Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 11 (1937-1938)
- Issue
- Heft 682 (13.10.1937)
- Date
- 1937-10-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 682. — Wien, Mittwoch, 13. Oktober 1937. Drei über die Grenze Eto Emtauotejjiroman ccm Hans Habe (Edition« Union S. A», Genfeve). Oer Verlag tobt dbs jugendliche Alter des Autors hervor, der erst 26 Jahre alt ist Gewiß eia junger Mann, der eine Taleatprobe abgelegt hat aber allzu sehr den Journal»teo verrät der in seinem bürgerlichen Leben mit Herrn Hans Bdkessy identisch ist Drei Personen beherrschen die Handlung. Der jüdische Fabrikant Kfeaiar, die jüdische Emigrantin Nora Geldern und der komraunisttsche Ingenieur Sengtos. Recht gut die Schilderung des Emigranten leben* * in Wien, Prag, Parte und London. Schief gesehen -*• vielleicht rührt das von der Stellung d« Autors rum Judentum her —, da« jüdische Problem. Kieslar und Geldern, die „jüdischen“ Hauptpersonen, vollständig assimiliert Nora, Geldern, die eich fast jedem Mann hingibt der ihr in die Nähe kommt, gerät au oh nicht aius der Fassung, als der Engländer, den sie heiratet, um einem Paß zu bekommen —, sie will ihren Kommunisten heiraten und wird auch seine Gattin — ihr rurult: „Davongejagte, ausgespiene deutsche Jüdin!“ Wenn auch der Autor wahrscheinlich nicht den Roman der deutschen Emigration schreiben wollte — die geradezu liebevolle. Behandlung der Hauptfigur Nora Geldern, einer durchaus möglichen, aber unsympathischen Vertreterin des Judentums, dürfte auch andere als jüdische Leser unangenehm berühren. Botschaft aus Granada Daß traurige Schicksal der Juden in Deutschland hat eine Flut von Romanen hervorgerufen. Der Roman, der bis a.uf unsere Zeit größten Judenaustreibung, die von 1492 aus Spanien, ließ bis jetzt auf sich warten. Er beißt „Botschaft aus Granada,“ Sein Autor heißt Ernst Sommer. (Verlag von Julius Kittels Nachfolger, Mähr.-Ostrau.) Die Hauptpersonen stehen plastisch vor uns: Ferdinand von Aragonien und Isabella von Kastilien. Machtgierig, wortbrecherisch und bigott, fördern sie die Inquisition, diesen bis zu unserer Zeit größten Raubzug gegen jüdisches Vermögen. Die Generalinquisitoren Peter Arbues und Torquemada: exzessiv fromm und ebenso antisemitisch und grausam gegen alles, was jttdteeh ist oder war. Wir sehen sie, wie sie den Maranen mit Hilfe von Garotte, Wippgalgen und anderen Folterwerkzeugen da® Geständnis erpressen, sie eeiem „Judafeierende“. Wir sehen, wie Torquemada einen Ritualmord an einem Knaben konstruiert, und inszeniert, der nie gelebt hat, um die Volksmasse® uud das König«- paar gegen die Juden aiufzuputecben und die Grundlagen für die J-udeoaiustwäbuog zu schaffen. Vergeblich kämpfen Maranen und Juden gegen die Inquisition, ebenso vergeblich wie der Papst in Rom und die jüdischem Großen Irak Abravaoel und Abraham senior, ohne deren Finanzgenie die Mauren aus Granada nicht hätten vertrieben wenden können. Aus demselben Granada kommt dann das Vertreibungsedikt, Abraham Senior nimmt die Taufe, und Abravamal zieht aus oem Lande, ebenso wie Juan Fonaeoa, der Enkel eine» getauften Juden, der zwischen christlicher und jüdischer Religion hin- und hergerissen, wieder im Judentum landet, uud ai* Jude auswandert» Ala letzte der großen Zeit- %uren fügt sich Kolumbus ein, der aus den toil-feen Schriften die Existenz .Zipangus und Indiens“ beweisen muß, und, gefördert durch den Maranen Louis Santangel, Amerika entdeckt Sparsam ist Sommer in seinen Hinweisen auf unsere Zeit Nur einmal läßt er, wie er den Auszug der Juden schildert, den Verfall der Wirtschaft in Spanien ahnen, den die Vertreibung der Juden zur Folge bitte. (Da® Ende der Politik der Unduldsamkeit und des Hasses, 1492 begonnen, sehen wir übrigem heute in der Seitsatz erfleieohung Spaniens.) An einer anderen Stelle läßt der Autor Saadia, den Rabbi der Stadt Granada, über Torquemada sagen: „Er versteht die Juden nicht. Er weiß nicht, daß sie verloren sind, wen« sie, ungehemmt von Verboten und Einschränkungen, sich audeben dürfen. Er hat diesen wunden Punkt de« Judentum« nicht erkannt. Keiner von den Judenfeinden hat ihn bisher erkannt» Man vernichtet die Juden nicht, indem man sie unterdrückt, sondern indem man sie gewähren läßt“ Und weiter sagt der weise Rabbi über Torquemada: „Er bat die Juden arm gemacht Arme Leute sind hartnäckig. Er hat die Juden verächtlich gemacht Verachtete sind tapfer. Feige und schwach sind nur die Menschen, die etwas zu verlieren haben.