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Die Stimme · 1937-10-11 · Heft 681 (11.10.1937) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
11 (1937-1938)
Issue
Heft 681 (11.10.1937)
Date
1937-10-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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jfr. 681. — Wien, Montag, 11. Oktober 19«. 8«ita S Die Weltanschauung der Pimpfe Kaum ist dar Nürnberger Parteitag vorüber und schon fällt auf das glanzende Bild absoluter Gleichschaltung, das er bot, ein Schatten. Zwar sind auch die nicht nach Nürnberg eingeladenen Volksgenossen äußerlich gleichgeschaltet, aber innerlich scheint die deutsche Volksseele noch nicht so ganz ausgeglichen zu sein. Natürlich bat die „Ge- Ä jüdische Tragödie im Osten Deutschlands aber, wie sich zeigt, umsomehr zu flüstern. Laut einer beweglichen Klage der Wochenschrift des Reichsarbeitsdienstes ist sogar die Technik des Flüstern „zu einer nichtswürdigen Vollendung ausgebaut“. Dieses offenbar besonders hellhörige Organ hat sogar herausgebracht, was eigentlich den Leuten nicht recht ist: „Früher hat es nicht so viele Aufmärsche für die Jugend gegeben und doch seien ganz anständige Menschen herangewaohsen. Seine Majestät, der Pimpf, wachse sich zu einem Diktator der Familie aus und sei ein halber Agent der Geheimpolizei.“ Seine Majestät, der Pimpf, das ist der Dreikäsehoch, der Taferlklassebesueher, und schon aus diesem mißgünstig aufgefangenen Stoßseufzer geplagter Familienväter erhellt seine volle Bedeutung im nationalsozialistischen Idealstaate: die Kinder werden als Mitglieder der Hitler-Jugend zur Bespitzelung ihrer eigenen Eltern und Geschwister angehalten. Während früher die Begriffe Familienerhalter und Staatserhalter miteinander identisch waren, ist jetzt eine Rollenteilung zwischen jedem deutschen Vater und seinem Jüngsten eingetreten. Der Vater erhält im Schweiße seines Angesichts die Familie und der Pimpf erhält durch seine Angebereien das Dritte Reich. Zum Lohne erwartet den gereiften Mann, der innerhalb seiner eigenen vier Wände nicht die Zunge hütet, das Konzentrationslager, doch hoch klingt das Lied des braven Pimpfes, der seine staatsbürgerlichen Pflichten mit Grazie erfüllt, Ein Lehrer hat jüngst in einer pädagogischen Zeitschrift das „T a k t g e f ü h 1“ hervorgehoben, mit dem der Pimpf im Gegensätze zu vielen Erwachsenen seine nationalsozialistischen Pflichten, 1: ders im Umgang mit jtidi Altersgenossen, denen rechtzeitig das Gefühl der allgemeinen Verachtung beigebracht werden muß, erfüllt. So hat also das Hakenkreuz endlich seinen idealsten und vollkommensten Anhänger gefunden: den Pimpf. Schon immer galt der deutsche Nationalismus als besondere Domäne der Jugend. Um Schöneren Banner sammelte sich die Hochschuljugend; das war immerhin die reifere Jugend. Aber der Nationalsozialismus, der alles ins Extreme radikalisiert, tut dies auch in bezug auf die Jugendlichkeit seines Anhangs. Die Erwachsenen, aber auch das Jünglingsalter sind ihm allzusehr intellektualitäts-verdächtig. Bloß der Pimpf ist über diesen Verdacht erhaben. Daher ist er der eigentliche Repräsentant 'er nationalsozialistischen Weltanschauung. „0 selig, o selig, ein Kind noch zu sein!