Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 11 (1937-1938)
- Issue
- Heft 718 (12.1.1938)
- Date
- 1938-01-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Wt. 718. — 'Wlan, Mittwoch, den 12. Jänner 1S98. Seit« 3 Zum 15. Sdtuwat 5698 (17. Januar 1938) 1» diesem Jahre werden die Bäume Kaddisch sagen Um ihre gemordeten Brüder, litt den Zweigen werden eie in die Bimmel klagen, me Bäume, die Leid um die Brüder tragen, Ächzen mit den Ästen Trauertteder. Sieh, ein Werk der Schöpfung ward vernichtet. Wae die liebe säte, brach der Baß. Junge Tonte hat der Mod geächtet, Betend ward das Schuldlose gerichtet, Men Sinnes bar im Übermaß. Mit dm Bäumen weinen Menschmmütter; Ihre Klage trägt der selbe Wind, Macht diu junge Frühiingsahnen bitter... Denn der wahngetrieb'ne Schnitter Nahm dem Menschen und dem Baum sein Kind. In diesem Jahr werden die Bäume Kaddisch sagen, Im Emek, kn Scharcm, im Gold. Aber Kinder werden neue Setzlinge tragen Und das Leben wird dm Kampf mit dem Morde wagen, Entschlossen, beharrlich und stUl. Schalem Bm-Ghorim. Oer jüdische Friseur und das Fremdengesetz Einem jüdischen Frieeur in Wien ißt von der Bezirkshauptmannfichaft Neubau die Gewerbeberechtigung für die Zeit von sechs Monaten mitzogen worden. Diese Strafe ißt über ihn verhängt worden, weü er ßioh der Unterbietung des Tarife« schuldig gemacht bat. Er hat billiger rasiert. Das ist der Anlaß für eine Strafe, die den Mann für eia halbe« Jahr zum Fasten verurteilt. Aber diese Maßregel ist den Schreiern noch nicht genug. Sie verlangen ihre Ausdehnung auf alle Juden, die »das Gastrecht in Österreich verletzen“. Das „W iener Gewerbe“, das offizielle Organ der Stadtgruppe Wien des österreichischen Gewerbebundes, schreibt: .Es war wohl hoch an der Zeit, daß einmal ein Exempel statuiert wirf. Und es wirf in allen Kreises des bodenständigen Wiener Gewerbes auf das lebhafteste begrüßt wsr- - 4*n, wena «a&iob einmal das schon so lang« »»gekündigte Fremdenfesetz erfassen yird, das die eßhaftmaohung ausländischer Juden unmöglich machen soll Was die schon im Lande befindlichen Israeliten anlasgt, so wird das bodenständige Volk gut daran tun, diesen Herrschaften auf die Finger zu Bebauen. Man wird den Juden, wo immer es nottnt, mit der entsprechenden Schärfe {selbstverständlich Immer im Rahmen der Gesetze) klarmachen müssen, daß sie schließlich und endlich in einem Kulturstaat und nicht in einem asiatischen Ghetto leben.“ Da erfährt man also von einer gewissermaßen offiziellen Beite, welchen Zweck das aagekündigte Fremden g e s e t z haben wird. Es hatte doch zuerst geheißen, daß nur Bürger aus Staaten unter besonderer Behandlung gestellt werden «ollen, in denen österreichische Bürger nicht zur Ausübung des Berufes zugelalsen werden. Wird aber der Sinn der antisemitischen Forderungen auegefübrt, so wird das im Ausland wohl Rückwirkungen haben, die nicht bei den Juden Halt machen. Dank an die Union Das zitierte Blatt widmet dieser höchst ethischen Forderung der Pogromisten auch noch einen Leitartikel unter dem Titel „Der Kampf geht weiter“. Man müßte «ich damit nicht noch des weiteren befassen, wenn nicht hier auch noch die Tätigkeit der „Union“ des Regierungsrates Oppenheim zur Anerkennung käme. In dem Aufsatz wird nämlich festgestellt, daß „das Lamento eines jüdischen Mandatars (die Rede des Stadtrates Doktor Ehrlich) von seinen eigenen Glaubensgenossen nachträglich desavouiert wurde“. Da« ist der voll verdiente Dank der Boykotteure an die Bankerotteure, die öffentlich dem jüdischen Vertreter, der im Namen def gesamten Judenscbaft gegen die Hetze aufgetreten ist. in den Rücken gefallen sind. Die Juden Wiens werden dieses Attentat und den Dank der Antisemiten sich wohl merken. Beschlüsse