“ Sommers „Botschaft aus Granada“ ist ein historischer Roman von starker Aktualität Trotz dos grausamen hwtorfectom Geschehens, das uns erschauern läßt, ist dieser Roman tröstlich; denn er legt, uns die Tiefe« der jüdischen Seele bloß, und de« jüdischen Menschen, der als Individuum vernichtet werden kann, wie in Spanien, als Kolleiktivum aber unzerstörbar ist und trotz Not und Austreibung einer besserem Zukunft entgegengeht so wie jener Muräne Juso Fonseca — da« Sinnbild der Rückkehr »um Judentum —, der, wenn auch auf einem zum Wrack gewordenen Schiff, doch nach einem glücklicheren Eiland segelt. Dienstag, X. November, veranstaltet der Zionistische Landesverband! IQr Österreich, anläßlich der 20jährigen Wiederkehr der Proklamierung der Balfour- Dvkiaration, Im Xestsaol aes Hotel ConLnental, ||„ TaborstiaBe *, ein« große Balfour-Feier Palästina ein Weltproblem Zu dem vom Ring der Altherrenverbäude der Zionistischen Verbindungen veranstalteten Vortrag Dr. Nabum Goldmanns,■ des Delegierten der Jewish Agency in Genf und Präsidenten des Administrativ-Komitees i des Jüdischen Weltkongresses über da«! Palästina-Problem hatte sich ein zahlreiches) Publikum eingefunden. In Vertretung des Bundeskanzlers war Sektionsrat Dr. Bock! erschienen. Ferner sah man Vertreter der Gesandtschaften und Konsulate, des Generalsekretariats der Vaterländischen Front, des Rabbinats, des österreichischen Kreiges des Weltstudenten Werkes, den Sachwalter der Wiener Universität, das Präsidium der Wiener Kultusgemeinde, Staatsrat Dr. Friedmann, Oberbaurat Stricker und Dr. T i c h o, den Präsidenten des Zionistischen Landesverbandes Dr. Oskar Grünbaum, Vertreter des Keren Kajemeth, des Keren Hajessod, der WIZO, der Bnei Brith, des Bundes jüdischer Frontsoldaten, des Reiebsverbandes der jüdischen Legitimisten Österreich« und vieler anderer Korporationen. Nach einer kurzen Begrüßungsansprache des Obmanns des Ringe«, Doktor Moritz H a r n i k, ergriff Dr. Golmam das Wort. Der Vortrag Nah tun Coldmann« Dr. Goidmann machte gleich zu Beginn seiner Ausführungen aufmerksam, daß er eine erbarmungslose Analyse des gegenwärtigen Zustandes de« Palästinaproblems geben werde. Wenn man die Realitäten ins Auge fasse, brauche man nicht entmutigt zu sein und könne die richtigen Entscheidungen treffen. Hätte man uns, fahr der Redner fort, friedlich Weiterarbeiten lassen, so wären wir in zehn oder fünfzehn Jahren die Majorität in ganz Palästina geworden, and dann wäre der Augenblick für eine weitere Entscheidung bezüglich Struktur und Status in Palästina gekommen. Aber die arabischen Nationalisten wollten eine politische Entscheidung herbeiführen, solange die Juden in Palästina noch eine Minderheit sind, und das ist ihnen durch ihre Attacken gelungen. Das Palästina-Problem ist aus der Atmosphäre konstruktiver Arbeit berausgerbsen und ein weltpolitisches Problem geworden. Das ist für uns Juden bedauerlich, aber nicht zu ändern. Und so ist nun eine konkrete aktuelle Entscheidung notwendig. Es werden jetzt Entscheidungen für die nächsten zwanzig Jahre, für die Generation, für die wir Politik machen, faJJen. Balfour-Deklaration und Mandat haben nur vorläufige Entscheidungen gebracht» Lloyd George sagte seinerzeit m San Remo zu Weizmann: „Ihr Juden habt in Palästina einen Start bekommen.