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Die Stimme · 1937-11-10 · Heft 693 (10.11.1937) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
11 (1937-1938)
Issue
Heft 693 (10.11.1937)
Date
1937-11-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 693. — Wien, Mittwoch, 10. November 1987. vorgehoben, daß eine freiwillige und bewußte Zuwanderung aus dem Osten nicht stattgefunden hat, und daß die Zahl der Juden überhaupt in einem erschreckenden Maß zurückgeht. Aber da wird erklärt — letzthin wieder in dem sonst etwas verständigeren „Christlichen Ständestaat“ —, daß die Juden auf die Führung im christlichen Staat kein Anrecht hätten und dies zur Kenntnis zu nehmen haben. Unseres Wissens haben Juden niemals einen solchen Anspruch erhoben und sie haben lediglich festgestellt, daß schon seit sehr langer Zeit in der Hoheitsverwaltung ein Numerus nullus besteht. Aber zwischen einem Zustand via legis und via facti gibt es noch einen Unterschied, und auf den werden wir stündlich hingewiesen. In dem zitierten Aufsatz von Dr. Hugo Diwald wird in einer wohlwollenden, höflichen Form die „Judenpolitik des christlichen Staates“ umschrieben, wobei alles das positiv aufscheint, was uns sonst negativ begegnet. „Die Juden, die sich loyal in den christlichen Staat einordnen, müssen als völlig gleichberechtigt anerkannt werden.“ „Der christliche Staat muß anderseits von seinen jüdischen Bürgern verlangen, daß sie alles unterlassen, was das christliche Leben stören und unterminieren könnte.“ Darüber soll die jüdische Religionsgemeinschaft wachen. Nun gibt es in diesem Sinne den Begriff „Die Juden“ überhaupt nicht Er ist, nichts als ein Mittel, mit dem der Haß operiert. So wenig wie ein Christ für den andern verantwortlich gemacht werden kann, so wenig ist das bei den Juden möglich. Die Judenschaft Österreichs hat sich loyal eingeordnet und arbeitet am Staate mit. Und sie hat nicht nur Pflichten, sondern auch Rechte, in deren Einschränkung sie niemals einwilligen wird. Die „zionistische Verschwörung“ in Budapest Wie schon berichtet, hat da® Deutsche Nachrichtenbüro am 5. November die Meldung verbreitet, daß in Budapest 86 Angehörige des Bäßcbomer Haz^ir verhaftet wurden, die an verschiedenen Stellen der Stadt kommunistische Zellen gebildet hätten. Die Budapeßter rechtsextremistischen Zeitungen sprachen von ..kommuniftißch-bolschewietis oh-atheistischen Plänen“ der Verhafteten. „Eeti Ujeäg“ stellte sogar die Behauptung auf, die 36 jungen Leute, Angehörige beiderlei Geschlechts, hätten einen Staatsetreich geplant, um „mit Hilfe Moskaus Ungarn zu einem Judonstaat zu machen“. Das, nebenbei von der Regierung subventionierte, Blatt erging sich in ausführlichen Schilderungen der „Geheimkonventlked“, die dann von der reiohsdeutschen Presse in sensationeller Aufmachung auegesohlachtet wurden. Die Verhafteten sind am 6. d. wieder in Freiheit gesetzt worden. Erklärung des ungarischen zionistischen Verbandes Die Leitung de« ungarischen Zionistenverbandes versendet die folgende Klarstellung: „Nach der vor einiger Zeit erfolgten Auflösung dos ,Basehomer Hazair‘ hat der Zionktenverband vier Hachseharot unterhalten, deren Adressen der P o 1 i z 0 i m j t g e t e i 11 worden waren, so daß es sich schon aus diesem Grunde nicht um geheime Zusammenkünfte handeln konnte. Die Mitglieder der Baohscharot mußten ein Leumundszeugnis vorweisen, ehe sie aufgenommen wurden. Von Verteilung kommunistischer Flugblätter oder einer anderen kommunistischen Betätigung ist keine Rede; es konnte auch im Verlaufe der polizeilichen Untersuchung keine Grundlage dafür gefunden werden, daß es sich bei den Verhafteten um bolschewistische Agitatoren bandle. Die jungen Männer und Mädchen sind