Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 11 (1937-1938)
- Issue
- Heft 701 (1.12.1937)
- Date
- 1937-12-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 701. — Wien, Mittwoch, 1. Dezember 1837. DIE STIMME S*He 3 Juden Wiens! Die Winterhilfe der Israelitischen Kultusgemeinde ist nur dann sichergestellt, wenn alle Gemeindemitglieder ihrer Verpflichtung nachkommen und den 20%igen freiwilligen Zuschlag zur Kultussteuer einzahlen. Erfüllet eure Pflicht und zahlet den Zuschlag unverzüglich ein. Cafe Prinz Eugen I., OPERNRING 11 Täglich Abendkonzert / M. K. 3 Künstler spielen 16 Instrumente Musikalische Schau / Normale Tagespreise / Angenehmer Aufemhalt / Treffpunkt der besten Gesellschaft / Sämtliche in- und ausländischeZeitungen liegen auf Der Antisemitismus des Stadtgewerberates Knozer In der Agitation der Antisemiten spielt ein Herr Nikolaus Knozer, Stadtgewerberat, eine besonders aktive Rolle. In einer Versammlung des Gewerbebundes, die Ende Oktober stattfand, hielt, wie wir berichtet haben, Nikolaus Knozer eine wüste Hetzrede gegen die Juden, wie sie jetzt wieder üblich zu werden beginnt. Die Herrschaften, die sich berufen fühlen, als Hetzapostel aufzutreten, verdienen nicht, daß man sich näher mit ihnen beschäftigt und ihnen Reklame macht, was ja einer der Zwecke ihres lärmenden Verhaltens ist. Aber Herr Knozer tat eine so interessante Konzertsängerin Sarah Goldstein Am Flügel: Robert Walter Spitz 1. Zeirai Pakad Adonai Ein Pionier segnet Zion 2. i. Weinberg: Jemenitischer Gesang Die Nichte von Chanaan 3. Posneri Hamavdit Chassidlsdiet Gebet 4. Zaire i Palästinensischer Marsch Persönlichkeit, daß es eich doch verlohnt, ihn genauer zu betrachten. Durch die Anpöbelungen seiner jüdischen Mitbürger beschimpft der Stadtgewerberat Knozer seine eigene Mutter, denn sie war eine Jüdin, und zwar die Tochter des jüdischen Photograph eoS tockmann in Baden. Es wäre Herrn Nikolaus Knozer m. raten, sich ein Beispiel an seinem Onkel P. in Baden zu nehmen, der_ bald nach Kriegsende zum damaligen Präsidenten der Kultusgemeinde in Baden kam und ihn ersuchte, ihm zwei arme Ostjuden zu senden, die er unterstützen wolle-. Er wünschte aber nicht schlechthin den Besuch zweier Ost- Auf der Flucht*) Wir waren wohl eine Stunde_ gefahren, ■und der Nebel war endlich so weit zurückgewichen, daß wir bequem die schwarzen Umrisse der bewaldeten Berge vor uns erkennen konnten, da legte eich plötzlich, es war gegen sieben Uhr morgens, eine fieberhafte Stille über sämtliche Wagen. Es schien sich mit einem Male die Luft zu ändern und mit ihr der Atem der Flüchtlinge. Wer eich umdrehte, erblaßte, zog den Kopf em, wandte die Augen schnell wieder nach vorn. Furcht ergriff die Menschen. selbst die Pferde unterließen ihr rasselndes Wiehern und sträubten ihre Mähnen. Die Rä-der ratterten ausgedörrt und 'würgend. Kalt lief es den Juden über die Haut. Wir Ftachmanns kauerten uns auf _ me Bodenbretter unseres Wagens, als wir hinter uns die Reiter gewahrten. Hände schoben uns Kinder in die äußerste Ecke, wo wir wie Bündel verstaut wurden. Immer kleiner ward der Abstand. Je naher die reitende Gruppe kam, desto sicherer wurde die Gewißheit, daß es Russen waren. Sie hatten lange Lanzen mit flatternden Läppchen. Die Pferde niedrig und flink. Ach wie fern erschienen uns mit einem Male die nahen Beige, die wie verlegen auf die vor Jahren aus militärtec-hntachen Gründen angelegte Straße blickten. Rechts von ihr lag ein bläulich schimmerndes Gehölz, *) Mit freundlicher Genehmigung