“ dem Weltkriege, der ihn mit ostjüdischen Kreisen in nähere Berührung gebracht hatte. Im Jahre 1927 veröffentlichte er „S e h alet“, Beiträge zur Philosophie des „Wenn schon“. Sammy Gronemann, der im 63. Lebensjahr steht, bat sich schon als Student der zionistischen Bewegung angeschlossen und zählte bereits in jungen Jahren zu den führenden Köpfen der zionistischen Bewegung in Deutschland. Auf dem sechsten Zionisten-Kongreß in Basel (1903) übte er zum erstenmal richterliche Funktionen aus. Seit dem Jahre 1906 ist er ununterbrochen Präsident des Kongreßgerichtes der zionistischen Welt-Organisation und als solcher Mitglied des Aktionskomitees. Der Umsturz in Deutschland bewog ihn. sich in Paris niederzulassen; im Februar 1936 siedelte er nach Erez Israel über. zu sein!1 Leider waren die diversen Führer, als sie die Macht ergriffen, sämtlich schon über Ein Sonderberichterstatter der Jüdischen Telegraphenagentur, der vor kurzem die östlichen deutschen Provinzen besucht tat, faßt seine Eindrücke in folgender Schilderung zusammen: In den verschiedenen Gauen ersinnen die Gauleiter verschiedene Methoden, um jüdische Bevölkerung zu quälen und sie auf diese Weise zu schneller Auswanderung zu bewegen. Hierin tun sich namentlich die Gauleiter von Ostpreußen und Westpreußen hervor. In Schneidemühl und in A stein hat sich die Praxis eingebürgert, jüdische Einwohner beiderlei Geschlechts und aller Altersstufen aufzugreifen und auf das Polizeiamt zu bringen, wo sie gezwungen werden, stundenlang beweglich mit erhobenen men vor einer kabien Mai stehend zu verharren, meisten Betroffenen brechen dabei Viele Juden in diesen Gauen verlassen ihre Wohnorte und bereiten sieh zur 1 anderung aus Deutschland vor, wohl die Umstände für sie außerordentlich ungünstig sind. Die Zurückbleibenden haben das einzige Verlangen, ihnen so rasch als möglich zu folgen. Die deutsche Presse darf über solche Vorkommnisse nichts berichten. Sie darf lediglich Fortschritte in der Verdrängung der Juden aus ihren wirtschaftlichen und anderen Positionen registrieren, in außergewöhnlichen Fällen darf sie auch über Gerichtsverhandlungen Juden berichten. Handel und Industrie geht namentlich in den Provinzgauen ständig wachsendem Erfolg vor sich, nationalsozialistischen Kreisen ist man Ansicht, daß die Aktion gegen den jüdischen Detailhandel in der Provinz bald beendet und vielleicht schon binnen sechs en vollkommen liquisein wird. Die Mittel für diese Aktion sind: Boykottposten vor den Geschäften, Zwang zur Übergabe der Geschäfte in arische Hände, Verweigerung der Geschäftslizenz, Zwang zur Auswanderung usw. Nunmehr konzentrieren sich die Bemühungen zur Ausmerzung der Juden aus dem Wirtschaftsleben auf das Industrie- und Warenhauswesen. Bald werden die jü- _i dischen Industriellen und Warenhausdie erste Kindheit hinaus. Daran waren die Besitzer vor der Wahl stehen, entweder ihre Systemparteien schuld, die ihnen den Aufstieg zur Macht so lange verwehrten. Aber durch eine auffallende Gnade Wotans fällt noch heute der Glanz unvergänglicher Jugend auf sie. Pimpfe sind sie zwar nicht mehr, aber so alt sie auch werden mögen — wenigstens den Flegeljahren können sie durch ein göttliches Wunder niemals entwachsen... Dr. H. Sp. Gronemann in Wien Sammy Gronemann, dessen Komödie „Jakob und Christian“ am 8. d. im Jüdischen Kulturtheater zur deutschen Uraufführung gelangt, ist — wie wir erfahren — aus T e 1-A v i v, seinem gegenwärtigen Wohnsitz, in Wien eingetroffen, wo er einer der ersten Vorstellungen seines Bühnenwerkes beiwohnen wird. Gronemann, der bis zum Jahre 1983 als einer der angesehensten Rechtsanwälte und Notare in Berlin tätig war, zählt zu den bekanntesten deutsch-jüdischen humoristischen Schriftstellern, der für die Kunst und ihre Vertreter stets besonders warmes Interesse an den Tag legte. Er war Mitbegründer und während ^eler Jahre Leiter des Sobutzverhandes deutscher Schriftsteller in Berlin. Seiner Initiative war es zu danken, daß die berühmte Tournöe der Wilnaer jüdischen Schauspieler seinerzeit in Westeuropa ermöglicht wurde. Im Jahre 1920 veröffentlichte er seinen ersten satirisch-jüdischen Roman „Tohu wabohu“, drei Jahre später erschienen unter dem Titel „Hawdoloh und Zapfenstreich“ seine prachtvollen humorvollen Erinnerungen aus Betriebe