Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1907)
- Date
- 1907-10-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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M Sonntug, die sonntäglichen militärischen Uebungen und Bersamnilungen für Geld-Interessen an diesem Tag." fe Internationale Kongresse fanden bisher statt: k' in Gens 1876, in Bern 1879, in Stuttgart 1892, in Chicago 1893, in Brüssel 1885 und 1897 pL und in Paris 1881, 1889 und 1900, in St. fl' Louis (Amerika) 1904, in Mailand 1906. £■ An der Spitze der Verhandlungen stand die Beratung über Ausdehnung der Sonntags-- > ruhefürHandlungsgehilfenundtechnische Beamte, Berichterstatter waren die 5 Herren H i l l e r - Leipzig, Ing. Lüdemann- Berlin, R o t h - Hamburg. f. Da zu erwarten war, daß die Beziehungen von Sabbathruhe und Sonntagsfeier nicht ohne Erörterung auf dem Kongresse bleiben würde, £■'. hatten die in der Sonntagsruhe-Frage kooperiep:- renden „Freie Bereinigung für die Interessen des orthodoxen Judenfcv tum 3" und „Verband der Sabbath- Freunde" in der Person des Herrn Moritz A A. Loeb einen Vertreter zu den Verhandlungen . entsandt. g;: Während die Referate der Herren Lüde- IH.Ärann und Roth von unserem Standpunkt aus I" feinen Anlaß zu Bemerkungen bieten, war dies? umsomehr bei den Ausführungen des Herrn Hill er der Fall. Dieser Herr, der als Vor- ■ des Leipziger Gehilfen-Verbandes sprach, ' Eonnte sich nicht damit begnügen, für die Aus- . dehnung der Sonntagsruhe einzutreten, er leistete sich auch einen ebenso unmotivierten wie sachlich ss ungerechtfertigten Angriff auf die „orthodoxk' jüdischen" Kaufleute. Nach Ansicht des Herrn i. Hiller bilden 'die Bestrebungen der am Sab- £ bath geschlossen haltenden Kaufleute eine schwere £ Gefahr für die gesamte Sonntagsruhe, weshalb er die Versammlung auffordert, sich entschieden gegen die Gewährung jeglicher Ausnahme zu £'• wenden. Herr Hiller meint, das Arbeiten am f Sonntag dürfe nicht gestattet werden, weil jenen jjs Kauflenten durch die Möglichkeit der früheren M^ledigung der Eingänge den anderen Kauf- Iarten gegenüber ein Vorteil geboten werde!! r Als erster Diskussionsredner meldete sich f Herr Rabbiner Dr. H o r o v i tz - Frankfurt a. M. l Äs Vertreter des Verbandes deutscher Juden zum Wort, um auf eine Bemerkung des ersten j-> Referenten zu antworten. Er bemerkte, daß f gerade die geseßestreuen Juden den großen Segen der vollständigen Sabbathruhe vollauf zu würdigen wüßten und deshalb trotz schwerer Opfer V schon Jahrtausende hindurch durchgeführt hätten. S Gerade die orthodoxen Juden begrüßten die Art best des Kongresses mit warmer Anerkennung, % und er. habe an den letzten großen jüdischen £ Feiertagen während der Gottesdienste die Gelegen- £ Dies sah ich alles an meinem Auge vorüberj£\ ziehen. ..... Ich ging hinaus mit dem Bewußtsein, p.r ein Stück Weltgeschichte von fast 6000 Jahren durchfc. wandert zu haben." (Jüdische Bankiers vor «ehr als 23VO Jahren.) Diese historische Feststellung ergibt sich aus unlängst entdeckten Urkunden, die der Zeit von 471—411 v. Chr. ängehören. Sie werden in einem Werk von Prof. A. H. Sayce und A. E. Cowley „Aramaic Papyri discfcvcred st Assuan7’ (Alexander Moring Ltd., London) veröffentlicht. Hier wird die Lage der Juden in Aegypten im 5. Jahrhundert v. Chr. interessant beleuchtet, und aus jenen datierten, gut erhaltenen Urkunden geht nach der „Intern. Wchschr. für Miss., Kunst und Technik77 hervor, daß im Süden Aegyptens hundert Jahre nach dem Tode Jeremias, der ihre Großeltern in das Land geführt hatte, eine Siedelungsgenossenschaft von Juden als Bankiers tätig war. Sie bildeten eine besondere Gemeinde mit einem eigenen Gerichtshof und einem eigenen Heiligtum. — Die Papyri gehören errn Robert Mond u.id Lady William Cecil. i heit wahrgenommen und seine Glaubensgenossen ermahnt, ihren christlichen Angestellten doch nach Möglichkeit am Sonntag frei