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Die Stimme · 1937-09-10 · Heft 675 (10.9.1937) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
11 (1937-1938)
Issue
Heft 675 (10.9.1937)
Date
1937-09-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Ifian, Freitag, 10. September 1937. - Nr. 675. «B-sasssasssass, Seite 3 EISEN RUNDSCHAU I DIE UNGARBOHE ASSIMILATION gibt in äaesm offiziellem Organ ihren Standpunkt Frage des jüdischen Staates bekannt. Es heißt da wörtlich: „Das ungarische Judentum wird auch weiterhin nur für eine politikfreie Palästina-Arbeit zu haben sein. Wir sind nicht bereit, den verschiedenen antisemitischen Agitatoren, die uns andauernd nach Palästina schicken, Schützenhilfe zu leisten. Und da die bisher bestandenen Sammelorganfeationen für Palästina von zionistischer Propaganda, durohtränkt waren, wird sich die ganze Aufmerksamkeit der ungarischen Juden beit dem neuen Palästina-Verein zuwenden, der jetzt auf vollkommen unpolitischer Basis seine Tätigkeit beginnt. Dieser Verein wird die Verbindung zwischen der ungarischen Judenheit und dem geplanten neuen Judenstaat sein. Diese Verbindung ist aber selbstverständlich nur in eharitativem und humanitärem Sinnmöglich. Großartig: Ein charitativer Staat! Die Assimilation verwechselt dem Staat mit einem Spital oder einer Ausspeisungsstätte. So lange die Frage, oh aus dem Mandat ein Staat werden wird, noch nicht entschieden war, so lange es noch eine Frage des Glauben« oder Nichtglaubens sein konnte, ob dieser Staat jemals entstehen werde, konnte man noch irgendwie Verständnis aufbringen für charitative und humanitäre Auffassungen. Aber ein Staat ist ein politisches Gebilde, er ist die politische Organisationsform eine« Volkes. Mit einem Staat, mit dem eigenen Staat nur auf charitativer und humanitärer Grundlage verkehren, seine Regierung nur als Fürsorgereferat anerkennen? Weil man den Antisemiten, die uns andauernd nach Palästina schickem, nicht Schützenhilfe leisten will... Verstehen die Menschen, die so roden und schreiben, wirklich nacht, welche wirksame Schützenhilfe sie da treiben? Sie nähren im Antisemiten da« Gefühl da« uns am allergefährlichsten wird: die Verachtung. Überdies ist es - dem Antisemiten wirklich gleichgültig, ob irgend etwas da »t, wohin er den Juden schicken kann. Eh will ihn loswerdeo und schickt ihn gern auch zum TenfeL Ab Freitag, 10. September: ENTGLEIST DSCHINGIS-KHAN hat einen deutschen Schriftsteller zu einem begeisterten Römern inspiriert, in dem dieser Mutigste aller Eroberer Ms Vothild des echten Staatsmanns und Voiksfiihrere gefeiert wird. Er habe inmitten einer in allerlei Geistigkeiten verkommenen mittelalterlichen Welt die große Idee — der Sasse geboren und er habe diese Idee in die großartigste politische Tat umgesetet. Konsequent rottete er nämlich all« Völker, die schwächer waren als seine Reiterarmeen, aus, um aus der ganzen Welt «ne einzige riesige Steppe zu machen, auf der »ich allein und ausschließlich schlitzäugige Horden berumtreiben durften. Breit und behaglich schildert das Buch — es führt den Titel „Das gelbe Weltreich“ und der Autor beißt Joachim B&rckhaueen —, wie die Mongolen Dschingis-Kbans ihren Auftrag erfüllen, wie Mer fttnfzigtauseod, dort hunderttausend und zweihunderttausend Menschen, deren Rasse nicht in das Konzept ihre« Fürsten paßte, ihr „ungeeignetes“ Blut