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Der Israelit · 1907-10-03 · Heft 40 (3.10.1907) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 40 (3.10.1907)
Date
1907-10-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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k V.-' «eite 4. Rr. 40 mich bereit," so wird dieses Bilo ' unS erst recht ver- M, wenn wir wissen, daß es im heiligen Lande e Bäche gibt, deren Wasierstand ein niedriger ist, die aber bei starkem Regen Plötzlich anschwellen, oft 6—7 Meter hoch und die Umgegend überfluten, Schrecken und Tod verbreitend. Wenn nach dem Berichte des Buches der Richter den JSraeliten, alSSißramtt seinen 900 ersernm Streitwagen gegen fie heranzog, ein Unwetter zu Hilfe kam, so wird die Bedeutung dieser Ereignisse demjenigen einleuchten, der die Ebene, in der die Schlacht stattfand, persönlich kennen gelernt hatein lehmiger Boden bedeckt dort die Felder, der fich, wenn er dom Regen aufgewetcht wird, in einen zähen Schlamm verwandelt, in welchem Pferde und Wagen sich nur mühsam fortbewegen können und schließlich stecken bleiben. So kam das Unwetter den Israeliten mächtig zu Hilst und Sißra verließ eilig seinen Streitwagen, weil er zu Fuß leichter zu entkommen hoffte. Der weise König vergleicht (S rüche 19, 13) ein zanksüchtiges Weib mit einer beständigen Dachtraufe. Prof. Furrer glaubt dieses Bild auf folgende Art anschaulich erklären zu können. Das Dach der israelitischen Häuser bestand im Altertume aus festgkstampfter Erde, me jedoch einem langandauernden Regen nicht Stand zu halten vermochteda konnte sich denn der arme Insasse der eindringenden Feuchtigkeit ebenso wenig erwehren, wie der unglückliche Mann sich i.or der Zanksucht seiner Fm» zu retten vermag. Diese Erklärung wird vielen Mucht erscheinen. Verständlich aber wird uns in Wirklichkeit nunmehr das Wort: „Sie find wie das Gras aus den Dächern, das, ehe man es abschneidet, verdorrt, womit der Schnitter nicht seine Hand und der Garbenbinder seinen Arm nicht füllet." Auch der schöne Psalm-Bers 103)« 15- „Dev Mensch, wie Gras find seine Tage, wie die Blume des Feldes, so blüht er auf, wenn aber ein Wind über ihn hinfährt, so ist er nicht mehr und man erkennt nicht mehr seinen Ort," gewinnt eine eigenartige Beleuchtung durch die Tatsache, das; es im heiligen Lande einen von den Landleuten mit Recht gefürchteten Wind gibt, der die Saaten austrocknet und zerreibt, daß von ihnen auch nicht eine Spur mehr übrig bleibt. Freilich fehlt'es unter der Fülle von interessanten Bemerkungen auch an solchen nicht/ die wir bei aller Verehrung für den Vortragenden a's kurioS belächeln dürfen. So meinte er, von den beiden Bäumen, die in der Mitte des Paradieses standen, sei der Baum des Lebens ein männlicher Palmbaum, der bekanntlich keine Frucht trägt, der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen eine weibliche mit Früchten beladene Dattelpalme gewesenes handele fich nicht um die Erkenntnis des fittlich Guten und Bösen, sondern dessen, was körperlich fördernd oder unzuträglich sei, wofür fich der Vortragende noch auf Sam. II 19, 36 berief!! Noch interessanter und packender war der zweite Bortrag des Abends, den Prof. Dr. Steuernagel (Halle a. S.) über die Ausgrabungen des deutschen Palästina-Vereins an der Stelle des alten Megiddo, des heutigen Tel-Mutesellim, hielt. Es handelt sich um einen Hügel, der 350 Meter lang und 250 Meter breit ist. Der Bauschutt bedeckt