Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 11 (1937-1938)
- Issue
- Heft 706 (15.12.1937)
- Date
- 1937-12-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr, 706. — Wien, Mittwoch, 15. Dezember 1987. Ml STIMMI Seite 3 Ein Erfolg ohnegleichen: di« große Gyimes Varletä - Schau „Verzauberte Welt“ im RONACHER Vorverkauf für die Feiertage beginnt Freitag, 17. ds. Sohn indischer Mutter Irischer Präsidentschaftskandidat Seit einiger Zeit befaßt sich die irischbritische und die tschechoslowakische Öffentlichkeit mit der Tatsache, daß Graf Edward Taaffe, der Enkel des einstigen österreichischen Ministerpräsidenten Graf Edward Taaffe, nach Irland, der Heimat seiner Vorfahren, übersiedelt ist und dort für das Amt des irischen Staatspräsidenten, das gemäß der am 29. Dezember in Kraft tretenden neuen irischen Verfassung, die Irland völlig von England unabhängig macht, zum erstenmal besetzt werden soll, kandidiert. Über die Abstammung des Präsidentschaftskandidaten Irlands erfahren Prager Zeitungen: Die Familie Taaffe behielt neben dem österreichischen Grafentitel den Erbadel britischer Peers. Graf Heinrich Taaffe, Edwards Vater, war kurz vor dem Weltkrieg dazu ausersehen, den albanischen Königsthron zn besteigen, doch der Einfluß Wilhelms H. siegte, und der Prinz zu Wied bestieg den albanischen Königsthron, um ihn nach kurzer Zeit zu verlassen. Heinrich Taaffe heiratete eine J ü d l n, eine geborene Puchs, und dieser Ehe entstammt Edward Taaffe. Nach dem Tode seines Vaters Heinrich wurde Edward Majoratsherr auf E1 liech a. u im Böhmerwald, dem Grundbesitz der Taaffes. Nach dem Kriege wurde er tschechoslowakischer Staatsangehöriger. Er heiratete Frau Grace McLaughlin, die Tochter eines hohen irischen Richters und intimen Freundes des irischen Ministerpräsi- §ten De Valera. De Valera selbst ist es, die Kandidatur Edward Taaffes füf das t eines Staatspräsidenten von Irland vorgeschlagen hat De Valera, dessen Sehkraft stark gelitten hat, will sich aus dem öffentlichen Leben zurüekziehen. „Wirtschaftlicher Selbstzerstörungstrieb der Völker" Genf, 14 Dezember. (JTA.) Das Sekretär riat des Jüdischen Weltkongresses hat soeben den Mitgliedern des Wirtschaftskomitees des Völkerbundes, das augenblicklich in Genf tagt, ein von der Wirtschaftsabteilung des Jüdischen Weltkongresses veröffentlichtes Werk über „Die wirtschaftliche Lage der jüdischen Minoritäten“ zugehen lassen. Der Begleitbrief stellt fest, daß „dieses Werk auf Grund umfangreichen, bisher nnveröffentlichen Materials zum erstenmal genaue Angaben über eine Frage enthält, die für Millionen von Menschen, für das nationale und internationale Wirtschaftsleben und damit für den Frieden der Welt von lebenswichtigem Interesse ist“. „Man hat zuweilen den Eindruck“, liest man anderseits in dem Vorwort des Buches, „daß die Sinnlosigkeit des europäischen Wirtschaftslebens das Ergebnis eines gewaltigen Selbstzerstörungstriebes der Völker ist. Dieser äußert sich zweifellos am charakteristischen in dem nationalistischen Kampf gegen die Minoritäten und insbesondere in der grausamen und barbarischen Kampagne gegen die jüdische Minderheit“ Mag. Pharm. Herta Wengraf Bruno Kahan Wien IX. Wien V. VERLOBTE Zweiter Prozeß gegen Bialaer Pogromisten Warschau, 14. Dezember. (JTA.) Vor dem Kreisgerioht in B i e 1 i t z hatten sich acht Teilnehmer an den antijüdischen Exzessen in Biala im Oktober dieses Jahres zu verantworten. Der Hauptangeklagte wurde zu 18 Monaten, ein zweiter zu 12 Monaten, drei zu 10 Monaten und drei zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt Im Verlaufe des ersten Prozesses gegen 31 Teilnehmer an den Ausschreitungen in Bielitz, bei dem, wie bereits "-emeldet, 16 Angeklagte zu Strafen von drei bis zwölf Monaten Gefängnis verurteilt wurden, hatte Polizeikommissär Dr. Kerri gegenüber den Aussagen einiger Beschuldigter, daß die Angriffe auf jüdische Läden und Wohnungen durch Provokationen