Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 11 (1937-1938)
- Issue
- Heft 676 (14.9.1937)
- Date
- 1937-09-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Wien, Dienstag, 14. September 1937, — Fr, 676. S#H# 7 Pogrom in Marokko Pari»» 12. September. (JTA.) In Mekn ee, Fraaz.0sisch-Marok.ko, kam e« zu schweren Unruhen der panarabisohen Nationalisten gegen da« französische Regime, die in ein Judenpogrom ausarteten. Viele nid» che Geschäfte wurden zum Teil zerstört, zum Teil ausgeraubt Die Fremdenlegion schritt gegen die etwa 10.000 Aufrührer ein. Die franzöeteeli« Regierung eieht die Situation im Hinblick auf die gegen Frankreich und die Juden geschickt ausgenutzte Berliner Propaganda unter den Arabern und Berbern als ernst an. Hitler habe zwar die französische Übersetzung seines „Mein Kampf“ nicht gestattet, aber eine arabisch« Übersetzung herausgeben lassen. Heldengedenkfeier des Bundes jüdischer Front* Soldaten äountag, den 12. d., fand auf dem jüdischen Heldenfriedhof, Zentralfriedhof, I. Tor, die vom Bund jüdischer Frontsoldaten Österreichs anläßlich seiner Fünfjahrfeier veranstaltete Heldengedenkfeier und Grabst-finweibe statt. Trotz ungünstiger Witterung wohnte dieser Feier eine große Menschenmenge bei. Es hatten sich in Vertretung ds Bundeskanzlers Oberst S o r 6, in Vertretung des Vizekanzlers und des Stabschefs des Generalkommandos der Frontmiliz .Ma jor Bruno Bechmie Freiherr v. L a z a n, Generalmajor Heller und in Vertretung des Ministers für Soziale Fürsorge Ministerialrat. Dr. B r e i e r, für Statssekretär Doktor Skubl der Stadthauptmann von Simme- 1 lINBEIt-STIAUiE Sünden des Menschen gegen Gott entsühnt der JonvHakhipurim. Vergehen gegen den Mitmensehen — sic entsühnt der Jom-Hahhipurim nicht, bevor men sich nicht mit seinen Mitmenschen versöhnt hat. Kol nidre Eine wahre Geschichte. Heute will ich euch erzählen, wie ich zum erstenmal „Kol nidre“ hörte: ” r vor vielen, vielen Jahren in Wien, noch vor dem Krieg. Bei meinen Eltern wurden keine jüdischen Feste gefeiert, eher schon die christlichen, und auch von diesen nur eines: das Weihnachtsfest. In unserem eintönigen Kinderleben — wir mußten immer sehr brav sein und durften wegen Krankheitsgefahr mit andern Kindern nicht spielen und verkehren — war besonderes Ereignis. Wir bekamen Jom HW»' Städtchen den, auf der jeden Tag blutige Schlachten I von Schoschanah Wagschal, geliefert wurden. Und ich — vor kurzem noch der Liebling aller — war auf einmal) Zu Kol nidre gehen die Eltern, die heute der Feind, und ein Narr geworden, über so ganz anders aussehen. mit den älteren den n e übe „Was? Nach Palästina willst du fahren! Eine Stallmagd willst du werden? — Die Juden mit den Pajjes willst du verteidigen?“ Der strenge Vormund, die schwache Mutter, die liebevolle Gouvernante, Onkeln, Tanten, Vettern. Basen, wetterten und spot- ‘-L - und ich wollte sie doch alle ~''i wunderbare Geschenke; so erinnere ich mich \ meinem neuen Glauben .so glücklich machen. Hauskino, das wir bekamen, als inj Meine Geschwister aber hatte ich gewon- Wien Kinos noch ganz unbekannt waren, j nen, und im Kinderzimmer gab es nächte- Auch wir Kinder schenkten gerne und be- J langes Raunen, wie wir unsere Pläne durch- Hofrat Oskar H o s c h e k, für den: reiteten in wochenlangen Heimlichkeiten i setzen würden. Bürgermeister Oberstleutnant Franz b o r n eingefunden. Das Bundesheer enti sandte eine Ehrenkompagnie mit Fahne und i Musik de« I.