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Die Stimme · 1937-10-01 · Heft 678 (1.10.1937) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
11 (1937-1938)
Issue
Heft 678 (1.10.1937)
Date
1937-10-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Wien, Freitag, 1. Oktober 1987. — Nr. 678- Seite 5 Das Problem der Flüchtlinge Die Feststellung einer Bande von Paßfälschern, die in Paris erfolgt ist, macht in der Weltpresse großes Aufsehen. Außer den Fälschern wurde nämlich auch eine Anzahl ihrer Opfer in Haft genommen, die mit Hilfe von gefälschten Pässen in Frankreich Unterkunft gefunden haben sollen. Die Amtliche Nachrichtenstelle in Österreich unterläßt es nicht, mit besonderem Nachdruck mitzuteilen, daß an der Spitze der Bande eine Frau Silberstein gestanden ist und daß eine ganze Anzahl „ostjüdischer Einwanderer“ in Frankreich mit solchen Pässen angetroffen worden ist. Diese ganze Anzahl beträgt sechs Personen; diese Genauigkeit des Berichterstatters reicht aber dann weiter nicht aus, um auch die Religion der anderen, der Fälscher, mitzuteilen. Es heißt lediglich, daß ein gewisser George Andre Lefevre, ferner zwei Italiener, ein Deutscher, ein Holländer und einige Leute in Paris und Danzig festgenommen worden sind. Es sind also, wie wir konstatieren wollen, mit Ausnahme der Frau Silberstein lauter Westarier, die Nutznießer des Systems geworden sind, das, von Ariern ausgeheckt, Tausende von Juden aus Beruf, Erwerb und Heim vertrieben hat Kein Mensch greift ohne Zwang zu einem falschen Ausweispapier. Aber in dieser hinter Reglements und Dokumenten verschanzten neuen Gesellschaftsform macht sich niemand Gedanken darüber, weshalb wohl solche Unternehmungen, wie die der Paßfälscher heutzutage üppig florieren. Die Politik, die in Deutschland, in Polen, in Rumänien und auch sonst im ganzen Osten betrieben wird, entwurzelt die jüdischen Leistungen. Es ist für jüdische Abkunft und Bekenntnis die Strafe der Heimatlosigkeit verhängt worden. Anderseits haben alle Maßnahmen, zu denen sich das angeregte Gewiesen des Völkerbundes immerhin nach hundert Expertisen und Fragebogen doch hat entschließen müssen, so gründlich versagt, daß die jüdische Gesellschaft aus ihren eigenen und durch die Not der Zeit bis zum Reißen angespannten Kräften selbst Hilfe leisten mußte, die naturgemäß nicht ausreichend sein kann. Was die arische Gesellschaft, die das Unglück angerichtet hat, hätte leisten sollen, die politische Behandlung der Frage, die Versorgung dieser Ärmsten mit Dokumenten mau Arbeitsbewilligungen, ist entweder gar nicht oder nur unzureichend erfolgt und was viellacht der gute Wille der Regierungen hätte tun können, das versandete angesichts der berühmten Sorge um den Arbeitsmarkt und der Mattherzigkeit der Völker, die das jüdische Unglück eben als Unglück der Juden befrachteten und es sich nicht sonderlich nahegehen lassen. Unter allen Kategorien der Flüchtlinge, einer Erscheinung im Völkerleben, die man in dieser Ausdehnung erst nach dem Ende des Krieges kennengelerat hat, sind die jüdischen die ärmsten und unglücklichsten; sie trifft neben ihrer Heimatlosigkeit auch noch der Welthaß; die antisemitische Propaganda folgt ihnen von Ä ' zu Ort und macht ihnen das Leben Hölle. Immer wieder gellt hinter ihnen das Hep! Hep! und sie fühlen es tausendfach, daß für den Emigranten „kein Lied klingt, kein Dach gebaut“ wird. Der Völkerbund hat einmal beschlossen, den Flüchtlingen eigene Pässe zu geben. Aber das ist nur in einigen wenigen Fällen geschehen. Die meisten wandern, wohnen irgendwo, bis sie von irgend einer Polizeistelle aufgescheucht, peinlich befragt und — ausgewiesen werden. Darf man sich da wundern, daß solche verschüchterte, verbitterte, mißtrauische Menschen den Hyänen der neuen europäischen