des Verlages Albert de Lange (Amsterdam) aas dem Roman „Die UsehUMons“ von H. W. Kate. Juden, sondern zweier Juden aus Gaiizien mit Pajes. Auf die erstaunte Frage des Kultusgemeindepräsidenten, warum er darauf bestehe, daß man zu ihm Ostjuden mit Pajes sende, antwortete Herr P., eT wolle sich auf diese Weise für die Hilfe dankbar zeigen, die ihm und seinem Bruder von Ostjuden im Weltkrieg erwiesen worden «ei. Herr Nikolaus Knozer dürfte von den Erlebnissen seines Onkels P. im Weltkrieg auch gehört haben. Aber das hält ihn nichtab, antisemitischer Propagandaredner z «ein. * Badener Schlaraffia führt den Arierparagraphen ein In der Badener Schlaraffia ist der Arierparagraph eingeführt worden. Von den 40 Mitgliedern sind daraufhin elf, neun Juden und zwei Christen, s of o r t ausgetreten und haben sich der Prager Schlaraffia angeschlossen. Die Aufgabe der Juden in USA. Washington, 29. November. (JTA.) Die Jahresversammlung des American Jewish Congress, deren Aufgabe u. a. die S c h a ffung einer Einheitsfront zum Kampfe gegen den Antisemitismus ist, wurde mit einer Erklärung eröffnet, in der darauf hingewiesen wird, daß die Existenz von fünf Millionen Juden in Europa durch die j totalitären Regierungen ernstlich b ei droht sei. Der Kongreß halte dafür, daß es eine Angelegenheit der Juden in den Vereinigten Staaten sei, die Verantwortung für die Sicherung der Existenz der Juden in allen Ländern der Weit zu übernehmen. Colonel Wedgwood hatte aus London an den Kongreß das folgende Telegramm gesandt: „Ich bin mit ganzem Herzen bei Ihnen auf der Tagung des American Jewish Congress, der demokratischen Front zum Kampfe für Menschenrechte. Demokratie und Gerechtigkeit für das jüdische Volk stehen und fallen miteinander, Einigkeit der fortschrittlichen Kräfte verbürgt allein den Sieg unserer gemeinsamen Sache.“ der Nationalsozialistischen Partei in Danzig, der „Vorposten“, berichtet, daß eine Delegation der Vereinigten amerikanischen Kolonisationsgesellschaft zusammen mit Vertretern des amerikanischen Judentums die Lage der in Danzig lebenden Juden untersuche. Die Delegation soll zu dem Schlüsse gekommen sein, daß ausländische finanzielle Unterstützung dringend benötigt werde und daß sie die Schaffung einer machtvollen Amerikanische Aktion für Auswanderung der Danziger Juden ] Organisation beschlossen habe, um die Aus- London, 30. November. (JTA.) „Times“jwanderung der Danziger Juden meiden aus Danzig: Das offizielle Organ I zu ermöglichen. Warsdiauer Advokatenkammer gegen Humerus clausus Warschau, 30. November. (JTA.) Die Allgemeine Versammlung der Warschauer Advokatenkammer, an der mehr als 1600 Advokaten aus Warschau und Kongreßpolen teilgenommen haben, verlief außerordentlich stürmisch. Die Advokaten aus dem Lager der Nationaldemokraten, der Nationalra-dikalen und der Regierungsfront bildeten einen Block zur Bekämpfung der jüdischen Position innerhalb der Kammer; ihnen stellten sich alle demokratischen und sozialistischen Elemente, Nichtjuden und Juden, entgegen. In den obersten Advokatenrat wurde der Kandidat der Demokraten, Advokat Sigmund N a g u r s k i, gewählt. Der Kandidat der Nationaldemokraten blieb mit 600 Stimmen in der Minderheit. Der antisemitische Block veranstaltete eine Demonstration gegen Nagurski, Advokat Suchodolski stürmte und links standen einige einzelne Baueragehöfte. An den nackten Lattenzäunen lehnten Bäuerinnen, nur mit Rock und Hemd bekleidet. Gerade als der Wagen mit uns Leuten aus Strody an einem solchen Gehöft vorbei