hervonrerufen wurden, als Zeuge ausgesagt die Behauptung, es seien aus jüdischen Wohnungen Steine auf Demonstranten geworfen worden, sei unwahr. Ein zweiter Polizeibeamter hatte ausgesagt daß die Steine, die aus der Synagoge und aus einem Kaffeehaus auf die Straße flogen, von den Hauptangeklagten Mihalacha und Masowicz selbst geworfen wurden. Der Untergang des russischen Judentums Der Wiener JTA-Vertreter hatte Gelegenheit, mit einem soeben aus Rußland zurüekgekehrten jüdischen Ingenieur zu sprechen, der dort Belbst zehn Jahre lang in der Schwerindustrie leitend tätig gewesen war und, wie fast alle Ausländer In der letzten Zeit, im Zusammenhang mit angeblich überhandnehmender Spionage- und Sabotagetätigkeit ausländischer Emissäre entlassen wurde. Wahrscheinlich als Folge des Umstandes, daß der auf den Juden in wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Hinsicht lastende Druck aufgehört hat, erklärte der Gewährsmann, greift eine starke Assimilation s b ew egu ng um sich, die sich darin äußert, daß der Gebrauch des Jiddischen und Hebräischen allmählich verschwindet. Bis 1926 erschienen noch hebräische Bücher. Seither ist dies nicht mehr der Fall, da in den Staatsverlagen hebräische Bücher nicht gedruckt werden und private Verlage nicht zugelassen sind. Bei der Volkszählung im Jahre 1936 wurde es den Juden freigestellt, die Rubrik „Nationalität“ mit „Jewrej“ auszufüllen. Die Zionistenverfolgungen, die tatsächlich Vorkommen, sind darauf zurückzuführen, daß der Zionismus als politische imperialistische Bewegung angesehen wird, die — ebenso wie jede andere politische Betätigung außer der kommunistischen — verboten ist. Was die wirtschaftliche Struktur der russischen Juden betrifft, so ist bezeichnend, daß diese gerade im Kleinhandel und in der starken Schichte der „Spekulanten“ am wenigsten vertreten, hingegen zahlreich als Fabriksarbeiter and Fachleute tätig sind. Auch in führenden Industriestellungen findet man viele Juden. Dagegen verschwinden die Juden vollständig aus den leitenden politischen Stellungen. Im großen und ganzen kann gesagt werden, daß dem Judentum als nationaler Gruppe in Sowjetrußland keine Entwicklungsmögliohkeit gegeben ist. Rassenreine Philatelie Prag, 13. Dezember. (JTA.) Im Juni 1938 wird in Prag eine Weltausstellung für Philatelie eröffnet. Es wurde eine vorbereitende „Dachorganisation“ gegründet, deren Ausschuß auch ein Jude, Emil Adler, angehört. Gegen die Zugehörigkeit Adlers zum Ausschuß erhob der Deutsche Philatelistenverband mit dem Sitz in Warnsdorf Einspruch, er forderte, daß sein Obmann Taschke an Stelle des „Nichtariers“ Emil Adler in den Ausschuß der den Namen „Praga 1938“ führenden Ausstellung eintreten solle, damit die „Deutsche Philatelie“ in der Tschechoslowakei gegenüber dem Ausland „richtig“ vertreten werde. Spate Erkenntnis Prag, 14 Dezember. (JTA.) Senator Prälat Dr. Hilgenreiner, der frühere Rektor der Prager Deutschen Universität, der Konrad Henlein den Weg bereiten half, hielt am Sonntag, den 12. Dezember, in einer Prager Versammlung der Deutschen Christlichsozialen Volkspartei, deren nationalen Flügel er repräsentiert, einen Vortrag über das Thema „Katholisch und völkisch“. Er wies auf die heute im Deutschen Reich gepredigte Umwandlung des Begriffes „völkisch“ in „antichristlich“ hin und erklärte, in dem Gedanken von „Blut und Boden“ liege krasser Materialismus. * Das polnische Hochschulghetto Lemberg, 13. Dezember. (JTA.) Der akademische Senat der Lemberger Polytechnik hat beschlossen, besondere Bänke für jüdische Hörer einzuführen. Für die polnischen Studenten bleiben die Bänke auf der rechten Seite der Hörsäle reserviert, während die jüdischen Studenten links Platz nehmen müssen. Diese haben den Beschluß gefaßt, sich der Verordnung Dicht zu fügen. Die nationaldemokratischen Studenten feiern die Einführung der Ghettobänke als ihren Sieg und unmittelbaren Erfolg der in der Vorwoche durchgeführten Bloekade. « Taschke ans Warnsdorf, der das Wort „Sammler-Kameraden!