Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1907)
- Date
- 1907-10-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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3 Bltetet 2907. WMZWWWMMMWMWWffMMWWWWWMW Der Jsraektt. S\ri^r Sette S. «r. 40 daß die Angelegenheit längere Zeit gar nicht beachtet worden ist; 5. eS ist nicht richtig, daß dem Ehepaare der Rat erteilt wurde, ans dem Judentume auszutreten. Richtig ist vielmehr: 1. daß der Rechtsvertreter der beteiligten Partei- Herr Dr. Julius Knöpfmacher, drei Tage vor der Trauung alle Dokumente, einschließlich der von ihm aus eigener Initiative besorgten Dispens von dem Ehehindernisse der Schwägerschaft dem Äufgebotsamte übergeben hat; 2. daß gerade dieser Dispens bei mir, zumal bei einem hier gewiß noch nie vorgekommenen Falle, keinen anderen Gedanken aufkommen ließ, als daß die erste Gattin des Bräutigams bereits verstorben sei; 3. baß ich sofort, als mir der wahre Sach-; verhalt von einem Freunde berichtet wurde, aus eigner Initiative im Sekretariate der israel. Kultusgemeinde protokollarisch die Erklärung abgab, daß die von mir in Unkenntnis des religiösen Hindernisses vollzogene Trauung nicht giltig, ja nach Schulchan Aruch Eben Hasser, § 15, Punkt 26, als gegen ein biblisches Verbot verstoßend als nicht geschlossen zu betrachten sei; 4. daß über meine Veranlassung der beteiligten Partei, dieser Sachverhalt sofort mittelst rekommandierten Schreibens bekannt gegeben wurde; 5. daß diese Sache seither nur deshalb ruhte, weil die beteiligte Partei die Erklärung abgab, vorerst die Rückkunft ihres Rechtsvertreters abwarten zu wollen. Hochachtungsvoll Rabbiner Dr. Bach. Wien, 16. September." Diese «Richtigstellung" bestätigt, soweit Tatsachen in Betracht kommen, dasjenige, was über den auf den ersten Blick unglaublichen Füll mitgeteilt worden ist. Das genannte Blatt findet es mit Recht naiv, wenn Dr. Bach fich damit entschuldigt, daß der Dispens des Statthalters bei ihm „keinen anderen Gedanken aufkommen ließ, als daß die erste Frau des Bräutigams bereits verstorben sei." Die bona üäeo des Herrn Rabbiners in allen Ehren — als Rabbiner hatte Dr. Bach das Religionsgesetz zu wahren und irgend ein Dispens der Behörde durfte ihn nicht über das auf der Hand liegende Bedenken, daß ein niD YD'N vorliegen könne, beruhigen. Zumal ja ein solcher Dispens auch möglicherweise, wie es in der Tat hier der Fall war, sogar nach dem österreichischen Civilrecht unzulässig sein konnte. Daß die Sache zwei Monate ruhte, giebt Dr. Bach ja selbst zu. Die Begründung, man habe die Rückkunft des Rechtsvertreters des Paares abwarten wollen, ist recht verdächtig. Der ungeheuerliche Vorgang sollte offenbar einfach totgeschwiegen werden. Und es ist anzunehmen, daß, wenn die Oeffentlichkeit nicht angerusen worden wäre, der Wiener Kultusvorstand für immer über allen Wipfeln Ruh' hätte sein lassen. So allerdings mußte er sich wohl oder übel mit der Angelegenheit befassen. Er tat dies in einer geheimen Sitzung am 19. vorigen Monats, über die nicht einmal die üblichen Kommuniques zur Ausgabe gelangten. Mit gutem Grund. Denn die Beschlüsse, die hier gefaßt wurden, sind ein wahrer Hohn auf alles, was jüdische Gewissenhaftigkeit bedeutet. Während der Vorstand die Pflicht hatte, die rechtliche Ungültigkeitserklärung der Ehe herbeizuführen, — denn nach österreichischem Recht ist sie ungültig — beschloß er, die Ehe nicht mehr anzufechten. Das