Politik ihren letzten Groschen geben, um Dokumente und Papiere zu bekommen? Not kennt kein Gebot und die Sorge um Frau und Kind ist immer stärker als irgendein System, dem es nicht genügt, daß ein armer Mensch ein Dach überm Kopf und etwas Erwerb ersehnt, das außerdem auch noch den Zugang zum Dach und zur Arbeit nur gegen Dokumente gestattet. Auch diese Frage ist ein Teil des großen politischen Problems, das die Judenfrage darstellt. Sie kann ihrer Dimensionen und ihres Ursprungs wegen nur mit politischen Mitteln gelöst werden, auf dem Wege einer großen Aktion, die auf Ansiedelung und Seßhaftmachung der Flüchtlinge abzielt. Im Zionismus ist der Weg hiezu gewiesen und schon bisher hat die zionistische Bewegung als die einzige eine produktive Teillösung durchgeführt, in dem sie fast 60.000 solcher aus Deutschland vertriebener Flüchtlinge *~ Palästina zu neuer Arbeit und zu neui Lebensmut geführt hat Alle sonstigen warmherzigen Anstrengungen der Phflantropie, Juden in Kanada, in Südamerika, in Südafrika anzusiedeln sind bis heute auch nicht annähernd vorwärts gekommen. Die Krise,! der Antisemitismus, die Notwendigkeit rlesi-' ger Geldmittel, verhindern einen Erfolg. Nur der Zionismus und nur Palästina kann helfen, aber ein Zionismus, der über politische Kraft verfügt, und ein Palästina, das groß genug ist, um das Judenproblem wenigstens so weit mildern, daß eine fühlbare Entlastung ein- In tiefster Trauer geben wir Nachricht von dem Hinscheiden unseres innigstgeliebten Dr. Georg Weiner Rechtsanwalt der uns am 28. September im 50. Lebensjahre nach kurzer, schwerer Krankheit verlassen hat Sein wahrhaft edles und gutes Hera war erfüllt von Liebe und Pflichtbewußtsein, sein lauterer Charakter wird uns immer Vorbild bleiben. Mit ganzem Herzen und mit seiner ganzen Tatkraft arbeitete er für das Wohl und die Entwicklung des jüdischen Volkes. Wir begleiten den teuren Toten am Freitag, den 1. Oktober, um 12 Uhr, vom Zenbaifriedhof (L Tor) aus zur letzten Ruhestätte. Margit Walnar, gab. Stain, Gattin Ruth n. Eva Walnar! Kinder Tilda Bernhalm, Schwester Dr. Fritz Barnhalm, Wien-Jerusalem. t, Dr. Daarg u. Drata Stein, Altrad u. Mary Louise Walnar, Mutter Halene Stein, Schwiegermutter Italn, Schwäger und Schwägerinnen Mittel anwenden, um den Judeostaat im ungeteilten, territorial ausreichenden Palästina zu schaffen, und es muß sich jedem Versuch widersetzen, daß jüdische Volk auf einem kleinen Gebiet zusammenzudrängen, das sich Judenstaat nennen soll und dem tritt. Und darum muß das jüdische Volk alle Zwang der Verhältnisse nicht genügen kann. 200 jüdische Blinde suchen Arbeit Sie machen nicht viel von sich reden, die Blinden. Ergeben tragen sie ihr schweres Geschick, zufrieden, wenn eie sich mit emsiger Arbeit durchs Leben schlagen können. Ist ihnen die sehende Menschheit dabei behilflich, so nehmen sie die Unterstützung dankbar an. Aber sie warten nicht etwa auf diese Beihilfe, sie bemühen sich, durch eigene Tätigkeit, mit Fleiß und Energie, den Weg zu bahnen. Nur einmal im Jahre treten sie hervor, an den Blind entagen, die heute und morgen wieder an die dee Lichtes beraubten Mitmenschen erinnern. Dieses Jahr jedoch sind die Bünden schon früher in den Mittelpunkt des Interesses gerückt worden. Plötzlich vernahm man etwas vom Arierparagraph in einer Biindengemeinschaft, von der Ausstoßung jüdischer Blinder aus dieser Gemeinschaft, von Protesten dagegen, von Gegenmaßnahmen. Erstaunt horchte man auf: Hat in den Kreis dieser vom Schicksal gleich schwer betroffenen Menschen auch der Rassenhaß Einzug gehalten? Und selbstverständlich fragt man lehrer und Klavierstimmer gibt mehrere solche Zweckgemeinsehaften zelner Berufegruppen der Blinde®, wio zum Beispiel der Bürstenmacher —, die das Bedürfnis gefühlt haben, sich durch