“ geprägt hat, ist nun tatsächlich der Posten Adlers ringe-1 räumt worden. Die Herren Adler, Mi nafik and Noheji haben hierauf ihre Funktionen niedergelegt j Auch der älteste deutsche Philatelisten-j verein in Prag, der Deutsche Verein für' Briefmarkenkunde, der bereits einmal wegen 1 antisemitischer Äußerungen aus dem Ver-; band ausgetreten war, hat seinen erneuten Austritt aus dran Verband angekündigt und: will jede Mitarbeit an der „Praga 1938“ ein-! stellen, falls sein langjähriger Schriftführer j Adler nicht die entsprechende Genugtuung j bekommt Zahl der Juden in Böhmen Prag, 14. Dezember. (JTA.) Das Bureau für Statistik der Juden in Prag teilt mit: Die Zahl der Juden in Böhmen betrug in den Jahren: 1784: 41.757 (1-67% der Gesamtbevölkerung); 1785 : 42.129 (1-57%); 1857: 86.339 (1-82%); 1869: 89.933 (1-75%); 1880: 94.449 (1-70%); 1890: 94.479 (1-62%); 1900: 92.746 (1-47%); 1910: 85.826 (1-27%); 1921: 79.777 (1-20%); 1930: 76.301 (1-07%). Dieee Tabelle ergibt, daß die Zahl der Juden in Böhmen im Verhältnis zur Gesamthevölkemng seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts in ständiger Abnahme begriffen kt Warschau, 13. Dezember. (JTA.) Auf der WarschauerHandelshochschule besetzten die nationaldemokratischen Studenten die Eingänge zum Gebäude lind hinderten die jüdischen Hörer am Betreten des Hauses. 50 jüdische Studenten wurden vor dem Eingang umzingelt und schwer mißhandelt Die Methoden der Gestapo-Spitzel Amsterdam, 14 Dezember. (JTA.) Der holländische Schriftsteller A. Den Doolaard hat den tragischen Fall des jungen Uber die Technik des Bombenwerfens Von M. Y. Ben-gavriri. Die Technik des Bravo-Mordes hat in den Jahrhunderten seit den großen Bürgerkriegen zur Zeit der Belagerung Jerusalems in dieser Stadt ganz bedeutende Fortschritte gemacht. Brachte man damals einander, zur Zeit der Siccarier, auf primitivste Weise mit Dolchen um, so geschieht dies jetzt in der zum Mordzentrum gewandelten Stadt des Friedens durch modernste Repetierpistolen, oder noch lieber durch raffiniert gebaute Handbomben, Eine kurze Darstellung eines dieser — ohne Ausnahme, nicht individuell gegen bestimmte Personen, sondern stets gegen z ufällig vorbeikommende Mitglieder der anderen Nation gerichteten — Mordüberfälle aus den letzten Tagen mag eine Ahnung von der Technik dieser alltäglichen Attentate geben. Zwei Minuten nach fünf, einen Augenblick, nachdem der tägliche, daa Ende des mohammedanischen Fasttages ankündigende Kanonenschuß gefallen war, erfolgte eine zweite Detonation, die aber stärker und heller war als der Kanonenschuß. Eine Bombe! Daß es eine Bombe war, darüber regte sich kein Mensch mehr auf, denn solche Dinge sind in Jerusalem zu alltäglich, die Frage war nur, in welchem Viertel sie geworfen wurde. Die Polizeisoldaten, die vor dem Polizeiquartier standen, begannen fachmännisch zu raten und schließlich machten sich zwei von ihnen auf, um naohzusehen. Der eine traf unterwegs einen Bekannten und kehrte mit ihm zurück. Der andere ging langsam weiter. Es war ja auch schließlich nicht seine Sache, sondern die der in der Gegend des Bombenwurfes Dienst machenden Patrouille, nachzusehen, was geschehen war. Geschehen war folgendes: Auf einer Veranda, die, an der Hinterseite des Büros einer arabischen Autobusgesellschaft, Aussicht auf den Standplatz der Autos gibt, saßen einige Leute und warteten auf einen Überlandautobus. Plötzlich explodiert mitten unter ihnen eine Bombe und die ganze Gesellschaft liegt auf dem Boden. Ergebnis: zwei Tote, das heißt ein Toter und ein Sterbender und drei Verwundete. Eine Minute, eine ganze Minute lang stehen die Passanten auf der Straße, wie gelähmt, blicken herum, fragen einander und dann erst bricht die bei solchen Ereignissen gewohnte Panik aus. Im Nu ist die Straße leer. Alles stürzt in die nächsten Haustore. Bis dann Polizisten gerannt kommen