des Ringes der Alt-Herren-Verbände Der Ring der Alt-Herren-Verbände der zionistischen Verbindungen hat nachstehende zwei Resolutionen zum Beschluß erhoben: „Die Vollversammlung spricht dem 3b. Dr. Jakob Ehrlich, Rat der Stadt Wien, für sein mutiges und würdevolles Eintreten für die Rechte der Wiener Judenschaft •msten Dank und begeisterte Zustimmung aus und gibt der Empörung Ausdruck, daß Verfechter der überholten Aseimilationsidee diesem berufenen Vertreter der Wiener Judenscbaft. zum Schaden der jüdischen Bevölkerung, in den Rücken gefallen sind.“ „Die Vollversammlung begrüßt die vom Bundesjugendführer des österreichischen Jungvolkes angekündigte Zusammenfassung der jüdischen Jugend Österreichs in einem gleichberechtigten Verband innerhalb der gesamtstaatlichen J ugendorganisation.“ Kundgebung des „Brlth Zion" Der allgemein-zionistisch« Jugendverband „Brith Zion'’ bat an den Bundesjugandführer Grafen Thurn-Valsassina die folgende Kundgebung gerichtet: „Ihre Erklärungen bei dor Führertagung des Österreichischen Jungvolkes in bezug auf die Schaffung eines jüdischen Jugendverbandes auf der Grundlage voller Gleichberechtigung mit dem österreichischen Jungvolk haben die ungeteilte Zustimmung der heute versammelten Führerschaft unseres Verbandes gefunden. Unser Verband erstrebt die Erziehung der jüdischen Jugend nach den sittlich religiösen Grundsätzen der jüdischen Religionsgemeinschaft. Diese Erziehung erscheint nur in einem jüdischen Verband möglich. Der junge Mensch lernt in unserem Verband seinem angestammten Glauben Treue halten, und so kann er und wird sich auch dem österreichischen Staate gegenüber bewähren. Indem wir Ihnen dies zur Kenntnis bringen, erwarten wir, daß Sie Ihren Erklärungen unbeirrt die Tat folgen lassen werden.“ , Rasch widerlegte Hakenkreuz-Verleumdung: Massenmörder Weidmann — Gestapo-Spitzel Der „Völkische B e o b a c h t e r“ berichtet in seiner Nummer 359/860 über den Fall des deutsch -arischen Massenmörders Weidmann unter der Überschrift „Verbrecher-Dorado in Frankreich. Alltägliche Untaten von Juden und Judengenoeßen“ aus Paris: „Der Fall des deutschen Redakteur® und fünffachen Mörder« Weidmann, zu. deseen Helfershelfern der als unbequemer Mitwisser beseitigte jüdische Emigrant Frommer gehört hat, gibt erneut wieder «ättöäT Gb-’ legenheit, darauf hinsuweisen, welchen starken Anteil in Frankreich di« eingewanderten internationalen Verbrecher und Juden an der auffallenden Zunahme der Verbrechen haben. In den letzten Monaten haben eich hier die Fälle, daß ausländische jüdische Banditen in große Kriminalfälle verwickelt; waren, «o eehr gemehrt, daß allmählich auch die Öffentlichkeit aufmerksam zu werden beginnt“ In Wirklichkeit war — wie jetzt aus den Untereuchungsakten unwiderleglich hervorgebt — der Jude Frommer ein unschuldiges Opfer de« Ariers Weidmann, der ihn im Frankfurter Gefängnis, wo Frommer als Reemigrant saß, kennen gelernt hat. Weidmann hat wörtlich gestanden: „Ich weiß wirklich nicht, warum ich Frommer erschossen habe; ich hatte keinen Grund, ihm Übel zu wollen, denn er hat mir im Frankfurter Gefängnis zahlreiche Dienste geleistet; doch a 1 s e r b e i mir saß und seine jüdische Zeitnng las, schoß Ich ihm ganz instinktiv eine Kugel in den Nacken.