kaufmännische Angestellte. Näherinnen usw., die wöchentlich den kargen Lohn von 10 bis 15 Pengö erhalten und in bescheidenster Weise leben. Die Anzeige muß ein niedriger Racheakt der Haus' Parteien sein, denen vielleicht die manchmal geräuschvollen Zusammenkünfte der jungen Leute — es wurden natürlich Lieder gesungen. Vorträge gehalten usw. — lästig ' Der Presse tibergab die Leitung des Zionisten verband es eine Erklärung, in der darauf hingewiesen wird, daß noch eine halbe Stund* vor der Verhaftung der 36 jungen Leute ta den Hachscbarah - Heimen eine polizeiliche Kontrolle vorgen ommen wurde, ohne daß die Polizei etwas Verdächtiges gefunden hätte. Die Regierung habe ausdrücklich gebilligt, daß junge jüdische Mene oben, m in Ungarn keine Erwerberaöglichkelten haben, in speziellem Vorbereitung«- k U r s e n (Hachscharot) für die Auswanderung nach Palästina gesohult werden. Auch in einem römischen Blatt Rom, 9. November. Die Meldung des Deutschen Nachrichtenbureaus über die Verhaftungen ln Budapest wird hier vom „Tevere“ wiedergegeben. Da* Blatt bringt in auffallendem Druck die deutsche Nachricht über „die Aushebung einer Geheimorganisation in! Budapest, deren Ziel die Schaffung eines jüdischen Staates in Ungarn auf kom rassistischer Grundlage sei. Aus den bei den Sß verhafteten Mitgliedern des ,Haschömer Hazair‘ gefundenen Dokumenten gehe hervor, daß die für die Verwirklichung des Zionismus kt Palästina immer größer werdenden Schwierigkeiten fat ihnen diesen Plan hat reiten lassen.“ Zionistische Juoendsekt on Landstraße. GeseUschaftsabend mH kttnslierlachem Programm. Anschließend Tanz. Teilung und Einwanderung London, 9. November. (JTA.) Zu der Rückkehr Wauchopes nach Palästina bemerkt „Great Britein and the East“, daß in den Methoden, die während Beines Urlaubs zur Anwendung gekommen sind, keine Änderung eintreten werde. Niemand erkenne klarer als der High Commissioner, daß die Versöhnungspolitik Schlffbrucb erlitten hat. Die Regierung sei zur Teilung entschlossen, keineswegs aber unbedingt ln der von der Königlichen Kommission vorgeschlagenen Form. Sie ist wegen des Problems der 225.000 Araber in Galiläa besorgt, deren Verdrängung, wie der Kolonienminister schon vor der Mandatskommission erklärt habe, nicht in Aussicht genommen ist. Grundsätzlich aber habe sich die Regierung für die Teilung entschieden, wenn sie auch Inzwischen Maßnahmen anwendet, die von der Königlichen Kommission als Palliativmittel unter der Voraussetzung der Fortdauer des gegenwärtigen Mandats, vorgeschlagen worden sind.! Vorerst aber müsse die Ordnung wiederhergestellt werden. Hiefür gebe es vorerst wenige hoffnungsvolle Anzeichen. In Syrien gebe es ein großes .Reservoir den er Anregung für die Terroristen und anderwärts reichliche Quellen der Sympathie. Zum Schluß wird betont, daß der Nachfolger Wauchopes einer der besten aus der Verwaltung des Empire werde sein müssen. „Great Britain and the East“, ein dem Faschismus sehr nahestehendes Organ, gibt eine unrichtige Darstellung. Die jetzt verfügte Einwanderangseinsehränkung kann nicht auf die Vorschläge der Kommission gestützt werden. Die Kommission hatte diese Maßregel für den Fall des Scheiterns der Teilungspläne angeraten. Daß sie schon jetzt vorgenommen wird, ist eine klare Verletzung der in der Mandatkommission und im Völkerbundrat abgegebenen Zusicherungen. Ormsbv Gore hat letzthin im Unterhaus erklärt, daß die Maßregel nur provisorischen Charakter hat. Aber eine Terminisierung ist wieder nicht erfolgt. Die jüdische Arbeiterschaft gegen die neue Elnwanderungsverordming Jerusalem, 9. November. (JTA.) In Tel- Aviv fand eine große Versammlung der jüdischen Arbeiterschaft statt, an der mehr als 8000 Personen