hergeben mußten. Heilige Wut überkommt den Autor, wem er von den Religionen spricht, die die Seele und den Geist im Menschen mobilisieren und dadurch die allein lebenspendende Idee, die Idee der Rasse, die Idee des Bluts und der Triebhaftigkeit, die Idee von Beute und Raub, von Herrentum- und Weiteteppe, verdunkeln, Ws ee ihnen nach hundert Jahren auch gelingt, das grandiose Werk zu vernichten. Es ist ein Roman aus der Vergangenheit. Es ist aber gleichzeitig auch ein Zuknnftstraujn. Dschingis-Khan ißt seinerzeit vom Femen Osten Ws nach Mitteleuropa vorgedrungen. Warum sollte die ,Jdee“, die die meng Wischen Reiter beseelte, nicht auch einmal fa umgekehrter “ ‘ g #¥S d? SwÄente fegen können?... Die Fürsorgeaktionen der Kultusgemelnde: 130.000 Schilling für jüdische Kinder Eine der segensreichsten Aktionen unter den vielen Fürsorgemaßn ahmender Wiener Ku 11usgemeinde ist die Aktion „Kinder aufs Land“, die dieses Jahr großzügig durchgeführt wurde. Da sie nunmehr abgeschlossen ist, kann man einen vollständigen Überblick über diese Institution gewinnen. Es sei gleich vorweg festgestellt, daß die Aktion einen vollen Erfolg in jeder Hinsicht hatte, besonders aber in gesundheitlicher. Die Kultusgemeinde brachte schulpflichtige Kinder im Alter von 6 bis 14 Jahren in eigenen Heimen in Payerbach, Stuppach und Kaltenleutgeben unter, sowie in Heimen in V ö s 1 a u und Grado und schließlich im Rahmen der gleichen Aktion der Vaterländischen Front im B u r g e n I a n d. Auf diese Weise worden nicht weniger als etwa 2000 jüdische Kinder einer kräftigen Erholung in würziger Luft teilhaftig. Damit war jedoch die Wirksamkeit der Kultusgemeinde auf diesem Gebiet noch nicht erschöpft Durch die Zuwendung entsprechender finanzieller Mittel gelang es, mehr als 1800 jüdischen Jugendlichen Unterkunft in verschiedenen Jugendlagem zu verschaffen. Charles Beyer und lean Arthur Geschichte wird bei Nacht gemacht History Is Made At Night REGIE; FRANK BORZAGE Elite I. Opern I. Votivpark IX. j Somit wurden von der Aktion „Kinder I aufs Land“ der Kultusgemeinde insgesamt nahezu 4000 Kinder erfaBt Doch auch in Wien sorgte die Kultusgemeinde für eine, der Jahreszeit entsprechende Befürsorgung der Kinder. Es w ‘ den nicht bloß die Sonnen-Tag heimstätte im Augarten und deT eigene Kindergarten der Kultusgemeinde im Augarten ohne Unterbrechung fortgeführt, sondern auch die Sommer- Tagesheimstätte in der Ruthgasse reaktiviert. Die gesamte Aktion, bei der die Eltern der in Heime aufgenommenen Kinder nur ganz minimale Beiträge zu leisten hatten, erforderte von der Kultusgemeinde 130.000 Schilling. Diese Summe ist aber gut angelegt worden. Die Kinder, die von Präfekten betreut und von Ärzten beaufsichtigt wurden, haben durchwegs prächtige Gewichtszunahmen aufzuweisen. Große Vorbereitungen für die Winterhilfsaktion Die Fürsorgemaßnahmen der Kultusgemeinde haben mit dem Abschluß deT Aktion „Kinder aufs Land“ natürlich nicht ihr Ende gefunden, im Gegenteil, sie fangen erst recht an. Es werden bereits große Vorbereitungen für die bevorstehende Winterhilfsaktion getroffen. Auf dem Gebiet der Kindererziehung aber beginnt nach den Feiertagen am 1. Oktober die Winter tagesh ei mstätte in der Aspernbrückengasse, in der die Kinder während der rauhen Jahreszeit in den schulfreien Stunden verköstigt und entsprechend beschäftigt werden und, wenn