Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 11 (1937-1938)
- Issue
- Heft 681 (11.10.1937)
- Date
- 1937-10-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 OIE STIMME Ni. 681 — Wien, Montag, 1L Oktober 19«. Konzertsälen, daß in den teueren Ausflugsorten der christliche Besucher eine seltene Erscheinung geworden ist. Die breiten bodenständigen Schichten haben eben die Opfer auf sich genommen, um den Wiederaufstieg Österreichs zu ermöglichen. Es macht den Anschein, daß gewisse Kreise, die leicht beleidigt sind, wenn man sie bei ihrem Namen nennt, sich wieder breitmachen und den bescheidenen christlichen Österreicher an die Wand drücken wollen. Dies einmal festzuhalten, ist auch eine Art christlicher Selbsthilfe.“ Das ist eine zwiespältige Ausdrucksweise. Entweder die christlichen Besucher meiden die Vergnügungsstätten und Ausflugsorte aus Patriotismus, um das so ersparte Geld dem Vaterlande zuzuführen, oder werden von den „gewissen Kreisen“ die Wand gedrückt. Beides in einem Atem heranzuziehen ist nicht ga: gängig. Und beides ist unrichtig. In allen Vergnügungsstätten, Kaffeehäusern, Theatern, Konzertsälen und Ausflugsorten sind die christlichen Besucher in der unbedingten Mehrheit und „die Juden“ sind schon längst nicht mehr in der Lage, sich geistige und physische Erholung zu leisten. Über die Hälfte der Wiener Judenschaft steht in der Fürsorge der Kultusgemeinde und dank der in den verschiedenen „arischen“ Verbänden betriebenen Ausbildung, dank der vielen Boykottreden werden immer mehr jüdische Geschäftsleute in die Verarmung getrieben, werden immer mehr jüdische Angestellte arbeitslos. Daß irgend ein junger Jude als Lehrling in ein Geschäft oder bei einem Meister unterkommt, ist eine solche Seltenheit, daß sie in den betreffenden Kreisen tagelang besprochen wird, und der vor kurzem veröffentlichte Bericht des jüdischen Ärzteverbandes über die Tragödien der jüdischen Jungärzte enthält ein Material, das — die „Reichspost“ und ihre Kreise nicht zur Kenntnis zu nehmen wünschen. Es ist so, daß sie uns das Leben nicht vergönnen * und daß sie mit geradezu wissenschaftlicher Genauigkeit che Berufe nach den Jaden durchmnstern. Der Emigrant Günther ans Prachatitz stellt im „Deutschen Volksblatt“ eine Statistik der Branntweinläden auf, deren Besitzer Juden sind. Ob die Ziffern richtig sind oder nicht, bleibt irrelevant. Es soll deT Eindruck hervorgerufen werden, als ob „die Juden“ den Christen die Posten wegnehmen, als ob jemals durch Juden ein Christ verhindert worden wäre, Kaufmann, Arzt oder Branntweinschänker zu werden. Diese Aushungerungstaktik ruft selbstverständlich unseren Widerstand wach und wenn er sich äußert, dann hat die „Reichspost“ die Gelegenheit zu schreiben, daß „gewisse Kreise sich wieder breitmachen“. Für unsere Stellungnahme gilt Mer das gleiche, was in diesem Blatt jüngst bezüglich der Vorgänge in Polen ausgeführt worden ist. Die antijüdische Propaganda geht von denen aus, die im Wirtschaftskampf aus eigener Unzulänglichkeit versagen und eben nicht die gleiche Tüchtigkeit aufweisen, wie der jüdische Konkurrent. Wenn das Volk in die jüdischen Geschäfte geht oder den jüdischen Arzt ruft, so weiß es warum. Aber dieses Vertrauen des kleinen Mannes soll zerbrochen werden, indem die Juden außer Gesetz gestellt werden, straflos mißhandelt und gemartert und schließlich auch noch diffamiert werden. In dem man konsequent darauf hinarbeitet, den Juden als ein verächtliches Geschöpf hinzustellen, erreicht man mit der Zeit doch, daß die Volkspsyche vergiftet wird. Der Bauer, der Arbeiter will in der Mehrheit von einem Haß gegen ein anderes Volk oder eine andere Konfession nichts wissen, aber die Intelligenz und mit ihr jene Schichten, die den Staat führen, wirken durch ihr Verhalten schließlich auf die Einstellung der Masse. Dazu kommt auch noch als besonders gerne angewendetes