Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 6 (1918-1919)
- Issue
- 1 (6.1918)
- Date
- 1918-06-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2425321-3181720-3181721--1017-3520010- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
für die allgemeinen und offenbaren wie für die heimlichen und be« sonderen Beziehungen des Aosmos und der Psyche und weiß sie in mathematischen Formeln und logischen Definitionen festzulegen oder in Rythmen und Melodien auf das Meer der Ewigkeit auszuschicken. Aber er hat einen geringen Sinn für die ganze Wirklichkeit eines Baumes, eines Vogels, eines Menschen, die für sich ein absolutes, unerschöpflich reiches und so und so geartetes Dasein einschließt. Und sehr selten vermag er schaffend Dinge, Gegenstände, Gestalten sichtbar, greifbar, fühlbar hinzustellen .... Niemals aber oder fast niemals lebt er mit den Dingen, sie geruhig pflegend und fördernd, liebreich zu der Welt und sicher in seinem Bestände". Ja, es ist so; aber es ist nicht gut, daß es so ist und Zeit es zu ändern. Diese Frage geht besonders uns an, di« wir schaffend und gestaltend unser Land bebauen, die wir in lebendiger Wirklichkeit mit Tier und Pflanze umgehen wollen. Eins macht uns Hoffnung. Die Fähigkeit, allgemeine Beziehungen zu erkennen, ihre Intensität, die über das Einzelne hinwegsehen läßt, wäre, sage ich, nicht denkbar, wenn nicht jüdische Generationen vor uns die Grundlage dazu besessen hätten, den Sinn für die ganze Wirklichkeit eines Dinges. Unsere Ahnen haben dem Baum, dem Tiere, jedem einzelnen Wesen näher gestanden als wir. Erst als das Volk den eigenen Boden verlor, als der Jude nicht mehr sein Tier, seine Pflanze pflegen, sein Feld be« bauen konnte, hat er den Zusammenhang mit der greifbaren Wirklichkeit verloren und den Sinn für die „allgemeinen Beziehungen da« für eingetauscht. Wir aber wollen zurück zum lebendigen Leben; denn was ist es anderes, wenn wir auf Wanderungen das Gestein betrachten und die Blumen und uns mit Werden und Wachsen gerade dieses Baumes beschäftigen 7 Wir wollen eben nicht immer nur die Fäden sehen, die sich von einem Ding zum anderen schlingen, nicht immer nur verstehen — wir wollen „mit den Dingen leben, sie geruhig pflegend Und fördernd, liebreich zu der Welt", wir wollen jedem Ding den Boden geben, de» es zu seiner Entwicklung braucht, jedes einzelnen Wesens, das uns angeht, Bedürfnisse keimen und ihnen Rechnung tragen. Ich glaube, daß mancher von uns auf Grund theoretischer Ueberlegungen zu diesem Standpunkt gekominen ist. Ich bin es aus der Praxis heraus; jedenfalls fanden meine theoretischen Betrachtungen in ihr Bestätigung und Erweiterung. — Ihr kennt die kleine Geschichte von Vskar Theodor in der vorigen Nummer -er Blau- 9