Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1907)
- Date
- 1907-10-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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m RMame, MÄ einem Schlaue gepxggt Werden müssen,- dieses ist aber nur möglich, weM beide Matrizen nuf sie einwtrken, die negative des Pessimismus und die positive eines anderweitig zu begründenden ethischen Prinzips." Dieses andere ethische Prinzip, einen Lebensinhalt, der egoistischer Antriebe entbehren kann, hat Gott seinem Volke ges chenkt und es also „durch die Fülle der Thora und Mizwoth" vor dem Weltschmerz gerettet. Juden, wahre von chrem Judentum durchdrungene Juden haben ein Höheziel ihres Weges, das sie derart als alleiniges Ziel betrachten, daß die Dornen auf dem Wege chnen nichts anhaben können. Es handelt sich gar nicht darum etwas zu erreichen/ sondern nur etwas nach besten Kräften zu wollen. Wenn der moderne Apostel deS Pessimismus meint, daß nur für Momente eine „Entselbstung" uns den Leiden des Daseins entrücken könne, so ist für den jüdischen Menschen diese „Entselbstung" durch's ganze Leben dauernd. Die min, die er lernt, die njlltv, die er übt, und die rvnsy, die er meidet, sie alle haben nichts mit dem Diktate seiner eigenen Brust zu tun. Bon roJ1pn gereicht sind sie der Zauberstab, der dem Dasein Wert und Bedeutung giebt. Für die ihrer Ideale beraubte Menschheit wollen wir -daher unser Ideal hüten, es pflegen und also Wahrheit den k2"V ßleist mitnehmen in die ^fgroe: durch Lernen hn den langen Winternächten, durch Verwerten des Gelernten im sieben beweisen, welch hohe Wahrheit es uns ist, wenn wir am Abend des v"i' WXID sprachen und jeden Abend sprechen “ijn tbtyb imm 71212 lro* -piKi irTi on '2 8. E. Kochemw-schav. Kongresse. Es giebt kaum ein auffallenderes Zeichen für die zunehmende „Vergeistigung" unseres politischen Lebens als die unheimlich anschwellende Zahl von Kongressen, die sich von Jahr zu Jahr über das unglückliche Haupt des Zeitungslesers ergießen. In jedem Kongresse, und diente er auch ausschließlich materiellen, wirtschaftlichen Interessen, kommt doch die Erhebung des Einzelnen über sÄn kleines Selbst, aerstiger Gesamtgrößen zu erhebendem Ausdruck, und das mag dem auf den sittlichen. Fortschritt der Menschheit harrenden Juden ein Trost sein, wenn diese Kongresse auch mancherlei Unerfreuliches zeitigen. Ueber den an sich überaus sympathischen internationalen Kongreß für Sonntagsfeier fiuden unsre Leser an anderer Stelle einen ausführlichen Bericht, dem wir nur hinzuzufügen haben, daß gerade die kirchlichen Streife den berechtigten Forderungen der gesetzestreuen Juden am meisten Verständnis entgegengebracht zu haben scheinen. Das sollte nicht vergessen werden. Durchaus nicht ohne Bedeutung sind von unsrem Standpunkte aus auch die Verhandlungen des Verbandes fortschrittlicher Frauen vereine, die sich ebenfalls in Frankfurt a. M. abgespielt haben. Zwar ist dieser Verband selbst — das enfant ternble der Frauenbewegung — durch seinen Anschluß an den allgemeinen Bund von der Bildfläche verschwunden, aber der Geist der törichten Jungfrauen, der sich am Geiste der Fräulein Stöcker entzündet, wird, so fürchten wir, gerade in den beweglichen und für alles Ethos besonders empfänglichen Gemütern jüdischer Mädchen und Frauen noch manche Verwirrung anrichten. Was die Frauenbewegung an sozialem ^Fortschritt gezeitigt hat, wird kein denkender gesetzestreuer Jude ohne tiefe Befriedigung begrüßen,- mehr als man glaubt, ist die Aufrechterhaltung des Vn nvw-Jdeals, des Ideals vom schaffenden, rüstig arbeitenden Weibe nach der völligen Revolution des Einzelhaushaltes heute von der Möglichkeit beruflicher Betätigung abhängig. Auch der Trieb nach höherer wissenschaftlicher Arbeit ist eine mit Notwendigkeit in die Erscheinung tretende Folge unsrer ganzen kulturellen Entwicklung, den man — selbst wenn man ihn vom biologischen Standpunkt für eine schwere Gefahr anfieht — nicht hemmen, sondern nur