Vorstandsmitglied Dr. Marcus Spitzer beantragte, daß der Vorstand wenigstens sich nur durch eine Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofes zur Ausstellung eines Trauscheins zwingen lassen möge. Er fand aber kein Gehör und verließ darum die Sitzung. Der Vorstand begnügte sich mit folgenden zwei Auskunfsmitteln: 1. Die Eheleute erhalten nicht das übliche vorgedruckte Trauungsscheinformular mit dem Beisatz, daß die Ehe nach staatlichen und mosaischen Vorschriften giltig sei. Ihr Trauungsschein wird vielmehr geschrieben, und jener Beisatz wird weggelaffen. 2. Der Kultusvorstand richtet an Hrrrn Dr. S. einen Brief und teilt ihm mit, daß seine Ehe vom rituellen Standpunkt aus ungültig sei. Es wäre vor allem interessant zu erfahren, wie sich der Wiener Oberrabbiner Dr. Güdemann, der an der geheimen Sitzung teilgenommen haben soll, zu dieser Bogelstrauß-Politik stellt, die man dem bis auf die Knochen reformjüdischen Wiener Kultusvorstand schließlich kaum übelnehmen kann. : fr * Die Einnmnderuns in England. Die englische Regierung veröffentlicht neuerdings in Zwischenräumen von einigen Monaten offizielle Berichte über die Einwanderungsverhältniffe des jeweils vergangenen Jahres. Diese Berichte geben allerdings keine ein abschließendes Urteil gewährenden Daten; aber sie lassen doch erkennen, in welchen Tendenzen sich die Fluktuation der Fremdenbevölkerung ergeht. Die neuesten Zahlen, die in der jüngsten Veröffentlichung der Regierung über dieses Thema enthalten sind, zeigen, daß die fremdlängische Bevölkerung nicht nur zu, sondern sogar abgenommen hat. Der Zufluß an Einwanderern betrug während des vergangenen Jahres höchstens etwa 300. Dem steht, da die Zahl der in England wohnenden Ausländer sich im Ganzen aus ungefähr 300 000 beläuft, ein Abgang durch Tod von etwa 4500 Ausländern gegenüber. Es muß nun betont werden,, daß oieser Status nicht etwa aus dem Fremdengesetz resultiert. Denn dessen Bestimmungen würden, wenn sonst ein größerer Auswandererzufluß sich nach England ergießen wollte, doch nur einen geringen Teil desselben zurückhalten können. Die Ursache liegt vielmehr darin, daß die aus dem Osten kommenden Emigranten jetzt noch mehr als früher von vornherein Amerika als AuswanderungsziÄ im Auge haben. Die ro. Jahresversammlung des deutschen Palästina-Uereins in Basel. Bon Rabbiner Dr. A. Cohn in Basel. Im Zusamknenhange mit dem Kongreß der deutschen Philologen und Schulmänner, der vom 23. bis 28. September in Basel tagte, fand am 25. September in der Rebläutenzunft die überaus zahlreich besuchte Festverfammlung des deutschen Palästina-Vereins statt, zu welchem Prof, von Orelli alle sich dafür interessierenden Kreise Basels besonders eingeladen hatte. Prof. Dr. Kautzsch-Halle, der Verfasser der bekannten hebräischen Grammatik, eröffnete die Versammlung mit einem geschichtlichen Rückblick. Bor 30 Jahren ist der Verein, der längst ein Bedürfnis gewesen, durch Rektor Zimmermann und Prof. Socin, die beide nicht mehr dem Reich der Lebenden angehören, in Basel gegründet worden. Der Verein hat durch seine Forschungen, die in seinen periodisch erscheinenden Publikationen niedergelegt sind, unendlich viel zur Erforschung des heiligen Landes und besonders der Topographie von Jerusalem bHgetragen. Ein Glanzprmkt. unter seinen Leistungen war oie Auffindung oer Siloah-Jnschrift, die aus der Zeit des Propheten Jesaja stammt. Zu denFörderern oes Vereins^hörte auch