Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 11 (1937-1938)
- Issue
- Heft 684 (18.10.1937)
- Date
- 1937-10-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 884. — "Wien, Montag, 18. Oktober 1987. DIE STIMM« Salta 3 entnommen worden. Wer also das Judentum bekämpft und es unbedingt ausmerzen will, der träft auch da« Christentum, und alles, wae in Deutschland gegen beide geschehen ist und noch geschieht, ist ein System von ineinandergreifenden Zahnrädern. Die „Reichspost“, die Antisemitismus in ihrer Art betreibt, — soweit das die Aguda zu- I läßt —, tut so, als ob sie die Zusammenhänge [nicht erkennt. Sie findet in Österreich die . Aufreizung zum Boykott als Selbsthilfe der j Christen und leistet so den Elementen Vor-! schub, di« sich ä la Hauptmann Leopold mit : Hoffnungen tragen, die im Falle des Gelinjgens auch hier das Christentum und die I katholische Kirche treffen müssen. Der gute Ruf Österreichs Dreiundzwanzig jüdische Arzte haben in zweiter Instanz einen Prozeß gegen den Krankenanstaltenfonds angestrengt, in dem sie Schadenersatz dafür verlangen, daß sie als Aspiranten bei den Ernennungen zu Sekundarärzten übergangen wurden, ohne daß sachliche Erwägungen hiefür maßgebend wären. Während bis zum Jahre 1934 im Sinne der bestehenden Dienstvorschriften ausnahmslos jede freiwerdende Sekundararztstelle mit dem gerade rangältesten Aspiranten besetzt wurde, brach das Ministerium für soziale Verwaltung im Jahre 1934 mit dieser Gepflogenheit. Das Oberlandesgericht in Wien führte in der Urteilsbegründung aus, daß nach den geltenden Gesetzen und den Be-, Stimmungen der Dienstanweisung die, Aspiranten den unentziehbaren Anspruch haben, Ihrem Range entsprechend zu Sekundarärzten vo rzurück e n. Die Übergehung der Kläger sei daher zu Unrecht erfolgt, und ihr Anspruch auf Schadenersatz sei gegeben. Dieser Prozeß erhellt schlagartig die traurige Situation der jüdischen Hilfsärzte und ruft in der Öffentlichkeit die Zeitungsnachrichten über Selbstmorde jüdischer Ärzte wach, die aus Verzweiflung darüber in den Tod gingen, daß die seit 1. April 1934 geübte Praxis sie vor das Nichts stellt. Es handelt sich um Menschen, die gedarbt und gehungert haben, bevor sie den akademischen Grad erreichten, die dann als unbezahlte Aspiranten weiterhungerten, um endlich die Stelle eines Sekundararztes zu erreichen und nach entsprechender Ausbildung ln die Praxis zu gehen. Man stürzt sie in Verzweiflung — nur well sie Juden sind, ohne Rücksicht darauf, daß gerade jüdische Arzte unendlich viel zum Ruhme der Wiener medizinischen Schale beigetragen haben. Man läßt junge jüdische Hilfsärzte in vielen Spitälern nicht einmal hospitieren, ohne Rücksicht auf die Verfassung, die alle Bürger als gleichberechtigt erklärt und eine Verletzung der Gleichberechtigung auch durch administrative Maßnahmen verbietet. Wie es beißt, wollen antisemitische Kreise das Urteil des Oberlandesgeriehtes zum Anlaß nehmen, um bei der Regierung vorstellig zu werden, daß durch eia mit rückwirkender Kraft ausgestattetes Gesetz der Prozeßerfolg der 23 jüdischen Ärzte zunichte gemacht werden soll. Wir können nicht daran glauben, daß die Regierung einem derartigen Verlangen Rechnung tragen könnte, das nach nationalsozialistischem Muster den numerus nullus für jüdische Ärzte gesetzlich verankern will, wobei natürlich da-s Wort „Jude“ im Gesetz nicht aufscheinen soll. Hier handelt es sich also um mehr als um 23 Menschenschicksale. Der gute Ruf Österreichs steht auf dem Spiel. Wir appellieren daher an den Herrn Bundesminister Dr. Resch, daß er einschreiten möge, und wir appellieren insbesondere an den Herrn Bundeskanzler, er möge hier jene Ordnung schaffen, die in Österreich nach der Verfassung rechtens sein muß. Der Herr Bundeskanzler hat in seinen auf einem so hohen sittlichen Niveau stehenden Reden wiederholt die Praktiken jener Elemente gegeißelt, die nationalsozialistische Methoden in Österreich erführen wollen. Hier liegt ein krasser Fall systematischer Sabotage vor. Als oberster Hüter der Verfassung, deren restlose