teiinahmen. In den .Reden wurde gegen die neue Einwanderungsverordming scharf protestiert. Ghetto-Abstimmung an der Lemberger Universität Lemberg, 9. November. (JTA.) Die polnische Telegraphen-Agentur (FAT) meldet: Der Rektor der Lemberger Universität hat beschlossen, den Studenten die Frage bezüglich Festsetzung bestimmter Plätze in den Hörsälen für die jüdischen Studenten vorzuiegen. Ei bandelt sich dabei um rin Plebiszit unter allen Studenten der Universität, das in der Zeit vom 6. bis 10. November stattfinden soll. Auf Grund des Ergebnisses des Studenteoplebiszltes wird dann der Rektor eine Entscheidung treffen. In den jüdischen Stüde® tenkreieen sieht an schon in der Tatsache des Plebiszits allein eine Diskriminierung und eine Verletzung derpol- “ischen Verfassung. Die anderen Hochschulen Warschau, 9. November. (JTA.) In deT 'echnieehen Hochschule in 1 o s e n, an der nur wenige Juden studieren, sind auf Grund einer Verfügung des Rektors besondere Bänke für die jüdischen Hörer eingeführt worden. Die jüdischen Studenten haben beschlossen, zum Zeichen des Protestes den Vorlesungen stehend beizuwohnen. Eine Abordnung der antisemitischen Studenten an der Krakauer UniveTsität hat dem Rektor der Universität, Professor S z a f e r, ein Memorandum überreicht, in welchem die offizielle Einführung von Ghetto-Bänken für die jüdischen Hörer gefordert wird. AnderLembsrgerTftchnisches Hochschule kam es zu blutigen Unruhen. Vier jüdische Studenten wurden schwer verletzt. Der Senat beschloß, die Vorlesungen bis auf weiteres etasuetellen. Eine Delegation der jüdischen Studentenschaft an der Wilnaer Universität hat im Zusammenhang mit der drohenden Gefahr der Einführung von Ghetto-Bänken bei dem Rektor vorgesprochen. Der Rektor erwiderte, er selbst halte i für moralisch unzulässig, Ghetto-Bänke einzuführen, man übe aber von allen Seiten auf ihn einen Druck in dieser Richtung aus; sollte er zur Einführung gezwungen werden, so würde er seineDemission geben. Obwohl die Einführung von Ghetto-Bänken an den Warschauer Hochschulen verfügt wurde, um — wie es in den Erlässen der Rektoren heißt — „die Ordnung an den Hochschulen aufreohtzuerhalten“, kommt es dauernd zu Zusammenstößen. Nicht nur die der nationaldemokratisohen und der nationalradikafcn Partei angehörenden Studenten, sondern auch die Mitglieder der dem Regierungslager des Obersten Koc angeschlossenen Jugend verbände verüben Angriffe auf jüdische Studenten. Ziel solcher Angriffe sind auch die demokratischen Professoren, die öffentlich die Einführung der Ghetto-Bänke mißbilligt habe®. An der Warschauer Universität kam es zu schweren Ausscbreitung e n; mehrere jüdische Hörer wurden blutig geschlagen. Auf der Pharmazeutischen Fakultät kamen die demokratisch gesinnt« Studenten ihren jüdischen Kollegen zu Hilfe. Infolge antijüdischer Ausschreitungen an der Handelsmittelschule in Warschau ist der Unterricht vorübergehend eingestellt worden. oder verspricht, wird mit Gefängnis bis so zwei Jahren bestraft. Schließlich kann ein’ Erblasser deutscher Staatsangehörigkeit und deutschen oder artverwandten Blutes Abkömmlingen den Pflichtteil entziehen, wenn dieee nach dem 16. September 1980 entgegen dem gesetzlichen Verbot mit Jaden eine Ehe eingeh en oder ohne Genehmigung mit jüdischen Mischlingen eine Ehe schließen. Das Gesetz ist bereite in Kraft getreten. Aus Dachau Kopenhagen, 6. November, (JTA.) An* dem berüchtigten Konzentrationslager Dachau ist eia Bchutzhäftüng entwichen, welcher nun die dänische Gastfreundschaft genießt „Sozlal-Demofcraten“ übermittelt seinen Lesern einiges ans den erschütternden Darstellungen jene« Mannes. Über die Behandlung der Juden berichtet dar Gewährsmann: „... Die jüdischen Sobutzbaftgefangenen