zu schließen oder sie für Spottpreise an Arier zu verkaufen. In den östlichen Provinzen Deutschlands befolgen die lokalen Behörden die grausame Taktik, die Juden zu zwingen, die Grenze ohne Pässe and Sicht vermerk zu überschreiten; auf dies Welse wird den Vertriebenen j e d Rückkehr unmöglich gemacht Hunderte Juden, unter ihnen Personen in hohem Alter, werden täglich vor die Polizei zitiert und rundweg gefragt, wann sie endlich auszuwandern gedenken, ihr Bleiben würde für sie von ernsten Konsequenzen begleitet sein. Die dauernde Abwanderung jüdischer Familien aus den kleineren Städten führt immer wieder zur institutionell. In der allerletzten Zeit löste sich die alte jüdische Gemeinde in Nesselroden (Bezirk Blasse!) auf. Die Synagoge wurde verkauft und die heiligen Geräte in die Synagoge von Kassel gebracht. Mit dem Abwandern der letzten jüdischen Familie aus W a n d f r i e d a (Bezirk Esehwege) hat die dortige alte jüdische Gemeinde zu bestehen aufgehört. Die Synagoge wurde verkauft, der jüdische Friedhof wurde von der jüdischen Gemeinde in Esehwege in Obhut genommen. Die jüdische Gemeinde von Anholt bei Bocholt in Westfalen ist auf zwei Familien zusammengeschrumpft; die Synagoge wurde In die Obhut der Bocholter jüdischen Gemeinde übergeben. In Z i rite n is milien Synagc dienst die jüdische Gemeinde auf drei Falusammengeschrumpft. Die Zintener ge wurde aufgelassen, der Gottesivird in einem Privathaus abgehalten. Wenn der deutsche Botschafter Interveniert Paris, 9. Oktober. (JTA.) Auf eine Intervention dt* deutschen Botschaftern in Paris hin hat die Verwaltung der Pariser Weltausstellung die Leitung des Palästina-Pavillons ersucht, die Di ag ramme, die von der Vertreibung von 80.000 Juden aus Deutschland uni von der wachsenden Sterblichkeit von Juden in Deutschland sprechen, zu entfernen. Diese Anordnung der Ausstellungsleitung hat in jüdischen Kreisen «ehr verstimmt. Keine Einreise, keine Ausreise London, 9. Oktober. (JTA.) Nach Meldungen aus Metz ist die deut-ech-frauzöeische Grenze, seit vorgestern für die Juden geschlossen worden. Sämtliche k t. Ähnliche ixemburgfee-hen die aus Franki Deutschland Einreise nach Gründe wurden aus Deutschla Bestimmungen sind au . Grenze in Kraft. wo .luden, f reich und Luxemburg nach zurüekkehren sollen, die 1 Deutschland untersagt v für diese neuen Eui>e.hnud; bisher nicht angegeben. Ein Danziger Urteil Danzig, 9. Oktober. (Priv.) Die Disziplinarkammer für nichtriohterUclie B-amto hat gegen den 61jährigen Steimrsekretär Franz Libischewski aus Danzig die auf die Hälfte »usgesproc plmarkammer ließ sich voi ■itte Re Libischewski wurde vorgoworfen, er habe regen Verkehr mit Juden unterhalten und seine Einkäufe in jüdischen Geschäften getätigt. Der Staat könne, so heißt es ln der Urteilsbegründung, solche Beamte nicht brauchest und es wäre daher widersinnig, daß Beamte, die eich als S t a a t e f e i n d e betätigen, später noch ihre Pension erhalten. Hochschule für Welthandel. Die jüdischen Studenten a.n der Hochschule für Welthandel werden aufgefordert, sich in Inskriptionsangelegenheiten an den Faohverein jüdischer Hörer an der Hochschule für Welthandel zu wenden. Inskriptionsauskftnfte: Montag. Mittwoch, Freitag von 11 bis 12 Uhr. Dienstag von 20 bis 21 Uhr im Zentralhcim, IX.., Alscrstraße 26. Eine alte Synagoge in Salzburg aufgefunden? In Salzburg sind bei Restaurierung*-1r en eines Synagogen-Bauoe nach arbeiten im Hofe des Duschl-Hauees auf, altem Stil tragen.