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Die Stimme · 1937-09-14 · Heft 676 (14.9.1937) · page 6

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Journal
Die Stimme
Volume
11 (1937-1938)
Issue
Heft 676 (14.9.1937)
Date
1937-09-14
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Wien, Dienstag, 14. September 1837. — Nt. 676. tinien bezeichnet werden müssen. Sie und die übrigen Kolonisten fühlen «oh als Pioniere füi den Aufbau Palästinas. Die Kolonisten von Medanos machten sogar den Versuch einer Ansiedlung in Palästina, wo sie gewissermaßen einen Vorposten für argentinische Bauern-,Juden schaffen wollten. Leider kamen eie gerade in einer Zeit, der wirtschaftlichen Depression nach Palästina, während in Argentinien noch Hochkonjunktur war, weshalb sie sich gezwungen sahen, nach Südamerika zurüekzuwandern. Der zionistische Gedanke ist dank einer eifrigen dreißigjährigen Propaganda, aber nicht zuletzt durch den Nationalsozialismus in Argentinien tief verankert. Man kann ruhig behaupten, daß es eine] ausgesprochene Assimilation, die ihr Ideal j im vollständigen Aufgehen im Wirtsvolk j sieht, in Argentinien heute überhaupt i nicht mehr gibt. Neben den Zionisten trifft man nur noch ] Indifferente. Allerdings sind die Zionisten organisatorisch noch nicht richtig erfaßt. Für den letzten Kongreß wurden im ganzen 10.000 Schekalim verkauft, aber was die zionistische Überzeugung betrifft, so übertreibt man sicher nicht, wenn man sagt, daß achtzig Prozent der argentinischen Juden, abgesehen von den prinzipiell Linkseingestellten, zu uns gehören. Es beweist die zionistische Begeisterung, daß dieses Jahr je 10.000 Pfund für den Keren Kajemoth und für den Keren Hajessod aufgebracht werden dürften. Diese Steigerung der Spendenfreudigkeit ist auf einen Besuch des Lorä Melchett zuriiekzufuhren. Aus Deutschland importierter Antisemitismus. Der Antisemitismus, von dem man bis zur Machtergreifung des Nationalsozialismus in Deutschland in Argentinien sehr wenig verspürte, macht sich nun in immer stärkerem Maße bemerkbar. Er tritt vor allem in den freien Berufen in Erscheinung, und in der Studentenschaft zeichnet eich eine ausgesprochen antisemitische Richtung ab. Das ist die Folge einer systematischen antisemitischen Propaganda, die direkt von Hamburg aus getrieben wird, von wo antisemitische Literatur in spanischer Sprache in Millionen Exemplaren nach Argentinien versendet uwd insbesondere an Argentinier in höherer sozialer Stellung verteilt wird. Diese Strömung« mußt« die Regierung, die selbst frei von jeder antisemitischen Färbung ist, Rechnung tragen. In allen Parteien sind jüdische Deputierte, aber zu den nichtallzu zahlreichen jüdischen Staats- und Gemeindebeamten, die in früheren Perioden ernannt wurden, kommen jetzt keine neuen mehr, weil die Regi< nicht dom Vorwurf aussetzen wil die Juden protegiert. Einer de ragendsten Beamten in der Finanzkontrolle des Staates, ist der Jude Jaeobo IV und die Leitung der Abteilung für Internationales Recht, im Ministerium des Äußern hat der Jude Daniel A n t o k o 1 e t z. Die jülL-ehe Gemeinschaft in Argentinien ist heute ein festgefügter Körper, der sich gegen die antisemitische Propaganda zu» Wehr zu setzen vermag. Wenn an ihr etwaauszuset-zen wäre, so ist ps der Umstand daß es bisher nicht gelungen ist, eine richtige Kultusgemeinde nach europäischen Begriffen zu schaffen. Es bestellen bloß Privatgemeinden nach uordamorikanischp.m, Muster Palästina-Ta-ung in Wien Die bedeutungsvolle Entwicklung, welch« hat. stellt