“ Außerordentliches Aufsehen in Paris erregen nun die Aussagen zweier politischer Flüchtlinge aus Deutschland, die mit Weidmann vorübergehend in Verbindung standen. -Diesen Aussagen ist zu entnehmen, daß Weidmann aus dem Frankfurter Gefängnis entlassen und von der GestaponachParisentsandf wurde, um politische Flüchtlinge zu überwachen und über sie zu bericht«!. Weidmann hat die politischen Flüchtlinge D ö r t e r und Glaser zu sich unter dem Vorwände gelockt, ihnen Stellungen zu verschaffen, hat von ihnen auf diese Weise Informationen und Photographien erhalten, die er an die Gestapo nach Deutschland sendete. Auch die Bekanntschaft Frommere hat. Weidmann ausgenutzt, um ihn auszuhorchen. Krieg gegen Namen Berlin, 11. Jänner. Weitere Einzelheiten zu dem neuen Reichsgesetz über den Widerruf von Familiennamen meldet das „Berliner Tageblatt“. Danach werde bei diesem Gesetz an Fälle gedacht, i bei denen jüdischeNamengeändertl Unerhörtes 3icJ)ung£?ölit<f fretm „©lücfSböiiet" Bei der am 3. Jänner d. J. stattgefundenen Ziehung der Baulose Em. 1925 konnte da« seit altersher als Haupttrefferstelle bekannte Bank- und Wechslergeschäft, Albert Bauer (Glücksbauer), Wien, 4. Bezirk, Favoritenstraße 4, ganz besonderes Ziehungsglüek verzeichnen. Nicht nur die drei ersten Haupttreffer von S 80.000, 20.000 und 10.000 wurden von Kunden der Bankfirma. Albert Bauer gewonnen, auch von den übrigen 25 Hauptgewinnen dieser Ziehung entfiel die Hälfte aller Treffer gleichfalls auf Baulose vom „Glücksbauer“. Den ersten Haupttreffer von S 80.000 gewann ein steirischer Holzarbeiter. worden sind. Der Widerruf, für den der Reichsinnenminister zuständig sei, könne bis Ende 1940 erfolgen, und zwar auch dann, wenn die Person, deren Namen geändert wurde, bereits verstorben kt. Der Reichsianenminister kann also Namen von Toten nachträglich ändern. Die Namensänderung wird auch für die Nachkommen wirksam. Die von dem Widerruf betroffenen Personen dürfen nur noch den Namen führen, der ihnen oder ihren Vorfahren vor der Namensänderung zustand. Das Ausreiseverbot für die Juden ln Deutschland Die Prager Zeitungen stellen fest, daß durch die Maßnahmen der reichsdeutschen Behörden, die es den Juden verbieten, ausländische Kurorte aufzusuchen, allein Karlsbad 7000 Gäste im Jahr verloren gehen. Auch die übrigen westböhmischen Bäder sind stark in Mitleidenschaft gezogen. Nichtariern werden künftig nur noch Pässe zum Besuch von Kindern oder kranken Verwandten im Ausland ausgebtadigt; die Pässe gelten dann nur für die in Frag« stehende Reise. Lemberger Sektor zurütkgetreten Warschau, 11. J&aner. (JTA.) Der Rektor der Universität Lemberg, Prof. Kulczynski, hat seine Demission gegeben, die vom Universitätssenat angenommen wurde. Der Rücktritt des Rektors erfolgte wegen der andauernden Exzesse der nationalistischen Studentenschaft, die die Einführung von Ghettobänken für die jüdischen Hoehschüler verlangte. Unmittelbar nach dem Rücktritt Kulczynskis ordnete sein Nachfolger die Separierung der arischen Studenten von den jüdischen an, denen die Bänke auf der linken Seite der üörsäie zugewiesen wurden. Konzipient AuB^gutßifutert e w Hause, auch Anfänger, «irt! nJaaen der kroatischen ßpraohe bevorzugt Offerte unter „Konzlpfent“ an die Ada». d. Bi. Die Juden Von A. Bagdad, welcher Zauber umweht diesen Namen! Mm sieht vor sieh Araber mit langen Bärten und funkelnden Augen, Springbrunnen in Marmorbassins, schlanke Minaretts, und der Kalif Harun al Raschid geht unerkannt durch das farbenprächtige Gewühl der Basare. Aber die Wirklichkeit ist anders: Nüchterne Straßen, die Springbrunnen sind eine traurige Angelegenheit und die Araber mehr bemitleidenswert als pittoresk. Die einzig pittoresken Elemente der Bevölkerung gehören den Minoritäten an. Bagdad ist geradezu eine Stadt der Minoritäten Da gibt es Kurden, große, kräftige Gestalten und berühmte Schützen. In ihren gelben Satmbosen und leuchtenden Seidenhemden sehen sie wie Piraten aus. Dann gibt es kleine, stämmige Assyrier, unruhig, mit narbigen Gesichtem, oder langhaarige Sabäer mit langen Bärten, berühmte Silberschmiede und friedfertige Menschen. Die Zahl der Minoritäten ist Legion. Alle sind interessant, am interessantesten aber die Judam „Meine Familie lebt in diesem Lande Mit d*n Ts«m Nebnkndneor« in Bagdad J. Notiv und in Bagdad seit dem Jahre 762, da es durch den Kalifen Mansur gegründet wurde.