“ Er war wirklich nicht mehr und nicht weniger. Beide Dokumente hatten alle Kennzeichen eines Provisoriums, sie waren unklar und zweideutig. Der Ausdruck National Home war ein Novum. Bis heute gibt es keine autoritative Instanz in der Welt, die bestimmen kann, was das bedeutet. Die Balfour-Deklaration fügte hinzu: „Wobei nichts geschehen darf, um die Rechte und die Position der Araber in Palästina zu gefährden.“ Was gefährdet die Position? Zehn Prozent, dreißig Prozent, sechzig Prozent Juden? Dann haben die Genfer Instanzen und die englische Regierung die unglückselige Theorie von der Gleichwertigkeit der beiden Bedingungen National Home und Nicbttangieren der arabischen Positionen aufgestellt. Die Administration in Palästina hat diese Gleichgewichtstheorie bis zur Absurdität weiter ausgebildet, was auch die Peel-Kommission bervorhob. Blttatfooalcr Staat ela« Utopie Das britische Imperium bat gewiß die Fähigkeit, uns eine freie, konstruktive Arbeit in Palästina zu ermöglichen, aber der Wille hiezu ist nicht vorhanden. Es will wegen unserer Arbeit in Palästina in Palästina nicht in einem dauernden Kampf mit dem gesamten Arahertusn stehen. Das britische Imperium hat alle Charakteristika einer saturierten Macht, die nicht angreifen, sondern sieb nur verteidigen will, und zwar bloß dann, wenn es sich um eigene lebenswichtige Positionen handelt , Friedliche jüdische Arbeit in Palästina j durch weitere fünfzehn bis zwanzig Jahre, bis die jüdische Majorität vorhanden ist, erscheint also nicht möglich. Die zweite Lösungsmöglichkeit. die eine sehr beachtenswerte Gruppe im Zionismus vertritt, nämlich Verständigung mit den Arabern zwecks Gründung des berühmten hinationalen Staates ist aber erst recht eine Utopie, well die nationalistischen arabischen Führer — die Masse der Araber kommt nicht zum Ausdruck —, stets den Anspruch der Juden auf Palästina auf der Basis der Balfour-Deklaration und des Mandats abgelehnt haben. Wenn die Juden sich damit abfänden, eine permanente Minorität in Palästina zu bleiben, würde mau vielleicht von den Arabern ziemlich weitgehende Konzessionen erhalten. Aber die Juden müßten Palästina als arabisches Land anerkennen. Doch wenn Zionismus irgend einen Sinn hat, dann hat er den, daß irgendwo in der Welt die Juden nicht mehr eine Minorität sein sollen, daß der Zioniemus ihnen ein Wir kennen das Schicksal von Minoritäten trotz feierlicher Zusicherung von Minorität sreebten. Dr. Goldmann erinnerte an da» Los der Assyrer, jenes Landes, dessen Vertreter Setzt im Völkerbund davon sprach, daß die 'uden in einem arabischen Palästina mit. Minoritätsrechten bleiben könnten. Die dritte Lösungsmöglichkeit, die nun gufgetaucht ist, führte Dr. Goldmann weiter ans, ist die proponierte Teilung Palästinas. Die Nachteile dieses Projekt* für uns Juden liegen auf der Hand. Palästina wurde schon einmal durch die Abtrennung Transjordaniens geteilt. Das «ns angebotene Land ist zu klein. Die erste natürliche Reaktion war, daß man sagte: Das kann man nicht machen. Aber in der Zeit, in der wir leben, darf man sieh von solchen spontanen Reaktionen nicht leiten lassen- Wenn wir Zeit hätten, zu warten, würde die große Majorität der Zionisten sagen: Warten wir. Das hätte aber zwei Voraussetzungen, nämlich, daß die britische Verwaltung und die Handhabung des Mandats besser werden, und zweitens, daß, wenn dies nicht der Fall sein sollte, die jüdische Emigration fünf oder zehn Jahre warten kann. Im Jahre 1913 hätte der Zionismus trotz der Not des russischen Judentums vielleicht sagen müssen, es sei da« Warten vorzuziehen. Heute ist die Lage des Weltjudentums unvergleichlich katastrophaler. Die jüdischen Massen müssen eine Zuflucht suchen, und wenn es nicht Palästina ist, werden es andere Länder sein müssen. In einer solchen Situation kann man sich da« Warten nicht erlauben. Anderseits wird die britische Verwaltung, selbst wenn England sich zur Fortsetzung des Mandats bequemt, bestimmt nicht besser werden. Wir müßten uns auf eine tropfenweise jüdische Einwanderung gefaßt machen. In dieser Welt, die jeden Tag vor Katastrophen