nötig, Nachhilfeunterricht erhalten. Schwere judenfeindliche Unruhen in Polen Warschau, 8. September. (JTA.) In zahlreichen Orten Poleos ist es wieder zu hweten anti jüdischen Aus- _ _hr eitungen gekommen. In Lodz verteilten nationakiemokratische Huligans auf den größten Marktplätzen Flugblätter, in denen zum Boykott gegen die Juden aufgefordert wird. 25 Juden wurden verletzt. und die Waren der jüdischen Händler auf die Straße geworfen. Zahlreiche jüdische Geschäfteläden wurden demoliert- Drei Huligans wurden verhaftet und zu je stoben Tagen Arrest verurteilt. In K u 1 e s z- Koszielny, Distrikt Bialystok, schlugen Huligai» des Nachte die Fenster der Synagoge und zahlreicher jüdischer Häuser ein. Mehrere Juden wurden verletzt. In Diugoszoly, Distrikt Oetrow-Mazowiecki, überfielen Huligans die beiden jüdischen Fuhrleute Jakob Golacz und Salomon Kirtzew und schnitten ihnen die e ab. — In den Dörfern Brane und Porenba wurden die jüdischen Einwohner von den lokalen, antisemitisch eingestelten Behörden aufgefordert, die Dörfer zu verlassen. In Tuzanka steckten Huligans da« Haus des jüdischen Einwohners Leib Heidelberg in Brand. In Czworka wurden die einzigen dort lebenden beiden jüdischen Familien von Huligans aus dem Dorfe vertrieben. In Sokolow-Podlaski Aden Huligans während des Markttages über die jüdischen Markthändler her und schlugen sie blutig. In Miedzno bei Lodz vertrieben Huligans die jüdischen Händler vom Markt, warfen ihre Waren auf die Straße und verletzten mehrere von ihnen. Zu ähnlichen Ausschreitungen kam ee in dem Nachbarstädtchen Lopuszin. BANKGESCHÄFT Dr. OFFENBERGER Wwb, L, Freyung 1 Telcpbon: U 27-2-11 U 28-2-55 D«rchiaiiru*g ■Mmlltchar Bank» u. NiMtattakHMM Aucft ln Warschau Ausschreitungen In Warschau überfielen Huligans jüdische Passant«!. Der 20jährige Verkäufer Leib Goldfarb wurde so schwer verletzt, daß er in bedenklichem Zustand ins Krankenhaus gebracht wurde. Bei einem Überfall auf jüdische Passanten im „Sächsischen Garten“ wurde dem jüdischen Friseur Hersch Roehmarm ein Arm gebrochen. In einem anderen Stadtteil Warschaus wurde eine jüdische Frau von Huligans überfallen und schwer n handelt. In R a d o m wurden der 65jährige Mendel Herschenbruns, seine 66jährige Frau und sein 65jähriger Geschäftstellhaber Isaak Simfeld schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert; sie waren im Dorfe Nalenczow von Huligans überfallen und durch Hiebe mit Eisenstangen fürchterlich zugerichtet worden; der Zustand der drei Verletzten ist bedenklich. Verzweifelte Lage der Posener Die Lage der jüdischen Bevölkerung P os e n s gestaltet sieh imer tragischer. Schon seit vielen Wochen wird die jüdische Bevölkerung in den jüdischen Stadvierteln unter Terror gehalten; alle Juden, die rieh auf der Straße blicken lassen, werden überfallen. Auf jüdischen Hauswänden und Fensterläden prangen antisemitische Inschriften. Vor wenigen Tagen zogen die Huligans, mit Messern und Eisenstäben bewaffnet, durch die jüdischen Stadtviertel. Sie überfielen alle Juden, denen sie begegneten, und verschonten nicht einmal Kinder. Zahlreiche Juden wurden erheblich verletzt, nl ganz Posen gibt ee, bei einer Gesamtbevölkerung von 300.000 Seelen, nicht mehr als 500 jüdische Familien. Mord att einem Juden In Warschau Warschau, 8. September. (JTA.) Der jüdische Fuhrmann Moecbe Leib B e d»T wurde auf «einem Wagen