Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 3 (1915-1916)
- Issue
- 1 (5.1915)
- Date
- 1915-05-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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ausgelassen und lustig. Als der Major uns mit der Aasperlefrage begrüßt: „Seid ihr alle da?" und ihm ein tosendes „Ja" entgegenfchallte, waren alle Bande frommer Scheu gebrochen, Lampions wurden angezündet, auf furchtbaren, felbstgezimmerten Instrumenten ein Höllenlärm vollführt, und so glich der Marsch in der herrlichen Vollmondnacht einer Fackelpolonäse. Als wir um Mitternacht in E. angekommen waren, da feierte ich doch noch j)effach, zwar ganz allein und nur dürftig, aber so gut es eben ging. Mein Hrrarlier war das Gegenteil von dem vorigen: ein muffiges koch, ohne Fenster und Ofen, beleuchtet von einem mit einer lärmenden Korporalschaft erfüllten Nebenraum aus, verschönt nur durch ein gutes, sauberes Bett. AIS fie nebenan alle schnarchten und auch R. sein Nachtlager in meiner BKrmmer bezogen hatte, holte ich mir den Wein und die Mazzoh hervor, zündete Lichter an und las die Hagadah. Das war mein erster Sederabend, zu wenig, um an und für fich etwas zu bedeuten, aber genug, um fich früherer Zeiten erinnern zu können. Aber am nächsten Tage wurde es wirklich peffach, und ein echtes feldmäßiges, kriegsstarkes j)ejsachfest begann. Als ich morgens die Schreibstube betrat, sprang man mir gleich mit einem Korps-, einem Regiments- und einem Bataillonsbefehl entgegen. Ts wurde einiges im kauf des Tages wieder umgestoßen, was vorher befohlen war, aber das schone Ende war jedenfalls, daß um halb vier Uhr Radfahrer nach allen Seiten mit einem Regimentsbefehl rasten: „Sämtliche jüdischen Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften find sofort zum Besuch des jüdischen Gottesdienstes nach St. Q. zu beurlauben. Abmarsch ^10 von der Kirche. Urlaub kann bis morgen erteilt werden." Du kannst Dir denken, wie ich nrich gefreut habe! Um fuhr ein ganzer Stabspackwagen voll jüdischer Soldaten sauf dem Kutscherfitz R. und ich) nach St. Damit wir am peffach nicht zu gehen brauchten, hatte uns das 2. Bataillon auch noch einen Magen zur Verfügung gestellt, und wir hatten — der Krieg kennt kein Gebot — dankend angenommen. War doch sogar mittags Rabbiner tevv mit feinem Auto erschienen, um beim Regiment unseren Urlaub nach St. H. zu erwirken! Lr berief fich auf einen talmudischen Grundsatz, und ich konnte sein Verhalten gehorsamst nur gutheißen. St ist eine richtige Stadt mit 5$ 000 Einwohnern, äußerlich vom Krieg unberührt, mir einem völlig erhaltenen Straßenbild, ryit einem „Hamburger Hof" und „Frankfurter Hof" — und mit Brotmarken! Eine wundervolle Stadt mit einer herrlichen, natürlich