterscheidungen willkürlich treffen und etwa in dem einen Falle die Abkunft von bestimmten Nationen oder die Zugehörigkeit zu bestimmten religiösen Gemeinschaften zum diffamierenden! Merkmal der „N i ch t b o d e n s tän-1 d i g k e i t“ machen, in dem andern Falle aber großzügig über Erfordernisse des Geborenseins im Orte und der längeren Ansässigkeit hinweggehen. _ Dieses Schlagwort ist schließlich bedenklich, weil ee verschiedensten Machinationen 1% und Tor öffnet, der Arrogierung h 1 i ( chtf e ti gen den Sondei„__. Schützenhilfe leisten, dafür a-ber wohlerworbene Positionen auch zum Nachteil der Gesamtheit beeinträchtigen kann. Jemand schädigen, der Tüchtiges und Gediegenes für die Gesamtheit vollbringt und durch längeres Verhalten die Gewähr dafür gegeben hat, daß er auch in Zukunft Wertvolles leisten wird, beißt die Gerne insc'haft schädigen. | Beginnt man doch darüber nachzudenken, [welcher Schaden dem Ansehen und dem Gedeihen des Staates zugefügt wird, wenn eich im Innern der negative Nihilismus breitmacht? Jedes Ausspielen der einen Schicht gegen die andere, jede Anwendung von Haßparolen ist in der Auswirkung Hochverrat und ein gewolltes Ablenken von den wahren Fehlerquellen. Daneben ist es verbohrter Konkurrenzneid, der nicht zur i Kenntnis nehmen will, daß die breite Masse der kleinen Leute ihre Bedarfsdeckung nicht nach politischen Schlagworten besorgt, sondern billiger und besser einkaufen will. Auswelsungserlaß in Brasilien zurückgezogen „New York Times“ berichten aus R i o d e Janeiro, daß die Regierung Vargas die Verordnung, betreffend Deportierung von etwa 1000 Juden (anfangs war sogar von 2000 die Rede), die meisten von ihnen aus Deutschland, bk zur Erlassung eines neuen Einwanderungsgesetzes, das ihren Status endgültig regeln soll, zurückgezogen hat. Wie man in der Plenarsitzung der Wiener Kultusgemeinde erfuhr, hat das Bundeskanzleramt dem Präsidenten der Kultusgemeinde Staatsrat Dr. Friedmann als Spende des Bundeskanzlers Dr. Kort v. Schuschnigg für die Winterhilfe der Kultusgemeinae den Betrag von 10.000 Schilling überwiesen. Präsident Dr. Friedmann übermittelte dem Bundeskanzler zu seinem 40. Geburtstag die Glü ckwünscbe der Wiener Judenschaft. Die Ausspeisung | Die Winterhiifsaktion deT Kultusgemeinde hat am 15. Dezember eingesetzt und wird mindestens im Ausmaß der vorjährigen Aktion bis 15. März fortgesetzt werden. Die Leistungen der Kultusgemeinde auf diesem Gebiet sind recht ansehnlich. In sechts ganzjährig geöffneten Ausspeisestellen, die von Vereinen betrieben werden, und in vier anderen für die Dauer der Winterhilfsaktion speziell gemieteten Lokaien im Prater, im 9., 10. und 20. Bezirk werden Insgesamt etwa 1800 Personen täglich zu Mittag unentgeltlich ausgespeist, und zwar dreimal wöchentlich mit Suppe, Gemüse und Beilage, dreimal wöchentlich mit Suppe, Gemüse und Mehlspeise und Samstag mit Suppe, Gemüse, Fleisch und Mehlspeise. Selbstverständlich erhält jeder Ausgespeiste eine Brotportion. Lebensmittelpakete, Kleidungsstücke, Zinsaushilfen Außerdem betreibt die Kultusgemeinde eine Tee- und Wärmestube im Prater und subventioniert die von einigen Vereinen geführten Institutionen dieser Art sowie die Abendausspeisung in der Seegasse und die Aktion „Jüdische Jugend in Not“. In diesem Rahmen muß auch die Taresheimstätte der Kultusgemeinde in der AspernbrückengaBse, in der nahezu 100 schulpflichtige Kinder ein warmes Mittagessen oder eine Jause erhalten, erwähnt werden. Mit diesen Aktionen ist aber die Winterhilfsfürsorge der Kultusgemeinde noch keineswegs erschöpft. . . -*... Bisher bekamen bereits rund 700 Familien Lebensmitte'oakete, die auf 2 Kilo Weizenmehl, 1 Kilo Zucker, Reis und Grieß und H Kilo Pflanzenfett bestehen. Andere