Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 11 (1937-1938)
- Issue
- Heft 700 (29.11.1937)
- Date
- 1937-11-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 700. — Wien, Montag-, 28. November 1937. D1C STIMM! Seit« 3 Jüdische Einheitsfront in USA. Der Kampf gegen den Antisemifismus müssen prüfen, ob Dr. Kresse noch den Voraussetzungen von 1934 entspricht. _ In diese Prüfung müßte auch deT Umstand eintoezogeu werden, daß die ausländische Presse auf die Sache aufmerksam geworden ist Draußen empfindet man, daß die Veranstaltung einer Werbesohau unter politischem Geeiohtewinkel ein Präjudiz schafft: heute sind es die Juden, nächstens können es die Tschechen oder Slowenen sein... Selbstverständlich setzt eich die ,,Reichepost“ für die Werbeschau ein. Sie ist ein Beweis für das Einheitsstreben, „daß die Christen Zusammenhalten“. Sie ärgert sich, daß die Juden in jeder solchen Veranstaltung gleich den Antisemitismus spüren. Da ist wohl das ganze Unternehmen nur ein Ausdruck der praktischen Nächstenliebe, und Dr. Kresse hat doch nichts anderes getan, als was der Volksbürgermeister Lueger gepredigt hat. Gewiß. Lueger hat es an Aufrufen solcher Art nicht fehlen lassen. Aber seine Aufforderungen sind nie so weit gegangen, daß er persönlich eine Ausstellung diesen Charakters eröffnet hätte, und außerdem haben die jeweiligen k. k. Regierungen derartige Rabatt-Veranstaltungen mit oder ohne Konzert nicht geduldet. Cafö I Prinz Eugen I., OPERNRING 11 Täa!ich Abendkonzert / M. K. 3 Künstler spielen 16 Instrumente Musikalische Schau / Normale Tagespreise / Angenehmer Aufenthalt / Treffpunkt der besten Gesellschaft / Sämtliche in- und ausländischeZeitungen liegen auf Rost van Tonnin gen unter den Hetzern Amsterdam, 28. November. (JTA.) Die von Ing. Mussert geführten holländischen Nationalsozialisten, die bei den Wahlen in die zweite Kammer des Parlaments am 26. Mai eine empfindliche Niederlage erlitten haben, versuchen die erlittene Schlappe durch eine verstärkte Hetzkampagne in ihren Zeitungen, Versammlungen und bei sonstigen Anlässen wettzumachen. Gelegentlich der Budgetdebatte in der zweiten Kammer des Parlaments richtete Abg. Dr. Rost van Tonningen, Chefredakteur des Organs der Nationalsozialisten, derart scharfe Angriffe gegen die Juden, daß mehrere liberale, sozialistische und katholische Abgeordnete gegen seine Ausführungen scharfen Protest erhoben. Der katholische Abgeordnete Doktor Kortenhorst bezeichnete Rosts Verhalten als ,,v e r b r e c h e r i s c h". Justizminister Dr. G o s e 1 i n g wies die Äußerungen Rost« zurück. Gleichzeitig erklärte er, die Regierung werde Maßnahmen gegen die Verbreitung von Publikationen des Hamburger antisemitischen Fichte-Bundes ergreifen. Auf einer Exkursion zu den Sumpfbeduinen des Hule zur Feststellung des Umfangs der in diesem Gebiet endemischen Malaria kam unser Jerusalemer Mitarbeiter M. Y. Ben- Gavriel. der die Exkursion mitmachte, auch zu den Almaniye-Beduinen. Nach freundlichem Abschied ritten wir in das Lager der Almaniye. Da hier die uralten Zeremonien der Bewirtung auf. das Genaueste durchgeführt wurden, .will ich versuchen, diese in ihrer patriarchalischen, wohl schon seit undenklichen Zeiten feststehenden Einfachheit ergreifenden Formen darzustellen: Wir näherten uns im Trab dem. aus einer großen Zahl mit schwarzen Ziegenhaarteppichen bedeckten Mattenzelten bestehenden Lager, als auch schon sämtliche Lagerhunde, Abkömmlinge von Schakalen,. Wölfen und anderem unkontrollierbaren Viehzeug, unsere Ankunft signalisierten. Träge wandten schwarze Büffel uns die Köpfe zu, um dann weiter in den Schlamm der Sümpfe hinauszuwaten. Männer kamen uns entgegen, die uns aus dem Sattel halfen und die Pferde anpflockten. Während wir den Schech, einen überaus würdigen alten Mann, begrüßten