Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 6 (1918-1919)
- Issue
- 2 (9.1918)
- Date
- 1918-09-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2425321-3181720-3181722--1050-3520044- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Weg zeigen könnte, kein Kirchturm, kein HauS als Nichtungsweiser. Immer nur ein Hügelzng, auf der Aufstiegseite Felder, braun und grün, nnd wieder Felder grün und brattn, in die Senkung und wieder hinauf, wohl eine halbe Stunde. Jetzt mit einem Male das Dorf Uffheim. Wie wett ist's bis Sierenz? Noch 20 Minuten. Den Zng bekomme ich nicht mehr. Trotzdem gehe ich rascher. Mein Stock klopft einförmig schleifend auf die Landstraße — Sierenz! mehrere große Schilder, eins nach Mühlhausen 17 fern. Ich blicke jeden Soldaten an,. ob er nicht ein Jude sein könnte, an den Türen suche ich die Mesnssaus. Endlich ein Hans mit dem Gesuchten, im Hof eine Frau und zwei Soldaten! „Wo ist die Schul", frage ich „wann geht sie an 7" „Heute nachmittag um 4 Uhr." „Sind die jüdischen Soldaten irgendwie zusammen untergebracht, zum Essen? Schlafen?" „Es fiub nur ganz wenige da, heute sind'- vielleicht 6—7, auch 8 können'S sein, aber nicht mehr." Nach einem Seder wage ich erst gar nicht zu fragen. Zögernd: Wann geht der letzte Zug nach Mühlhausen? Der letzte ging 1**, der nächste erst 42« Uhr. Ich wende mich zurück, der Straßenkreuzung zu, wo die Schilder stehen . . . Mühlhausen 17 km . . . steht da. Die Kirchtnrmnhr zeigt fast 2 Uhr, soviel Zeit habe ich mit Fragen und Falschgehen vertrödelt Klotz! Kragen auf, Halsbinde ab, Hosen hochgekrempelt, — Klotz! — Sierenz liegt hinter mir. Hat es denn einen Sinn nach Mühlhausen zu laufen? sagt eine Stimme. . Wenn du Blau - Weiße, K. I. V er, oder Zionisten dort triffst, dann bat es eilten SillN. Und wenll ich nun hingehe und feine treffe? Und wenn welche da sind, nnd du gehst nicht hin? Wird dich das nicht erst recht ärgern? Aber. . . Ach was, eilten Seder möchte ich wenigstens haben; gestern Aberld in der duftem Bilde Trübsal geblasen, und das nennt sich im Blau-Weiß gewesen, 6 oder nicht einmal 3 lumpige deutsche Meilen laufen um einen Seder zu haben tiub mit seinesgleichen zusammen zu treffen? — ' Ich sehe mich um, ich bin schon ein tüchtiges Stück weiter. Wenlt ich erst mal in Habsheim wäre! Von da sind's nur noch 7 km, aber bis dahin dauert es glatt 1 V* Stunde. Die Sonne brennt, Schatten ist fast gar keiner, gedankenlosstumpssinllig gehe ich immer weiter. Ich versuche ein Lied 51t pfeifen, nach ein paar Takten höre ich auf. Die Lippen fiub trocken nnd der Staub beengt. Ich marschiere tüchtig zn. Weit, weit rechts ist die Bahnlillie, ein Güterzng fährt da in meiner Richtung. Wenn ich doch mitlönllte. Plötzlich ein Posten! „Halt! Hast Du .Ausweis bei Dir?" „Selbstverständlich", erwiderte ich, und ohlle lange zu bleiben, halte ich ihm meinen Altsweis für Sierenz dicht vor die Nase. „Jetzt gehe ich zurück E nach Habsheim", sage ich. „Liegst Du denn da?" „Natürlich, wo soll ich sonst liegen." Weiter also, das ist gut abgelanfen. Wenn mich nur kein radfahrender Feldgendarm trifft, noch nicht einmal ein Soldbuch habe ich bei mir. Vor den Fußgendarmen habe ich keine Angst, denen klotze ich 31t schnell. Habsheim. — Der Wechsel von Landstraße und hartem, holprigem Pflaster ist unangenehm. Eine recht längliche Dorfstraße mit ziemlich gletchförmigelt Häusern. Pis man ganz durchkommt dauert es eilte Weile. Ein Auto fliegt vorbei und der dickqnellende Staub legt sich undurchsichtig hin, dringt durch Zältrre in die Gärten, steigt bis. an die Baumkronen und macht das Atmen und Sehen schwer. Die bis jetzt nicht reizlose Gegend durchsetzt sich mit Fabrikschornsteinen uitb die Bauernhäuser weichen häßlichen Ziegelsteinbauten. Ich überhole ein paar Bauersfrauen mit Holzfuhren, . 45