“ So rühmte sieh mir gegenüber ein Jude in Bagdad. „Meine Familie hat Eroberer kommen und gehen gesehen, Seuchen und die Pest haben die Einwohner dezimiert, aber wir haben die Massaker und Bürgerkriege überlebt und wir leben weiter.“ Vielleicht ist es wahr, was mir Musa Effendi über seine Familie erzählte, obwohl ich daran zweifle. Sicher ist jedenfalls, daß Juden in Bagdad, oder wie es eigentlich heißt in Der-es-Salaam, dem „Wohnsitz des Friedens“, lebten, seit es vor 1200 Jahren gegründet wurde. Als der berühmte jüdiae& Weltreisende Abraham voa Tudela um die Mitte des 12. Jahrhunderts nach Bagdad kam, fand er dort ungefähr 1000 jüdische Familien und eine Synagoge, die seine Bewunderung erregte. Auch Reisende in späteren Zeiten tun der Juden Erwähnung. Es scheint, daß die Zahl der Juden sich ständig vermehrte, obwohl die Übrige Bevölkerung ahnahm. Heute sind 80.000 Juden beim Rat der jüdischen Gemeinde registriert, ab« der OberraSfcteer glaubt, daß ihre Zahl eher an 100.000 heranreicht. Obwohl die Juden nur 8 Prozent der Bevölkerung des Irak ansmacben, ungefähr 150.000 unter 4,000.000 Seelen — eine verläßliche Volkszählung gibt es noch nicht — bilden sie in Bagdad 30 Prozent der Bevölkerung Ganze Stadtteile sind von Juden bewohnt und sie bauen ganze neue Vorstädte. Einen derartigen Vorort nennen die Araber „Tel- Aviv in Bagdad“. Diese Konzentration der Juden in Bagdad findet ihren Grund in dem Räuberunwesen der Beduinen, die das flache Land unsicher machen. Außerdem gelten die Juden als „Häretiker“ und haben viel unter dem Fanatismus der Landbevölkerung zu leiden. Alle diese Umstände zwingen den größten Teil der Juden, in Bagdad zu bleiben und sich mit einer beschränkten Zahl von Gewerben zu befassen. Unvorstellbare Reichtümer befinden sich nach einer jahrhundertealten Volksmeinung in den festungsartigen Steinhäusern der Juden von Bagdad. Welchen Zweck hätte sonst die massive Bauart mit den schweren Haustoren,. dem fensterlosen ersten Stockwerk und den vergitterten Fenstern in den höheren Stockwerken? Man muß aber nur kurze Zeit in Bagdad gewesen sein, um zu entdecken, vrie es mit dem sagenhaften Reichtum in Wirklichkeit bestellt ist. Die festen Häuser wurden nur gebaut, um dem Leben ihrer Inwohner bei Unruhen. Schutz zu bieten. Fast alle Kinder, di« dir für 2 Cent die Schuhe putzen wollen, sind Juden. Fast alle Hausierer sind Juden. Der Kram, den sie mit sich tragen, ist höchstens 5 Pfund wert und die jüdischen Hausierer sind bei einem Tagesverdienst von ZS Cent glücklich. Aber selten verdienen sie so | viel. Das Monatseinkommen von 60 Prozent : aller Juden übersteigt im Durchschnitt i nicht 10 Pfund. Hunger, Elend und Krank- , heit sind das Los der Majorität der Juden; Wie sic sich fortfristen können, ist mir uni verständlich. Manche werden wohl von der j Gemeinde oder von Verwandten unterstützt. Aber ich sah vor den jüdischen Ge-! schäften hunderte jüdische Bettler, die um ein Stück Brot baten, loh sah alte Männer i und Greise in erschreckender Verwahrlosung, jdle verhungert zusamraenbrachen, j ohne daß sich jemand um sie bemühte. Es; gibt natürlich auch reiche Juden. Drei oder! vier sollen eine Million Dollar besitzen. Einer, der Senator Menaehem Daniel, soll . sogar | 100.000 Pfand Einkommen! haben. Er ist jedenfalls der reichste Jude im Irak. Jedenfalls sind 90 Prozent der Geschäfte jüdischer Besitz und der Export ist fast zur Gänze in jüdischen Händen. Am Sabbath und an den jüdischen Festtagen lie- : gen ganze Stadtteile wie ansgestorben da, j (Fortsetzung folgt.)