Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 3 (1915-1916)
- Issue
- 1 (5.1915)
- Date
- 1915-05-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Flüchtlinge Lin kalter, verregneter Aprilabend. Ls ist spät geworden, als wir die Führerfitzung schließen und nns fröstelnd auf den Heimwege wachen. Aber noch gibts kein Schlafengehen, noch gilt es Arbeit zu leisten für unsere unglücklichen Brüder; denn wir wollen einen uni Mitternacht Prag passierenden Transport von Flüchtlingen laben. So ziehen wir denn schweigsam, tief in unsere Wettermäntel vermummt,. -durch die menschenleeren, sturmgepeitschten Gaffen dem Bahnhof zu. Wir sind bald am Ziele. Zn der Halle treffen wir die kleine/ Schar stets hilfsbereiter Menschen, denen keine Stunde zu spät ist, um mit Teekeffel und Milchkanne hinauszugehen und hungernde, frierende Uriegsflüchtlinge zu laben. Den ganzen Dienst leiten ein Paar Frauen, einige jener Heldinnen, derer niemand gedenken wird, wenn der Arieg einmal vorüber ist, und die doch ein Werk der Menschen-. liebe mit einer Aufopferung, einer Begeisterung, einem selbstverständlichen pflichtbewußtsein leisten, das sich würdig dem Heldentum unserer Soldaten anreiht. Denen springen wir Blau-Weißen nun bei, um sie in ihrer Arbeit «in wenig zu entlasten. Da fahrt auch schon der Zug in die Halle und wir schaffen rasch unsere Vorräte auf den Bahnsteig. Die sechs Waggons, die die Flüchtlinge befördern, sind bald gefunden. Und nun wiederholt sich das Schauspiel, das ich in den paar Monaten des Flüchtlingswerkes so oft gesehen habe, das inich aber iinmer wieder packt und in seinen Bann zwingt. Aaum steht der Zug, fliegen schon Fenster und Türen auf und ärmlich gekleidete Gestalten drängen sich heraus, um nur rasch, rasch einen Biffen Brot zu bekommen. Aus allen Fenstern werden Töpfe und Schalen gereicht, von uns rasch gefüllt und wieder zurückgeaeben, unterdeffen gehen zwei von Waggon zu Waggon und teilen Brot ans, alles in größter Eile, denn der Aufenthalt des Zuges ist kurz. hinter denen, die Brot und Milch verteilen, kommen aber andere, im Flnchtlingsdienst erfahrene, die von Mann zu Mann gehend, nichts geben als ein paar freundliche Worte für Zeder» und sich nach Wünschen und Beschwerden erkundigen. Und das ist die Arbeit, bei der' man trotz unzähliger Wiederholung, trotz des sich fast imnrer gleich bleibenden Bildes aufs tiefste erschüttert, schließlich fassungslos, hilflos menschlichen» (eid gegenübersteht. Wer in Lite Milchtaffen füllt oder Brot teilt, der sieht im Eifer der Arbeit erst nicht viel auf die Menschen, «r ficht nur bittende Gebärden, verlangend ausgestrcckte Hände, und