zittert, werden wir aber mit all dem Recht, da« an unserer Seite steht, niemanden gegen ein Imperium mobilisieren können, das nicht nach unseren dringendsten Wünschen handelt, das aber doch eine der wenigen letzten Hochburgen von Anstand und Fairness geblieben ist. Die Voraussetzungen des Teilungsplanes England wird da« Mandat auf die Dauer nicht behalten. Es gibt keine andere Mandatarmacht, solange die Welt friedlich bleibt. Der Zionismus aber wird aus der jüdischen Gasse verschwinden, wenn er dem jüdischen Volk für die nächsten zehn bie fünfzehn Jahre nicht« anderes zu bieten bat, als Protestmeeting« gegen England. Deshalb hat die Majorität des Zionisteukongresse« «ich bereit erklärt, auch Über den TeMunmsplaa zu reden, wenn b «- stimmte v orausse t znngen erfüllt Wir müssen Galiläa und das bekommen, was wir Juden in Jerusalem aufgebaut haben. Man muß uns den Süden des Landes, der 42 Prozent der Oberfläche des Landes darstellt, und wo eg kein arabisches Problem gibt, weil dort bloß 60.000 Beduinen bansen, geben. Wir hoffen aus dem Ödland dasselbe zu machen, wie aus dm Sümpfen de« Emek. Man muß uns eine bessere strategische Grenze geben. Die Küstenzone darf nicht io schmal sein, daß das Scherzwort, das in Genf aufflatterte, fast wahr wird: Das ist kein Staat, sondern eine Promenade des Anglais, in Anspielung auf den längs des Strandes von Nizza «ich hinziebenden Promsoadenweg. WiT müssen in Paläetina ein Territorium bekommen, auf dem wir die Möglichkeit haben, in den nächsten fünfzehn bis zwanzig Jahren eine oder anderthalb Millionen Juden an- «ig zu machen. Ferner muß man dieses Territorium als souveränes Territorium geben. Werden alle diese Voraussetzungen erfüllt, dann glaube ich hat man nicht da* Recht, den Teilungeplan ln dieser Situation zorüekzuweisen. Man unterschätze auch nicht di« Bedeutung eine« jüdischen Staate«, wenn er auch noch «o klein ist, für die wirtschaftliche Entwicklung in Vorderasien und für die Lage der Juden in der ganzen Welt In der heutigen Welt bedeuten Völker gar nichts, Staaten jedoch alles. Wenn man in Genf beim Völkerbund «itzt, dann begreift man, wie wichtig es ist, als Volk ein Instrument zu haben, durch das man für «ein Volk sprechen kann, wie es die arabischen Staatenvertreter tun. Man glaube nicht, daß ein jüdischer Staat Wasser auf die Mühlen des Antisemitismus sein werde. Die Schaffung eines solchen Staates hat nichts zu tun mit den bürgerlichen Rechten der Juden in den verschiedenen Ländern. Wenn wir Juden einen Staat haben, der, wie ich hoffe, keinen Krieg führen und enrigi neutralisiert sein wird, dann wird der Respekt vor den Juden der Welt steigen. Di« Gründung eines Staate« ist immer ein Sprung in« Dunkle, Aber wir müssen uns sagen: Entweder wir gestalten unser Schicksal oder wir werden zermalmt aus der heutigen Situation herauskommen. « Wir werden auf die Ausführungen Doktor Goldmaans, die bei dem kritisch eingestellten Teil des Publikum* merklich kühl aufgenommen wurden, noch zurückkommen und zu ihnen Stellung nehmen. Ec fleht geschrieben* Ufer nur sind wir, und tief in um rinnt Blut von, Gewesenem — au Kommenden rollt's Blut unserer Väter voll Unruh' und Stolz, ln uns sind alle — wer fühlt sich allein? (Beer-Hofmann, Schlalüed an Mirjam) Man kann sich nur solange von seinem Judentum bedrückt fühlen, als mm nicht stol» darauf ist. (Berta Pappenheim) Wo man dielt gern sieht, geh,’ selten hin; wo man dich ungern sicht, geh,' gar nicht hin. (Jüdisches Sprichwort) Wer die bösen Zeiten nicht überdauern kann, kann die guten nicht erleben. (Jüdisches Sprichwort) Auch für mn Volk lohnt’s nicht, bloß sich zu leben. (Beer-Hofmann, Der junge David) Es ist die Tragik im Dasein des Juden, daß er zwei Gefühle in seiner Seele vereinigt, das Gefühl des Vorrangs und das Gefühl der Brandmarkung, (Jakob Wassermann) * An seinen Besitz gekettet, ist der Mensch nur ein Sklave. (Jakob Waasermann) Nach getaner Arbeit ist — gut arbeiten, (Berta Pappentoim)