zu geben, damit sie eine richtige Sonntagsruhe bekämen. Er bedauere die Angriffe von Hiller-Leipzig gegen die „gesetzestreuen jüdischen" Kaufleute außerordentlich. Es sei nur verlangt worden, daß jene jüdischen Kaufleute an Sonntagen dort, wo völlige Sonntagsruhe herrsche, in geschlossenen Räumen durch jüdische Angestellte die dringendsten Arbeiten erledigen lassen dürften. Bon einer Konkurrenz der jüdischen Kaufleute am Sonntag könne unter diesen Umständen doch wahrlich keine Rede sein. Wer, wie die Teilnehmer des Kongresses, dafür eintrete, daß jedem Menschen ein voller Ruhetag gewährt werde, der könne unmöglich gegen Bestrebungen sein, die den Juden die Durchführung ihres Ruhetages ermöglichen wollen. Den gehaltvollen Ausführungen "des Redners, die durch die stark begrenzte Redezeit (Höchstdauer 7 Minuten!) leider nicht ausführlicher sein konnten, folgte lebhafter Beifall. Alsdann ergriff namens der von ihm vertretenen Körperschaften Herr Moritz A. Loeb- Frankfurt a. M. das Wort. Er führte u. a. aus, daß der Verband der Sabbathfreunde für Deutschland Aehnliches anftrebe, wie der Internationale Verband füt die Allgemeinheit, allerdings für Juden. Der Verband umfasse nach zweijähriger Tätigkeit heute schon mehr als 80 Ortsgruppen mit über 4000 Mitgliedern. Er verfolge das einzige Ziel, die Beobachtung des jüdischen Ruhetages dort, wo sie verloren gegangen sei, wieder einzuführen und wo sie noch bestehe, zu ihrer Festigung beizutragen. Bei dieser Arbeit müsse die gesetzestreue Judenheit und insbesondere auch der'Verband der Sabbathfreunde einer Körperschaft, die den christlichen Mitbürgern ihren vollen Ruhetag sichern wolle, die größte Sympathie entgegenbringen. Um so bedauerlicher sei es, wenn aus diesem Kreise Angriffe erfolgten, wie es soeben seitens des Herrn Hiller geschehen sei. Herr Hiller °sei dazu umsoweniger berechtigt, als er 'die Materie nicht einmal genügend beherrsche: So gibt er' den Juden den Rat, ihre Geschäfte am Samstag Abend zu erledigen. Er weiß also nicht einmal, daß der jüdische Ruhetag erst nach Eintritt der Nacht beendigt ist, wodurch ein Beginn der Arbeiten am „Samstag Abend", im Hochsommer z. 18. erst nach 10 Uhr abends möglich wäre! Wenn Herr Hiller behauptet, eine den jüdischen Kauflenten gewährte Erlaubnis am Sonntag 2—3 Stunden zu arbeiten, notabene bei verschlossenen Türen, führe zu einer Schädigung ihrer christlichen Konkurrenz, so bedürfe es da keiner ernstlichen Widerlegung. Daß ein Kaufmann, der eben nach 25stündigem Schluffe sein Bureau zu kurzer Tätigkeit öffnet, nicht imstande ist, seinen Konkurrenten, der inzwischen tätig war, auch nur einzuholen, geschweige denn gar zu überholen, liege für jeden Fachmann doch auf der Hand. Es sei denn auch in den Städten, in denen Ausnahmen für die gesetzestreuen jüdischen Kaufleute bereits zugelaffen sind, wie München und Posen, Niemand eingefallen, hierin eine Schädigung zu erblicken, und die dortigen Kaufleute müßten doch ihre eigenen Interessen mindestens ebenso gut kennen Äs Herr Hiller aus Leipzig. Herr Loeb, vom Vorsitzenden an den Ablauf der Redezeit gewandt, schließt mit einem warmen Appell an die Versammlung, nicht Bestrebungen die Unterstützung zu versagen, die so ganz im Geiste ihrer eigenen Aufgabe liegen. Auch diesen Ausführungen folgte lebhafter Beifall. In seinem Schlußwort versuchte Herr Hiller sich gegen die Angriffe der Herren 'Rabbiner Dr. Horovitz und Loeb zu verteidigen, doch blieb seine lendenlahme Erwiderung sichtlich ohne Eindruck. Auf dem Kongresse waren nicht nur Vertreter der Staatsregierung, wie z. B. des preußischen Handelsministeriums, der übrigens vergebens eine Abschwächuna ' r angenommenen Resolution auf absolute Sonntagsruhe durchzusetzen versuchte, sondern auch Vertreter -der obersten kirchlichen Behörden, wie des preußischen Oberkonsistoriums, des Bischofs von Würzburg rc. anwesend. So haben die Verhandlungen des Kongresses, wenn sie auch die Gesetzgebung nicht unmittelbar beeinflussen, doch immerhin eine gewisse Bedeutung. Um so wichtiger ist es, daß wir durch den Mund berufener Vertreter die Forderungen, die wir gesehestreuen Juden, in Sachen der Sonntagsruhe mit ruhigem Gewissen erheben können, in ausreichendem Mäße zu Gehör bringen konnten. 