und die Toten und die Verwundeten wegbringen. Nachdem, soweit dies noch Sinn hat, erste ärztliche Hilfe geleistet worden war, setzt die Untersuchungstätigkeit der Polizei ein, die sich in den in solchen Fällen gewohnten Bahnen hält. Die noch aufzufindenden Splitter der Bombe werden gesammelt, um festzustellen, ob es sich um eine „fertig gekaufte“ oder um eine primitive „homemade“-Bombe handelt, was aber auch] schließlich das einzige Ergebnis all dieser Untersuchungen zu sein pflegt, ein Ergebnis, das wahrscheinlich selbst die Polizei nicht mehr interessiert Hierauf werden die in der Nähe befindlichen Personen zwecks Untersuchung verhaftet Gleichzeitig erfolgt eine Haussuchung im ganzen Haus, in dem das Autobüro untergebracht ist, was sich ziemlich langwierig gestaltet, da es sich um ein sehr weitläufiges Haus handelt das, zu allem, zum Teil Hotel, zum Teil Bürohaus ist Das Ergebnis der Untersuchung ist wie in allen solchen Fällen, natürlich gleich Null. Auch die Untersuchung der Umgebung führt um so weniger zu einem Resultat, als ein während des Attentates zufällig einige Schritte vom Tatort stehender britischer Polizeisoldat aussagte, daß er auf dem völlig übersichtlichen Platz weder einen Menschen kommen, noch davonlaufen sah. Auch die Annahme, daß die Bombe vom Dach herabgeworfen, konnte ebenso wenig belegt werden, wie die Möglichkeit, daß sie, mit Zeitzünder versehen, schon vorher auf der Veranda untergebracht worden war. Ebenso kompliziert und unlösbar war die Frage nach dem aktuellen Anlaß des Bombenwurfes, da eine ganze Anzahl einander widersprechender Gründe in Betracht gezogen werden mußte, die sowohl Araber wie auch Juden belasten konnten. Einige dieser Gründe, wie sie sofort diskutiert wurden, sind folgende: A. (Juden als Täter): Rache für die zwei Tage vorher bestialisch abgeschlachteten jüdischen Arbeiter. B. (Araber als Täter): 1. Die Angestellten der Autogesellschaft haben angeblich seit zwei Monaten kein Gehalt bekommen. 2. Der Besitzer der Autobusse gehört einer arabischen | Partei an, die auf Tod und Leben von der anderen arabischen Partei bekämpft wird und entging wiederholt, wie durch ein Wunder, Attentaten. 8. Einer der auf der Veranda sitzenden Araber gehörte einer terroristischen Gruppe an und hatte, was jetzt sehr häufig ist, eine Bombe bei sich, die durch Unvorsichtigkeit, was gleichfalls häufig vorkommt, losging. 4. Die Wahrscheinlichkeit, durch einen derartigen Mord auch die friedfertigen arabischen Elemente zu radikalisieren. Und schließlich C. (Araber und Juden belastend): Provokation von arabisch- oder jüdisch - kommunistischer Seite, um weitere Unruhen im Land hervorzurufen. Keine dieser Möglichkeiten ist von der Hand zu weisen und dies ist auch der Grund, daß es fast aussichtslos ist, die Hintergründe des Mordes oder auch nur die Nationalität der Mörder festzustellen. Da überdies am nächsten Tag wieder ein neues Attentat folgt, welches das Interesse der Polizei und des Publikums, zumindest vierundzwanzig Stunden lang, in Anspruch nimmt, wird auch diese Angelegenheit schnell zu den unerledigten Mordakten gelegt, deren es zumindestens fünfhundert gibt. Unter diesen Umständen erübrigt sich auch die Frage, ob die Polizei fähig oder unfähig ist, denn gegen derartige blutige Zwischenfälle, deren Methode vorher raffiniert ansgearbeitet wurde, kann seihst die beste Polizei nicht helfen, wenn man nicht vor jedes Haus eine Patrouille stellt und jeden Passanten mehrmals des Tages nach Waffen absucht. Da solche Maßnahmen vielleicht in einem kleinen Dorf, nicht aber in einer Stadt, wo übrigens auch die auf dem Land gut arbeitenden Polizeihunde versagen, möglich sind, bleibt nur ein Mittel übrig, das Erfolg versprechen kann: die vollkommene politische Isolierung der Terroristen als Voraussetzung jeder polizeilichen Aktion. Solange dies nicht der Fall ist, kann mit einer Beendigung des Terrors in Palästina kaum gerechnet werden.