individualisierend in rechte Bahnen lenken kann. Wenn aber, wie auf dem Frankfurter Kongresse mit allen Mitteln oberflächlicher Sophistik die heiligste und höchste Betätigung freier menschlicher Sittlichkeit, wie sie in der Ehe sich vollzieht, verleumdet und beschmutzt und als Ersatz dafür Aeußerungen menschlichen Trieblebens zur Würde „überlegter Handlungen" empordeklamiert werden, wenn der verfeinerte, Egoismus zum sittlichen Prinzip erhoben und der längst überwundene alte Malthus diesem Egoismus zuliebe wieder neu aufgeputzt wird, dann glaube man ja nicht, daß dies ein ungefährliches Be- Annep, daß der Beifall, den Me Menge den deklamierenden Damen spendet, ohne Belang für die „Gesellschaft" sei. Nirgends ist die Sucht, mit der „neuesten" Bildung gerüstet so sein, so verbreitet wie in jüdischen Kreisen, und selbst in gesetzestreuen Häusern fehlt es oft an dem Mute der Bescheidenheit, der aus dem Umkreis der eigenen Bildung das Unharmonische, handgreiflich Unjüdische fernzuhalten versteht, ohne sich erst auf eine dialektische Auseinandersetzung mit den modernen Sophisten einzutaffen. Dieser Mut der Bescheidenheit wächst nur auf dem Boden eines spezifisch gesetzestreuen d. h. altjüdischen Selbstbewußtseins, das mit nüchterner Skepsis den wechselnden „Ergebnissen" der Tageswiffenschaft, mit liebendem Vertrauen aber den bewährten geistigen Schätzen der Vergangenheit gegenübersteht. In diesem Zusammenhang sei auch noch der in Basel stattgehabten 4Ö. Versammlung der deutsch en Philologen und Schulmänner gedacht, die sich eingehend mit der Methodik des Hochschulunterrichts befaßte. Prüf. Grüner aus Bern äußerte sich bei dieser Ge» legenheit in scharfen Worten gegen die oberflächliche Art, womit vielfach „Theorien, Hypothesen und Tatsachen im physikalischen (Hochschul-) Unterricht miteinander vermengt werden, und verlangte, daß zwar Theorie, Hypothese und Empirie ineinander greifen sollten, jedoch scharf aWeinander gehalten werden müßten." Was Prof. Grüner hier für sein eigenes Fach, die Physik, ausführt, gilt für eine ganze Reihe von sozusagen wissenschaftlichen Lehren und Lehrgebäuden die nicht nur von den Kathedern der Hochschulen, sondern vor allem auch in der populären Fachpresse und in den Tageszeitungen Tag für Tag einem gläubigen Volre verkündet werden. * * * Das wiener Attentat. Wir haben in der vorigen Nummer mitgeteilt, daß der Wiener Rabbiner Dr. Bach einen Dr. S. mit der Schwester seiner geschiedenen, aber noch lebenden Frau getraut, also eine durch die Thora mit rro bedrohte Ehe „eingesegnet" hat. Zu diesem Vorgang sendet nun Herr Dr. Bach der Wiener Nationalzeitung folgende „Richtigstellung." „. ... 1. Es ist nicht richtig, daß ich Herrn Dr. S. den Rat erteilte, sich von der Statthalterei die Dispens von der Schwägerschaft zu verschaffen; 2. es ist nicht richtig, daß ich von dem der Eheschließung entgegenstehenden Hindernisse vor der Trauung Kenntnis hatte; 3. es ist nicht richtig, daß mich das Matrikelamt der israel. Kultusgemeinde aufmerksam machte, daß bei dieser vollzogenen Trauung ein Verstoß gegen das jüdische Ehegesetz vorliege; 4. es ist nicht richtig, leines Feuilleton. vrr Berditscbewer Rabbi. Bon Martin Emmerich. r Der „Berdtsckewer Raw" ist unter dm Judm Osteuropas berühmt durch seine große Frömmigkeit, Klugheit und Milde. Er lebte zu Beginn des vorigen Jahrhunderts und genoß durch seine Thorakenrünis, seinen gottgefälligen LebmSwcmdel feine Menschenliebe und Herzensgute große Bekehrung. Er besaß die Gabe eindringlicher volkstümlicher Beredsamkeit, die durch eine naive, zum Teil sogar drastische Art, welche ihr eignete, überaus anziehend in» originell war. Zahlreich stnd die geistreichen und witzigen „Wörtchen", die in seinem Namen überliefert find und von Mund zu Munde gehm. Biele Züge aus feinem Lebm werden berichtet, die ihn als einen Mann charakterisieren, der Welt und Lebm kannte, der nicht wpfhängerisch durchs Dasein zog, sondern echte jüdische Geelmheiterkeit, LmmSmut