Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 11 (1937-1938)
- Issue
- Heft 682 (13.10.1937)
- Date
- 1937-10-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Kr. 683. —Wien, Mittwoch, 13. Oktober 1937, Reise nach Btiinn und in die Macodia Der Zionistische Landesverband beabsichtigt, bei genügender Beteiligung am 31. Oktober und 1. November (Sonntag und Montag — Feiertag) eine Autobusreise nach Brünn und in die Mac o c h a zu unternehmen. Am Hin- oder Rückweg kann auch Nikolsburg (Jüdisches Zentralmuseum) besucht werden. Anmeldungen telephonisch U 22-2-11 oder mündlich im Büro des Zionistischen Landeskomitees, I., Marc-Aurel-Straße 5, bis längstens 20. d. In memorlam Dr. Rudolf Glücklich Tel-Aviv, 5. Oktober. Unter großer Beteiligung, vor allem der österreichischen Olim, hat hier, wie schon berichtet, das Begräbnis Dr. Robert Glücklichs stattgefunden. Er gehörte zu den wenigen, die von der Schulzeit bis zum Tode aufopfernd und unwandelbar für den Zionismus gekämpft und gearbeitet haben. Schon als Student hat er sich aktiv für die zionistische Sache eingesetzt, und als er dann im Staatsdienst stand, hat er seine jüdisch-nationale Gesinnung stets offen zur Schau getragen und aus seiner Überzeugung nie ein Hehl gemacht. Kaum war er aus dem Staatsdienst ausgetreten, stellte er seine Kräfte wieder ganz in den Dienst des Zionismus und wurde Sekretär des zionistischen Landeskomitees. Sein Sohn, von Kindheit auf im Geiste des Vaters erzogen, übersiedelte in sehr jungen Jahren nach Palästina, und kurz darauf folgten ihm seine Eltern nach. Auch hier setzte sich Dr. Glücklich wieder ganz für die Allgemeinheit ein und wendete seine Aufmerksamkeit besonders den österreichischen Olim zu. Als er einmal in einer Sitzung der Olej Austria die Not der österreichischen Neueinwanderer schilderte und Hilfe für sie verlangte, ihm jedoch vom Finanzreferenten bedeutet wurde, daß dies bei der herrschenden Geldknappheit nicht möglich sei, rief er aus, obgleich er gelbst reichliche Sorgen hatte: „Daihi werde Ich Ihnen mit meinem eigenen Geld helfen.“ Es gibt unter den österreichischen Olim viele, die ihre Einordnung ins Land seiner persönlichen Hilfsbereitschaft zu danken haben. Als Sekretär der Olej Austria und der Vereinigten österreichisch - palästinensischen Hitaehdutäm und Olej Austria in Tel-Aviv hat er mit unermüdlicher Arbeit, Geduld und Hingabe für die Sache des Zionismus und für das Wohl seiner engeren Landsleute gearbeitet Sein Andenken wird von allen, die ihn kannten, in Ehren behalten werden. Joseph Schur. Wieder Selbstmord einer jüdischen Jungärztin Die völlige Aussichtslosigkeit für die jüdischen Jungärzte, nach Beendigung ihres Studiums eine Existenz begründen zu können, hat neuerlich zu einem Selbstmord geführt. Die 26jährige Ärztin Dr. Margarete R, die eben ihre Studien beendet hat, hat sich in einem Wiener Hotel vergiftet. In einem Unterlassenen Schreiben führt sie als Grund für Ihre Tat an, daß sie aus Furcht vor drohender Stellenlosigkeit in den Tot gehe. Eine alpenländisdie Fälschung Die Wochenschrift „Alpenländische Rundschau“ (Erscheinungsort Klagenfurt) teilt ihren Lesern in großer Aufmachung mit, die Jüdische Telegraphen-Agentur hätte im Juli 1920 eine Rede des Großiabbiners von Jerusalem verbreitet, der nach einer Rückreise aus England in „Jaffa“ folgendes gesagt habeu soll: „Die Juden erscheinen schon heute als die wirklichen Beherrscher der Welt, heute herrschen sie über Rußland, Österreich und Deutschland, bald wird die Herrschaft über andere Länder folgen und so wird das Judentum die Flagge über die ganze Welt entfalten.“ Das Blatt fügt hinzu: „Ein Blick auf die heutige Welt zeigt, daß das Judentum mit bolschewistischer Untere! Atzung ein gutes Stück vorwärts gekommen ist.