die Freunde. Mitarbeiter und Förderer des Aufbauwerks vor neue große Auf- Jm diese in ihrem vollen Umfang r Bedeutung zu erörtern, beruft de Österreichische Keren Hajessod für Sam# ta<r den Oktober abends, und Sonntag, den 3. Oktober, eine Palästina-Tagung sämtlicher Mitarbeiter und fr« und Freunde de# Palästinaaufbaus welche im Saale des Österreichischen Ingenieur- und Architekten Vereines, Wien, I. Escheiihachgüsse 9. stattfinden wird. Bei der Tagung werden von berufenste Seite die Ergebnisse des 20. Zionistenkongres-es und“ des 5. Council der Jewisb Agency dargelegt und die nächsten Aufgaben der praktischen Arbeitfür den Aufbeau Palästinas und die Schaffung seiner wirtschaftlichen und finanziellen Grundlagen dargelegt werden. Im Hinblick auf die bevorstehende zehnjährige Wiederkehr des schließen, welche die Richtlinien der kommenden Arbeit umreißen soll. Die aktiven1 Mitarbeiter des Keren Hajessod sind berechtigt, an der Tagung als Delegierte teilzunehmen. Es ist Vorsorge getroffen, daß alle am Palästinaaufbau interessierten Personen der Tagung als Gäste beiwohnen können. Anmeldungen für Gastkarten I der Welt. Die heiligste Sprache Kt die nimmt schon jetzt das Büro des Österreich!- hebräische. Das_ Heiligste m dieser Sprache;chen Keren Hajessgod, Wien, I., Marc- Aurel-Straße 5, Telephon U 22-2-17, ent- Künstler und Publikum in Erez Israel gäbet Oberrabbiner des ersten Präsidenten des Keren Hajessod. wird die ler Chajes-Gedenkfeier vr österreichische! Tagung mit <■ bunden sein. An die Rider prominenter P< .. „ wird sich eine eingehende Ansprache i intensiveren als der in Europa üblichen - Arbeit in der Gluthitze müde, besucht daß Theater (die Vorstellungen beginnen wegen der Hitze erst um neun Uhr), um aufgerütwerden. Tempo, Handlung, Probleme beißt die Parole; lange Dialoge, den Psycholog Ismus dee Kammertheaters verträgt man hier nicht, was freilich oft einer Minderung der Qualität gleicbkommt. Doch muß roan mehrere Arten von Publikum unterscheiden. Da sind die „S a b r e s“, die im Lande Geborenen: primitiver in ihrem Kunstgesehmack als der Europäer, weshalb es oft schwerfällt, vorauszusehen, ob sie einem in Europa erfolgreichen Stück Beifall zollen werden. Sie mögen Szenen, die den Europäer zu Tränen rühren, lächerlich finden, mögen sich zuweilen wie Kinder gebärden — um so leichter geraten sie dafür in eine Ekstase der B e g e i s t e r u n g, wie sie nur der Südländer kennt. Das dankbarste, kunstfreudigste Publikum trifft man in den K w u z o t h an. Ein Onegg Sabbath, trotz des glühenden Chamsin als Fest gefeiert, bereichert durch Musik, Tanz, Rezitation, wird jedem Besucher eines Kibbuz unvergeßlich bleiben. Bewundernswert sind Demut und Kunstliebe dieser jüdischen Arbeiter, Handwerker, Bauern, die von Anfang an bestrebt eind, sich ein eigenes Orchester zu schaffen, eine eigene Bühne erbauen. Da sind die intellektuell Schichten, die an allem ihre, _ nicht immer erfreuliche, Kritik üben, die jedoch auf diese Weise gleichsam das Ferment im Sauerteig der jüdischen Kunst Palästinas bilden. Hingegen stehen jene Einwanderer, die Iwrith nicht erlernen wollen, dem Kunstleben ebenso fern wie jene Snobs, die nuT um der Sensation willen künstlerische Veranstaltungen besuchen (etwa ein Toscanini-Konzert). Eines darf man mit Freude fest-steilen: das jüdische Palästina ist an allen Ereignissen des Landes ungemein interessiert, einerlei, ob es eine gewagte Operation Professor Zondeks, der Bau eines neuen Hauses oder ein künstlerischer Abend ist; man