Mannheim
Compact Memory

Blau-Weiss-Blätter · 1915-05-01 · 1 (5.1915) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Blau-Weiss-Blätter
Volume
3 (1915-1916)
Issue
1 (5.1915)
Date
1915-05-01
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2425321-3181698-3181699--0370-3519988
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

er arbeitet, arbeitet darauf los, ohne^ sich viel Gedanken über menschliches Elend zu machen. Wer aber mit den Leuten in den Waggons erst einmal zu sprechen beginnt, dem offenbaren sich Szenen voll Tragik, voll menschlichen Leides in einer Größe, wie es uns erst dieser Krieg kennen gelehrt hat. Da fährt eine junge Mutter mit vier Kindern, zwei von ihnen im Säuglingsalter, der Vater ist im Kriege verschollen. Da hockte dumpf vor sich hin brütend, immerfort in Gedanken an die Seifte*ir ein ehemals reicher Kaufmann; die Russen haben all sein Hab untz Gut vernichtet, sein ganzes Vermögen, riesige Bassins voll Petroleum auslaufen lassen und er selbst, der bei Kriegsbeginn im Ausland' weilte, ist ohne Kunde, seit vielen Monaten, was mit feiner Familie geschehen ist. Und fast jeder einzelne hat sein gerüttelt und geschüttelt Maß voll Leiden, ganz abgesehen von dem einen großen Anglück, das alle betroffen hat, das Verlassen von Haus und Hof, das Unstär- und heimatlos-werden. So geht man von Bank zu Bank, sieht zusammengekauerte Kinder notdürftig bedeckt auf hartem Lager schlafen^ sieht alte Frauen still und ergeben in ihr Schicksal in einer Ecke daptzen, Männer, den Kops in die Hände gestützt, die ihr Unglück noch immer nicht Waffen können, und eine Trauer, so grenzenlos und un» endlich, zieht in unsere Herzen ein, daß einem das sprechen schwer, das Finden tröstender Worte schier unmöglich wird. Und ohne Ende ist die Zahl dieser Armen; wenn dieser Zug die Halle verlassen haben wird, dann kommt ein zweiter und enr dritter und so fort, und jeder führt Scharen von hungernden, frieren« den Juden ins Exil, ins Galut, eine ganze Völkerwanderung, deren Zeugen wir find. Ein Drama ist es von so gewaltiger Tragik, wir keines Menschen Hirn es jemals auf die Bühne bringen konnte. Denn was sich da vor unseren Augen abspielt, ist nur ein win« ziger Teil von dem großen Geschehen, und während durch Prag Flüchtlingszüge rollen, flüchten in Polen unübersehbare Massen unseres Volkes vor den Schrecken des Krieges, treiben die Russen im Osten Juden vor ihren Sturmkolonnen her, sammelt sich die jüdische Bevölkerung Belgiens in Whitechapel, und wohin wir sehen, überall ist unser Volk unstät und flüchtig, und wandert, wandert, ohne Aushören... Da schreckt uns ein pfiff ans unseren düsteren Betrachtungen. Der kurze Aufenthalt in Prag ist vorüber, dev Zug muß weiter, feinem Ziele zu. Rasch sammeln wir unsere leeren Taffen und Gläser, teilen noch geschwind aus den letzten Resten den hungrigen zu und-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.