Durchführung der Herr Bundeskanzler erst kürzlich wieder verkündet hat, wird er, wie wir zuversichtlich hoffen, Recht und Verfassung gegenüber den Saboteuren der Verfassung durchsetzen. Die Not der jüdischen Jugend Berufsausbildung und Umschichtung Enquete der Kultusgemeinde Von äerWoc&e IMe Aifäre dm Hauptmanns Leop ö 1 d, der als Führer der illegalen National- Sozialisten gewissermaßen von den politischen Stellen anerkannt ist, hat eine Wendung genommen, die die höchste Aufmerksamkeit aller mit der Wahrung der inneren Sicherheit betrauten Stellen verdient. Wir haben mitgeteüt, daß in einem anonymem nationalsozialistischen Flugblatt diesem Leopold vorgeworfen wurde, er habe sich von den jüdischen Besitzern einer Schweiue- Großschlächterei bestechen lassen, um den Absatz „halbkoscheren Schweinefleisches“ nach Deutschland zu ermöglichen. Gleichzeitig wurden ihm auch verschiedene Fehmeakte gegen nationalsozialistische Oppositionelle vorgeworfen. Nunmehr veröffentlicht eine ganze Reihe von Zeitungen in Wien eine Berichtigung, in welcher der Rechtsvertreter des Hauptmanns Leopold Geständnisse macht, mit denen sich doch die Staatsanwaltschaft nunmehr zu beschäftigen hätte. Die Firma, um die es sich handelt, ist die Schweine-Großschlächterei J. Neumann und Sohn; die Besitzer sind keine Juden, sondern Nationalsozialisten und das Geld, das sie ihm übergeben haben, ist keine Bestechung, sondern war die Abstattung von Mitgliedsbeiträgen, die sich seit dem Verbot der Illegalen angesammelt hatten. Es war zwischen Leopold und diesen Wohltätern vereinbart worden, daß man im Falle der behördlichen Neugier von einer Art Provision für die Lieferung von Fleisch nach Deutschland sprechen sollte. Im ganzen also eine im österreichischen Sinn kriminelle Angelegenheit, an der aber das eine bezeichnend ist, daß sie durch eine vom Hauptmann Leopold selbst veranlaßt« Darstellung zur Kenntnis der Öffentlichkeit kommt. Es braucht dabei nicht Wunder zu nehmen, daß die Berichtigung auch alles andere abstreitet, was die oppo¬ Auf den letzten Moment dürfen Sie sieh diesmal nicht verlassen, wenn Sie der Premiere der Revue •Rassisches und Klassisches* von Bobby Weiser und Vieki Schlesinger beiwohnen wollen. Schon jetzt müssen Sie sich Ihre Karten sichern. Premiere am 6. November im Offenbachsaal. sitionellen Sachverständigen in Fehme dem Herrn Leopold außerdem noch vorgeworfen haben. Es.ist für niemanden ein Geheimnis, daß Nationalsozialismus Identisch ist mit schwerster Korruption; aber daß die Herrschaften ihre schmutzige Wäsche so vor allem Publikum waschen, dem sie immer wieder von der Sittenverderbnis der Juden Vorträge halten, das geht sogar über das gewohnte Maß hinaus. Der Hauptmann Leopold, der sich eines wunderschönen Autos erfreut, besitzt in der Teinfaltstraße ein Büro und man hat vor kurzem aus den Mitteillungen eines ehemaligen Nationalsozialisten erfahren, daß sich in diesem Büro allerhand Leute aufhalten, deren Beschäftigung ansonsten nicht festzustellen Ist. Und in diesem Büro befindet sich auch ein Raum, den der zitierte Gewährsmann als eine „Frottierkammer“ bezeichnet hat. Es ist unbekannt, ob diese erstaunlichen Mitteilungen zu einer näheren Untersuchung geführt haben. Sie sind jedenfalls unwidersprochen geblieben und sie haben gezeigt, welche Vorbereitungen in Wien getroffen wurden und welche Hoffnungen bestehen. Die „Reichspost“ hat eich in ihrem Blatt vom 15. d. gegen einen Aufsatz des „Schwarzen Korps“ in Berlin gewendet, das maßgebende Organ der SS.-Führung, welcher in höchstem Zorn darüber Beschwerde führte, daß die Juden in Deutschland in der Rohstoffwirtschaft sich wieder eingenistet haben und daß in Berlin Juden in Häusern wohnen, die aus Staatsmitteln gebaut oder umgebaut worden sind. Es seien dies Luxuswohnungen, für die die Juden Preise fordern, die wiederum nur Juden bezahlen können. Es wird keinen Menschen auf der Welt geben, der auch nur eine Silbe von dem glaubt, was das „Schwarze Korps“ erzählt Die „Reichspost“ freilich ist über solche Zustände höchst verärgert und sie bemerkt dazu, daß „bekanntlich die Rosenberge, Baldur von Schirachs und sonstige Weltanschauung»- und Kulturpioniere gegenwärtig and er es zu tun haben.