“ Nach der Judeaverfoldem Kranzlmarkt gotische Architekturteile! gung im Jahre 1404 ist diese Synagoge bloßgelegt worden, die vermuten lassen, daß I nicht mehr benützt worden. Altmann glaubt, sich dort im 15. Jahrhundert ein turnt-1 daß sich die spätere Synagoge am Kratizlirtiger Bau, möglicherweise eine; markt, und^ zwar im Radauer-Haue befua- Synagoge befand. Die mündliche Tradition ■ glaubt von einer solchen ehemaligen Verwendung dieses Hauses zu wissen. Im 13. und 14. Jahrhundert befand sich (A. Altmann, „Geschichte der Juden in Salzburg, Berlin 1913“) die Synagoge im heutigen Gasthaus „Zur Hölle“. Denselben Meinung sind Dr. Widmaon und andere. Altoann sagt: „Der älteeto Teil dieses Hauses soll der Innenraum des Gastsaales (ebenerdig) sein, dessen Konturen in der Tat noch heute die eigenartigen Spuden habe. Die Tradition nennt, wie g . „ , auch da« Duschl-Haus. Es ist daher möglich, daß im 15. Jahrhundert und vielleicht noch später, im Dusohl-Haue die Synagoge war. Die aufgedeckten Architekturteile dürften aus der Zeit etwas vor 1400 stam- Die Feststellung, daß bereits im 13. Jahrhundert, die Juden in Salzburg eine Synagoge besaßen, ist in Anbetracht der „Bodenstä.ndigkpirs“-.4gitation von großem politischem Wert. Hubermans Flugunfall Den Haag, 8. Oktober. Wie die letzte Berichte aus Palembang (Java) b sagen,’ ist der Zustand des Violinisten und Gründers des Palästma-Symphonieorehestere Bronislav Hu her man, der auf einer Konzertreise bei einem Flugzeugunglück Verletzungen ernsterer Natur erlitt, nicht so befriedigend, wie man zuerst angenommen hatte. Die Röntgenuntersuchung hat ergeben, daß der Künstler außer den ganz unbedeutenden Schrammen am Hals und im Gesicht auch Knöchelbrüche beiden Händen und einen Rippenbruch erlitten hat. Wie die behandelnden Ärzte, jedoch erklären, eind die Brüche an den Händen derart, daß eine vollständige H edbleibende Folgen erwartet werden kann. Der Künstler hat sieh schon so weit erholt, daß die Ärzte ein kurs Interview mit ihm gestatteten. Eine Äußerung des Künstlers „Ich bin dem lieben Gott dankbar“, •gte Hubermann, „daß mir nichts Ernsteres zugeetoßea ist und ich will nicht klagen. Meine Hände schmerzen mich augenblicklich stark, aber das macht nichts. Die upteache für mich ist, daß ich oder werde öpielen können, bin auch glücklich darüber, daß litten hat. Über das Unglück kann ich nichts sagen, weil ich mich an nichts erinnere. Meine Sekretärin hat die beiden rtick- Sitze für uns reservieren Palästina-Besuch abgesagt Seinem in Budapest lebenden Sohn Dr. Johann Huberman sandte der Künstler das folgende Telegramm: „Bin leichter verwundet; hoffentlich ist meine Karriere nicht gefährdet. Sage meinen Palästina besuch ab, schiffe mich Mitte Oktober nach Wien ein.“ Toscanini dirigiert drei Konzerte des Palästina-Symphonieorchesters Jerusalem, 10. Oktober. Arturo Tose anini, der bereit« im Vorjahre mehrere Konzerte des Palästina-SymphonionreLster« dirigierte, trifft am 7. November in P a 1 äs t i n a eia, um drei von den neunzig Konzerten, die da« Symphonie-Orchester m dieser Saison geben wird, zu dirigieren. Es verlautet, daß die Konzerte von dem Jerusalemer Rundfunk nicht übertragen werden. Da« PaUtetina-SymphonieorohestoT ist durch den Beitritt von zehn neuen Muftikern Deutsehland, Holland und Polen verstärkt worden. Die Zahl der Abonnenten von 2500 in der ersten Saison auf 4000 der laufenden Saison gewachsen. Baaie Mikzoah. Der allgemein-zionistische Handwerkerverband hat seine Pprechstbende her im Sekretariat des Verbände,, •c-Aurel-Straße 5, jeden Mittwoch von s Uhr abends. In allen Palästinaange- . 0__ dten, Alijah usw. worden Informationen lassen, weil sie da« sicherer fand. Dienern sieben. Ferner Berufsberatung, Umsschioh- Umstand, glaube loh, haben wir uneer Le-} tPne'’ Rec-htaberatcmg. Die Mitglieder werden ben zu verdanken.“! (‘intteMen, eich m allen diesen Fragen direkt "" wenden. Anmeldungen für Hebräs e werden entgegengenommen. Huberman in den nächsten!)

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