spürt das Mitgehen des Publikums auf allen Gebieten, namentlich auf dem der Kunst. Über die jüngste der Kunstgattungen Palästinas. den künstlerischen Tanz, ist man in Europa auch am wenigsten unterrichtet. Zweifellos ist kaum eine Gemeinschaft so begabt für die Tanzkunst wie der Jischuw. Eine gewisse Rolle spielt da die russische Tradition, sind ja aus Rußland die bedeutendsten Tanzkünstler der Welt, namentlich Tänzerinnen und das berühmte Ballett gekommen. Darüber hinaus entspricht ja auch das Tänzerische unserer ganzen Art, wie ja Tänze der Männer und Reigentänze der Frauen und Mädchen aus der Bibel bekannt sind, und der Tanz im Chassidismus im Zentrum steht- Die neue Jugend Palästinas, urvital, daseinsfreudig, lebendig, ist außerordentlich tanzbegeistert, Ein neues Element tragen die Volkstänze der Jemeniten hinein, und die Tänzerin Rina Nikowa hat mit ihrer jemenitischen Tanzgruppe viel Erfolg erzielt. Ein unvergeßliches Erlebnis ist der Lag b’Omer in M e r o n (bei Sa-fed), wohin tausende fromme Juden zum Grabe des großen Rabbi Simon wallen, und w Tage und drei Nächte (diese beim Schein vieler Fackeln), in ekstatischem Tanze verbringen, bis sie vor Erschöpfung niedersinken — ein uraltes Stück Orient im neuen Palästina! . Dr. A. W. Im Jahre 1930 hat die bekannte Wiener Tanzkünstlerin Gertrud Kraus, von Mitgliedern der „Habimah“ zu einer Palästina-Tournee angeregt, zum erstenmal Erez Israel besucht. Ihr großer Erfolg, der sich zwei Ja-hre später noc-h steigerte, bewog die Künstlerin, sich dauernd im Lande niederzulassen. In einem Gespräch teilte uns Frau Kraus ihre Eindrücke über die Beziehungen, die zwischen Kunstproduzent-en und -konsumenten Palästinas bestehen, mit Die nachfolgenden Ausführungen dürften unsere Leser um so mehr interessieren, als Gertrud Kraus als Künstlerin wie als Pädagogin selbst an dem künstlerischen Aufschwung, den das Land in den letzten Jahren genommen hat, großen Anteil hat. Man muß Palästina gekannt haben, wie « vor der jüngsten deutschen Alijah _ausjesehen hat, um die enorme E n t w i c ku n g ermessen zu können, die das Kunstleben des Jischuw in der letzten Zeitgenommen hat — im guten wie im schlechten Sinne. Vor sieben Jahren, ais daß Land noch die blutigen Araberunruhen von 1929 frisch im Gedächtnis hatte, da waren zum Beispiel auf dem Gebiete des künstlerischen Tanzes eo gutwie keine Traditionell vorhanden, und der Künstler, der sich daagte, betrat sozusagen Nenlant der jüdischen Kunet-seele. Aber diese erquickende Voraussetzungslosigkeit gab es auch auf dem Gebiete der jüdischen Musik, in geringerem Maße auch auf dem der Architektur und der bildenden Künste, während die darstellenden Künste, allem aber die hebräische Li u r, bereits längst eine hohe Stufe reicht hatten. 1933 begann da# Einströmen eines neuen Geistes, mitdessen Amalgamierung sich der Jischuw ernstlich beschäftigen muß. Denn aus Deutschland wunderten Künstler aller Fächer und Kategorien ins Land stießen auf Wände härtesten Widerstands! der Prozeß der Einteilung jüdische Wirklichkeit, der vielen der zum Teil älteren, zum Teil völlig entjttdischten Menschen unsägliche' Schwierigkeiten bereitete, da namentlich die Kritik, die bis da,hin jedem sieh ehrlich bemühenden Künstler Lob und Aufmunterung gespendet hatte, nun weit strengere Ma&stäbe an die Leistungen der neuen Immigranten anlegte nd in ihrem Verantwortungsbewußtsein ehler und Verstöße gegen dfn Geist der men Heimat scharf tadelte. Nicht selten freii-h wuchs sich dieser künst.lerisch-ideoiogi -he