“ Es erübrigt eich zu sagen, daß niemals der „GroßrahbineT von Jerusalem“ noch eonst ein Rabbiner je eine solche Erklärung abgegeben, noch daß die Jüdische Telegraphen-Agentur dieses oder etwas Ähnliches verbreitet hat. Die Jüdische Tele-[sich die Meldung aus den Fingern gesogen, graphea-Agent-ur hat im Jahre 1920. aus] wenn es sie nicht dm berüchtigtem Weltdem die Meldung angeblich stammt, noch’dienst Fleischhauers in Erfurt gar nicht existiert. Das Blatt hat entnommen hat. Huberman in Lebensgefahr Amsterdam, 11. Oktober. (JTA.) Aus Bandoeng, Nlederländisch-Indien, wird telegraphiert, daß sich der Zustand Bronislav Hubermans, der vor einigen Tagen bei einem Flagunfall erheblich verletzt wurde, plötzlich verschlechtert hat; es trat eine Lungenentzündung hinzu, die behandelnden Ärzte erklären 6ein Leben für gefährdet Eine neuerliche ärztliche Untersuchung der Verletzungen Hubermans hat ergeben, daß der Künstler einen Knochenbruch an der linken und zwei Brüche an der rechten Hand erlitten hat. SKnoefteMe! weiter! TRiManer Sütel «tobe «Bleuer «lelberbnufe* hohen fiel) geeinigt uuö gehen Shnen «egen 12 ÜRonotetoten $errent>efleibung onf Sitehit ©erlangen Sie *»o<fj fcente hie Sufteüung einer StrehHontoeifnn«, welche Sie hercAtigt, in Drei «He« 1 Bienet Stietherhättfern ungesnmngen ] nnhohneSwifAenfteUe birettetajufoufea. — ©reife onf {ehern Stütf offen erfiAU<<h> ©nforhernng non Srehitontoelfuugen nne fArifttiA mittels Äortcfponhensforte unter ©«gäbe oon Statue, ©etuf nnh ©breffe on„«fetn" 15.©e*.,CIementinen* gaffe 28/St. ©nA ©rot»inj! Bronislav Huberman wurde 1882 in Czenstochau (Polen) geboren, war Meisterschüler des berühmten Joachim und ist heute in der ganzen Welt als Meister der Violine anerkannt Mehrere Jahre betätigte r sich führend in der vom Grafen Coudenhove-Kalergi geschaffenen Paneuropav e g u n g. Sehr warm nahm er sich jüdischer Interessen an. Durch Schaffung des bereits jetzt einen hohen Ruf genießen- Deutschland vertriebenen Meister-Solisten hat er sich nicht allein um die Pflege der Musik in Palästina, sondern um die Musikpflege überhaupt außerordentlich verdient gemacht fftauenfetinec hmitükn das Alter einer Frau nie nach dem Gesicht. Sie wissen, daß ein frisch »heigerichtetes« Antlitz täuscht Aber das Haar täuscht kaum. Graues Haar macht älter. Darum beim ersten grauen Haar das Haarstärkungswasser »Entrupal« verwenden, das sich als vorzügliches Mittel gegen ergrautes Haar erweist, allmählich und unauffällig wirkt, Kopfschuppen und Haarausfall beseitigt Originalflasche S 8.80. - APOTHEKE BAYER, WIEN, I. WOLLZE1LE 13 - IN FACHGESCHÄFTEN. Ein Jüdisches Kinderparadies Im Geiße Dr. Cßafes'.. Ee riecht gut, es duftet nach einer kräftigen Rindssuppe. Der Leiter der Kinder- ' gesheimstätte der Kultus- ■ meinde in der Aspernbrücke ni s ß e, Fürsorger Israel Piper, in desi Büro ich sitze, um mich über die Anstalt informieren zu lassen, bemerkt meine erstaunte Miene und sagt lächelnd: „Das Mittagessen wild bald fertig sein.“ Ich schaue erst recht verdutzt drein: „Was?... Mittagtassen?“ — Seihst verständlich, das Essen ist doch ein wesentlicher Bestandteil de® Programms der Tagesheimstätte, deren Zöglinge in der Mehrzahl der Fälle bedürftigen Familien entstammen ...“ In diesem Augenblick betritt Frau Piper, die ihrem Mann bei der Leitung des Heims behilflich ist, das Kanzleizimmer und reicht Herrn Piper ein Fünfziggroscheuetück mit den Worten hin: „Von der kleinen G.“ Herr PipeT erklärt mir: „Ein Wochenbeitrag.“ — ' ’ verstehe nicht. Ein Beitrag ftir eine ganze Woche? Wofür?