Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1907-09-19 · Heft 39 (19.9.1907) · page 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 39 (19.9.1907)
Date
1907-09-19
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449244-2449284--63822-3519952
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Ro. 39. «ette LS. DSk J-MM. Wirksamkeit und welch' herrliche Wirksamkeit der Frau. Die sozialen Verhältnisse der Kulturwelt stellen wohl an viele Frauen die gebieterische Anforderung aus der Zurückgezogenheit des Hauses hervorzutreten, die Notwendigkeit zwingt sie zum harten Kampfe ums Dasein, der Wetteifer mit dem Manne läßt in ihnen Eigenschaften reifen, die sonst dem Frauencharakter fern lagen, neben Auswüchsen, wie sie die Verhältnisse nun einmal mit sich bringen, manche große und bewundernswerte Eigenschaften — aber dennoch, „ihre größte Herrlichkeit zeigt die Königstochter im Innern des Hauses." Gerade die jetzige Festeszeit weist uns deutlich auf die hehre Aufgabe der jüdischen Frau, die Freude, die echte jüdische Lebensfreude, die nnettf hochzuhalten, zu fördern. Die strengen Pflichten, die die Thora dem Manne auserlegt, treten zurück vor der größten, heiligsten der Frau : Seele des Hauses zu sein. Die Sorge, daß im Haushalt alles nach den Gesetzen unserer'heiligen Lehren geschieht, ist für sie wichtiger als der Besuch der Synagoge an Feiertagen, ja als die Gebete überhaupt. Und hat sie das Glück Mutter zu sein, dann liegt ihre herrlichste Lobpreisung Gottes darin, daß der kleine Mund, des Kindes, der die Worte vielleicht nur lallen kann, abends bittet: „Mama, Sch'ma sagen!" Ich kannte einen zweijährigen Jungen, bei dem nn« J1-Q die innigste Bitte war, die Bitte war allerdings nicht immer an den allmächtigen Spender aller Gaben gerichtet, sondern an den jeweiligen Vermittler der erwünschten Köstlichkeit. Sie war keine sogenannte bedeutende Frau, die Mutter dieses Kindes, die Weltliteratur hat kein Zeugnis ihrer Hand, in einem Konversationslexikon sucht man vergeblich ihren Namen, aber vielleicht leistet sie mehr als manche Berühmtheit. Dauernder als Erz ist das Samenkorn, das sie in Kinderherzen gelegt hat. Wenn sie am Ausgange des Versöhnungstages, nachdem sich die Familie körperlich erholt von den Strapazen jenes herrlichen Tages, die Kinder um sich versammelt, dann war Jomtauw unter Groß und Klein.. „Kinder, holt Euch Lulowblätter, kommt, Ihr Mädchen, das ist Euere niXD schöne Ringe zum Schmuck der Lulowim zu machen." Bald entstanden unter Lachen und Scherzen die zierlichen Flechtwerke. Da war ein fröhliches Wetteifern. Es fehlte aber auch nicht an ernsten Unterhaltungen dabei, die Gebete des Bersöhnungstages gehen auch an jungen Gemütern nicht spurlos vorüber, und die Mutter hatte genug zu antworten auf all' die Fragen über die Herrlichkeiten des hohenpriesterlichen Dienstes am Jom Kippur oder über die Brüder der Helden, die unter der Rämerherrschaft ein schreckliches Ende fanden zur Heiligung des göttlichen Namens. Die Schrecken des Todes schwanden aber, wenn die Mütter dem Kinde leuchtenden Auges den moralischen Sieg der Märtyrer schilderte, deren Todesqualen in Tausenden den Mut zur Nachahmung weckte, Und-wenn bann die gütige Frau den atemlos Lauschenden weiter erzählte, wie bei* den Judenverfolgungen zur Zeit der Kreuzzüge selbst zarte Kinder lieber den Tod erlitten als ihrem Glauben. untreu wurden, da gab es in manchem Kinderherzen ein stilles Gelübde nie von Gott und seinen Geboten abzulaffen. Sie hat es erreicht, die unberühmte, ungelehrte Frau, längst sind die Kleinen zu Männern und Frauen herangewachsen, die das, was sie von der Mutter empfingen, weiter in die Welt hinausgetragen haben. — Selbst 12I2 min TioVn, diese wichtige Pflicht des jüdischen Mannes existiert ja nicht für die jüdische Frau. Aber das liegt ihr ob: von Jugend auf den Kindern die Wichtigkeit des Lernens einzuprägen. Es gehört, ja zur Würze der jüdischen Tafel, daß „Thora" am Tische gesprochen wird, bald ist es ein Midrasch, der