Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 11 (1937-1938)
- Issue
- Heft 709 (22.12.1937)
- Date
- 1937-12-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seit» 2 OH tTMMI Nr. 709. —Wie®, Mittwoch, 28. Dmsemb« MW. größeren Palästina das Wort reden, tun so eine gerechte und dauernde Lösung der Judenfrage zu ermöglichen? Naiv ist seine Stellungnahme zum Judenproblem in Mitteleuropa. Er schreibt: „In Österreich, Ungarn und der Tschechoslowakei leben ungefähr eine Million Juden, von denen ein Teil ass-i miliert ist, während ein anderer Teil sich zum jüdischen Nationalismus bekennt. Dieser Zwiespalt wirkt erschwerend. Hier wäre eine klare Scheidung wün sehenswert: zwischen Assimilanten und Zionisten. Hier sollte jeder Jude sich entscheiden können, ob er unter Verzicht auf Minderheitenschutz sich Vorbehalt los zur Nation seiner nichtjüdischen Mitbürger bekennt oder zur jüdischen Nation der Zionisten. Ob er bereit ist, den Weg des Westjudentums zu gehen — oder den Weg des Ostjudentums: den Weg der Assimilation, oder den Weg der Kolonisation.“ Mit Verlaub! Wo gibt es in Mitteleuropa assimilierte Juden, also Juden, die in der Umwelt aufgegangen sind? Sie existieren nur in der Einbildung oder in den Wunschträumen einzelner Juden. Und -weiter: Es ist ein großer Irrtum Coudenhove-Kalergis, wenn er meint, daß ein Jude in Mitteleuropa etwas damit erreichen kann, wenn er „unter Verzicht auf Minderheitenschutz sich vorbehaltlos zur Nation seiner jüdischen Mitbürger bekennt oder zur jüdischen Nation der Zionisten“. Der Jude kann erklären, was er will, und über seine Zugehörigkeit zu irgend einer Nation meinen was er will. Das ist für seine Beziehungen zur Umwelt ohne jede Bedeutung, oder, richtiger gesagt, es ist nur geeignet, dem Antisemitismus neue Nahrung zu geben. Coudenhove-Kalergi, der offenbar im Sinne der politisch bankerotten Assimilation beeinflußt ist und von längst als unrichtig erkannten Gedankengängen aus dem Buche seines Vaters, hat den Geschichtsablauf seit der Emanzipation mißverstanden. Die Juden sind mit schwarz-rot-goldenen Bändern herumgelaufen und der Erfolg war ein entschiedener Antisemitismus der deutsch-nationalen Bewegung, und die Juden, die mit Begeisterung Marx und Lassalle gepredigt haben, waren mit die Schrittmacher des exzessiven Antisemitismus von heute. Assimilation bedeutet doch das Eindringen der Juden in die ureigensten Angelegenheiten der Umwelt, und das muß Antisemitismus erzeugen. Aber volksbewußtes Judentum, gleiches Recht für die Minderheit, das wirkt entgiftend und völkerversöhnend. Die Zionisten gehen den Weg des nationalen Judentums, in Palästina und in der Galuth, und sie wünschen und kämpfen mit Unterstützung der Kulturnationen für den Aufbau eines sozialgerechten Judenstaates und für ein gleichberechtigtes Judentum in der Galuth, das seine Angelegenheiten selbst regelt, und als gleichberechtigte Nation. Umschichtung, Auswanderung, Kolonisation, Judenstaat, all das müssen die Juden selbst besorgen. Die Nationen sollen ihnen dabei helfen. Die Juden sind für jeden gutgemeinten Rat dankbar. Sie lehnen aber den Rat aller Sachverständigen ab, die es sicher srut meinen, aber nur Wasser auf die Mühle der Antisemiten treiben. Wann wird die arme jüdische Gemeinde von Cernauti endlich einmal zur Ruhe kommen?“ Die Überprüfung der Einbürgerungen iu Rumänien wird, wie der JTA.-Vertreter aus zuverlässiger Quelle erfährt, vorwiegend unter den Juden in der Bukowina in beschleunigtem Tempo durohgefiüirt. In Czernowitz wurden 220 Juden au* dem Staatsbürgerregister gestrichen. An einem Tag allein wurde 81 Personen die Staateznganörigk eit aberkannt. Erpressertaktik Das „Israelitische Wochenblatt für die Schweiz“ schreibt unter dem Titel „Warnung vor einem deutschen Trick“: „Von zuverlässiger Seite werden wir auf folgendes Vorgehen der Gestapo in Deutschland aufmerksam gemacht. Plötzlich erscheinen ln den Wohnungen von Juden Geetapobeamte, die versuchen, herauszubekommen, ob der Betreffende im Ausland Gelder hat. Durch Einschüchterungsversuche wird der Betreffende gezwungen, mitzuteilen, mit wem er in der Schweiz oder sonst im Ausland korrespondiert. Dann muß er entweder bei dem Schweizer Freund sofort antelephonieren oder expreß an die Adresse im Ausland schreiben: „Bitte mir sofort den Stand meines Kontos anzugeben.