Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 6 (1918-1919)
- Issue
- 2 (9.1918)
- Date
- 1918-09-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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ich passiere ein paar Unterführungen. Der letzte Ort von Mühlhausen liegt hinter mir, ein langer Kanal, große Bahnanlagen, Lokomotivschuppen, eine richtig gleichmäßig gebaute Straße auf der einen Seite des Kanals. Baumreihen, grüne Anlagen imiuitot des fabrikmäßigen Graus und dreckigen Brauns. Dann eine stille, vornehme Straße.. Mühlhausen! Mein Stock klappert noch immer-eintönig, aber meine Füße werden allmählich müde. In den ersten Gassen kann: ein Mensch. Noch immer ist e8 heiß und staubig. Die Straße weitet sich, ein großer Platz mit Wasserbecken, ein paar kleine Brücken, die Straßenbahn, dann stehe ich am Bahnhof: 445 Uhr. Doch 2a/4 Stunden gebraucht für die etwas über 18 km von.Sierenz bis Mühlhausen und zum Bahnhof. Ich steige in die Elektrische nach Dörnach, wo ich eine kleine Synagoge weiß, doch gleich in der Hauptstraße springe ich ab; ich will sehen, ob ich nicht ein paar verwandte Seelen treffe. Ich spreche zwei Soldaten an: „Seid Ihr Inden?" „Ja." „Wann ist Gottesdienst?" „Für heute nachmittag vorbei, heute abend ist Feier." „Wißt Ihr ein paar zionistische Familien hier?" ' „Nein, wir sind fremd." „Danke." Nach Blau-Weißen fragte ich gar nicht erst. In den Straßen sind furchtbar viel Offiziere, überhaupt ungeheuerer Verkehr, ganz großstädtisch; man merkt nichts von der 20 km entfernten Front. Ich sah viele jüdische Soldaten, aber weiter fragen wollte ich nach meinem ersten Mißerfolge nicht. Da sah ich wieder, zwei, recht junge; sie schienen mir anders als die anderen' zu sein. Ich ging auf sie zu. „Wißt Ihr nicht ein paar Zionisten hier?" „Wir zwei beide." Ohne weiteres ftage ich: „Und Blau-Weiße?" „Ebenfalls wir zwei beide." Wer beschreibt meine Freude? Vergessen war für den Augenblick Militär,' Truppe, Klotz, Hitze, Staub. „Sidney Haskel, Berlin", stellte ich mich vor, „Blau-Weißer, Zionist, K. I. V er." „Sidney Haskel," sagte der eine, „den Namen kenne ich doch. Erst vor acht Tagen la8 ich ihn in der Rundschau. Der Vorname fiel mir auf!" Dann stellten sie sich vor. Preßburger, Stuttgart itiib Striehmer, Breslau. Beide hatten sich viel mit dem Blau-Weiß beschäftigt und betrachteten sich als Gefährten. Also überall Berührungspunkte! Wirklich, mein Klotz hat sich gelohnt, und wurde auch verstanden. Wir schleuderten eine Zeitlang umher, und nachdem ich von ihnen erfahren hatte, es würden K.J.V er da sein, verabredeten wir uns in dem Hanse, wo die Sederfeier stattfinden sollte. Inzwischen ging ich noch etwas essen. Ich konnte aber den Abend kaum erwarten und ging früher als verabredet zum Treffpunkt der zur Sederfeier versammelten Soldaten. Je näher ich dem Hanse kam, desto mehr vermilitarisierte Juden sah ich. Bald traf ich meine Freunde von vorhin und einen anderen Soldaten, der sich lebhaft für den Blan-Weiß interessierte und ihm beitreten möchte. Wir halfen Mazze- Pakete holen und betraten nun gemeinsam den hohen, weißen Saal, dessen Fenster durch lang herabhängende rote Vorhänge verhängt waren und in dem weibgedeckte Tische standen. Vor mir gingen drei Offiziere. Ich bat um Entschuldung: „Sind Sie K. I. V.er?" „Jawohl" — „Bbr. Haskel, Makkabaeae, Berlin, (ich kam mir zuerst ganz komisch vor). „Magnus Lehmann, Adolf Levy, Herbert Meyer. Komm nur gleich mit uns!" Und so erwischte ich einen der besten Plätze im Saal. Dann begann der Seder. Die Gebete, die Gesänge, die uralten Segenssprnche, die . verschiedenen kleinen Ansprache!: des Rabbiners, der in sehr feiner, taktvoller Weise einen Uebergang zwischen Soldatentum und Sederabend herstellte. Und dann das Essen: Suppe und Rindfleisch, und schließlich Tischgebet, Schir Hamalaus, Lieder und An»