die Proklamierung des Arierparagraphen hervorzutun. Diese Interessengemeinschaft umfaßt sechzig Mitglieder, von denen sage und schreibe fünf Juden waren. Wegen dieser verschwindenden Minderheit der ArierpaTagraph, der in einer Rumpf-Generalversammlung der Gemeinschaft durchgedrückt wurde! Der Dachverhand hat, wie berichtet, In pflichtgemäßer Wahrung der Eintracht sofort Protest dagegen erhoben und die Interessengemeinschaft aufgefordert, den Schritt bis zum 15. Oktober rückgängig zu machenwidrigenfalls die Gemeinschaft aus dem Verband und ihre renitenten Mitglieder aus den ihm untergeordneten Vereinen, denen sie angehören, ausgeschlossen werden würden. Hatten aber vielleicht die Rassenschützler der Interessengemeinschaft, Anlaß, neidisch Tätigkeit konzentrieren, bei Arbeiten, die gewisse gleichmäßige Bewegungen _ und Griffe erfordern, verwenden. In einigen Werkstätten geschieht es bereits und hat, sich bestens bewährt. So sind zwei jüdische Blinde in einer Fabrik bei der Zusammenstellung von Feuerzeugen beschäftigt und erst kürzlich hat ein jüdischer Unternehmer eine Bünde als Arbeiterin für Lichtfassunjestellt und ist mit ihr sehr zufrieden. Solche praktische Blindenfürsorge hat sicherlich mehr Wert als Geldspenden, deren freilich nicht entraten werden kann, weil nur die wenigsten, die helfen wollen, in der Lage sind, Blinden Arbeit zu geben. Die Schutzhäftlinge Berlin, 29. September. (JTA.) Die Reichsvertretung der Juden in Deutschland teilt, mit: Die zuständige® Behörden prüfen gegenwärtig die Frage der Entlassung einer Anzahl jüdischer Schutzhäftlinge. Um den Schutzhäftlingen eine sprachliche und beruf skundliche Vorbereitung der Auswanderung und Information zu ermöglichen, ist der Reichsvertretung der Juden in Deutschland gestattet worden, geeignetes Material zur Verfügung zu stellen. Palästina ^Tagung des österreichischen Keren Hajessod Am 2. und 8. Oktober findet im Saale des österr. Ingenieur- und Arcbitektenvereines, Wien, I., Bschenbaohgasse 9, die Palästina- Tagung statt,. In der Eröffnungssitzung am Samstag, de® 2. Oktober, ¥■& Uhr abends, wird tm- -eschäftsführender Dir. Siegfried A lt m a n n, geschäftsfübrem Vizepräsident des österreichischen Keren I sich nun: Welche Rolle spielen denn die j auf ihre jüdischen Schicksalsgefährten jüdischen Blinden, daß sie solche Gegnersein? Keiner der zweitausend organisierten Schaft erwecken? | JUnden Österreichs ist aui: Rosen gebettet den 'Vorsitz führen." Staatsrät' Dr. De- Es gibt in Wien einen Hilfsverein aber dle, Jüdischen Blinden gehören fast. F r je d m a n n wird die Gedenkrede zum der jüdischen Blinden, der etwa ausnahmslos zu jenen, denen e-s ausge-M0 Todestag Dr. Chajes halten. Abgeordneter hundertfünfzig Mitglieder aus sProcbel1 schlecht geht. Die jüdischen Blin-) Dr. Angelo G o 1 d s t e i n, Mitglied des Zioniganz Österreich, der Mehrzahl nach natürden bringen sich oder, richtiger gesagt, ver-, stkeben Aktionskomitees, wird über den Steh t„ wio« ,31,1t i« »,1« anHoro« v®r suchen sieb als Musiklehrer, Klavierstimmer,: Züricher Kongreß referieren. Am Sonntag Ltee« al^d ’ «nvefahr fi^frte lMisehe Sprachlehrer, Korbflechter, Sesselflechter S spricht Dr. Josef Popper, Präsident des Se SSesSbJ? ” ingatz u”d Bürstenmacher fortzubringen. Einigei Obersten Rates .der Israelitisch*® Kultusösterreich rund zweihunde von ihnen leisten manuelle Arbeit : rganisierte jüdische Blinde “afbiaewird d!1lLa"e der -• * . Mehrheit seiner Mitglieder als überaus be- AUe sieben Vereine sind in einem Dadh-( verband zusammengeechlossen, deren GesamtmitglioderzaM eich auf 2000 beläuft, im Verband der Blindenvereine Österreichs,! in dessen Vorstand der jüdische Hilfsverein; durch zwei Herren vertreten ißt, wogegen in der Generalversammlung des Verbandes fünf