Lebensmittel, darunter Kartoffeln, werden im Laufe der Winterhilfsaktion zur Verteilung gelangen. Auch Kohle und Koks werden verteilt. Sie wurden zunächst kinderreichen Familien, alten und kranken Personen sowie Flüchtlingsfamilien aus Deutschland gegeben — das zugewiesene Quantum wird ins Haus zugestellt —, und weitere tausende Ansuchen um Brennmaterial werden im Verlauf der Aktion noch berücksichtigt werden. Schließlich ist eine Bekleidungsaktion im Gange — neue Schuhe, verschiedene Kleidungsstücke und warme Wäsche — und laufende Unterstützungen sowie Zinsaushilfen werden gewährt. Leider entsprechen die Eingänge auf Grund des zwanzig prozentigen freiwilligen Zuschlages zur Kultussteuer nicht dem Umfang der Not der jüdischen Massen in Wien. Bis zum 10. Jänner dieses Jahres hatten von S9.600 Steuerzahlern, an die der Aufruf verschickt | worden war — aufgefordert wurde die Kultussteuerträger mit einer Steuer von S 5 aufwärts —, bloß 13.269 dem Ersuchen Folge geleistet und insgesamt S 129.326 entrichtet Im Jahre 1936 betrug der Eingang unter Annahme einer gleichen Zahl von Tagen S 132.674, die von 13.864 Steuerzahlern stammten. Die Bevölkerungsbewegung in der jüdischen Gemeinde ln der letzten öffentlichen Plenarsitzung des Vorstandes der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde wurden interessante Daten über die Bevölkerungsbewegung in der Wiener jüdii sehen Gemeinde mitgeteilt Daten, die den [ Abbröckelungsprozeß in der Wiener Judengemeinde veranschaulichen. 1937 die höchste Sterblichkeit seit dem Krieg Die Zahl der Geburten bleibt hinter der der Sterbefälle weit zurück. Dabei ist die Zahl der Geburten im Jahre 1937 noch geringer gewesen als im Jahre 1936. S i e betrug 720 gegenüber 757 im Vorjahre. Ortsfremde brachten 26 Kinder in , Wien zur Welt Andererseits ist die Zahl I der Sterbefälle im eben abgelaufenen ‘ Jahr die höchste seit den Kriegsjahren gewesen: Sie belief sich auf 2824 (davon 125 Ortsfremde). Stellt man die Ziffern der Geburten und der Sterbefälle gegenüber, so ergibt sich für 1937 ein Abgang von nicht weniger als 2104 Personen. Rechnet man die Austritte in der Höhe von 620 hinzu — sie vermehrten sich gegenüber 1936 um fünf Fälle —, so stellt sich die Verringerung der Seelenzahl der Wiener Kultusgemeinde auf 2724. Kennzeichnend ist auch, daß die Zahl der Trauungen im Vorjahre kleiner gewesen ist als im Jahre 1936 — 943 gegen 1053. 14 goldene und ein diamantenes Hochzeitsjubiläum * ‘ T/ih erfreuliches Moment fehlt in dieser Statistik der Bevölkerungsbewegung allerdings auch nicht. Jüdische Ehepaare erreichen ein hohes Alter: Im zweiten Halbjahr 1937 feierten vierzehn Ehepaare ihre goldene Hochzeit und ein Ehepaar war sogar in der glücklichen Lage, das Fest der diamantenen Hochzeit zu begehen. Der Kultusvorstand übermittelte allen diesen Jubilaren Gratulationsschreiben und widmete ihnen Ehrengaben. Die neuen Paßbestimmungen für deutsche Juden Dieser Tage sollen, wie schon kurz angekündigt, in Deutschland neue Bestimmungen über die Aushändigung von Pässen an „niohtariache“ deutsche Staatsangehörige erlassen weiden, die dem Vernehmen nach rückwirkende Kraft auf Jahresanfang haben werden. Noch gültige Pässe sollen nicht eingezogen ( werden, obwohl es verschiedentlich vorge-j kommen ist, daß den nach Deutschland zu- [ rückreisenden Juden die Pässe an der[ Grenze abgenommen worden sind. Neue Pässe mit längerer Gültigkeit dürften nicht mehr auegehändigt werden. Juden sollen künftig Pässe nur unter Angabe der Reisegründe erhalten. Als solche sollen gelten: Beerdigung Verstorbener oder Besuch kranker verwandter, Besuch eigener Kinder, die entweder im Ausland erzogen werden oder als Auswanderer oder aus andern Gründen nicht mehr nach Deutschland zurückkehren