der verstorbene Generalfeldmarschall Moltke, und der deutsche Kaiser hat die Bestrebungen des Vereins gewürdigt, indem er ihm aus seiner Privatschatulle die Summe von 26/000 Mark zufließen ließ. — Hierauf hielt Prof. K. Furrer von Zürich einen hochinteressanten Vortrag über den Wert der Palästinakunde für das Verständnis der Bibel. In den heiligen Schriften, so führte der Redner aus, finden sich nicht nur zahlreiche geographische Bezeichnungen, sondern auch mannigfache Erzählungen und Bilder, die wir erst aus der Kenntnis des Landes recht begreifen und die fiir uns eine lebendige Frische gewinnen, wenn wir das Milieu, die Wirklichkeit kennen, der sie entstammt sind. Hierfür brachte der Redner zahlreiche Beispiele, von denen ich aus dem Gedächtnis nur einige zitieren will: Die helltge Schrift schreibt vor, baß bet der Errichtung der Stt tshütte ausschließlich das Holz der Akazie verwendet werden solle. Diese Vorschrift könnte auffällig erscheinen, da die Akazie durchaus nicht das beste Bauholz ist, sondern die Shkomore, Terebtnthe und andere Bäume des heiligen Landes sich als Baumaterial besser eignen; allein die Anordnung der Schrift wird uns begreiflich^ wenn wir hören, daß auf dem Sinai und in. seiner Rühe nur die Akazie gedeiht. Wenn wir in Psalm 18 B. 5 und 6 die Worte lesen: „Todeswehen drangen auf mich ein und nichts würdige Bäche schreckten mich, schon umgaben mich dir Wehe des Grabes, die Schlingen die Tooes waren für mit ihnen Berührungspunkte. Dabei hatte ich, wie man sich wohl, denken kann, merkwürdige Erlebnisse, die jedoch wegen ihrer persönl. Natur den Leser nicht sonderlich interessieren können. Auch hängen viele dieser Erlebnisse mit der für den gesetzestreuen Juden wichtigen Nahrungssorge zusammen und es muß aus die Dauer wohl unangenehm wirken, immer wieder die Cssenfrage erörtert zu sehen. Eine kleine Episode muß ich . gleichwohl zum Besten geben, weil sie mir lehrreich scheint. In K. lud mich sehr drin-' gend ein jüdisches Ehepaar zu Tische, und als ich ablehnte, meinte die Dame, bei ihr könne ich ruhig essen, sie sei eine Hamburgerin und in Hamburg sei man ja bekanntlich sehr fromm. Ich willigte ein, mitzugehen, um mir wenigstens Gier u. dyl. bereiten zu lassen. Unter keinen Umständen hätte ich Fleisch dort gegessen, da ich mich zu jener Zeit des Fleischgenusses überhaupt enthielt. Während ich nun in der Mche bin, seheich wie die Madame eben angekommenes Fleisch, statt es hsq zu machen, in den Topf wirft. Auf meine erstaunten Fragen erfuhr ich bald, daß diese Frau keine Ahnung vom Fleisch-Koschermachen hatte, einfach deshalb, wert — in Hamburg das Fleisch schon vom Metzger if^ gemacht wird. Sie erinnerte sich nun mit mapper Notdaß die Mutter ihr am Hochzeitstage gesagt habe, daß Fleisch in K. anders zu behandeln fei als in H. und daß es y* ©taube in Wasser und 1 Stunde in Salz liegen müsse, um 1EO zu sein, aber wer achtet wohl auf solche in einem Moment freudiger Aufregung erteilte Lehren. Mso, ihr jüdischen Mütter, unterrichtet eure Töchter m Den jüd. Pflichten, bevor sie ins Lüben hinaustreten, damit ihr nicht in die Lage kommt, bittere Enttäuschungen zu erleben! MM '4a den Ländern des Orients muß man mft-WM ARMMmMn Jud«chaß Bekanntschaft machen. Nicht nur gesittet sein wollende Europäer beleidigen uns, auch elende Somalijungen wagen unsere Brüder zu mißhandeln und „ente Jahudi“ (Du Jude!) ist eins der ärgsten Schimpfworts, welches der Eseljunge seinem Gel gegenüber gebraucht. Mag es nun in Marokko, Algier, Tunis, oder Persien, mag es in Rußland oder gar in Deutschland sein, überall kann man konstatieren, daß der Jude in bemitleidenswerter Stellung ist, überall ist der Jude geknechtet, in jedem Lande nach seiner besonderen Art. 