-R. Nr. 5. Nach der Begrüßung der Feetgäste durch den Bundesführenstellvertreter Oberstabs- : arzt i. R. Dr. Franz Fischer sprachen der Bundosführer Hauptmann v " mann und Oberrabbiner Dr. T worauf der Präsident der Kultusgemeinde, Staatsrat Dr. Desider Friedmann die durch den Bund jüdischer Frontsoldaten Österreichs errichteten Grabsteine in die Obhut der Kultusgemeinde übernahm. Er führte daibei unter anderem aus: „Im Zeichen de« Friedens wollen .... sere Toten ehren, in der unerschütterlichen Hoffnung, daß die Völker zum Frieden zurückfinden werden und daß die Zeit nicht lebt, in der brüderliche Gesinnung den Sieg davonträgt über Haß und Verfolgung. Der Akt dankbarer Pietät und liebevoller Kameradschaft, dessen Zeugen wir heute sind und an dem Soldaten des alten und des neuen Österreich, ohne Unterschied des Glaubens und der Abstammung teilnehmen, ist für uns ein erhebender Beweis dafür, daß in unserem geliebten Vaterlande das Fronterlebnis nicht aus der Erinnerung geschwunden ist.“ Verband jüdischer Offiziere in Tel-Aviv. Wie man uns aus Tel-Aviv vom 8. d. schreibt, wurden in der Generalversammlung des Verbandes jüdischer Offiziere Erez-Israels, Ortsgruppe Tel-Aviv (Rothschild-Boulevard 47), in die neu« Verbandsleitung unter dem Vorsitze d»s Architekten Uri Nadav folgende Herren gewählt: Ing. Leopold Reich, Max Meir Bla sei, Architekt Josef Altbauer, Doktor Josef Faerber. Der Verband hat in allen größeren Orten des Landes Ortsgruppen und hat es sich zur Aufgabe gemacht, alle in Erez-Israel lebenden aktiven und ehemaligen jüdischen Offiziere, Militärärzte, Militärbeamte, Offiziersaspiranten, die eine Offiziersschule absolvierten, zu erfassen. Regisseur Hugo Döblin (vormals Reinhardt- Bühnen, Berlin) hat soeben unter dem Titel „Maphisto-Tragödie“ eine interessante, von einem philosophischen Grundgedanken ausgehende Bearbeitung von Goethes „Faust“ (I. u. H. Teil) fertiggestellt, die in diesem Winter vom Künstler selbst — der das werk frei aus dem Gedächtnis spricht — zum Vortrag gebracht werden wird. Die einführenden Worte wird Dr. Alfred Werner sprechen, es werden Konzertsängerin Mi« lapp- Kapper und Prof. Franz Mittler mitwirken. Hugo Döblin beabsichtigt, auch «inen Zyklus jüdischer Dramen der Weltliteratur, zunächst den „Dybbuk“ von Anski, gemeinsam mit Dr. Werner im Rahmen seines Vor* tragsprogrammes darzubringen. Prof. Bfila Berger leitet Kurse für Sprechfechnik, Stimmbildung, Gesang, Harmonielehre. Rezitation und Schauspielkunst, Unter- [.■cht in allen zut Schauspielprüfung erforderlichen Fächern. Unterricht dreimal wöchentlich im Klubsaal des Wiener Ringcafes, I., Stubenring 18. Kursbeitrag monatlich S 15. — Privatstunden gegen zeitgemäße« Honorar. Anmeldungen und Auskünfte täglich von 8 bis 5 Uhr hei Prof. Berger IS-, Berggasse 18/9. T almud-Thora-Verein für den 4. und 5. Bez., "iedoer Hauptstraße 88. Der Unterricht in unserer Sprach- und Bibelschule beginnt am ip. September. Sämtliche Schüler versammeln «ich an diesem Tage, 16 Uhr, im Schulgebäude, v-> Siebenbrunnengasse la. Neueinscnreibuogen nimmt der Lehrer unserer Schule, Doktor Ariel Ftänkel, entgegen. unsere oft mühsam hergestellten Gaben vU1. .. ... . _ ., . . Da geschah es, daß mein Vater starb.!. war inzwischen das Weihnachtsfest Und zum ersten Weihnachtsfeet, da« wir (eko“n’ u?d es wurdf also, ohne ihn hätten verbringen müssen, lud |0nkel .