jüdische Delegierte Sitz und Stimme haben. Im Dachverband sind bisher alle Fragen in vollster Harmonie besprochen und denklich bezeichnet. Die Konkurrenz ist groß, der Verdienst daher bei den Handwerkern, ob sie nun selbständige Gewerbetreibende, Heimarbeiter oder sonstwie Lohnarbeiter sind, sehr gering, bei den Intellektuellen, Musikern, Sprachlehrern und Klavierstimmern, jedoch kaum hinreichend, um die allerbescheidensten Lebensbedürfnisse — ein Stückchen Brot und ein Dach über dem Kopf —, zu befriedigen. Die Situation wird von Jahr zu Jahr trostledigt worden. Auch die Aufteilung des Er- °'taatl0n v°n Jabr ztt Jahr frostträgnisses der Blindentage hat sich stets °Jf'.f, towffljtangM, die der reibungslos vollzogen, zumal da genaue J®“ bfr“e Jüd,fh® Hilfsverem Richtlinien bestehen, naeh denen jeder Ver- ™fe. d" ibm zufließenden Spenden ein einen Anteil nach der Kopfzahl erhält,?Parb?be£ seit 1934 allerdings nach der Zahl der naeh LrS?-r koaat+e er Jährb?b f0'*?00 bls f:?°° Österreich zuständigen Mitglieder, was sich ^lhng unter den Mitgliedern verteilen, beim jüdischen Hilfsverein besonders nacher bls 24 000 teilig auswirkt, weil bloß 74 seiner Mitgüe- Sch,U“f djese,m £weok ™™fübren vermagder zuständig sind, 51 aber Ausländer und > Blinde In Fsbriklbötrieben daher nicht berücksichtigt werden, obwohl I Die Hoffnung des jüdischen Hilfsvereines die meisten von ihnen bereits mehr als zehn ist deshalb darauf gerichtet, daß die kom- Jahre in Wien wohnen; der Rest auf die menden Blindentage ein schönes Ergebnis hundertfünfzig lebt in geschlossener Pflege bringen werden, so daß auch der Anteil der und kommt, was den Blindentag betrifft, jüdischen Blinden eine ansehnliche Höhe er- *" reicht. ' gemeinden der Tschechoslowakei, Großpräsident u ■ der tschechoslowakischen B.-B.-Logen, Mitglied des Administrativ Committee der Jewish Agency, über die Tagung der Jewish Agency. Dr. Oskar Grünbanm, Präsident des Zionistischen Landesverbandes für Österreich, Mitglied des Zionistischen Aktionskomitees, berichtet über das österreichische Judentum und seine Stellung zum Palästinaufbau. Dr. Siegfried Schmitz, administrativer Leiter des österreichischen Keren Hajessod, wird über die nächste Entwicklung des Keren Hajessod referieren. In der 8. Sitzung folgt ein Vortrag ..Da« Gesicht des neuen Palästina“ (mit Lichtbildern) von Univ.-Prof. Dr. Max Eisler (Wien). Vormerkungen füi Eintrittskarten rur Palästina-Tagung nimmt das Bureau de« östeTr. Keren Hajessod, Wien, I., Marc-Aurel- Straße 5, entgegen. nicht ta Befracht Klavierstimmer, die einen Mißton Neue jüdische Universitäts- Professoren in Wien Der Bundespräsident hat zwei jüdische Gelehrte, den Privatdozenten für orthopädische Chirurgie Dr. Alfred S a x 1 und den Dozenten für medizinische Chemie Dr. Robert W i 11 h e i m, zu Universitätsprofessoren ernannt. Wese* gute Einvernehmen ist nun gestört worden. Just Musiklehrer und Klavierstimmer sind es, die den Mißton erzeugt haben. Es sind die in einer Interessen- __ gemeinsehaft zusammengeschlossenen Musikderen Vorzug es ist, daß Vortrag Nahum Goldmann Der Ring der A.-H.-Verbände der Zionistischen Verbindungen hat den Vertreter Aber noch wichtiger erscheint dem der Jewish Agency beim Völkerbund, Herrn Hilfsverein direkte Hilfe für seine Mit- Dr. Nahum Goldmann, für einen einglieder, indem man ihnen Beschäftigungsmaligen Vortrag gewonnen. Dieser Vortrag möglichkeiten gibt und dadurch Gelegenwird die Palästina-Frage unter dem Titel heit, sich ihr Brot durch Arbeit zu, „Palästina — ein Weltproblem“ behandeln, verdienen. _ j Der Vortrag findet Dienstag, den 12. d. M., In vielen Betrieben könnte man Blinde, i 8 Uhr abends, im Großen Musikvereinssaal .— xr—— j-f j-n ailf jbre, statt

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