'Ja, auch in Deutschland hat der Antisemitismus es durchgesetzt, daß die deutschen Bürger unseres Glaubens in ihren bürgerlichen Rechten arg verkürzt worden sind. Und will man etwa einwenden, daß in verschiedenen Ländern wie Italien, Frankreich, Holland, England oder gar Amerika der Jude wahrhafte Gleichberechtigung genieße, so muß ich demgegenüber behaupten, daß dies nur sehr relativ der Fall ist, denn die Juden vieler Länder, iw denen die angebliche Gleichheit herrscht, stehen mehr oder minder unter k er Last des Fluches: „ihr werdet untergehen unter den Völkern", d. h. jüdischer Geist wird ganz bei euch geschwunden sein, ihr werdet ganz so fein wie die anderen Völker und von diesen aufgesogen werden. Geheimes Grauen überkommt uns, wenn wir lesen was Yd niDO der große 21 in Bezug auf diesen Bers sagt: alp W1D ÄOYJflDD Dl ID# »ich fürchte mich sehr vor Erfüllung dieses Versess". Was will es heißen, daß der Körper geknechtet ist, solange der Geist noch frei ist nichts verloren. Aber wenn der Geist in Hochmut nichts mehr wissen will von den Lehren des Judentums, wenn der Mische Geist sich immer mehr verliert, dann ist die Strafe weit furchtbarer als sonst irgend eine. Gern ertrchgt Israel des Leibes Fessel, „mernett Rücken bot ich lmr den Schlägen", (Jes, 50.6) mm nur der Seist frei' Bfte*. Die Feinde sprechen, wir wollen deinen Geist, deine Seele knechten: „Beuge dich, daß wir über dich wegschreiten", (Jes. 51, 23), wir wollen über dich zur Tagesordnung schreiten. „Da machtest du deinen Körper gleich der Erde, der Straße gleich für Vorübergehende". Du zogst vor, Israel, deinen Körper zn beugen, nimmermehr aber beugtest du den Geist, dein Geist blieb frei jtnb ungebeugt. Bedauernswert sind die Juden jener Länder, in denen noch heute der Antisemitismus Früchte zeitigen kann, bedauernswerter jedoch sind die, in deren Landern allerdings wahre Toleranz herrscht, wo aber unter der Sonne der Rechtsgleichheit alles spezifisch jüdische Geistesleben dahingegangen ist. Bei ersteren führt das antisemitische Wirken roher Kräfte dazu, daß das Solidaritätsgefühl der um ihres Glaubens willen Allgegriffenen sich geltend macht und man sich immer fester uni den Glauben der Väter schart, bei letzteren artet die Freiheit zumeist in llebermut aus, sodaß ein Judentum gezeitigt wird, dem nichts mehr heilig ist und das letzten Endes sich selbst verzehrt. Wir sind eben noch immer im Golus und nur auf fernen Bergesspitzen zeigt sich das erste Morgenrot der Hoffnung. „Und der Ewige wird dich unter alle Völker von einem Ende der Erde bis zum anderen zerstreuen". (□'»'■Ql 28, 64). So ist es uns prophezeit worden und so ist es in Erfüllung gegangen, und uns bleibt nur übrig zu bitten, „Gott möge uns sanrmeln von den vier Enden der Erde", Gott möge uns Einheitspunkte geben, daß wir nicht vollends zu Grunde gehen und nicht weiter Verheerung anrichte der Fluch: „ihr werdet untergehen unter den Bollern, und verehren wird euch das Land eurer Feinde. Man bedenke recht, was es bedeuten will, unter allen Böllern der Welt zerstreut zu sein. Wer dies richtig ermißt, wird die Größe der Gefahr erkennen müssen.