*“«• Haus duftete uns freundlicherweise einer unserer Onkel, nayChder hoIhe.n’, strald°nde,n Ta«me nach der lustigste von allen, zu sich ein, damitjgebratenen Äpfeln und Backwerk. Es war wir unseren Verlust weniger spüren sollten.! nur fme San| k‘eme Gesellschaft eingeladen Wir nahmen die Einladung gerne an. Unser i worden, und der Onkel versuchte den Onkel war getauft, in unseren Augen war!Abend helter « gestalten, als e« bei das aber infolge unserer Erziehung kein i unserer Trauer möghch war. Bei Tisch hiel Fehler; außerdem war er ein weltberühmter pr 1;u,n,'rp Rpdp *"'«**■ Künstler. Zu jener Zeit hatte ich neue Lehrer bekommen; einer von ihnen hatte mir von Theodor Herzl, von Zion erzählt. launige Rede, in der er mir zuletzt freistellte, daß ich mir von ihm extra etwas wünschen dürfe. Ohne zu überlegen, sagte ich: „Onkel, bitte, spiel mir das ,Kol nidre1 vor. Ich habe es noch nie gehört!“ flammte vor Begeisterung; endlich hatte ich Eine besondere Stille trat im Zimmer ein. das rechte Ziel für mein Leben gefunden^ Jj™« Tb“*e läcMlte. edwas 7?rle^n- Icb benommen. , - Aber der Onkel stand gemächlich auf, jeder meiner Schritte wurde von zu Hause ging ins Musikzimmer und holte sein Instruaus geleitet, vorgeschrieben, überwacht. —' ment. Und tief und innig ertönte von den Es war noch nicht die Zeit, wo Kinder eine Saiten, die vor Kaisern und Königen ge- Wanderung machen durften, wo Kinder sich klungen hatten, die Melodie: „Kol nidre“. erkühnen durften, eigene Gedanken oder bej Ernst und bewegt spielte der Onkel das sondere Wünsche zu haben. Diese Zeit'Gebet. Er hatte es verlassen. Wir Kinder, mußte erst erkämpft werden; und — wir \ wir wollten es uns wieder zu eigen machen, haben sie erkämpft. i ehr - « Büßlied zum Versöhnungstag Nach einem unbekannten Dichter, übersetzt M. Levln. An Rosch-Haschanah wird ins WeUbuch eingerückt, Und am Jom Kippur wird das Siegel drauf gedrückt. Wie viele sollen vergehen, Und wie viele entstehen; Wer im heben verweile, Und wen der Tod emJe; Wer stillen Friedens sich erfreu', Und wer dem Schicksalssturme preis- Wer schmerzfrei durch das Leben walle, Und wer dem Leid verfalle; Wen Ärmst schwer bedrücke, Und wen. Besitztum hoch beglücke; Wer tief erniedrigt werd’ zur Erde, Und wer erhoben und erhöhet werde. Bekehrung aber und Gebet, Fürsorge für den Amen In Bedrängnis, Die wenden ab da« böse Verhängnis! Briefkasten Allen Mitarbeitern und Leeem der „K.-St.‘ danke ich herzlich für ihre Neujahrswünsche und erwidere dieselben. — David Berger: Ja, Sie haben recht; die von mir erstmalig in der „K.-St.“ eingeftihrte Rubrik ..Biblische Rätsel“ ist jetzt auch von der ,-Kinder- Rundschau“ eingeführt worden. Anni Klapholz: Ich freue mich sehr, daß du die „K.