wurden Pflöcke in den Bogen geschlagen und die Frauen stellten Matten an ihnen auf, die mit Holznägeln aneinander geheftet wurden. Im Nu war ein Zelt vollendet, das. nach Süden und Norden abgeschlossen, dem leisen Westwind Durchzug gewährte. Schnell war der Boden mit Matten gedeckt, schmale Washington, 28. November. (JTA.) Am 27. November ist in Washington die Jahresversammlung des American Jewish Congress eröffnet worden. Zu dem Kongreß sind zahlreiche Delegationen großer, jüdischer Organisationen und Gemeinden aus allen Teilen der Vereinigten Staaten erschienen. Eine der Aufgaben dieser Beratung ist die Schaffung einer Einheitsfront zum Kampfe gegen den Antisemitismus. Diese konstruktive Aktion hat auch in Europa ein weites Echo efunden. Den Vorsitz führt der Präsident es jüdisch-amerikanischen Kongresses Dt. Stephan W i s e. Er verlas die folgende Botschaft des jüdischen Weltkongresses: „Die Exekutive des jüdischen Weltkongresses identifiziert sich mit dem Ziele der Convention des American Jewish Congress, der steigenden Flut des Antisemitismus b der ganzen Welt eine geeinte Front entgegenzusetzen, und übermittelt der Konvention die wärmsten Wünsche für den guten Erfolg dieser hohen konstruktiven Aufgabe. Zu einer Zeit, wo ungezügelte blinde Leidenschaft die menschliche Brüderlichkeit, die wertvollste Errungenschaft der Zivilisation, bedroht, dienen die edlen Bemühungen der Kongreßkonventlon nicht nur der Sache der Judenheit, sondern auch der des Weltfriedens Im allgemeinen. Es könnte keine bessere Art der Begehung des zwanzigsten Jubiläums des American Jewish Congress geben, der in den zwei Dekaden fruchtbarer Tätigkeit unaufhaltsam für die jüdischen Rechte gekämpft hat, wo immer die Juden unterdrückt waren, und der durch seine unermüdliche Arbeit weitgehend dazu beigetragen hat, Wohlwollen und gegenseitiges Verständnis zu fördern. Die Exekutive des Weltkongresses gratuliert dem American Eine Äußerung Goebbels... Berlin, 28. November. (JTA.) In Anwesenheit des Reichskanzlers, zahlreicher Reichsminister, des ungarischen Ministerpräsidenten Daränyi und des ungarischen Außenminister K ä n y a fand im Deutschen Opernhaus in Berlin die Tagung der Reichskulturkammer und der NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ statt. Dr. Goebbels und Dr. Ley erstatteten als Präsidenten der beiden Organisationen die Rechenschaftsberichte. Bei Schilderung der „Reorganisation dos deutschen Kulturlebens teilte Dr. Goebbels mit, daß seit 1935 annähernd 3000 Juden aus dem deutschen Kultutleben „e ri tf e r n t“ worden seien. Mit besonderer Be-! friedigung stellte Dr. Goebbels fest, daßj heute kein Jude mehr in einer deutschen [ Zeitung schreibe und kein Jude mehr auf j deutschen Bühnen auftrete. 1 Nachdruck verboten. Kiesen als Stützen der Arme wurden aufgeschichtet, und als wir das Zelt betraten, fanden wir auch schon Sattel und Zaumzeug unserer Pferde vor. Nachdem wir uns niedergelassen hatten, begann erst die richtige Begrüßungszeremonie, bei der Allah wiederholt, angerufen wird, um den Segen des Friedens über den Gast herabzuflehen, was in gleicher Weise von den Ankömmlingen beantwortet wird. Keine Frage nach Namen, woher oder wohin kommt über die Lippen der Gastgeber, denn dies wäre ein Verstoß gegen die gute Sitte. Das Gespräch dreht sich um allgemeine Dinge, um unsere Reise und tun den Wechsel der Zeiten. Der Schech amtiert Wenn wir auch infolge der vorgerückten Zeit ein wenig ungeduldig sind, dürfen wir aber mit den Malariauntersuchungeu_ nicht beginnen, ehe ,die Zeremonie des Kaffees nicht hinter uns ist. Endlich bringen Frauen getrocknetes Wurzelholz und Büffelmist und machen in einer Grube im Eingang de« Zeltes ein Feuer an, worauf sie sich sofort zurückziehen. Der Schech greift würdevoll in .einen Lederbeutel und reicht einem neben ihm sitzenden Beduinen etwa zwei Handvoll des ungebrannten Kaffees, die dieser auf einer großen kupfernen Pfanne über dem Feuer, in dem zwei Damaszener Kannen mit Wasser stehen, röstet. Wir verteilen indessen unseren Zigarettenvorrat, wa« von den etwa fünfzehn um uns sitzenden Män- Jewish Congress zu seinen bisherigen Leistungen und sieht voll Vertrauen und Stolz seinem zukünftigen Wirken entgegen.