auch den Kleinen verständlich ist, bald ist es aber auch einmal etwas Schwieriges, und da muß die Mutter es verstehen mit „Kinder, es wird gelernt" auch das lebhafteste Plappermäulchen zur Ruhe zu bringen, auch das eifrigste Leckermäulchen von der Wichtigkeit der Sache zu durchdringen, daß kein sehnsüchtiges Wort nach dem Pudding oder der Torte laut wird. Sehen es die Kleinen so vor sich, dann find sie später stolz und glücklich, mit-„lernen" zu können, oder später als Gattinen tief bewegt, wenn am eigenen Tisch „Thora" gesagt wird. So ist eine jede JomtauwMahlzeit am echten jüdischen Tische eine mxo bv n-nyD, ein Bild des jüdischen Lebens, das ja Lebensfreude will, Lebensfreude als Gottesdienst, weil in der Freude der Dank liegt gegen den, der sie uns gegeben, der uns durch seine Gebote geheiligt hat." So vorbereitet ist auch den Kindern der Sinn desrnin nnötf klar/ es ist ihnen nicht nur der Tag, an dem man in Schul nach Herzenslust Raoau machen darf, an dem man sogar in Schul Konfekt bekommt, bekannt, sondern frohen Herzens übt auch der kleine Junge die minn nzro, damit er auch wohl bestehen kann, wenn er zur heiligen Thoravorlesung mit den andern Kindern „aufgerufen" wird. Und auch die kleinen Mädchen gehen nicht leer aus, am min nnvV dürfen sie ja auch in die Männerschule und mit ihren Fahnen beim Umzuge der Thorarollen folgen. „Aber Kinder, sehr brav und ruhig sein und schön aufpassen," sagte nochmals die Mutter. Und wenn dann die Kinder ihre Eindrücke austauschen, dann bleibt doch immer das Schönste : „als wir aufgerufen wurden." Bleibe es dir für das Leben so, kleiner Mann, sei es stets deine Freude zu miss zugelassen zu werden, und es stehe dir dabei zur Seite „die Krone ihres Gatten." kxegetkcde Miscellen. Traktat Sukkoh 45s. Im vierten Abschnitt des Traktates HDD Mischnah V, wird erzählt von den festlichen Veranstaltungen, die im Tempel in den Sukkothtagen getroffen wurden. Große Bachweidenzweige hat man um den Altar gestellt. Sie waren so groß, daß ihre Spitzen über die Altarhöhe reichten und die Köpfe sogar noch zu dem Altar herunterhingen. Und wenn man sie dort hingeftellt hatte, dann blies man auf dem Schofar Tekioh, Teruoh, Tekioh.' Alltäglich während des Sukkothfestes umzog man in feierlichem Zug den Altar einmal und sprach dabei den Psalmvers 118,25: „Gott, hilf doch, Gott schenke Gelingen." Rabbi Jehuda meinte, man habe gesagt «: nynsnn irri m Am letzten Tage öes Sukkothfestes (mn najwin) umzog man den Altar siebenmal, und wenn man wegging, sprach man „Schönheit dir, Altar/ Schönheit dir, Altar." Rabbi Elieser sagt, man habe gesungen: „Gott und dir Altar/ Gott und dir, Altar." 'Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß sowohl die Ausdrucksweise „Schönheit dir, Altar", als auch „Gott und dir, Altar", eine recht auffallende ist, unter der wir uns ohne weiteres noch nichts denken können. Wenn nun gar aus der Frage des Talmud p. 45 b, DV FpnWD um in« ’DTi ODV hervorgeht, daß man bei dieser Ausdrucksweise Gefahr laufe, so mißverstanden zu werden, als ob man den Altar als Nebengottheit neben Gott bezeichnen wollte, und daher oas. Wort „Gott und dir, Altar" zu. erklären ist: „Gott danken wir und dich, Altar, verherrlichen wir", dann muß man Grund gehabt haben zu dieser Befürchtung, einer falschen Auslegung zu begegnen, und wenn man sich trotzdem entschloß, diesen und keinen nicht andersdeutigen Ausdruck zu wählen, so mußte man dafür wohl sehr triftige Gründe haben. Es kommt hinzu, daß im jerusalemischen Talmud die ganze Veranstaltung des feierlichen siebenmaligen Umzuges um den Altar und des Blaseus der Posaunen als „Pomp" bezeichnet wird, insbesondere erscheinen dort die nijrpn als eine Einrichtung, um gegen die Sadducäer zu protestieren, welche die nmy niSD, da sie nicht ausdrücklich in dem schriftlichen Teil der Thora erwähnt ist, verwarfen. Wir haben hier Aehnliches wie beim Mähen des Omer am Peffach. Nach der Tradition fand dasselbe stets am Morgen des zweiten Peffachtages statt, auch