wurden ständig mit Schimpfworten wie Schweinejude, Mistjude und Stinkjude überschüttet. Während die sonstigen Schutzhäftiinge während der Arbeit ein Stück Brot erhielten, bekamen die Juden nichts, mußten aber, obwohl sie nichts empfingen, zum Brotempfang mit antreten. Wenn während besonders warmer Tage während der Arbeit Wasser an die Gefangenen verteilt wurde, bekamen meistens die Juden keines. Am 16. März wurde durch den Truppfübrer mitgeteilt, daß sämtliche Nichtarier in Sonderarrest kommen, geschehe aus Rache für einen Artikel, welcher äm Ausland über die Konzentrationslager erschienen sei. Diese Isolierung der jüdischen Gefangenen dauerte bis zum 30. März. Die Fenster in den jüdischen Baracken wurden auswendig mit Kalk überstriehen und die Türen verschlossen. Die Gefangenen mußten den ganzen Tag in ihren Betten liegen. Nur zwei Stunden täglich mußten sie Sportübungen leisten. In der gleichen Zeit durften sie weder Poet erhalten noch Briefe schreiben, noch rauchen oder in der Kantine etwas kaufen. In den Monaten Februar, März, April 1937 kamen eine Reibe Selbstmorde vor, auch ,Erschießungen bei Fluchtversuchen*. Der Jude Edgar Löwe»« stein wurde ständig schikaniert, wett er gen, in den Teieh zu gehen. Er ging darauf in die Toilette und erhängte sieh. Löwenstein wurde auch während der Arbeit furchtbar geschlagen. Die jüdischen Reemigranten trugen blaue Streifen mit gelben Punk- Zu Tode gepeinigt Jetzt wird bekannt, daß der frühere Ministerialrat Dr. A s o h e r im Konzentrationslager Dachau gestorben ist. Dazu wird deT „Pariser Tageszeitung“ berichtet: „Im September dieses Jahres kam in Frankfurt am Main ein Fall vor den Sohnellriehter, in dem der frühere Ministerialrat Dr. Ascher angeklagt war, eich über den „Angriff“ abfällig geäußert zu haben. Der Richter sprach Dr. Ascher frei. Er durfte nach Hanse zurückkehren, wurde aber schon am nächsten Tage von der Gestapo erneut verhaftet und nach Dachau gebracht. Dort wurde er so unmenschlich mißhandelt, daß er nach sechswöchiger Haft starb. Mathilde Ascher wurde davon benachrichtigt, daß ihr Mann „nach kurzer Krankheit“ verstorben sei. Mit ihrem Sohn eilte eie nach München, wo ihr von den Beamten ein plombierter Sarg auagehändigt wurde, mit dem ausdrücklichen Vermerk: „öffnen bei Strafe verboten.“ Er mußte noch am 18. Oktober in München unter Bewachung uniformierter Nazis eingeäschert werden.“ Ausbürgerung Bnterbungsgrupd Berlin, 9. November. (JTA.) Im Reiohsgesetzblatt ist ein Gesetz veröffentlicht worden, das Bestimmungen über erbrechtliche Beschränkungen wegen gemeinsohaftswidrigen Verhaltens enthält. Danach kann eine Person, die der deutschen Staatsangehörigkeit verlustig erklärt wurde, von einem deutschen Staatsangehörigen infolge seines Hiosoheidens nichts erben. Dasselbe gilt für Ehegatten und Kinder, auf die sich der Verlust der Staatsangehörigkeit erstreikt. Auch Schenkungen an solche Personen sind verboten und wer trotzdem Schenkungen vomimmt Professor Frankel — SO Jahre alt Anläßlich des 80. Geburtstages des Hofrats, Univ.-Prof. Dr. Alexander F r ä n k e 1, eines der bekanntesten Wiener Chirurgen, bringt die „Wiener Klinische Wochenschrift“ eine ausführliche Würdigung des Lebenswerkes des Jubilars. Prof. Franke], der ein Schüler Billroths war, ist Verfasser grundlegender Werke über Kriegs Chirurgie, die In di« meisten Weltsprachen übersetzt wurden. ImWeltkrieg leitete er das Verwundetenspital an der Universität; er diente zwei Jahre an der Front. Verein „Ohel Rachel“ zur unentgeltlichen Auispeisung jüdischer Notleidender, veranstaltet am Bonntag, den 14. November, K9Uhr abends, im Müitärkasino eine Akademie mit Tanz.

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