Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 6 (1918-1919)
- Issue
- 2 (9.1918)
- Date
- 1918-09-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Zigeuner „Zigeuner, Zigeuner," raunt nur eines unserer Mädels ins Ohr, „mir graut's immer, wenn ich sie sehe". Ja, vor mir gehen sie. Die Junge mit pechschwarzem, glänzendem Haarein klein wenig deutschen Frühling, ein Schlüsselblümchen, darin. Langsam, schieppend, traurig und doch wieder stolz ist ihr Gang. Auf ihrem Arm halt sie ihr Rind in Lumpen gekleidet wie sie. Schade, ihm fehlen die glänzenden Strähnen. Ihr Mann, klein, gedrungen, neben ihr wie ein schleichender Bettler, etwas Kneifendem in seinem Wesen. Vor ihr läuft die Alte an den Wagen geschirrt, Hat auch sio dies prächtige Haar? Sie hebt ihr Tuch. Sie hat es gehabt, das Alter nahm den Glanz. Eben ziehen sie in den Wald. Zigeunerwäldchen heißt es nach ihnen. In ihr Reich, in die Freiheit! Sie klagen den Bäumen, den Blumen, den Käfern ihr Leid. Der Frühling versieht sie. Hier höhnt sie niemand. Hier hat niemand Angst und Grauen vor ihnen, Hier sind sie frei! — Sie singen langsam, schleppend, traurig-sehnsüchtig ein Lied. Line deutsche' Weise von Unglück, Liebe und Sehnsucht. Ringsum ist Mai und junges Leben. M a n n h e i in S e l m a W o h l g e m u t h Feiertage im Felde . . . Endlich war der „Dienstweg" beendet und am Donnerstag, am l. Feiertage, meldete ich mich um 12 Uhr auf der Schreibstube, um meinen Urlanbsschem nach Mühlhausen abznholen. Der Schein lautete aber nur bis Sierenz. — Der Leutnant saß gerade 700 Mtr. über der Erde im Ballonkorb, der Feldwebel hielt seinen Mittagsschlaf. I"» geht der Zug, den ich benutzen wollte von Sierenz, und bis Sierenz ist es gut und reichlich eine Stunde — also los! „Die anderen haben auch nur bis Sierenz Erlaubnis", sagte der Schreiber, und hüllte sich in Schweigen. „Was die machen, unb was Dn tust, das geht mich nichts an." Mein Quartier,' eine alte Wassermühle, liegt außerhalb des Dorfes, Essen holen mußte ich auch noch, ebellso Schnürschuh anziehen, statt der plumpen Stiefel, mit denen ich nicht laufen kann, ttub bcu ganzen Krimskrams wie Gasmaske, Einsatz, Brotbeutel, Patronentaschen vom Koppel abnehmen uub verstauen. — Kurz, als ich wegging, war es nicht, wie beabsichtigt 12 oder 7* nach 12, sondern 7*1 Uhr. Um abzukürzen, wähle ich einen Feldweg, verlasse ihn aber gleich bei der ersten Biegung, und gehe die Feldraine entlang über die Bodenwellen, die regelmäßig mit braunen und grünen Feldern bedeckt und hie und da von hohen Pappeln bestanden sind. Das Wetter ist warm, recht warm, sehr wärm. Die Sonne kommt imiiicv mehr, es wird heiß. Der Lehmboden erlaubt kein festes, schnelles Marschieren — bergauf geht es sogar recht langsam — längst habe ich die Schirmmütze abgenommen und zusammen^» knüllt in den Gurt gesteckt. Ein abgebrochener Weidenzwerg dient mir alsWanderstecken; nicht um mich darauf zu stützen, nur um sein taktmäßiges, monotones Aufschlagen beim Gehen zu hören. Eine Weggabelung; ich gehe zwischen zwei Wegen .. in der einmal eingeschlagenen Richtung weiter. Kein Mensch ringsum, der mir den *2