Mittel die Berichterstattung über die Tätigkeit der Sicherheitsbehörden und der Gerichte. Vorfälle, bei denen Niehtjuden gegen das Gesetz verstoßen haben, werden verschwiegen oder umfrisiert, dagegen genügt, daß ein Jude angezeigt wird oder unter unbewiesener Anklage steht, ihn durch volle Nennung des Namens, durch witzige Bemerkungen, die ihn als Angehörigen der Der Tetlungsvorsehlag: Weizmann nicht der Urheber London, 8. Oktober. (JTA.) In einer Londoner Versammlung trat der Leiter der politischen Informationsabteilung der Zionistischen Organisation, Rev. M. L. Perlzweig, dem Gerücht entgegen, daß der Plan der Teilung Palästina* „dem Kopfe Dr. Weizmanns entsprungen“ sei Vor allem amerikaniseh-jüdkohe Blätter, führte Rev. Perlzweig aue, hätten zu der Verbreitung der falschem Vorstellung beigetragen, daß Dr. Weizmann oder Männer seiner nächsten Umgebung die eigentlichen Urheber des Teilungsplanes seien. Demgegenüber müsse feetgestellt werden, daß an der Version, der Tetiungsvorschlag sei von der Jewish Agency oder irgend jemandem, der ln Ihr ein verantwortliches Amt bekleidet, ausgegangen, auch nicht ein Körnchen Wahrheit ist Insbesondere sei in den Aussagen, die Dr. Weizmann in öffentlichen und geschlossenen Sitzungen der Royal Commission gemacht hat, niemals eine Abänderung de* Mandates vorgeschlagen worden. Dr. Weizmann habe nicht einmal erfahren, daß die Mitglied» der Kommission eich mit einer solchen Möglichkeit befassen, bevor er seine Aussagen gemacht hatte. Es bedeute keine Indiskretion, wenn man erkläre, daß Weizmann aufs höchste überrascht war, als er zum erstenmal von dem Plan hörte. Der Redner erklärte unter Hinweis « die Lage der jüdischen Bevölkerung in Ost- und Mitteleuro das jüdische Volk könne nicht darauf i ten, daß die Entscheidung erst getroffen werde, nachdem die Theoretiker das Problem durohdiskutiert haben. Es verlange, daß die Tore Palästinas jetzt geöffnet werden; und mm sei eine Situation entstanden, die dieses öffnen der Tore des Landes ermöglicht. Emir Abdullah Ober jQdisdi-arabisdie Verständigung London, 10. Oktober. (JTA.) Der Jerusa-1 Reihe von Lösungsvorschlägen gebracht lemer Korrespondent des „News Chronicle' berichtet über ein Interview, da« Emir Abdullah von Transjordanien ihm im Zusammenhang mit den jüngsten Ereignissen in Palästina über die Möglichkeiten einer Lösung des Palästinaproblems gewährt hat. Danach habe Emir Abdullah erklärt, es bestehe kein Grund, anzunehmen, daß eine Lösung de* Palästinaproblems unmöglich sei. Juden und Araber träfen heute in Palästina nicht zum erstenmal Das Privileg der modernen westlichen Zivilisation war ca, die Juden wie Hunde zu behandeln und sich dessen noch zu men. Ohne dem endgültigen Plan zur Lösung des Palästinaproblems vorgreifen zu wollen, erinnere er daran, daß sowohl von englischer als auch von anderer Seite eine wurden, darunter auch der, daß die Juden in Palästina auf einem begrenzten Raum oder gemäß einem speziellen Minderheitonstatus leben sollen. Es sei kein Grund vorhanden, anzunehmen, daß Verhandlungen auf einer solchen oder ähnlichen Basis nicht schließlich doch beide Teile befriedigen könnten. Der gegenwärtige Zustand sei jedenfalls unhaltbar; augenblicklich versetze jeder in Palästina einwandernde Jude die Araber Palästinas von neuem in Furcht. Man dürfe sieb nicht mit Teillösungen zufrieden gehen; eine vollkommene Lösung des Problems sei nötig. Zum Schluß betonte der Emir, daß zwischen seiner Haltung und der vollen Wahrung der arabischen nationalen Interessen keinen Widerspruch sehe. Die Ghettobänke in Polet» Die Regierung zieht die Verordnung nicht zurück Warschau, 10. Oktober. (Privat). Wie eine Abordnung der jüdischen Parlamentarier J‘ Erziehungsmiiiister Dr. Swietos k y mitteilte, beginnen die 8500 jüdischen Studenten Polens am Montag an allen dortigen Universitäten und Hochschulen ' i Proteststreik gegen