den Felsen in einer Höhe von 10—27 Meter. Wie beim alten Troja eine Burg auf den Ruinen einer andern gebaut worden ist, so scheint es auch hier geschehen zu sein. Ruinen aus den verschiedensten Zeiten sind hier übereinander geschichtet, die zum Teil vier Jahr- Es liegt in der Natur des Menschen, daß man, sei es bewußt oder unbewußt, in d e m Lande wurzelt und den Geist des Landes empfangen hat, in dem man die Tage der Jugend und der Arbeit verlebte. M ist Sprachforschern noch heute möglich, bei den - Nachkommen derjenigen Juden, die vor Jahrhunderten aus Deutschland verdrängt worden sind, festzustellen, ob deren Vorfahren einst in Schwaben, in -er Pfalz, am Ober- oder am Niederrhein wohnten. Mag man sich noch so sehr von seinem Milieu emanzipieren, stets bleibt Muttererde kleben. Es handelt sich ja, wie Petrarca das Geburtsland nennt, um „das Nest, wo man so süß genährt wurde, das teure Vaterlano, worauf man gebaut, die gütige fromme Mutter, das' Land, das der Eltern Staub birgt". Wer ein wenig Weltgeschichte studiert hat, wird ermessen können, daß wir da natürlicherweise tausendmal und abertausendmal schon hätten zu Grunde gegangen sein müssen. Was ist es, was uns die Kraft gab allen Leiden und Schicksalsstürmen zu trotzen? Es ist die rWlY’n miD/ die uns alle verbindet, eint Mögen wir immerhin zerstreut sein an allen vier Enden der Welt, die Gesetze der min sind es, die 'unser starkes Bindemittel ausmachen. Je weniger man diese Gesetze hält, um so mehr reißt man sich los vom alten Bunde und verliert die Eigenschaft Jude zu sein. Daran ändert nichts, daß auch der vom aesetzestreuen Judentum abgefallene Jude unter Umständen an der Kolonisation Palästinas regen Anteil nimmt und auf diese Weise dazu beiträgt ein Einhpitsband um ganz Israel zu schlingen. Mit Freude läßt sich konstatieren, daß dank der Strömung, die m unseren Tagen herrscht, viele Juden, die sich sonst ihres Namens schämten, sich nunmehr aus ihr edleres Selbst besonnen haben, ihre Sprache erlernten, den Wert ihrer Gebete und Gesetze erkannten und Juden Der Israelit. tausende alt sind. Durch die Ausgrabungen wurden die Trümmer eines Palastes bloßgelegt, der aus der Zeit des Körrigs Salomon stammen dürfte, welcher nach dem Berichte des Buches der Könige einen Statthalter in Megiddo hatte. Auch zwei Totenkammern wurden entdeckt, in denen man 6 und 12 wohlerhaltene Leichen fand. Eine derselben hielt in ihren Händen mehrere prächtige Skarabäen, das sind Siegessteine, welche attägyptische Schriftzeichen trugen. Aus diesen geht hervor, daß der Tote am Hofe von Sesostris I. als Page auferzogen wurde) er ist dann, vermutlich als ägyptischer Statthalter in Megiddo gestorben, welches damals zum Pharaonenlande gehörte. Für einen besonders wertvollen und künstlerisch trefflich gearbeiteten Siegelstein boten die Amerikaner 40,000 Mark, ein Handel, auf den einzugehen den Deutschen ihre Ehrlichkeit verbot, da sie kontraktlich verpflichtet sind, alle wertvollen Altertümer dem Museum zu Konstantinopel zu überliefern. Der Stein befindet sich übrigens jetzt im Privatschatze des Sultans, wo er der wissenschaftlichen Welt entzogen ist, die sich mit photographischen Abbildungen und Gipsabdrücken begnügen muß. Merkwürdigerweise waren die Schädelknochen einiger Leichen ungewöhnlich dick. Eine Untersuchung durch Anthropologen, die jedenfalls sehr interessant gewesen wäre, konnte leider nicht vorgenommen werden, da die Knochen, sobald