wollte, wurden wir von den Russen überholt, Dumpf stampfend schlugen die umhüllten Hufe der dunklen Pferde auf der festen Straßendecke auf. Mit doppelten, über die Brust gekreuzten Patronengürteln, braungebrannt und breitknochig, saßen die Kosaken auf ihren Pferden. Fast erschienen sie uns verängstigten Fisohmauns als übernatürliche, unbesiegbare Wesen aus einer anderen Welt. Wir erschräken bis außerhalb unserer Fußspitzen, aber es geschah uns nichts. Die Russen nahmen von uns ebensowenig Notiz wie die österreichischen Soldaten. Sie ritten straff und schweigsam hinter ihrem Ataman her, nur ihre Augen untersuchten mißtrauisch jeden Baum im nahen Wald. Ich zählte sie, ich konnte ja bereits bis hunderttausend zählen. Unter den vielen Flüchtlingen war ich der einzige, der jetzt sprach, denn ich wußte weder was Furcht, noch was Mut bedeutet. „Es sind zwölf“, sagte ich laut. Da hielt mir die Mutter den Mund zu, daß mich die Zähne schmerzten — und erstvou diesem Augenblick an, begann ich dunkel zu ahnen, in welcher Gefahr wir uns befanden. Und schon brach der Krieg, der nackte Krieg mit Tod und Mord, vor meinen Kinderaugen aus. Gerade als die ersten Kosakenpferde Stillständen und einer der Reiter mit weit vorge- Haben Sie persönliche Beziehungen in indischen Kreisen? iliiliiiiSi lü 'i! Dann können Sie für eine erfolgsichere, jeden Juaen interessierende Sache werben und gut dabei verdienen. Wir verlangen nur: Zuverlässigkeit, ehrliches Interesse und Ausdauer! Persönliche Vorstellung: täglich von 4 bis 6 Uhr im Jüdischen Buch» klub, Wien, I., Fleischmarkt 1 1 auf Nagurski ein, wurde aber von diesem mit Ohrfeigen empfangen, es kam daraufhin zu einem Tumult. Der Rechtsblock brachte einen Antrag ein, einen Numerus clausus für Juden in der Advokatenkammer in der Weise einzuführen, daß die Verhältniszahl der jüdischen Advokaten der Prozentnorm der Juden in Polen angeglichen werden soll, ferner die Liste der Advokaturaspiranten für Juden zu schließen und die Zahl der Juden bei den Universitäten zu beschränken. Advokat Hartglas beantragte, diesen Vorschlag als mit der Verfassung in Widerspruch stehend, nicht zur Abstimmung zu bringen. Mit 700 gegen 500 Stimmen wurde beschlossen, über den Antrag des Rechtsblocks zur Tagesordnung überzugehen. Daraufhin gaben die Antisemiten die Parole aus: „Wir kündigen den Juden das Wohnrecht im polnischen Staat.“ Das Chanuklca-Gesdienlc des geistig interessierten Juden heißt: „DJB!" „DIB" ist die Abkürzung für das Unternehmen: Der Jüdische Buchclub der jüdische Menschen auf der ganzen Welt zu einer geistigen und kulturellen Gemeinschaft zusammenschließt — durch das Buch: Jdh lfch: Vier literarisch wertvolle, kulturell gewichtige und kQnst crlsdt bedeutsame Werke IQdischerSchrlft- Steller. Monatlich: Eine wertvolle indische Monatsschrift. Auch Sie gehören in den Kre's des „DJ Bi“ Verlangen Sie noch heute kostenlose Zusendung von Drucksachen: Der JQdischeButhcub, Wien, l.,Fiels<hmarkt1 Telephon: R 21-4-25, Sämtliche Lemberger Hochschulen geschlossen Lemberg, 30. November. (JTA.) An der Lemberger Universität, die erst am 20. November, nachdem sic längere Zeit geschlossen war, wieder geöffnet wurde, kam es am 27. d. neuerlich zu schweren Ausschreitungen der nationalistischen Studenten. Die Unruhen griffen bald auf die Handelshochschule und auf die Politechnik über. Zahlreich« jüdische Studenten wurden blutig geschlagen. Vor der Politechnik wurde ein dänischer Staatsangehöriger, der Leiter der dänischen evangelischen Mission in Lemberg, schwer