die Absonderung in den Hörsälen. Der Minister erwiderte, daß diese Maßnahmen ergriffen wurden, um weitere Unruhen zwischen den Nationalisten ttnd Juden zu vermeiden. Er erklärte, diese Anordnung würde nicht wieder zurückgenommen werden. Seit der Einrichtung der Ghettobänke am 4. Oktober haben die jüdischen Studenten, die 17 Prozent der Hochschulhörer ausmachen, die Bänke nicht benützt, indem sie entweder nicht erschienen oder während der Vorlesung standen. Die Abordnung betonte dem Minist» gegenüber, daß die Absonderung eine Diskriminierung der jüdischen Studenten 'Or das Parlament im November bringen. Konferenz aller jüdischen Organisationen Warschau, 10. Oktober. (JTA.) Der Jüdische Parlamentsklub hielt gemeinsam mit dem Komitee zur Verteidigung der Rechte der jüdischen Studentenschaft eine Sitzung ab. Es wurde beschlossen, eine Konferenz aller jüdischen Organisationen in Polen einzuberufen, um die durch die Einführung des Hochschulgbettos geschaffene Lage zu erörtern. Die Konferenz hat in einer einmütig angenommenen Resolution gegen die Einführung des Hocbschulghettos scharfen Protest erhoben. Die Errichtung der Ghetto- Bänke wird als zur Verfassung in krassem Widerspruch stehender Schritt bezeichnet, der dazu angetan kt, die jügkehen BüTger _..s „„ __f auf offiziellem Wege zu diskriminieren und darstelle. Sie würden die Angelegenheit | zu Bürgern zweiter Klasse herabzuwürdigen. jüdischen Gemeinschaft kenntlich mar chen, herabzusetzen und seine wirtschaftliche Existenz zu vernichten. Und dabei hätte diese arisch-christliche Schreiberzunft allen Grund, sich den Erscheinungen innerhalb ihrer eigenen Gemeinschaft stärker zu beschäftigen, die man als Verpestung ihrer Jugend bezeichnen kann. Täglich fliegen bald hier, bald dort Nachrichten über die entsetzliche Verrohung und Verwilderung der Moral auf, die durch die nationalsozialistische und nationalistische Agitation besorgt wird. Täglich haben die Gerichte mit dieser Jugend zu tun, die gegen den Staat ausgebildet und in eigenen Schulungskursen zur Lüge erzogen wird. Täglich kommen Fälle vor die Öffentlichkeit, die von einer tiefgreifenden seelischen Verlotterung zeugen und in keiner Weise mit Juden in Verbindung gebracht werden können. Da ist eben jetzt die Angelegenheit des Führers der Illegalen, des Hauptmanns Leopold, im Gange, gegen den von Illegalen in einer Flugschrift die Anklage erhoben wird, er habe sich von einer Schweinegroßschlächterei, die Juden gehört und ihre Produkte ins Dritte Reich liefern will, bestechen lassen. Daneben wird auch von „Geldern unserer Brüder im Reich“ gesprochen und über eine Femeaffäre in Steiermark berichtet, bei der Gegner dieses Leopold hätten nach Deutschland verschleppt werden sollen. In diesem Zusammenhang ist auch von innerem Verrat und Spitzelei die Rede. Solche Affären gibt es übrigens in Menge und sie beweisen, daß alles, was von antisemitischer Seite gegen Juden vorgebracht wird, ins Wesenlose schwindet, wenn man es mit dieser moral insanity zusammenhält. Der Bundeskanzler hat in seiner letzten großen Rede von dem Splitter im Auge und vom Balken vor der Türe gebrochen. Wir meinen, daß es in unserer Öffentlichkeit viele solche Balken gibt und daß Kräfte am Werke sind, sie zu tarnen, und dafür immer wieder auf den Juden loszugehen und alle Instinkte auf ihn abzulenken. Das werden wir immer wieder aufdecken, auch wenn wir riskieren, von der „Reichspost1 zu hören, daß der Boykott Selbsthilfe sei und daß sich gewisse Kreise breitmachen. Der jüdischen Hochschttlersohaft wird volle Anerkennung für die bisherige Verteidigang der jüdischen nationalen Würde ansgedrückt und an sie der Aufruf zur Fortführung des schweren Kampfes gerichtet. Die auf der Konferenz gefaßten Resolutionen wurden dem Ministerpräsidenten und dem Unterrichtsminister übersandt. Der Rektor der Warschauer Universität hat es abgelehnt, eine