'Ueber kurz oder lang muß ohnedies eine Regelung der Sonntagsruhe eintreten; es steht zu hoffen, daß bis dahin diese Anregungen entsprechende Früchte zeitigen. Berlin, 29. Sept. Ein hiesiges Blatt entwirft in einer feuilletonistisch gehaltenen Studie über den städischen Schlachthof folgendes anmutige Bild von der humanen Methode, nach der in der Reichshauptstadt, unter den Augen der antisemitischen Tierschützler, eine der beliebtesten Kategorieen von Schlachttieren zu Tode befördert wird. Es heißt da: „Wir erkundigen uns nun bei einem Aufseher nach dem Schweineschlachthof und werden nach links gewiesen, wo wir unter einem durch Pfeiler gestützten Viadukt.hindurchgehen. Gleich links ratzt das Jnspektionsgebäude auf, Wetter vorn reihen sich rechts und links Ställe für Rinder aneinander.' Dicht dabei liegen die Ställe und Schlachthäuser für Schweine. Im Innern der letzteren bietet sich dem Beschauer ein eigenartiges Bild. Riesige Bottiche, in denen das^Vasser quillt und kocht, harren der Schweine, die zum Abbrühen der Borsten hineingeworfen werden. Ueberall blitzen die scharfen Messer; die glatten, fetten Rüsseltiere werden in zwei Hälften geteilt und mittels einer kleinen Schwebebahn in das Kühlhaus befördert. Links, an der Seite des Schlachthauses entlang reiht sich Zelle an Zelle, in denen die Schweine geschlachtet werden. Während bei den Rindern die Bolzenpisrole als Tötungsmittel in Anwendung kommt und so Tierquälereien unmöglich «lacht, wird bei den Schweinen vorläufig noch ein großer, schwerer Hammer benutzt. Diese Schlachtart geht in der Weise vor sich, daß der betreffende Schlächter zwischen 5—6 Schweinen steht und mit dem Hammer nach dem Kopfe des Tieres zielt. Die Opfer scheinen' das Unbeil schon zu ahnen, denn ste drücken sich grunzend und schreiend zusammen, sodaß der Exekutor trotz seiner Uebung Mühe hat, eines herauszudrängen. Oftmußerauch zwei- bis dreimal schlagen, wenn er das erste Mal nicht gut trifft. Mit Grausen und Entsetzen sieht der Neuling diesem unheimlichen Wirken zu. Ueberall hört man die dumpfen, krachenden Schläge und es rieselt einem eiskalt über den Rücken. Liegt das Tier getroffen am Boden, so stößt der Schlächter in aller Gemütsruhe einen eisernen Haken in seinen Rachen, sodaß die Spitze an der Seite herausdrinat, und zieht das noch zuckende und zappelnde Opfer hinaus in den Schlachthof, wo es ein anderer sofort in Empfang nimmt. Es wäre wirklich wünschenswert, daß die pseudohumanen Schächtgegner sich zunächst einmal im eigenen Hause umsehen, um neben der Jagd und Aehnlichem auch solche Ungeheuerlichkeiten zu beseitigen, ehe sie als Lehrmeister und Zensoren gegenüber der jüdischen Humanität aufzutreten sich unterfangen. Berlin, 22. Septbr. Nach Mitteilung der „Post" hat der Kaiser aus seinem Dispositionsfonds der israelitischen Gemeinde zu Schirmeck (Reichslande) zum Bau einer kleinen Synagoge eine Beihilfe von 7000 Mk. gewährt. Posen, den 1. October. Der Bezirksausschuß hat das von den städtischen Behörden geschaffene Ortsstatut über die Sonntagsruhe einschließlich der Bestimmung zu Gunsten der Sabbath geschlossen haltenden Geschäfte soeben genehmigt. Hamburg, 2. Oktober. Die Bürgerschaft . hat in der Mädchenschulfrage beschlossen, entgegen dem Standpunkte des Senats, die zu errichtenden staatlichen höheren Mädchenschulen ohne den Unterbau einer Vorschule ins Leben treten zu lassen, um auf diese Weise das Prinzip der allgemeinen Volksschule zu retten. Da der Senat hierauf wahrscheinlich nicht eingeht, so werden wir vorerst weiter ohne staatliche Töchterschulen