können, Besuch ausländischer Kurorte, sofern ein am t sä r z11 ic h e s Zeugn i s beigebraebt. werden kann, aus dem hervorgeht, daß der Besuch des ausländischen Kurortes unbedingt notwendig ist und andernfalls Gefahr für Gesundheit oder Leben besteht, Ausführung von unaufschiebbaren Geschäftsreisen, wenn glaubhaft gemacht werden kann, daß die persönliche Bearbeitung des Geschäfts im Ausland unumgänglich notwendig ist. Zu anderen Zwecken, insbesondere für V c r g n ügungsrelsen, werden den Juden wahrscheinlich keine Pässe mehr ausgehändigt werden. Die Pässe haben nur Gültigkeit, für die Reise, für die sie bewilligt wurden; nach ihrer Beendigung müssen die Pässe wieder abgegeben werden. Zum Zwecke der Auswanderung werden auch fernerhin Pässe ausgestellt. „Auswanderung unrechtmäßig vorbereitet“ Die neuen Bestimmungen sollen mit der Angabe begründet werden, daß Juden vielfach die Reiseabkommen und andere Reisemöglichkeiten zum Zwecke der Verschiebung von Dovisenbeträgen nach dem Ausland und zur Ansammlung von Guthaben in Anspruch genommen hätten. Die betreffenden Personen sollen die ihnen bewilligten Reisedevisen nicht ausgegeben, sondern im Ausland auf Kosten von Verwandten oder Bekannten gelebt und die so ersparten Devisen zu ihren eigenen Gunsten im Ausland deponiert haben. Ferner seien Reisedevisen entgegen den geltenden Bestimmungen zur Unterstützung au e g e wan d er t e r Verwandter oder Bekannter verwendet worden. Schließlich sollen bei Geschäftsreisen mündliche Vereinbarungen mit Geschäftspartnern getroffen worden sein, wonach Exporterlöse nicht nach Deutschland transferiert, sondern im Ausland angesammelt wurden. Durch solche unzulässige Vereinbarungen hätten gewisse Juden ihre Auswanderung unrechtmäßig vorbereitet und die deutsche Devisenwirtechaft geschädigt. Dabei ist zu erwähnen, daß bei der regulären Auswanderung gewisse Beträge mitgenommen werden können, wobei der Staat aber außerordentlich hohe Gebühren für sich beansprucht. Die ReiehsfluchteteueT allein macht den vierten Teil des Vermögens aus. Ferlenreiten unmöglich gemacht Die neuen Bestimmungen treffen die deutschen Juden besondere hart. In vielen Fällen konnten eie bisher ihren ausgewanderten und häufig fast mittellosen Verwandten, speziell Kindern, auf Grund der Pässe monatlich zehn Mark zukommen lassen. Da die Überweisungen nur mit- Paßeintrag zulässig sind, können sie künftig nicht mehr vorgenommen werden. Ferienreisen ins Ausland dürften künftig ebenfalls nicht mehr möglich sein, was die Juden um so schwerer trifft, als die deutschen Kurorte die ..Nichtarier“ als unerwünschte Gäste betrachten. Veranstaltung zugunsten der Chajcs-Aktion Die Bezirks-Sektionen und WIZO-Gruppen IV/V und X veranstalten am 19. Jänner 1988, K9 Uhr abends, im Volksbildungshaus, V., Stöbergasse Nr. 11, eine Aufführung „Uriel Acosta“. Der ganze Reinertrag ist der Chajes-Aktion gewidmet. „J’accuse!“ Vor 40 Jahren, am 13. Jänner 1898, ist Ta| Mercier an...“ ..Ich klage den General Zolas „J’accuse“ erschienen. Es war Boisdeffre an...“ Das Kriegsgericht, die jener Brief, mit dem der bisher der Politik Armeeführer, der Generalstab wurden des fernstehende Schriftsteller in das Schicksal offenen Rechtsbruohes angeklagt! Am Nachseines Landes eingriff. Mit diesem_ Briedf mittag brach der Sturm in der Kamwurde die Affäre Dreyfus in die entmer los. Der Graf de Mun forderte in einer scheidende Phase gedrängt. Das ganze Interpellation eine Antwort der Regierung, künstliche Gewirr von Fälschungen, Intri-. die strengsten Maßnahmen gegen den gen und Verleumdungen brach in sich zuj „Beschimpfer der Armee“ ergreifen solle, sammen. Die Sozialisten hatten zuerst Reserve be- Zola hatte «ich für die „affaire“ zuerst eehr; schlossen, da man es eich mit den Wählern wenig interessiert. Erst im November 1897 j nicht verderben dürfe. Aber J a u r e s ließ hatte er in drei Artikeln im ,„Figaro“ sich ■ sich nicht halten. „Die Republik ist den für die Unschuld des jüdischen Artillerie- Generälen ausgeliefert!