in Warschau von einem Stemwurf getroffen und so schwer verletzt, daß er bald darauf im Krankenhaus verschied. * Todesurteil über Welf Sicxerbowskl bestätigt Wilna, 8. September. (JTA.) Das Kreisgericht in Wilna hat ak Berufungsgericht das über den 18>ährigen Fleischhauergehilfen WoM Szczerboweki, der in einem persönlichen Streit den Polizisten Kedziora in Brest-Litowsk erstochen hat, verhängte Todesurteil bestätigt. Der Staatsanwalt, der nach den Verteidigern nochmals da« Wort ergriff, erklärte, er bestehe nicht mehr auf der Aufrechterhaltung der Todesstrafe, verlange aber, daß eine sehr schwere Strafe über den Täter verhängt werde, die abschreckend wirken und ähnliche Verbrechen verhüten soll. Die Verteidiger fizcierboweki* meldeten sofort nach der Urteäfeverkündüng Beru- Kein Tag ohne Kaffee Trinken Sie Meinl-Kaffeel fung beim Obersten Gerichtshof in Warschau an. Unmittelbar auf den Tod Redzioras folgten die schweren judenfeindlichen Ausschreitungen, von denen der größte Teil <tor jüdischen Bevölkerung von Brest-Litowsk direkt betroffen ist. Jüdische Siedlung in Schanghai gefährdet Schanghai, 8. September. (JTA.) Von den andauernden Kämpfen um Schanghai ist die jüdische Bevölkerung dieser Stadt, d i e größte jüdische Niederlassung im Fernen Osten, schwer betroffen. Mit der Fortsetzung der kriegerischen Operationen hat eich ihre Lage verzweifelt, gestaltet. Das Rabbinat. hat einen Aufruf erlassen, in dem Hilfe für die Kriegsopfer gefordert wird. Zahlreiche jüdische Geschäfte. und Wohnhäuser sind den bei der Beschießung entstandenen Bränden zum Des Morgens DIANA- Franzbranntwein mH Menthol wein getauchte geschilderte . Brüchigkeit^ gezeichneter trnd GtargetwaMer. »er aufschnupft, I retende Verstopfu nd, abhSrtend uSSü* Opfer gefallen. Etwa 5000 Juden sind von den Kriegsereignissen betroffen. 500 Juden in Schanghai und 200 Juden in Hongkong haben all ihr Hab und Gut verloren. Das Kadoorie-Inßtitut hat einen Hilferuf erlassen, in dem erklärt wird, daß es nicht mehr imstande sei, allein die Last der Fürsorge für die notleidende jüdische Bevölkerung zu tragen. Die Mehrheit, der jüdischen Bevölkerung von Schanghai lebt in den ausländischen Niederlassungen und gehört zu den begüterten Kreisen des Handels, der Industrie und des Bankwesens. Immerhin wohnte ein erheblicher Teil der Juden Schanghais auch in dem Chinesenviertel, dessen Vernichtung durch den Gang der Kriegsereignisse unvermeidlich erscheint. Dieser Teil der jüdischen Bevölkerung ist aufs äußerste gefährdet Von den jüdischen Einwohnern sind 65 Prozent Angehörige osteuropäischer Staaten. Es gibt auch eine Anzahl von Juden englischer, amerikanischer, französischer, holländischer und deutscher Staateangehörigkeit. Zahlreiche Juden sind in den letzten Jahren infolge der veränderten Verhältnisse aus Mandscbukuo, insbesondere aus der Hauptstadt C har bin, nach Schanghai übersiedelt. Ferner gibt es eine Anzahl von B a g d a d e r J u d e n, die schon vor achtzig Jahren nach der Öffnung der freien Häfen eingewandert sind. Sie besitzen zum größten Teil die irakische Staatszugehörigkeit und stehen unter britischem Schutz. Viele große Industrie-, Import- und Exporthäuser in Südchina stehen unter ihrer Leitung. Die „Kinder-Stimme“ erscheint in der nächsten Nummer unseres Blattes vom 14. September.

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