“ Auch der algerische Verband jüdischer Organisationen gratulierte zum zwanzigsten Jubiläum des American Jewish Congress und begrüßte die Gründung einer geeinten demokratischen Front gegen den Antisemitismus. Aus Brüssel sandten Kubowitzki und Per im an im Namen des Conseil des Associations Juives herzliche Worte der Begrüßung. Aus London telegraphierte Reverend Perlzweig im Namen der British Section of the World Jewish Congress: „Im Namen von 350 englisch-jüdischen Organisationen, welche die gesamte zionistische Bewegung und die jüdische Arbeiterbewegung in Großbritannien umfassen, sende ich wärmste brüderliche Grüße, In dieser Stunde einer sich verschärfenden Krise blickt die europäische Judenheit, Hilfe und Führung suchend, auf die englischsprechenden Länder. Wir vertrauen darauf, daß wir nicht vergeblich auf Sie und Ihre anfeuernde Führung hoffen.“ Konzertsängerin Sarah Goldstein Am Flügel: Robert Walter Spitz 1. Zaira: Pakad Adonai Ein Pionier segnet Zion 2. J. Weinberg i Jemenitischer Gesang Die Nächte von Cnanaan 3. Posner: Hamavdil Chassidisches Gebet 4. Zaira : Palästinensischer Marsch ,.. und eine angebliche Äußerung Hitlers Riga, 28. November. (JTA.) Die lettländische Tageszeitung „Ja.unakas Zinas“ (Nummer 258), bringt ein Interview ihre« Pariser KtSVreepondenton mit einem Vertrauten des Herzogs von Windsor. Laut Mitteilung des Korrespondenten hat dieser Vertraute des Herzogs angedeutet, der Herzog habe in seinem Gespräch mit Hitler in vorsichtiger Weise seinem Befremden über die Judenverfolgungen in Deutschland Ausdruck gegeben, Hitler habe daraufhin zugegeben, daß er „in der Judenfrage zu weit gegangen sei“, aber hinzugefiigt, um sein Prestige zu wahren könne er nicht mehr zurück. Er sei gezwungen, mit der Stimmung der nationalsozialistischen Massen zu Technen.“ * Die Mitteilungen des Korrespondenten klingen nicht sehr überzeugend. nern sehr beifällig aufgenommen wird, und bringen langsam unser Gespräch auf die Schäden der Malaria. Feiner Duft des gebrannten Kaffees beginnt das Zeit zu durchziehen. Dbt Beduine schüttet die gebrannten Körner in seine Handfläche und reicht sie einem Mann mit herkulischem Körperbau und mächtigen, bis an die Schultern reichenden Schläfenlocken, der sie in einen reich geschnitzten und mit Messing beschlagenen Holzmörser wirft und ihn mit einem schweren, gleichfalls geschnitzten Stössel nach dem Takt, eines Liedes zerstößt. Kaffeezusatz Hfil Der Schech hat indessen einige Körner Hel — ein aus Mesopotamien kommendes Sumpfgewächs einem anderen Säckchen entnommen, die dann gleichfalls geröstet werden, um schließlich an den Mann mit, dem Mörser weitergegeben zu werden. Dieses Heb das dem beduinisoheu Kaffee den spezifischen, unvergleichlichen Geschmack gibt, wird der Kaffeobrühe, die indessen in komplizierter Mischte ebnik bereitet wurde, beigegeben. Nachdem der Kaffee dreimal auffc gewallt hat, kostet ihn der Schech. Nach wiederholtem, überlegendem Kosten konstatiert er, daß er nun gut genug ist, tun ihn den Gästen anzubieten. Nun werden die kleinen Schalen (Findjän) mit Wasser aus dem Tonkrug (Djarrah), dessen Öffnung durch Pfefferminzkräuter verschlossen ist, wodurch da« Wasser einen angenehm erfrischenden Duft bekommt, ausgewaschen und die Gäste erhalten die erste Schale des bitteren, starken und überaus heißen Getränks, das heißt, da sie geehrt werden sollen, eine