Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1907)
- Date
- 1907-10-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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BWWWW«O»?-. V9anMttvf a m artM 3. Oktober 1907 Sranhfurf a. M.. 0en 25. Tlfdul 5668 Ausgabe Mk. 1.50 vrerteljShrlich. HestauSgabe auf SunMruckpapier Ml. 3. vierteljLLüich. Mchemt!«m : OeKerreiH'Uv^gtu 8 Lp., Rußland l Rab« England 2 bL, Amerika 50 cts., Niederlande 1^0 fl.) Abonnements bei allen Postimstaltm, Lvchh rabe nui dmckc. Inserate r 30 Pfennige für die fechSgespaltrne Toloncl-Aerle; Rabatt »ach Tarif. Jnseratenamuchme Uwe durch Ha äsen «rdedition, HestauSgabe mit Bei de« «. BaftsP MmSftrrt a. D. und deren Filialen, «mb bsteu Olliake« iu^D«i»Sk> SkdSberrog Triedricl) von Baden. Eine köstliche Frucht hat der Tod in diesen Tagen vom Baume der Menschheit gebrochen. Großherzog Friedrich von Baden ist am vergangenen Sabbath im 82. Lebensjahre zu seinen Vätern berufen worden. Tiefes Weh. durchzuckte die Herzen /einer Landeskinder, als die Kunde kam, daß auf Schloß Mainau die Flagge auf Halbmast niedergegangen sei. Und mit dem 1 badischen Volk trauert ganz Deutschland um den Verlust des edlen Monarchen, beklagt eine Welt den Hod des Mannes, dessen ideale Herrschergestalt Europens Fürsten als glänzendes Beispiel voranleuchtete. Es weint die Welt, und sollten wir nicht weinen? Wenn überall nur Liebe und Verehrung aus den Stimmen spricht, die Großherzog Friedrichs Charakterbild zu würdig«! suchen, wenn der Parteien schärfster Kampf verstummt vor der erhabenen Gestalt dieses wahrhaft hachgefürsteteu Toten, müssen wir Juden nicht doppelte Wucht des Schmerzes darob empfinden, doiß'ber trotz seines hohen Alters ,noch./rüstig, fchMqnde Herrscher uns entrissen ^vurde?Sindivrr doch durch doppeltes Band sein gottbegnadetes Leben und Wirken gestanden! Ist uns doch die Verwirklichung dieser Ideen nicht nur Pflicht und Ziel, sondern auch der Inhalt der Hoffnungen, mit denen wir einst Menschenrecht erwartend vor die Lenker der Staaten hingetreten sind! Großherzog Friedrich hat diese Hoffnungen seiner jüdischen Landeskinder nicht getäuscht. Fast ein halbes Jahrhundert ist schon verstrichen, seitdem unter seiner Regierung in Baden die volle Gleichberechtigung aller Staatsbürger * ausgesprochen und bis auf wenige Ausnahmen durchgeführt wurde. Es muß — so wenig Wert grade wir auf die äußeren Würden und Ehren der Staatsgewalt legen — doch als ein bedeutungsvolles Symptom unvergessen bleiben, daß in Baden, wie in keinem änderen deutschen Staate, viele Jahre hindurch ein Ministerium von einem Juden geleitet wurde, der die Gunst seines Herrn in so hohem Maße besaß/ daß keine der ihm feindlichen Strömungen ihm etwas anhaben konnte. Mit welchem Edelmut der verewigte Herrscher den Bekennern des Judentums sein Interesse widmete, davon legt auch sein wohlwollendes Verhalten gegenüber dem Zionismus, das er wiederholt zum Ausdruck gebracht hat, ein schönes Zeugnis ab. Wie man auch zur zionistischen Bewegung stehen mag, das Verständnis, das ihr dieser christliche Fürst zuteil werden ließ, ist ein bleibendes Denkmal seiner hohen Humanität, doppelt preisenswert, wo ein national-politischer Irrtum so menschlich begreiflich gewesen wäre und so teichr zu einer ungerechten Beurteilung hätte führen können. Großherzog Friedrich kanme kein Vorurteil gegen Juden und Judentum, er bekundete seinen jüdischen Landeskindern dieselbe väterliche Güte und Fürsorge, wie allen anderen Bürgern des Staates. Und wenn überhaupt ein Fürst selten so tief von seinem Volk betrauert wurde, wie Großherzog Friedrich, so ist es begreiflich, daß der badischen Judenheit sein Tod eine besonders tiefe Wunde geschlagen hat. Der Name Friedrich von Baden wird auch auf den Blättern der