“ — ..Für alles, was das Heim zu bieten hat. Manche Eltern zahlen fünf Groschen täglich, manche zehn Groschen, für ein einzige« Kind, dessen Vater, ein kleiner Geschäftemann, da er geschieden ist, sieh um seinen Sohn tagsüber nicht kümmern kann, wird ein Schilling entriebtet. Viele Kinder haben Freiplätze. Aber wenn ee irgendwie geht, lassen wir die Eltern etwa« bezahlen, wenn auch nur fünf Groschen täglich. Wir handeln ln dieser Beziehung im Geiste des seligen Dr. Chajes. Oberrabbiner Dr. Chajes vertrat den psychologisch vernünftigen und warmherzigen Standpunkt, man solle die Eltern zu Beiträgen, mögen sie noch so gering sein, verhalten, damit sie nicht das niederdrückende Gefühl hätten, daß man ihnen etwas schenke. Aber leider fällt es immer mehr jüdischen Eltern schwer, auch nur fünf Groschen täglich für ihr Kitul beizusteuern. Die meisten Väter unserer Kinder sind arbeitslose Angestellte. Von Jahr zu Jahr wird der Zustand ärger. Es ist ein furchtbarer Jammer. Die Zahl der kleinen Gewerbetreibenden, die etwas leisten können, oder jeneT Väter oder Mütter, deren Kinder aus erzieherischen oder sozialen Gründen in die Tageeheimßtätte angenommen werden und einen kleinen Beitrag mitbringen, schrumpft stets mehr ein.“ Für fünf Groschen Mittag* essen, Jause und Unterrieht „Das ist sehr traurig. Aber gestatten Sie, die fünf oder zehn oder mehr Groschen täglich sind für die Beaufsichtigung im Heim und für die Beschäftigung mit den Kindern . — „Ja und für das Essen.“ — „Jetzt verstehe ich schon wieder nicht Fünf Groschen für da« Essen?“ -— „Was soll man ran? Die Leute können nicht mehr oder, wie ich schon ge.agt habe, nicht einmal so viel entbehren. Doch die Kinder müssen ernährt werden, und zwar dig, damit, sie zu Kräften kommen meisten sind ja unterernährt, wenn uns Aufnahme finden — und es is .Stolz, daß wir damit ausgezeichnete Ergebnisse erzielen.“ — „Was für Mahlzeiten halten die Kinder?“ „Mittagessen und Jause. Sonntag Gabelfrühstück und Mittagessen“, setzt Herr Pii per auseinander. „Dreimal in d ~ -1 Woche, Sonntag, Dienstag und Donnerstag, sind Fleischtage, da besteht das Mittagmahl aus Suppe, Fleisch, Gemüse und Kompott, an den übrigen Tagen au« Suppe, Gemüse und Mehlspeise. Zur Jause geben wir den Kindern Marmelade- oder Solunalzbrot mit Tee an Fleisohtagon, Butterbrot mit Kaffee oder Kakao an fleischlosen Tagen. Als Gabelfrühstück am Sonntag werden Butterbrot mit Sardinen und Tee vorge-setzt. Wenn es gegen das Frühjahr gebt und die Tage wieder länger werden, veranstalten wir jeden Freitag abends auch einen Onegg Sabhath, eine kleine Feier, bei der Gedichte aufgesagt und Lieder gesungen werden und die Kinder Fleisehlaberln, Barohes und Himbeersaft bekommen.“ Feiertage — Hungertage „Bei deT Aufnahme wiegen wir jedes Kind. Die meisten von ihnen sind in Erholungsheimen gewesen und dennoch sind eie untergewichtig, denn die paar Wochen, da sie seit der Rückkunft vom Heim zu Hause gewesen sind, genügen, um die Gewichtszunahme zum Verschwinden zu bringen und sogar Untergewicht hervorzurufen. Diesmal haben wir dies wieder konstatieren müssen. Die jüdischen Feiertage waren dazwischen, die für so viele jüdische Kinder unzureichende Nahrung und daher Gewichtsabnahme bedeuteten. Dio Kinder aber, die bei uns in der Heimstätte verpflegt werden, nehmen im Laufe des Jahres wieder gehörig zu, obwohl sie viel arbeiten müssen.