“ So hofft man feststellen za können, wer etwa Devisen im Ausland besitzt. Es handelt sich um keine Greuelnachricht, sondern um eine seriöse Information. Wer also einen solchen Brief erhält, weiß, was er davon zu halten hat. Nicht verblüffen lassen!“ * Unverminderte antisemitische Aktion in Deutschland London, 21. Dezember. (JTA.) Auf der Tagung des Board of Deputies of British Jews erstattete der Mitvarsitzende des Joint Foreign Committee und Präsident der Anglo-Jewish Association, Leonard G. Monte f i 0 r e, den Bericht des Joint Foreign Committee. Verschiedene Leute, sagte er, die Deutschland letzthin besucht haben, sind der Meinung, daß der Antisemitismus dort im Abflauen begriffen sei. Sie hätten zum Beispiel weit seltener Aufschriften „Juden sind hier nicht erwünscht“ gesehen. Er glaube wohl, daß viele Deutsche tatsächlich den Antisemitismus mißbilligen. Anderseits sei die Staatsmaschinerie in voller Tätigkeit und die antisemitische Aktion in Deutschland dauere unvermindert fort Was die Frage betrifft, ob mit Ablauf dieses Jahres die Pässe der deutschen Juden zurückgezogen werden, so könne man noch nichts Voraussagen. Gegenwärtig ist es so, daß, obwohl in den einzelnen Bezirken Deutschlands der Vorgang verschieden ist, Juden kn allgemeinen nur Pässe bekommen, wenn säe endgültig auswaadem. Außerdem bürgert sich immer mehr der Brauch ein daß Juden ihre Pässe abzuliefern haben, auch wenn deren Gütigkeit noch nicht abgelaufen ist, und diese nur unter der Bedindung zurückerhalten, daß sie für immer das Land verlassen. Die Politik der deutschen Regierung, sagte Monteflore, ist widerspruchsvoll. Einerseits will man die Juden los werden, anderseits legt man ihnen dabei Schwierigkeiten in den Weg. Infolge der fortschreitenden Verarmung der Juden kommt es häufig vor, daß jüdische Kaufleute nicht in der Lage sind, die Steuern zum festgesetzten Termin zu entrichten. In solchen Fällen werden ihre Geschäfte durch polizeiliche Verordnung zwangsweise verkauft. Manchmal wird der Eigentümer des Geschäfte« mit der Begründung, er habe gegen die Währungsvorschriften verstoßen, verhaftet und nur dann auf freien Fuß gesetzt, wenn er verspricht, das Land zu verlassen. der geehrten Abgeordneten besser daran ton, die drei Predigten des Kardinals Fauthaber zu lesen. Die Gesetzentwürfe über die Naturalisation der vorgeschiagenen Personen wurden mit überwältigender Mehrheit angenommen. Unter den Antragstellern befand sich, wie eich aus den erwähnten gesetzlichen Bestimmungen des fünfjährigen Wohnsitzes ergibt, noch kein jüdischer Flüchtling aus Deutschland. Angesichts der Tatsache, daß im Jahre 1988 eine Reihe von Emigranten die gesetzliche Möglichkeit besitzen, ihren Antrag zur Aufnahme in die niederländische Staatsbürgerschaft zu stellen, besitzt die Debatte über diese Gesetzentwürfe ein Interesse, das weit über Holland hinausgeht. * Oer Rassenstandpunkt I« deutschen Exporthandel Eine Anzahl deutscher Arbeitgebervereinigungen hat beschlossen, sich im Ausland nicht mehr durch Juden vertreten zu lassen. Dieser Beschluß nimmt vielen holländischen Juden, zum Lohn dafür, daß sie dem deutschen Export lange Zeit treue Dienste geleistet haben, das Brot Es ist ein sehr dummer Beschluß, schreibt dazu das Amsterdamer „Algemeen Eine Niederlage der Hakenkreuz-Ideologie In Holland erfordert jede Ein bür- Deshalb rechneten die Holländer die Juden gerung ein eigene« Gesetz. Sie kommt ijjj vielmehr zu dem niederländischen Volk, als der Weise zustande, daß die Person, die Die Drangsalierung der Juden in Rumänien Wiederum ist die Repräsentanz der Jüdischen Gemeinde Cernauti, eine der größten in Rumänien, kurz nach ihreT Wahl behördlich aufgelöst worden. Der frühere Präsident