Schale, die nur zum Vierte! gefüllt ist. Unter genau festgelegten Zere- Viol invirtuosin Liselotte Markus Am Füge!: Robert Walter Spitz 1. Ernst Bloch: Basl-Schem Suite Zerknirschung (Vidfti) H. Improvisation (Nigun) III. Jubel (Simchas Torah) 2. Achron-Auer: Hebräische» Wiegenlied 3. Max Bruch: Kol Niare Das Kanzler-Buch Es ereignet sich nicht ob, daß die große Presse des Auslandes die Aufmerksamkeit ihrer Leser auf ein politisches Buch aus dem kleinen Österreich lenkt. Sie befaßt sich aber jetzt sehr eifrig mit dem eben erschienenen Werk des österreichischen Bundeskanzlers; das Interesse, dem dieses Buch begegnet, ist sicherlich zunächst durch die Person des Autors bedingt, dann aber durch die Art der Darstellung und durch die B.handlung des Themas „D r e i m a 1 übte rreich“, des Schicksals eines Staates, der nicht nur geographisch im Zentrum Europas liegt, sondern der auch ein geistiger Mittelpunkt dieses schwer nach Harmonie ringenden Kontinents ist und — sein will. Das ist der 8' u und die große Mission dieses Staates, und der Mann, der ihn auf dieser Straße führt, der Bundeskanzler Dr. Schuschnigg, hat selbst zur Feder gegriffen, um das schmerzensreiche Werden einer neuen Gestaltung dieses Stücks Europa zu schildern, Rechenschaft zu geben und Ausblick zu halten. Die Monarchie bis zu ihrem Ende, Deutschösterreieh bis zur Ermordung Dollfuß’ und von da ab Schuschniggs Österreich — das sind die drei Stadien, die ein Zeitgenosse vorführt, der das erste als Kind und Soldat, das zweite als Politiker miterlebt hat und das dritte an seinen Namen knüpfen konnte. Ihn umfängt stets die Reichsidee, das tragende Motiv der Monarchie, die Mittler sein mußte zwischen Westen und Osten, zwischen Abendland und Morgenland; diese berückend große Mission eines Staates, der von der Adria bis zur podolisehen Ebene, vom Rhein bis zum Eisernen Tor reichte. Dieser Staat ist im Sturm des Krieges gescheitert und sein Herzstück ist erhalten geblieben und wieder hat er die Aufgabe, Brücke zu sein unter neuen, sich mühsam bildenden Formen politischen und kulturellen Seins. Je geringer der Mensch, je kleiner der Staat, um so schwerer sein Kampf — und das ist es, was Schuschnigg ———.. monien, wiederholtem dankenden Greifen der Hand an Stirn und Brust und ebensolchem Quittieren — quahwe daTme: ewig währe dein Kaffee! — wird noch eine Schale gereicht, worauf die Männer des Stammes trinken. Hierauf werden die Schalen zum ersten Male voll g e füll t. Dieser Kaffee kt mehr als Kaffee: er ist ein Gedicht, ein sehnsüchtige-, und doch beldkchee Gedicht, dm die Nerven anspannt, und uw froh macht, da« wie wahrhaiter Göttertrank in uns dringl, aus dom wir fernes Flötenliod vernehmen, das Liebeslied des einsamen Beduinen, sein Kampflied, das Epos eine« unendlich harten und doch schönen Lehens. Dankbare* Ziel wäre es, die Lieder und die Märchen zu sammeln, die, sich nm den Kaffee der Wüste spinnend, an den Feuern des Abends gesungen und gesagt, werden, aufzuzeichnen die Zeremonien des Kaffeetrinkens bei den Stämmen, deren es wahrlich nicht wenige gibt, nicht, weniger interessant als es die de« Teetrinkens, welche die großen Teemeißter Japans, zu fdner adeligen Kultur vereinigt haben. Auch diese Samurai der Sümpfe und der Wüsten wiesen von einer Kultur des Geschmacks, die durchaus nicht plebejisch ist. und die trotz ihres kollektivistischen Zeicmonia[gesetzte individualistisch genug bleibt, um immer wieder nachdenklich zu stimmen. 95 % malariainfizierte Kinder Wir fanden hier, was wir bei den andern Stämmen gefunden batten: etwa 95% malariainfizierte Kinder. Wir konnten aber auch hier nur ganz ungefähre 7ah!en fixieren, einmal, weil es ganz ausgeschlossen ist, die Mitgliederzahl eine« Stammes zu er- Kaffee-Zeremonie der Hule-Beduinen Von M. Y. Ben-gavriel, Jerusalem