mißhandelt. Alle drei Hochschulen sind auf unbestimmte Zeit geschlossen w o rden. Die Chajes-Akt'on Wie uro mitgeteilt wird, hat die in Österreich begonnene Aktion zur Eintragung des verblichenen Oberrabbinens Dr, Ghajes in« Goldene Buch bisher eine Gesamtzeichn-ung von 6400 S ergeben. Selbstverständlich wird die Aktion fortgesetzt, bta zur Erreichung des Planes, daß jede zionistische Vereinigung den für die Eintragung notwendigen Betrag von mindestens 700 S aufgebracht bat Wauehopes Rückkehr zum Abschied Durch ein Versehen ist der Name des Autors unseres Leitartikels „Waachopes Rückkehr zum ‘Abschied“ in der Nummer vom 29. November weggeblieben- Der Verfasser de-s Aufsatzes ist Dr. Ignaz Schwarzbart, der Präsident des Weltverbandes der Allgemeinen Zionisten. streckt-er Lanze auf den Wald zeigte, kam ' aus diesem Gehölz ein helles Geknatter. Im Nu zersprang die Landschaft wie spröde« Glas. Wild jagten die kleinen Russenpferde über die Wiese. Mutter warf mit einem unmenschlichen Schrei uns Kindern die mitgenommenen Kissen über den Kopf. Unaufhörlich knatterten die Sc-hüsse ans den Bäumen heraus. Es schien uns, als sähen wir blitzende Punkte in der Luft. Zwei Pferde rasten reiterlos die Straße zurück. j Irgend jemand riß mich vom Wagen und j stieß mich in die Richtung eines Hauses. | Ich lief geduckt-, über tum flogen die' Kugeln (,.... pfijjj, pfijjj, pfijjj...“), und ich fiel über die Sch welle eines Hauses, mit of-; fenem Munde, mit kindlichem Keuchen, ohne 'zu schreien. i Drinnen standen die Bäuerinnen am Fenster und bekreuzten sich bei jeder Schußsalve. Mutter lag mit einem Male auf einer. ‘■Bank, mit geschlossenen Augen, und die | Großeltern bemühten sieh händeringend, sie ' wieder zu sich zu bringen. Draußen war kein Wagen mehr bemannt. Die Flüchtlinge kauerten zwischen den Rädern, in den Straßengräben, soweit sio nicht mehr eines der wenigen Gehöfte hatten gewinnen können. Durch das Fenster sahen die Bäuerinnen und wir Kinder, um die sieh niemand kümmerte, daß von den zwölf Kosaken nur zwei hatten entfliehen können. Die anderen lagen auf der Wiese, Mer einer, da einer, mitten auf der schönen, großen, grünen Wiese, vor dem lebendig srewordenen Wald. „Wie Misthaufen liegen sie da“, sagte eine von den Bäuerinnen. „Da kommen die Unsrigen!“ schrie eine andere. Es waren ungarische Infanteristen, in dunkelblauer Uniform. .Ms sie an den Toten vorbeikamen, schossen sie, noch ein paar Schüsse ab. Sie knallten vor Freude in die Luft, dann bängten sie sieh bunte Bänder an die blauen Kappeu, rote, weiße und grüne Bänder, Dies taten sie zmu Zeichen des Sieges und der Freude, daß die Russen es waren, die lagen. Es war noch zu Anfang des großen Krieges. Mutter kam inzwischen zu sich. Sie erhob ,-ic-h mühsam. Behend griff sie nach uns, zog uns vom Fenster weg und setzte 6ich in eine Ecke der großen Bauernstube. Hier sah ich sie schütteln, als wäre sie von Sinnen. Ich hörte sie schluchzen, ganz trocken und tränenlos. Sie küßte uns mit kalten Lippen, daß uns der Atem verging. Darm plötzlich ließ sie vou uns ab und verstummte. Sie zittert« nur noch am ganzen Körper. Sie zitterte noch, als wir wieder den Wagen bestiegen. Sie zitterte noch am Abend im Städtchen K. Die Luft aber weht« wie au gewöhnlichen Tagen. Sic strich über die Erde, als «ei nichts geschehen in der Weit. Sit weht1' weithin, verschwägert mit Wald, Hü?e:n und zierlichen Gräsern. Nur mit den Menschen war eie an diesem Tage wohl nicht verschwägert. Die Natur hatte sich von ihnen zurückgezogen.