und Frohsinn besaß und zu verbrettm suchte. Bon seiner Schlagferttgkeit und seiner Menschenkenntnis erzählt man sich viel Unterhaltsames und Belehrendes. Ich will in Folgendem eine kleine Geschichte erzählen, die über ihn berichtet wird, welche von der originellen Art seines Wirkens Zmgnis ablegt und aus der man auch für die Gegenwart etwas lernm kann: Der Berbitschewer Rabbi befand fich einst auf der Reise. Er kam in ein entlegenes Dorf, in welchem nur wmige Judm lebten und kehrte dort in ein Wirtshaus ein, um kurze Rast zu halten. Niemand kannte ihn. @ttl setzte er sich in eine Ecke und war eben im Begriffe ein ftommes Buch auS seiner Tasche hervorzuholm, um die Muße mit Lernen auszufüüm, als einer der jüdischen Dorfbewohner in die Stube trat, auf den Rabbi zukam und sagte: „Nicht wahr, Ihr seid ein Schocket? ' Der Rabbi sah ihn an und ftagte: „Warum wollt Ihr das wissen?" Der Mann erwiderte: „Ich bin Fleischer und muß jetzt ein Rind schlachten lassen. Ich habe den Schochet, welcher in der Stadt, zwei Meilen von unserem Dorfe entfernt wohnt, bestellt. Aber eS scheint, daß er unterwegs aufgehalten wurde. Wer weiß, wann er eintrifft? Ich mag nicht so lange warten, denn ich habe Eue. Ich muß noch heute öaS Fleifck nach der Stadt zu Markte schaffen. Und weil ich mir sofort dachte, als ich Euch sah, daß Ihr ein Schochet seid, so frage ich Euch, ob Ihr mir aus der Verlegenheit helfen und das Rind schlachten wollt. Ihr bekommt dafür zwei Gulden." Der Rabbi besann sich einen Augenblick und sagte: „Nun, ich will Euch gern den Gefallen erweisen. Aber ich habe vorher noch eine Bitte an Euch zu richten. Auch ich befinde mich in großer Verlegenheit. Ich brauche notwendig fünfzig Gulden, die ich heute noch wegschtcken muß. 'Seid so gut und borat mir fünfzig Gulden. In spätestens acht Tagen sollt Ihr ste wieder haben. Glaubt mir, ich bin ein ehrlicher Mann! WaS ich verbreche, das halte ich. Ick werde Euch nicht täuschen. Ich stelle Euch einen Schuldschein aus und verpflichte mich, die Summe in acht Tagen zurückzuschicken. Ihr braucht gar kein Mißtrauen zu hegen. Wollt Ihr mir dm Gefallen erweisen' und mir das Geld auf die kurze Zeit borgen?" Der Fleischer hatte erstaunt zugehört. Sein GefichtSausdruck wurde, während der Rabbi sprach, immer verblüffter. Dann sprang er erregt auf und sagte: „Ihr seid wohl nicht recht gescheckt? Ich soll einem wildfremden Menschen, den ich nicht kmne und dm ich heute zum ersten Male sehe, fünfzig Gulden borgen! Wer gibt mir denn die Bürgschaft, daß Ihr ehrlich seid? Wie könnt Ihr es wagm, ein solches Anfinnen an mich zu stellen?" Still lächelnd saß der Rabbi da. Und als der Fleischer geendet hatte, sagte er: „Also für fünfzig Guldm bin ich Euch nicht zuverlässig genug, weil ich Euch unbekannt bin? Aber um ein heiliges GotteSgesetz auszuübm, zu welchem ein besonderes Vertrauen, eine besondere Frömmigkeit und GesetzeSkenntniS gehört, war ich, der Fremde, Unbekannte, zu erläifig genug? Und wmn Ihr nun an einen schlechten Menschen geratm wäret, der um der zwei Guldm willen, die Ihr ihm botet, Eurem Ansuchen entsprochen und, ohne zur Ausübung des heiligen Gebotes befähigt zu fein, daS Tier geschlachtet, untersucht und für koscher erklärt hätte, so baß Ihr dadurch Israeliten, an die Ihr daS Fleisch verkauftet, verleitet hättet, etwas zu genießen, was nach dem GotteSgesetz nicht genossen werden darf, meint Ihr, baß Ihr dadurch keme Sünde begangm hättet? Glaubt Ihr, daß die Beachtung und Heilighaltung der Thora nicht wertvoller sei als fünfzig Guldm?" Darauf gab stch der Rabbi ihm zu erkennm und ermahnte ihn, in Zukunft sorgsamer und vorsichtiger zu sein und aus dem, was er gehört, eine Lehre zu ziehen. Ob die Lehre nicht auch für die G egenwart beherzigenswert ist? Beobachtungen « Betrachtungen auf einer MItreire. Von Dr. M. «. (Schluß.) Auf meinen Reisen war ich wohl kaum in einem Lande, in dem ich nicht auch Glaubensgenossen angetroffen hätte, und wo es' irgend ging, suchte ich