“ Wie die Kinder-Tagesheimstätte entstand Im Gespräch mit dem Leiter erfahre ich noch viele interessante Einzelheiten. Im De-i zember 1935 wurde die Tagest eimßtätte im Rahmen der Winterhilfsaktion der Kultus-; gemein.de gegründet. Sie war ursprünglich als Hilfemaßnahme für die Wimtermonate gedacht, lobte sich jedoch rasch so sehr ein, daß man sie bis zum Ende de« Schuljahres fortführte und sich entschloß, «ie gleich zu Beginn de« nächßten Schuljahre« wieder zu eröffnen. Nun, da sie in das dritte Jahr hr es Bestandes eingetreten ist, läßt ie sieh aus der Fürsorge der Kultus-;emeinde gar nicht mehr wegdenken. Hublert Kinder wurden im vorigen Schuljahr in der Tageslieimstätte betreut, jetzt, wenige Tage nach der Wiedereröffnung am 5. Oktober, besuchen «ie bereite siebzig; jeden Tag melden sich neue Zöglinge an, und as hat allen Anschein, daß diesmal die Höchstzahl von 120 K i n-1 dem, die das Heim lassen kann, erreicht werden wird. Alle Kinder vom sechsten Leben«jahr an, da« heißt, sobald sie schulpflichtig und wenn die Voraussetzung der Bedürftigkeit oder entsprechende erzieherische oder soziale Momente vorhanden sind, werden aufgenommem, natürlich «oweit Platz ist. Die Kinder, welche die Tagesheimstätte frequentieren, wohnen im zweiten, zwanzigsten oder dritten Bezirk: die meisten von ihnen sind Volks- oder HaupteehUler, a.ber Mittelschüler trifft man ebenfalls im Heim, so auch Quintaner aus d O h a j e s - G y m n a s i u m. Sie begeben sich nach Sebulschluß mit dem Schulranzen ins Heim, erhalten ihr Mittagessen, und Laufe des Nachmittags müssen sie unter ■ Aufsicht der zwei Lehrerinnen und ei' . Lehrer« mindestens zwei Stunden lernen, da« heißt das ihnen von der Schule aufgegebene Pensum erledigen. Dann bleibt noch immer genug Zeit für Spiel und für Unterricht in Hebräisch, jüdischer Geschichte und Handfertigkeiten. Größere Kinder werden veranlaßt, Vorträge zu halten oder sie betätigen sich bei der Ausschmückung des Heim«. Alle durchgekommen! Selbstverständlich wird darauf geachtet, in welchen Gegenständen die Zöglinge einer Nachhilfe bedürfen und wo e« sonst hapert. Zu diesem Zweck wird, sobald ein Kind ins Hehn eintritt, in der Schule nachgefragt, wie man mit dem betreffenden Schüler zufrieden ist. Man erfährt auf diese Weise, ob Schwächen im Fortgang oder Mängel im Benehmen zu verzeichnen sind und richtet die Behandlung des Kindes darnach ein. Dieser unausgesetzten Beaufsichtigung und Nachhilfe Ist es zu verdanken, daß von allen Zöglingen der Tagesbeimstätten im vorigen Schuljahr, unter denen sich nicht wenige schlechte Schüler befanden, alle bis auf eines glatt durchgekommen sind, und dieses eine bezeichnenderweise nur deshalb „hängen« blieb; weil es eine Nachprüfung nach den Ferien hatte und während des Sommers Im Elternhaus nicht so wie im Heim dazu angehalten wurde zu lernen. Doch nicht allein die sachgemäße und liebevolle Führung und Anleitung erleichtert den Kindern das Vorwärtekommen in der Schule, Auch das Verweilen in den zwar bescheiden eingerichteten, aber bellen und freundlichen Räumen de« Heime« und dessen gemütliche Atmosphäre stimmen froh und heiter und machen das mit. kameradschaftlichem Verkehr und Wetteifer gewürzte Lernen zu einem Vergnügen. Oer zukünftige Dachdecker Drei Klassenzimmer stehen zeit Verfügung. In einem von ihnen sitzen die Kleinsten an niedrigen Tischen und malen Buchstaben hin, basteln, zeichnen. Es ist Sonntag vormittag und Schulaufgaben gibt es nicht. An der Wand sind einige bunte Zeichnungen befestigt, ein Ilaus, eine Landschaft und ähnliches. Sie rühren von der Hand eine« kleinen hellhaarigen Mäderls her, dem die Lehrerin besondere Zeichenbegabung und guten Geschmack nachrühmt. In einem andi-ren Klassenzimmer zeichnen und «chnifzen zwei Buben unter Anweisung de« Lehrers an einigen hebräischen Buchstabe]). Sie wollen eine Wandinschrift hersteilen. Der eine von ihnen ist der Sohn eines Spenglers; er will durchaus Dachdecker werden und hofft diese® Handwerk in Erez Israel ausüben zu können, wohin seine Familie nächstens auszuwandem gedenkt. Der andere ist der Sohn eines Ingenieurs und träumt davon. Mechaniker zu werden. Jetzt schon machen sich beide mit ihrer .Hände Geschick nützlich: sie halfen gleichzeitig als Waschraum dient, mit einem