“ Ministerpräsident Offiziers eingesetzt. Aber der „Figaro“ vor-, Mel ine und Kriegsminteter General Bilweigerte ihm die Fortsetzung seiner Auflot erklärten, der Staatsanwalt werde die «ätze und er mußte seine Überzeugung in' Anklage gegen Zola erheben. Das Haus einer Broschüre „B r i e f a n d i e J u g e n d“; billigte die Antwort Am 7. Februar stand nielerlegen. Ate dann am 6. Jänner 1898 Zola vor dem Gericht, das Kriegsgericht den skandalösen Freij Seine Verteidiger waren die beiden Brüder epruch des Majore Eszterhazy verkfin- Georges und Albert Clemenceau, sowie der dete, schrieb Zola seinen wuchtigen Brief,! berühmte L a b o r L Der Vorsitzende D e 1 eden dann die „A u r o r e“ am 13. Jänner g o r g u e suchte immer wieder die sehmetveröffentiiehte. Der Titel lautete zuerst; j ternde Stimme Laborte zu ersticken: „Die ,Brief an den Präsidenten Faure“. Cie- Frage wird nicht zugeiaasen!“ rief er ein mencean strich ihn dnreh undinm das andere Mal. Emile Zola verlas eine schrieb „J‘accuse“ darüber. würdige Erklärung, deren Schluß lautete: Line volle »eite des Blattes nanm üer Brief ein. „Ich klage den Oberstleutnant du I Paty de Clam an...“ „Ich klage den Gene- „Ieh habe nicht gewollt, daß meinLandinderLügeundinder Ungerechtigkeit verbleibe. Man kann mich hier schlagen. Doch Frankreich wird mir eines Tages danken, well ich geholfen habe, seine Ehre zu rette n.“ Die Straße lärmte gegen den „Verrätergesellen“, ihr Geschrei erfüllte die Wandelgänge des Justizpalastes. Zola wurde beschimpft, angespien, mißhandelt; „K a nn i b a l e n!“ sagte er. Der General Botedeffre rief den Geschworenen zu, der G eneralstabwerdefürdenFall, daß Zola freigesprochen würde, in den Ausstand treten! Labori plädierte während drei voller Sitzungen. „Wir stehen vor euch; aber ihr steht vor der Geschichte!“ sagte Georges Clemenceau zu den Geschworenen. Der Wahreprueh wurde am 23. Februar verkündet. Zola wurde zur hochstzulässigen Strafe verurteilt, ein Jahr Gefängnis und 3000 Francs Buße; der verantwortliche Redakteur der Zeitung ,,L‘Aurora“, Perreux, erhielt vier Monate Gefängnis. Das Urteil brachte aber die Sache erst recht ine Rollen. Halb Frankreich erhob sich für Zola. Ein halbes Jahr später, nach einem leidenschaftlichen Kampf, wie ihn die politische Geschichte Frankreichs nie gekannt hatte, konnte festgestellt werden, daß das Bordereau vom Obersten Henry gefälscht worden war, jener Zettel mit den Worten: „Cette Canaille de D..die angeblich der deutsche Militärattache Schwartzkoppen geschrieben hatte. Henry nahm sich in der Haft das Leben, Eezt-erbazy flüchtete nach London, du Paty de Clam wurde pensioniert, das Kabinett stürzte. Aber erst 1899 wurde Dreyfus von der Teufelsinsel zurückgeholt. Nochmals aber wurde er vom Kriegsgericht zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt, und erst 1906 durch Freispruch das Gerichtes zu Rennes rehabilitiert. Theodor Herzl hat diese Sturmtage miterlebt. Er hat zuerst mit fassungslosem Staunen, dann mit Erbitterung gesehen, wie sich der klerikal-militaristische Klüngel in seiner Angjst vor der Abrechnung immer stärker mit dem Antisemitismus verband. Das war im Frankreich Voltaires und Montesquieus möglich? In der Empörung über solches Geschehen wurde der politische Zionismus geboren. Das „J'accuse!“ einer Nation, die sich ihre Ehre und Würde zurückerobert hat und im Stolz auf ihre Lebenskraft sioh das Recht auf Heimat und Freiheit ertrotzt.

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