jüdischen Geschichte für alle Zeiten in goldenen Lettern leuchten. £ Die ileberwindnng des Pessimismus im jttdentum. Seitdem die Paradiesespforten sich hinter dem ersten Menschenpaar geschlossen, hat es gewiß noch nie eine Zeit gegeben, in der die Menschen sich glücklich, d. h. zufrieden fühlten, aber wohl noch keine Zeit hat so sehr wie die unsere das Bewußtsein ihrer Unzufriedenheit gehabt. Zu keiner Zeit war jene Gruppe von Gedanken- und Gefühlsinhalten, deren Summe man als Weltschmerz bezeichnet, so tief in die weitesten Volksschichten hmeingedrungen wie in der unfern. Keineswegs ist — wie wohl gesagt wird — die populäre und geistreich-aphoristische Sprache, welche der Philosoph des Pessimismus sprach, die Ursache, daß seine Anschauung so populär wurde. Philosophische Doktrinen laffen die große Masse kalt, wenn nicht das Lehen oen Kommentar dazu giebt. Da aber, wo das Leben spricht, versteht auch der nicht philosophisch Geschulte die Deutung. Man pflegt wohl auch den sozialen Druck, die ungleiche Verteilung der materiellen Güter für die Unlust der Menschen am Dasein verantwortlich zu machen. Aber die Tatsachen bekunden das Gegenteil. Jn/ den Prunkgemächern der Reichen herrscht das /unheimliche Gespenst der Blasiertheit, des Lebensüberdrusses; die vom Schicksal Enterbten hingegen klammern sich mit zäher Festigkeit an ihr armseliges Dasein und scheuen keine Mühsal, um eben dieses ihr Dasein fristen zu können. Wollen wir die wahren Wurzeln des modernen Weltschmerzes erkennen, so giebt's vielleicht keine bessere Zeit dazu als einen 21k2 OV ^tttklö, und gar einen min nnöttf '«210. Gestehen wirs' uns nur ruhig ein, etwas Weltschmerz empfinden wir alle, wenn die rDID ausgeräumt wird und wir von den lichtumflossenen ''»VH-Tagen und ihrem so einzigartigen Stufengang von rown zu nn^D und nnDBf uns verabschieden müssen und wiederum eintreten in den Kreis der alltäglichen Prosa. Dann überkommt uns ein Heim-, weh nach dem entschwundenen 2iv ülv Düsses Weh ist wie jede Trübseligkeit sicherlich nicht jüdisch, Tön nntfö 27 31D Ein gutes Herz hat immer Feiertag, auch wenn uns der im Kalender verläßt. Aber dieser Jdealzustand ist eben ein — nur von sehr wenigen erreichtes —- Ideal. Es hat dieser Schlußsatz des ü”n mir? — Tön nn»D 27 210 — den Ansangssatz Tön Tai1? /m\ •WV zur Voraussetzung. Wer im alltäglichen Leben nichts Anderes steht als das willkommene Betätigungsgebiet für die in den Ruhestunden des t3//Tl gefaßten Vorsätze und Entschlüsse, der freilich wird keinen Trennungsschmerz vom D'T kennen, er nimmt das Fest mit hinaus in die festhsse Zeitzdas DMer. MKL Wochenlebens wird durchstrahlt von der Lichtspende des ö"l\ Wer von uns vermöchte aber von sich behaupten, daß er für seinen Teil schon diese Kluft überbrückt habe zwischen tt'T und an liDK, schon im Dahinleben nichts anderes betätigt als r^i'-Streben? Daher das Weh beim Scheiden des ö"i\ Daher aber auch das noch viel größere Weh, welches die Menschen unserer Zeit erleiden. Sie fühlen, wie ihr Dasein an und für sich noch nicht Selbstzweck sein kann, sie lechzen nach einem höheren Inhalte ihres Tuns und Lassens, diesen Inhalt aberfinden sie nicht. Solange Menschen und Völker etwas für sich erstreben, solange sie noch glauben etwas für sich erreichen zu. müssen, ist eben dieses S t re b e n das Idealisierende ihres Daseins. Wenn aber einmal die Wahrheit sich Bahn gebrochen, daß alle egoistische Willensbefriedigung mit Nichten glücklich mache,vielmehrnur unzufriedener, wennerst einmal erkannt ist, daß 1T2 initen 'AM no oik pa dann stehen nur noch^zwei Wege offen, entweder ein Hadern mit dem Dasein, oder aber der endgültige freudige Verzicht auf egoistische Betätigung. Oder wie sich E. v. Hartmann ausdrückt: „Die negative Selbstverleugnung und die positive S