-St,“ in Tel-Aviv eifrig verfolgst. Sowie ich nur Zeit habe, schreibe ich dir einen langen Brief! Inzwischen herzliche Grüße, dir und Rega. L. G. Rätselecke Wer hat an einem Tag drei Schwüre getan und keinen gehalten? Wem haben die Engel einen Hut aufgesetzt? Wer wurde von Gott aufgefordert, zu horeben, was andere in der Stille redeten? Buben in die Schul (Tempel). Die Klein sitzen in der Küche, baumeln mit den Beinen und geben einander Rätsel auf und erzählen sich, wie brav sie dieses Jahr sein werden- Dann kommen die Eltern heim. Sie sind so ernst wie sonst nie. Zeitlich logt man sieb nieder. Joesele, er äst schon gegen zehn Jahre, denkt stolz, während er zusieht wie die Kerzen im Jonteff-Leuohter immer kleiner werden: morgen bin ich schon ein halber Mann, morgen faste ich bis 12 Uhr. Am nächsten Morgen stehen die Eltern zeitlich auf. Waschen und Zähneputzen darf man heute nicht, doch e i n freudiges Ereignis für die Kinder an diesem so ernsten Tag. Dann gehen die Eltern in den Tempel. Die Mutter hat Essen hingestellt und der ältesten Tochter den Auftrag gegeben, gut auf die Kleinen aufzupassen und ihnen Eesen zu geben. Aber diese sind ganz empört: „Mutter, wir fasten, wir werden nichts essen, nicht ein bisserl.“ Aber es ist erst 7 Uhr, um 11 Uhr sprechen sie schon anders. Dann, wenn die Eltern schon weg sind, liegt man noch ein wenig in den Betten, spielt die Geschichte von der Mutter Channah mit ihren Söhnen, die sich lieber. töten ließen, als ihre Religion verraten wollten. Das ist sozusagen ein Gleichnis für den Jom Kippur. Sie wollen lieber verhungern, als etwas von den feinen Sachen, die die Mutter hingestellt bat, anzurühren. Wenn sie angezogen sind, treffen sie sich mit den andern Kindern de« Städtchens. Das erste ist, man zeigt sich die Zunge. Denn wehe dem kleinen Lügner, der sagen will, er fastet und schon gegessen hat. An der Zunge erkennt man das sofort. Der Mittelpunkt der Gesellschaft sind natürlich die, die den ganzen Tag fasten. Die werden bewundert und gefeiert. Ganz verachtet werden natürlich nie Kleinen, die schon in der Früh gegessen haben. Und die verkriechen sich auch im Gefühl ihrer Unwürdigkeit, voll Scham hinter der große» Schwester. In den Betpausen dürfen die Kinder die Eltern im Tempel besuchen. Die großen die schon dawenen (beten), sind ganze Männer und sehen die Buben, heute si Kleinen nicht a Die M ■ t hat einen Apfel oder Zitrone mit Gev. i melken gefüllt vor sich, an dem sie von 7."it zu Zeit riecht. Und bei diesem appetitanregenden Anblick erinnert man sieb an da« Essen, an die guten Sachen von gestern Abend ... Jetzt schauen die altern Kinder schon ein bißchen wehmütig auf die kleineren. Da, beim Magen, beginnt es, so weh zu tun. — Aber das m^cht nichts! Wir sind Juden und müssen Selbstbeherrschung üben. Nur durch sie hat unser Volk in all seinen Leiden ud Kämpfen sich erhalten. Am Nachmittag, nachdem man wieder die Eltern besucht hat, erzählt man sien auf der Wiese Geschichten. Eine, von Reb Feiwel, ist so schön, daß ihr sie auch hören sollt, und sie ist wirklich wahr, mein Großvater ist mit dabei gewesen: In einem kleinen Städtchen lebte der Rabbi Feiwel, ein frommer und geehrter Mann. Am Jom Kippur mußte er vorbeten- Aber vorher rief er alle Juden dee Städtchens zu sich und hielt ihnen alle ihre Sünden vor. Sie mußten ihm versprechen zu bereuen und weiterhin sich vor der Sünde zu bewahren. Erst wenn eie daß getan hätten, wolle er ihnen vorbeten. Und der Rabbi ging nicht in den Tempel ie ein gewöhnlicher Mensch, sondern im Gefühl seiner Kleinheit vor Gott, ging er, der geehrt ":id hochgeachtet war. auf allen vieren zum Bethaus. Zu beiden Seiten der Straße standen die Menschen und sahen ihm zu, Juden und Christen, doch niemand spottete. Im Gegenteil. Alle waren tief ergriffen.