Konflikt in einen schwer überbrückbaren Gegensatz zwischen deutscher und n her Kunstauffassung aus, namentlich auf dem Gebiete des Theaters, wo der Geist tanislawskijs bisher dominierend gewesen - noch ist ja der Einfluß der Herkunftsländer all« P&läsüna-lKimigr&nten ein wtehiger intellektueller und künstlerischer Fakor, so wie ja die Farbe von Flüssen, die n einen Strom sich ergießen, in diesem loch längere Zeitals solche erkennbar, bis Ae sieh endlich mit der Farbe des B-a.uptitromes vermischt-. Auf jeden Fall hatte diese Kritik auch deshalb ihr Gutes, weil angesichts des Überangebotes an Kunst,kniffen, die Frage des Niveaus und der Qualität-, die bisher über der Anerkennung des guten Willens und der reinen Gesinnung vernachlässigt worden, zum Kernproblem des jüdischen Kunstbetriebes erhob. Die neuen Einwanderer, die Schauspieler vor allem, sahen sich aber auch noch vor eine zweite Schwierigkeit gestellt. Sie kamen aus einem Betrieb, wo die künstlerische Spezialisierung wie auch die Entwicklung der technischen Hilfsmittel die höchste Stufe erreicht hatten. Hier im Lande gab es jedoch, von den drei Ensembietheaten) „Habim ah“, .,0 he 1“, der Kleinkunstbühne ,,M a t a t. e“ abgesehen (zu denen in jüngster Zeit das „Tleatron I w r i“, ein modernes Literaturtheater, sich gesellte), für den Schauspieler nicht Intendanten. Direktor, Regisseur, Architekt, Büh- „ nenmeister, und wie alle diese europäischen j sich das Allerheiligste. Es gibt siebzig Erfolgshelfer heißem —, wenn er sich in die j Völker auf der Welt-, Das heiligste unter Siedlungen hmausbegab, dann mußte er dort, j ihnen ist das Volk Israel. Im Volke Israel all dies in einer Person sein, überdies sich j ist der Stamm Levi der heiligste. Im selbst die Kulissen zurecht-zimmem und s Stamme Levi sind die Priester die heiliggleichzeitig Bühnenarbeiter spielen! (sten und unter den Priestern ist der hei- Da-bei ist das Publikum sehr wählerisch j iigste der Hohepriester. Das Jahr hat 354 veranlagt — wählerisch in seiner Art. Denn I Tage. Von diesen sind die heiligsten die die Lebenevrhältnisse bringen es mit eich, j Feiertage; noch heiliger aber sind die daß in Erez Israel eine andere Gattung von j Sabbathtage. Von den Sabbathtagen ist der Spiel und Inhalt verlangt wird, als in | Versöbnungstag, der Sabbath der Sabbathe, Europa. Da« Publikum, von der — weitaus dar heiligste. Eg gibt siebzig Sprachen in ist die Thora. In der Thora sind die zehn Gebote das Heiligste. In den zehn Geboten t das „heiligste Wort der Name Gotte«. Einmal im Jahre, zu einer bestimmten Stunde, pflegten die vier größten Heiligkeiten zusammenzukommen. Das war am Versöhnungstage, wenn der Hohepriester nach dem allerheiligsten Orte kam und da den Namen Gotte« aussprach.. Und da dieser Augenblick unermeßlich heilig und fruchtbar war, war er zugleich deT gefährlichste, sowohl für den Hohepriester als auch für das gesamte Volk Israel. Wenn in diesem Augenblick dem Hohepriester — Gott behüte! — ein sündiger oder ein fremder Gedanke gekommen wäre, so wäre die Welt -erniebtet worden. Jeder Ort, an dem ein Mensch den Blick „um Himmel erhebt, ist dem Allerheiligsten des Tempels gleich. Jeder Mensch, den Gott nach seiner Gestalt geschaffen hat, ist wie ein Hohepriester, jeder Tag des Menschenlebens ist ein Versöhnungstag und jedes Wort, das ein Mensch aufrichtig ausspricht, i-st wie der Name Gottes. Darum zieht jede Sünde und jedes Vergehen eines Menschen den Sturz der WTelt nach sich. Leid und Erlösung Chassidische Parabel Von An-ski. Gottes