der Kultusgemeinde, Dr. G u t h e r z, hat beim Appellgerlcht die Klage auf Annullierung der Auflösungsverfürung überreicht. In der Klage wird die Maßnahme des Kultusministeriur 1 als illegal bezeichnet. Die „Ostjüdische Zeitung“ schreibt: „Die gesamte jüdiseho Bevölkerung empfindet die plötzliche Auflösung des Kultusratee als eh-ui schweren Schlag gegen die Autonomie der (hmeinde... Daß -die Auflösung einige Tage vor der allgemeinen Parlamentswahl vorgenommen wurde, gibt dieser Regie- Tunge-inaßnahme einen politischen Sinn... die holländische Staatsbürgerschaft erlangen will, an die Königin einen darauf abzielenden Antrag richtet, der, ehe er dem Parlament. als Gesetzentwurf zugeht, vom Judizminister gebilligt sein muß. Voraussetzung ist mindestens fünfjährige Seßhaftigkeit in Holland odeT in den Kolonien. Di-ase seit dem Jahre 1892 bestehende gesetzliche Regelung macht es erklärlich, daß kürzlich in Holland gewohnt haben, die auch formell zum niederländischen Volk gerechnet werden müssen, die sich aber geistig dem holländischen Volk entfremdet haben. Die Nationalsozialisten schickten darauf ihren Fraktionsvorsitzenden Rost van Tonningen, Chefredakteur von „Het Nationale Dagbiad“, international bekannt geworden als Finanzkommissar des Völkerbundes für Österreich, vor. Er glaubte besonders geist- 3 . 1 _,„ reich zu sein, indem er fragte: Können wir der Zweiten Kammer des holiän-, nicjjt Justizministerium künftig besser diseben Parlamente eine Debatte' Fabrik für neugebackene Niederländer“ nenttber Einbürgerungen abgeftihrt wurde, die 1 nen? Man müsse, fuhr er fort, mit Nachdruck in antisemitischen Angriffen eich ergehenden j gegen den Massenimport von volksfrewden nationalsozialistischen Rednern eine gründ- Elementen protestieren, liehe Abfuhr brachte. Hollands Parteien verurteilen Rassenantlsemltisnms Abgeordneter Wendelaar, der Vorsitzende der Liberalen Fraktion, verwies auf den Antrag der N. S. B. (Nationalsozialistische Bewegung), künftig bei jedem Naturalisationsgesetz die Namen der Juden be sonders aufzuführen und betonte, derartige Worte seien im holländischen Volk und vor allem in der Kammer nicht nur völlig ungebräuchlich, sondern würden auch allgemein mit Entrüstung aufgenommen werden. Das seien ausländische Manieren, die man importieren wolle. Hier ahme man ein ausländisches Volk in gefährlicher Weise nach. Wenn man feststelle, daß der Antisemitismus in Holland zunehme, dann sei das vielleicht der Fall, aber dann dürfe man nicht vergessen, daß er gerade durch die Nationalsozialisten systematisch gezüchtet wird, und dagegen müsse inan immer wieder in schärfster Weise reagieren. Eine der schönsten Traditionen des niederländischen Volkes sei es stets gewesen, daß man in Holland gewohnt sei, einander ale Persönlichkeit zu beurteilen und zu schätzen nach dem Wert, den ein jeder in dem Zusammenleben besitzt. Was die Niederlande den Juden verdanken Abgeordneter Albarda, der Vorsitzende der Sozialdemokratischen Fraktion (bei dieser Debatte nahmen also fast alle führenden Mitglieder des holländischen Parlaments das Wort) führte aus, wenn man in den Niederlanden und im niederländischen Parlament über die Juden spreche und an sie denke, dann müsse man auch an all das denken, was die Joden zum Ruhm des Landes beigetragen haben, zum Ansehen von Kunst und Wissenschaft, zum Aufblühen des Handels und der Industrie. Deshalb sei man diesem alten Volk die größte Dankbarkeit, die größte Achtung und die größte Ehrerbietung schuldig. Eine Erklärung des holiän* dischen Justizministers Die Debatte wurde mit einer kurzen Rede des Justizministers Goeeling (Mitglied der römisch-katholischen Staatspartei) beschlossen. Der Minister erklärte unter anderem: Was den ferneren Inhalt der Reden betrifft, die von den verehrten Abgeordneten, den Herren Dieters (Nationalsozialist) und Rost van Tonningen gehalten worden sind, so hat man sich beklagt, daß ich eigentlich noch keine Antwort auf die Bemerkung zu dem Antrag wegen der Benennung einer Anzahl von Petenten