dann, wenn derselbe auf Schabbos siel. Die Sadducäer aber behaupteten, das Omer müsse immer am ersten „Sonntag" nach dem ersten Tag Peffach geschnitten und gebracht werden. Auch dieser Omerschnitt wurde daher unter großer Protestkundgebung gegen die die Tradition leugnenden Sadducäer voÜzogen. Die damaligen Gesetzestreuen haben eben, wie es die Mischnah in Menochauß X 3 bezeugt, dem Verlangen der damaligen Sadducäer nie klein beigegeben, sie waren kein Leisetreter, sondern, wenn die Reinerhaltung der Ueberlieferung es erheischte, haben sie sich zahlreich zusammenaefunden und haben öffentlich und laut gegen die Verletzung der Ueberlieferung Einspruch erhoben und haben furchtlos und mit Nachdruck dem Gesetz entsprechend gehandelt. Von einem solchem Fall spricht auch unsere Mischnah in hdid. Sowohl die Pflicht am Sukkoth Wasser auf den Altar auszugießen als auch den Altar mit Bachweiden zu umstelle», erkannten die Sadducäer nicht an. SadducaeiSmus war ja die „Richtung" der Reichen und Angesehenen. Die Bachweide ist aber das Symbol der Selbstsucht, die nur aufnimmt und nicht abgibt, nichts spendet, nur empfängt. Sie um den Altar zu stellen, sodaß die Zweige auf dem Sockel des Altares standen, denselben, auf ihm fußend, zu umgeben und zu beschatten, war ja im Sinnbild gerade das, was sie ablehnten. Sie wollten ja nicht auf der Grundlage des Gesetzes stehen, wollten ja nicht Leibgarde und/Beschützer des Gesetzes sein. Und nun noch die willkommene Ausrede im Gegenstand: Eine arme Bachweide sollte den Altar schmücken Mtnen! Sie, die vornehmen Sadducäer, die so viel in römischen Regierungskreisen verkehrten und durch eine gründliche und feine griechische Bildung ein hohes Anstandsgefühl besaßen, konnten doch im Tempel zu Jerusalem keinen Blattschmuck van Bachweiden dulden! Achteten sie doch so sehr auf den Wohlanstand, daß sogar, wenn einer aus ihren Gesellschaftskreisen für teueres Geld Hohepriester, geworden war, sie lieber ein ausdrückliches Thoragesetz III 16,13 verletzten, als — den Anstand! Sie veranlaßten ihn, das Räucherwerk schon außerhalb des Allerheiligsten auf die Kohlenpfanne zu legen, weil es so bei ihren Gastmählern in den Häusern der Begüterten „Anstand" war, statt sich an die Thoravorschrift zn halten und das Räucherwerk erst im Allerheiligsten vor der Gesetzeslade aufdampfen zu lassen. Und nun sollten sie zugeben, daß man mit Bachweiden den Altar umstellte? Entsprach das dem griechischen Begriff — des „Schönen"? Und das Schöne als das Gute zu nehmen, war ja der sadducäische Wahn! Drum wiesen die Peruschim darauf hin : „Schönheit dir, Altar!" Die Bachweiden, die wir hinstellen, bilden den wahren Schmuck, die „Schönheit" des Altares. Den ganzen Besitz'auf Grundlage des Gesetzes in den Dienst desselben zu stellen, ist unser Streben, und wahrlich, von einem lebendigen Volk mit hingebungsvoller Begeisterung in Treue umgeben zu sein, ist der schönste Schmuck, der dem jüdischen Altar gegeben werden kann. Mit Nachdruck — so meint Rabbi Elieser — hätten sie gesprochen „Gott und dir, Altar." Freilich nicht, als ob sie dem Opfer und dem Altar in heidischer Abirrung abgöttische Verehrung zollten. Sie wollten nicht mit dem Opfer Gott in den Willen des Menschen barmen und dadurch neben Gott eine andere Macht verehren, sondern sie sprechen : Gott Huldsgen wir, aber auch dich, Altar, ehren wir. Es wendet sich dieser Ausdruck gegen den Borwurf, den die Sadducaeer gegen die Opfer überhaupt erhoben. Ist doch ihre Stellung zu den Opfern genügend durch das Benehmen der Mirjam aus der Familie Bilgah gekennzeichnet, von der Sukkoh 56 b berichtet wird, daß sie im Tempelvorhof den Schuh ausgezogen und ihn mit den Worten gegen den Altar geschlagen habe: „Wolf, Wolf, wie lange willst Du noch das Geld Israels vergeuden?" Wenn übrigens R. Jehudah im ersten Tell der Mischnah die Ueberlieferung hatte, es sei statt M mwin 'n ru« gesungen worden im HO nymm so dürfte auch diese Bariatton gegen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.