Welt ist groß und heilig. Di heiligste Stadt in Erez Israel ist Jerusalem heiligste Land der Welt ist Erez Israel. Die Der heiligste Ort in Jerusalem ist der heilige Tempel und in dem Tempel befand Von Hermann Cohen. Hermann Cohen (1842—1918), der Begründer der sogenannten Marburger Philosophen- Bc-hule, widmet« in seinem letzten Werk ..Die Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums“ ein Kapitel dem Versöhn ungstag. Es schließt mit den Worten: „Der Versöhnungstag ist das Symbol für die Erlösung der Menschheit.“ Im folgenden bringen wir da-s Kernstück dieses Kapitels. Es ist von ergreifender Bedeutsamkeit, daß in den Gebeten des Versöhnungstages, in denen die Abwehr der schwersten Lebensnöte spezialisiert wird, neben Hungersnot und Pest und ähnlichen Plagen nebst der Sünde besonders genannt wird der grundlose Haß. Dieser Begriff ist überhaupt ein Gebild der rabbinischeo Sittenlehre. In der biblischen Sprache gibtes den falschen, den trügerischen Haß (Ps. 35, 9 senat scheker), aber der nichtige, der mit dem Wort bezeichnet wird, das allgemein „umsonst“ bedeutet, sinat ebmam, dieser eitle Haß ist das tiefste Wort für die Verwerflichkeit des Hasses. „Du sollst nicht hassen deinen Bruder in deinem Herzen“ (3 M. 19, 17). Dieser Ausspruch vernichtet den Haß dnTch die beiden Worte: des Bruders und des Herzens. Wen du hassen willst, der istvielmehr dein Bruder. Und wie du hassen willst, so mißbrauchst du dein Herz, das zum Leben da ist. So ist aller Haß grundlos, eitel und nichtig. Es gibt überhaupt keinen Grund und kein Recht zum Menscbemhaß. Unter dem Leiden am Menschen, steht obenan dieser Menschenhaß, der tragische Grun-dzug aller bisherigen Weltgeschichte. Dieses Leiden im Memschengiesehlecht ist vorzugsweise das Leiden Israels. Es Ist das alte Thema, das durch alle Propheten, die Psalmen und die ganze nachfolgende Literatur hindurchklingt. Die höchste Gestalt des Monotheismus, der Messias selbst, wird durch dieses Leiden verklärt, das er für die Menschen leidet. Und wie er selbst nur ein Symbol ist, für Israel, so leidet Israel für die Völker, die den einzigen Gott nicht annehmen. Aber das ist ja Theodizee, wie auch die Fabel Hiobs diese Moral lehren soll. Bedarf denn etwa Israel selbst nicht auch des Leidens und der Anerkennug dieser seiner Verpflichtung auf das Leiden? Wäre es anders, so würde auch für Israel die Erlösung nicht kommen können. Dies ist nun der höchste Sinn des Versöhnungstages, daß die Buße in der Anerkennung und Übernahme des Leidens erst ernsthaft wird. Israel gilt, wie überall, nur als Symbol des Individuums. Seit Jecheskel ist jeder zur Seele geworden. Und seitdem bedeutet die Seele nicht mehr das Leben und die Person, sondern das Selbst, welches in seiner Verantwortlichkeit sich auferbaut. Zu den Maßnahmen dieser Sei bstv er antworte ng gehört das in seinem Werte anerkannte Leiden. Es ist die Vorbedingung zu dem seiner selbst bewußten Individuum. Und von dem Individuum wird es übertragen auf das Volk. Welches andere Volk, welche andere Glaubensgemeinschaft gäbe es, denen ein solches Martyrium zum historischen Wahrzeichen geworden ist? Wie ein Hiob gebt es durch die Weltgeschichte. Und immer und überall zerstört sich die Umwelt und die Mitwelt ihr eigenes Selbst durch die Selbstgerechtigkeit, mit der sie das Leiden Israels als die Wirkung seiner Unwilrdigkeit sich deutet. Wann wird die Zeit anbrechen, in der die Gefahr dieser Selbstgerechtigkeit anerkannt wird?

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