jüdisoher Abkunft gegeben habe. Einen Unterschied nach der Rasse oder dem Religionsbekenntnis kennt die niederländische Gesetzgebung nicht. Das ist mein Ausgangspunkt gewesen. leb flaube deshalb, mich mit der wiederholten Erlärung begnügen zu können, daß im allgemeinen kein Grund vorhanden ist, bei der Verleihung der niederländischen Staatsbürgerschaft, die jüdischen Bevölkerungsgruppen besonders zu behandeln. Was scnließlieh die Judenfrage im allgemeinen betrifft, bitte ich die Herren mich recht zu verstehen, wenn ich mich mit einer ganz kurzen Erklärung begnüge. Die Kammer weiß, daß dieses Kabinett danach streben will, die positiv-christlichen Prinzipien in unserem Volke zu verstärken und zu befestigen. Dazu gehört auch nach meiner festen Oberzeugung daß man sieh von jeder Verächtlichmachung der Juden als solche fernhält. Ich erinnere midi In dieser Zeit, so kurz vor dem Weihnachtsfest — und das mag wohl auch ln dieser Versammlung gesagt werden — sehr stark, daß der Eine, zu dem Millionen Menschen in der Welt als zu ihrem Erlöser aufsehen, ans dem jüdischen Volke abstammt und von einer jüdischen Mntter geboren wurde. Wenn man über die Jadenfrage mehr wissen will und wenn man über sie durchaus in deutscher Sprache etwas tosen will, dann würden verschiedene Wir bitten für unsere alten und arbeitsnnfähigen Blinden am Spenden. Für die blinden Masikiehrer, Klavierstimmer, Korband Sesselflechter sowie Bürstenmacher bitten wir um Arbeit Hllfsverein der jüdischen Blinden Wien, II., Rembrandtutraße 18 Telapkan * 4T-J-T1 - Putspartanmi-Kairt* Nr. * tll.211 Handelsblad“, denn der deutsche Export hi eh er ist von den guten Agenten aufgebaut worden, und es ist äußerst unwahrscheinlich, daß man alle holländischen Juden ohne Schaden durch „Arier“ ersetzen kann, sicher nicht durch deutsche „Arier“, die erst in Holland einwandem sollen. Wenn man nun fragt, was offiziell dagegen zu tun ist, so muß man zugebeo, daß jeder Exporteur juristisch das Recht hat, seinen Agenten mit Beachtung der Vertragsverpflichtungen auszutauschen. gen. Nimmt also der Exporteur seinen ‘Entschluß ungezwungen, so hat es wenig Sinn, darüber viel zu schreiben und man kann es nur als Symptom bedauern. Wir möchten allerdings gern einmal die Reaktion in deutschen Blättern sehen, wenn eine protestantische oder römischkatholische Vereinigung von Arbeitgebern ln Holland den Beschluß faßte, alle ihre Agenten ln Deutschland zu entlassen, die sich nicht offen zur römischkatholischen oder zur Bekenntniskirche bekennen. Hier in Holland wird man allerdings nie so töricht sein. Sollte sich aber zeigen, daß dieee deutschen Vereinigungen auf Befehl irgend einer offiziellen.Instanz gehandelt haben, dann erhebt sich die Frage, ob unsere Regierung sich nicht mit der deutschen in Verbindung setzen soll, um sie freundschaftlich und korrekt daran zu erinnern, daß, wenn wir auch keinen Einfluß auf die Art der Behandlung deutscher Juden üben können, für die deutsche Regierung ein holländischer Jude ein Holländer zu sein und daß seine „Rasse“ nichts zur Sache hat, so daß die deutsche Regierung die betreffende Instanz veranlassen kann, ihren Befehl zu widerrufen. Liegt es übrigens etwa in der Absicht der Instanzen, die von der deutschen Regierung abhängig sind, ln Japan, China, Persien, Arabien und Zentralafrika alle Einwohner, die dort Agenten von deutschen Exporteuren sind, zu entlassen, well sie „Nichtarier“ sind? Regierungspartei in Irland gegen Antisemitismus Dublin, 21. Dezember. (JTA.) Auf der Tagung der Regierungspartei in Dublin (Irland) wurde eine Resolution angenommen, in der jedem Versuch, in Dublin oder in anderen Teilen Irlands eine antisemitische Kampagne zu entfalten, Kampf angeeagt wird. Die Bevölkerung von Dublin, heißt es in der Resolution, war stete tolerant und wird judenfeindliche Aktionen nicht zulaesen. Zum Schluß wird die Auflösung der Irish Christian Protection Association gefordert, die die Verdrängung der Juden aus dem wirtschaftlichen und kulturellen Leben Irland« zum Ziele habe.