sie an das Tageslicht und an die Luft gebracht wurden, in Staub zerfielen. — In der Zeit der Delitzschen Bibel- Babel-Legende ist die Tatsache recht bedeutsam, daß bei jenen Ausgrabungen sich Babylonisches, Allzubabylonisches so gut wie gar nichts gefunden hat, während der Einfluß Altägyptens auf Kanaan unverkennbar ist. Der Bericht der Bibel, daß die alten Kanaaniter die Kinder ihren Götzen geopfert haben, wird durch aufgefundene Bauopfer aufs Neue bestätigt. Der Vortragende ist der Meinung, daß auch in alten jüdischen Zeiten Menschenopfer vorgekommen seien, wofür er sich seltsamerweise nach berüchtigten Mustern auf die Opferung Isaaks, die doch das Gegenteil beweist, beruft. Er mußte aber zugeben, daß Beweise für seine Theorie bei den Ausgrabungen in Megiddo nicht gefunden worden sind. — Es wäre zu wünschen, daß die Erforschung Palästinas, welche in nichtjüdischen- Kreisen so warme Förderung findet, auch in weiteren jüdischen Kreisen Interesse erweckte. in ihrem Sinne wurden. Sicherlich ist indirekt viel Gutes gewirkt worden und wird weiter Gutes bewirkt werden dadurch, daß man alle Juden ans dem weiten Erdenrund mit einer Sehnsucht, mit einer Hoffnung zu erfüllen strebt. Aber man erkenne wohl, daß alle Bedingungen einer wahren Existenz und alle Endziele unseres Volkes nur im Festhalten an. unserer mir) wurzeln. Mag es ein russischer Jude sein oder ein ungarischer, ein persischer oder ein palästinischer, mit denen ich weder Sprache noch äußere Formen des Lebens teile, sobald ich sehe, daß er die Sabbatgesetze hält, daß er sich nicht über die Speisegebote hinwegsetzt und daß er die jüdischen Keuschhertsgesetze beobachtet, sind jene Juden trotz aller Differenzierungen und Eigenarten meine lieben Brüder. Sobald ich jedoch die Wahrnehmung mache, daß jene angeblichen Juden und wären es selbst die leiblichen Brüder, vom Gesetz abgefallen sind, so sind sie, und mögen sie sich hundertmal Juden nennen, durch eine tiefe Kluft von mir geschieden, sie sind nicht meine Brüder mehr. Wohl sind wir nach Raschi, Semag, Maharil wegen Nin KE[W in ethischem Sinne verpflichtet, auch für die Wohlfahrt des vom Gesetz abgefallenen Juden zu sorgen und ihn trotz des Abfalls noch als Bruder zu betrachten. In nationalem Sinne haben wir jedoch keine Gemeinschaft mehr, ja wir stehen uns fast wre zwei Gegensätze gegenüber, denn was uns ohne Land heute zur Nation unter den Nationen macht, ist ja nur unser Religionsgesetz. Wenn wir das Band, das alle Juden des Erdenrunds umschlingt, recht festigen wollen, so können wir dies nicht besser, als indem wir uns in unser Gesetz vertiefen und es erfüllen. Auf diesem Wege werden Einheitspunkte geschaffen, welche wertvoller sind als alle anderen Bestrebungen und auch wertvoller sind __ 3. Oktober 1907 Das bayerische Judenedikt von irir and seine Revision. Von Dr. Joseph Heimberger, o.-ö. Professor der Rechte in Bon«. III. All dies drängt zu neuer Regelung. Aber in welcher Weise kann dies durchgeführt werden, ohne daß der Staat sich in innere Religions- Angelegenheiten in Sachen der Lehre und des Glaubens einmischt? Das einfachste wäre die Verwirklichung eines Vorschlags, der sich in dem oben angeführten Artikel der „Frankfurter Zeitung" findet: Die Trennung von Staat und Kirche in Bezug auf das Judentum. Den Israeliten stünde es dann frei, sich auf den Boden des allgemeinen Vereinsrechts zu kirchlichen Gemeinschaften zu organisieren, je nach Bedürfnis zu orthodoxen