“ Das heißt also, daß die Nationalsozialisten in Deutschland es eigentlich mit dem Antisemitismus gar nicht so ernst meinen, und daß sie lieber durch ihre Kulturpioniere das Christentum bekämpfen. Nun ist 'wie man weiß, Antisemitismus und Antichristentum zusammen ein integrierender Bestandteil nationalsozialistischer Weltanschauung, wenn man dieses Wort auf solche Gesinnungen anwenden will. Das Christentum ist aus dem Judentum entstanden, der Stifter des Christentums ist ein Jude gewesen. Die geistigen Grundlagen des Christentums sind dem geistigen Besitz des jüdischen Volkes Der Sitzungssaal der korr. Kultus-1 gemeinde bot gestern vormittags ein lebhaftes Bild, als Präsident Staaterat Doktor D. F r i e d m a n n die zahlreich erschienenen Vertreter von Organisationen und Körperschaften, Kultusvorsteher sowie Sachverständige verschiedener Branchen berußte. Zweck dieser unter dem Vorsitze es Obmannes der Zentralkommission für soziale Fürsorge der Kultusgesneinde, Doktor Leo Landau, »bgebaltenen Konferenz war es, allen zur Vorbereitung der Enquete, betreffend Berufsausbildung der jüdischen Jugend und Umschichtung berufenen Mitarbeitern, einige grundsätzliche Mitteilungen zu machen. In Spezialkomitees werden dann die Einzelheiten durebberaten werden. Staaterat Dr. D. Friedmann führte im wesentlichen folgendes aus: Die Einengung des jüdischen Lebensrauines Die Jugend Österreichs befindet eich in froßer Not, besondere verschärft ist diese ituation für die jüdische Jugend. Das uns gestellte Problem ist ein dreifache®: 1. Existenzen zu schaffen für die jüdische Jugend in diesem Lande. 2. Jüdische Jugend für das Aufbauwerk in Palästina heranzubitden und dortselbst unterzubringen. 3. Die Frage der beruflichen Vorbereitung derjenigen Menschen, die nach anderen Ländern auswandern wollen. Die große Krise, die unser palästinensisches Aufbauwerk getroffen hat, läßt die Befürchtung entstehen, daß unsere Position in Palästina zeiweise eingeengt sein wird. Deswegen muß auch die Unterbringung existenzloser Juden in anderen Ländern in Betracht gezogen werden. Unbestreitbar ist jedoch, daß für Jahrzehnte das Palästinaaüfbauwerk den Vorzug genießen wird, weil das Eingliederungsproblem dort viel leichter und viel billiger durchzuführen ist als m anderen ländern. 1 Eine große Anzahl von Katastrophen wirtschaftlicher Art bat die Juden Österreichs in den letzten Jahren betroffen. Der Zusammenbruch der Banken und Versicherungen, wodurch so viele jüdische Beamte arbeitslos wurden, die Tatsache, daß so manche Industrien nur sehr wenige Juden beschäftigen und nicht zuletzt die Änderung der Gewerbeordnung, die viele Juden aus ihren Positionen entfernt, beziehungsweise die Eingliederung in den Wirtschaftsprozeß verhindert. Ich muß es von dieser Stelle aus sagen, daß in Österreich eine mißverständliche Auffassung über den berufsständiseben Aufbau besteht. Jedes Mitglied seine® Standes sollte innerhalb desselben seine Existenzmöglichkeit finden, die verfügten Sperrmaßnahmen stehen jedoch hiezu in schreiendem Kontrast. Besondere Sorge müssen wir den freien Berufen widmen. Wir müssen die wirtschaftliche _ Struktur der Juden den bestehenden. wirtschaftlichen Verhältnissen in Österreich anpassen, das muß von uns aus geschehen. Die verschiedenen Projekte sind durch die uns zur Verfügung stehenden materiellen Mittel begrenzt und es muß unsere Aufgabe sein, durch großzügige Aktionen die erforderlichen Mittel erst zu gewinnen. Die zu leistende Wirtschaftshilfe muß vorzüglich darauf gerichtet sein, konstruktive Arbeit zu fördern und ich, als Anhänger der Volksgemeinde, sehe den Idealzustand darin, daß alle diese Bemühungen von der Gemeinde organisiert und in der Gemeinde vereinigt werden. Das jüdische Problem ist ein allgemeines und es ist unsere Aufgabe, alle die Kreise des Judentums, die an der Peripherie stehen, zwecks Bearbeitung der uns alle angehenden Probleme