Abordnung der jüdischen Bodbschü] erechaf t, die einen offiziellen Protest gegen die Einführung der Ghettobänke Überreichen wollte, zu empfangen. Die Krakauer Gentlemea In Krakau ist kn Gegensatz zu den Warschauer Hochschulen offiziell keine Sitzordnung getroffen worden, die besondere Bänke für die jüdischen Studenten voirieht. Trotzdem wurde von den nationaldemokratischen Studenten versucht, auf eigene Faust die gleiche Regelung wie in Warschau durchzusetzen. Obwohl der Rektor, Prof. S z a f e r, bei der Semestereröffnung an die Studenten die Mahnung gerichtet hatte, rieh wie Gentlemea zu betragen, wurden in einer juristischen Vorlesung die jüdischen Hörer von einem nationaldemokratischen Studenten aufgefordert, die Bänke auf der linken SaaJseite einzunehmen. Die jüdischen Studenten verließen hierauf den Hörsaal und warteten, bis der Professor zur Vorlesung erschien, fanden aber dann die Saaltüron von innen verrammelt. Ela gebrochenes Abkommen Warschau, 10. Oktober. (JTA.) Der Sohn des jüdischen Gründers der Technischen Hochschule in Warschau und bekannten Philantropon, Michael Wawelberg, hat im Unterrichtsministerium eine Denkschrift überreicht, in welcher er gegen die Einführung von Ghettobänken Protest erhebt. Wawelberg beruft sich auf da« zwischen seinem Vater und dem Unterriehtsministerium im JahTe 1919 getroffene Abkommen, dessen erster Punkt lautet: „Da* Unterrichtsministerium verpflichtet sich, die Technische Hochschule auf Kosten der Regierung zu erhalten und zu führen. Es verpflichtet rieh, keinerlei Ausnahme be st Im ma n gen gegen Hörer gewisser Nationalitäten undReilgion en zu treffen, sofern sie polnische Staatsbürger sind.“ Der heutige Vortrag Dr. Nahttm Goldmantu Der Vortrag Dr. Nahum GoMmauns, der heute im Großen Musikvereinssaal, pünktlich 8 Uhr abends stattfindet, ist fast ausverkauft. In diesem vom Ring der Alt-Herren-Verbfade der zionistischen Verbindungen veranstalteten Vortrage wird Dr. Nahum Goldmann, der an den Beratungen des Völkerbundes als Vertreter Palästinas teilgenommen hat, und wie kein zweiter in der Lage ist, über die zukünftige Gestaltung Palästinas zu sprechen, den gesamten Fragenkomplex aue dem Blickwinkel der Weltpolitik behandeln. Dr. Goldmann, der zu den hegten Rednern der Bewegung zählt, wird die Bestrebungen der zionistischen Exekutive, die Stellungnahme Großbritanniens als Mandatannaoht und die Stimmung in Völkerbundkreisen erörtern. Josef Popper. Der Oberverwalter des israelitischen Altersheimes, Herr Josef Popper, feiert am 18. d. in voller Schaffenskraft seinem 60. Geburtstag. Herr Popper, der im 37. Dienetjahr steht und daß Altersheim seit 20 Jahren leitet, hat sich die aufrichtige Wertschätzung seiner Mitarbeiter und die Liebe und Verehrung der ihm anvertrauten 450 Insasse® erworben. Seine Pflichttreue und sein wohlwollendes Wesen haben ihm auch die Wertschätzung seiner Vorgesetzten gebracht. Dr. Glücklich« Beisetzung. Aus Tel- Aviv, 6. Oktober, wird uns geschrieben: Gestern ist Dr. Rudolf Glücklich unter großer Beteiligung der Einwanderer aus Österreich zu Grabe getragen worden. Unter den Trauergäeten waren anwesend: Stadtrat Direktor Z. Pinkas, Dr. Egon Michael Zweig, Jerusalem, für die Austro-Palästinensische Handelskammer die Herren: Vizepräsident Karl Weiß, Camillo Sehiller, Direktor Lauterbach, Sekretär Dr. Walter Eckstein; für die österreichisch-zionistische Studentenschaft Dr. David Bukspan sowie der gesamte Vorstand der Histadruth Olei Austria. Präsident Julius Flaschner sprach am offenen Grabe tief ergriffene Worte des Gedenkens. Klub Zionistischer Kaufleote. Dienstag, den 12. d-, 8 Ubr, Hote1 Continental, Taboretraße 4, Direktor Wilhelm Epstein: „Anfänge des Zionismus“. Jüdisch-akademischer Juristenverein. Die ordentliche Generalversammlung findet Donnerstag, den 14 d„ 20 Uhr, im Chajeeeeai den „Judäa“, Wien, IX., Ateeretraße 86, statt.