oder neologen. Der Verfasser des Artikels meint, daß das positive Judentum eine derartige Stellungnahme -er Regierung nur freudig begrüßen könnte, da seine Anhänger stets opferfreudig genug sein würden, um die durch die Unterhaltung der Kultuseinrichtungen bedingten Lasten zu tragen. Allein der vorgeschlagene Weg ist kaum gangbar; denn er würde eine Verfassungsänderung voraussetzen, weil nach geltendem Recht Vereinigungen zum Zwecke gemeinschaftlicher Religionsausübung nur unter den im Religionssdikt vorgeschriebenen Formen und Bedingungen zustande kommen können. (8 3 Rel. Ed.) Daß man aber in Bayern jetzt an eine so gefährliche Sache, wie es die Aenderüng des Religionsediktes sein würde, herantreten möchte, scheint mir vollständig ausgeschlossen. Ebenso würde ein anderer, am Schluffe des Artikels in den „Münchener Neuesten Nachrichten" gemachter Vorschlag eine Aenderüng des Religionsediktes verlangen. Es svird dort „als das Minimum einer der Neuzeit entsprechenden Reform die Aufhebung des unbedingten, auch keine behördlich genehmigte Ausnahme gestattenden Verbotes jeder nicht rein im Familienkreise stattfindenden gottesdienstlichen Veranstaltung außerhalb der offiziellen Gemeindesynagoge gefordert". „Diese Bestimmung des noch ganz vom Geiste der polizeilichen Bevormundung beherrschten Edikts hat heute jedenfalls keine Berechtigung mehr." Der Verfasser übersieht wohl, daß es sich hier nicht um eine Ausnahmebestimmung für die Juden handelt. Was § 25 Absatz 1, des Judenediktes sagt, ist nichts als die Anwendung eines für alle .— öffentliche wie private — Kirchengesellschaften geltenden Satzes auf die israelitische Religionsgesellschaft. Der 8 4 des Religionsedikts von 1818 (86 des Rel. Ed. von 1809) verordnet als alle angeblich charakteristisch-jüdischen Grundzüge. Das erkannten unsere Väter wohl und. darum haben sie in freudiger Begeisterung Jahrtausende hindurch Not und Tod für unsere min ertragen. Wahrlich, das ist kein Menschenwerk, sondern aus jeder Zeile spricht die Gottheit heraus, kvi na? nnvi 1 /flND iwjD nse^Di* Und auch wir wollen erkennen und beherzigen, daß die min unser Schutz ist, Richtschnur im Glück, Zuflucht in Tagen des Mißgeschicks, Hort zür Zeit unseres Lebens und Heil in der Todesstunde: sie ist es, die unseren Ruhm und unser Glück bildet für und für. (Ein Christ über de« Jomkippur.) Im Mündener Tageblatt gibt der katholische Redakteur des Blattes eine Schilderung der Empfindungen nach Gedanken, die ihm als Zuschauer einer Feier des Bersöynungstages durch die Seele gegangen sind. Wir können es uns üicht versagen, diese Aeußerungen eines Christen über unseren Jomkippur hier auszugsweise wiederzugeben —. .„Im Gotteshause herrschte tiefe feierliche Andacht. Vor dem Betpulte, das vor dem Allerheiligsten sich befindet, stand der Religionslehrer der Gemeinde um» sang die wahrhaft ergreifenden Weisen der hebräischen Gesänge, die von der Gemeinde wechselweise respondiert wurden. Die Männer standen iit den Bänken angetan mit ihren Totenhemden. Es ist eine jüdische Vorschrift, daß jeder Jude sein Sterbekleid, ein einfaches, langes Leinenhemd, schon bei Lebzeiten iit der Truhe liegen haben muß. Zweimal im Jahre zu Neujahr u!nd zum Bersöhnungsseft tritt der gläubige Jude im Sterbekleide vor seinen Gott. Daß die Juden die Kopfbedeckung im Tempel nicht abnehmen, geschieht wohl aus dem Grunde, um damit äußerlich

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