heranzuziehen. Ich möchte noch erwähnen, daß die. Kultusgemeinde in aller Stille schon vieles an produktiver Wirtschaftshilfe leistet. Das Problem ist, leider viel zu groß, als «laß wir es allein bewältigen können, denn in furchtbarem Anprall stürzt über uns die große antisemitische Welle herein. Wir erwarten daher, daß auch außerhalb unseres engeren Kreises Mitarbeiter sich bereit finden werden, die uns helfen wollen, jüdische Menschen nicht untergeben zu lassen. (Beifall.) Die vierte Säule Konstruktiver Wirtschaftshilfe Hierauf behandelte Abteilungsleiter der Fürsorge, Dr. Nabum Blau e r, in feinem gründlichen, mit interessantem Zahlenmaterial versehenen Referat da® Wesen und den Umfang der zur Behandlung stehender. Frage. Berufsausbildung und Umschichtung werden sozusagen die vierte Säule in dem von der Kultusgemeinde bereits geschaffenen Gebäude konstruktiver Wirtschaftshilfe bilden, indem sie sich nunmehr der Wanderfüreorge der Kredithilfe durch die Gemilath Cbe®cd-Kassa und der Arbeitsvermittlung ansehließen werden. Unter Hinweis auf die in der Vorkonferenz vom 27. Mai 1. J. in einem engeren Kreise vorgebTachten Darlegungen wird die Notwendigkeit einer eingehenden Prüfung der tatsächlichen Verhältnisse der Wiener Juden im Berufs- und Wirtschaftsleben begründet, Hiebei wird es erforderlich sein, daß das notwendige statistische Material beigoschafft wird. Daraus werde sich auch ergeben, in welcher Richtung die besonders von der jüdischen Jugend selbst, angestrebte Produktiviernng erfolgen kann. Besonderes Interesse fand die ermittelte Aufstellung übeT die Berufswahl eines Teiles der schulentlassenen jüdischen Jugend Wiens. Der Referent umschrieb sodann im einzelnen den Wirkungskreis der eingesetzten drei Komitees, denen die intensive Erforschung der Möglichkeiten für die berufliche Ausbildung und Umschichtung auf dem Gebiete der geistigen und kaufmännischen Berufe, der landwirtschaftlichen und gärtnerischen Schulung und der gewerblichen und handwerklichen Ausbildung obliegen wird. Zum Schlüsse seiner mit lebhaftem Interesse aufgenommenen Ausführungen bemerkte Dr. Blauer, daß durch die Bemühungen, eine Verbesserung und Gesundung des jüdischen Wirtschafts- und Berufslebens herbeizufiihren, nicht nur dem Judentum, sondern der gesamten österreichischen Volkswirtschaft gedient wird. Die nominierten Komitees werden schon in den nächsten Tagen mit ihren Arbeiten beginnen. Ausweisungen in Paraguay New York, 15. Oktober. (JTA.) Die jüdische Gemeinde von Paraguay hat bei den paraguayischen Behörden Vorstellungen wegen der Landesverweisung mehrerer angesehener Mitglieder der Gemeinde und der Verhaftung zahlreicher Gemeindemitglieder erhoben. Führende Persönlichkeiten der Gemeinde, unter ihnen solche, die bereits 30 Jahre und mehr in Paraguay ansässig sind, wurden wegen angeblicher kommunistischer Betätigung ausgewiesen: die Ausweisung von weiteren 200 Familien ist zu befürchten. Es wird erwartet, daß die R eg i e r u n g der Vereinigten Staaten in dieser Angelegenheit bei der Regierung von Paraguay vorstellig werden wird. In jüdischen Kreisen hegt man den Verdacht, daß die Verhaftungen und Ausweisungen auf eine Denunziation nationalsozialistischer Kreise zurückzuführen sind. Mosley muß sich erholen London, 17. Oktober. Der Führer der englischen Sehwarzhemdcn, Sir Oswald Mosley, der am vergangenen Sonntag bei einer Kundgebung in Liverpool durch einen Steinwurf am Kopf verletzt worden war, hat heute «las Krankenhaus verlassen. Er wird sich zu einem sechswöchigen Erholungsurlaub auf das Land begeben. Letzte Tage des Gastspiels de« Morris- Schwartz-EnsemWes. Wegen unaufschiebbarer Auslandsvcrpflichtungen können die mit großem Erfolge ia den Jüdischen Künstlerspielen gastierenden Schauspieler Morris Lipmaa, Env Litern, Natalja Lipman und Jtzchek Grudberg nur mehr bis inklusive Monteg, den 25. d„, spielen. Als Abschiedsvorstellungen gehen A. Kariznes sensationell aufgeführte historische Legende „Der polnische Pure«“ und als letzte Premiere Sohalom Asch* „Sündige Menschen“ in Szene,