Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 39 (19.9.1907)
- Date
- 1907-09-19
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2449244-2449284--63821-3519951- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
euilleton. ver €nkel. Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung.)/ . wiederholte er laut: „Wenn Du Mir meinen Sohn erhallen wirst, dann gelobe ich v Dir, fortan den Sabbath zu haltengenau nach Deiner Vorschrift, das gelobe ich Dir." z Da ward's auf einmal still und sanft in seipem Herren und eine wohlige Ruhe erfüllte seine Brust/ jetzthätte er vielleicht schlafen können, aber er wollte nicht, r Die lange Winternacht war vorüber, ant östlichen Himmel zeigte sich ein heller Streif, es dämmerte der kommende Tag.; Er nahm aus dem Handkoffer eine Flasche Waffer, öffnete das Fenster ein wenig und goß das Waffer vorschrfftsgemäß über beide Hände. .Dann schloß er das Fenster, trocknete die Hände und wand nun die zu diesem Zwecke mitgenommenen Gebetriemen um Haupt und Arm und sprach dann das Morgengebet. Er betete mit einer Andacht wie noch nie im Leben, und nach jedem Absatz wiederholte er in Gedanken sein - Gelöbnis: „Erhalte mir meinen Sohn, so werde . ich Deinen Sabbath halten!" Und allmählich, ganz allmählich schlich sich .die Hoffnung wieder in sein Herz, das der Ber- -zweiflung schon hatte erliegen wollen. Er hielt 'es für undenkbar, daß sein Gebet nicht sollte erhört werden. Es war doch auch nichts Geringes, was er'gelobt hatte. Den Sabbath zu halten, den siebenten Teil seine Arbeitskraft liegen zu laffen! und nicht nui: seiner Arbeitskraft, sondern der Arbeitskraft aller derer, die er besoldete. Herr Gott im Himmel! noch wußte er nicht wie er es macken würde — doch gleichviel, er würbe es möglich machen, sein Gelöbnis würde G et ©einige tun, solle nur fei hielt inne, er erkannte die Blasphemie des MedankenD, der sich ihm aufdrängen wollte ... — Er fuhr sich mit der HarO über die Stirn, nein, er wolle' Nicht freveln. Leise flüsternd 7 Wiederholte er die Worte jenes herrlichen Gebetes, .das er vorhin gesprochen. „Gerecht ist Gott in Men seinen Wegen und voll hingebender Liebe allen seinen Taten. Nahe ist Gort allen ' die Ln rufen, die ihn in Wahrheit rufen. Das Verlangen derer, die ihn fürchten, erfüllt er, ihr Flehen hört er, und gibt ihnen Heil. — Es hütet Gott, alle, die ihn liehen, und alle Gesetzlosest läßt er vergehen." — Er hielt abermals inne, die letzten Worte hatten ihm einen Stich in's Herz gegeben. — Mochte, man es wenden, wie man wollte, sein Sohn war ja dock am Sabbath verunglückt bei einer am Sabbath verbotenen Arbeit. — Aber nein! nein! — Er hatte es doch schon vorhin ausgesprochen, sein Sohn war unschuldig, ihn, ihn allein trcch alle Schuld — und er — Seine Frau reate sich, er neigte sich hinüber zu ihr und sagte freundlich: „Guten Morgen liebes Kind, Du hast gut geschlafen." „Guten Morgen," erwiderte sie noch schlaftrunken sich die Augen reibend, „ist es denn schon Morgen?" „Wie Du stehst." „Ich sthe nichts als daß die Lampe noch brennt." „Trotzdem ist es bereits Tag, ich habe sogar schon gebetet." „Wirklich?" Allmählich, ward sie doch munterer und richtete sich auf. „Ich glaube, ich habe die gan^ Reise verschlafen, wir sind doch schon bald „Das dürfte doch wohl noch drittehalb Stunden dauern. Jetzt ist es halb Acht und vor Zehn können wir nicht dort sein. Aber Du hast wirklich gut geschlafen." „Ja, das habe ich. Aber ich war auch.todmüde bei der Abreise. Weißt Du, es war doch etwas viel, die gestrige Abhetzerei und dann die unvorhergesehene Reise. Aber ich bin doch froh, daß ich mitgereist bin, zu Hause hätte ich sicher keine Ruhe gehabt, jetzt aber hoffe ich in drittehalb Stunden unfern lieben Jungen ftisch und munter wieder zu sehen. Was er nur für Augen machen machen wird, daß ich mit gekommen bin." Er unterdrückte einen Seufzer. „Erwarten kann er Dich freilich nicht." „Glaubst Du, daß er an der Bahn sein wird?" „Nein gewiß nicht, er weiß doch nicht, daß wir kommen." „Aber er hat Dich doch ersuckt, mit dem nächsten Zug hinzukommen." „Der Aufforderung habe ich entsprochen, habe aber versäumt, es ihm mitzuteilen." „Das ist Schade, sonst wäre er sicher am Bahnhof gewesen. Könntest Du ihm nicht noch eine telegraphische Depesche schicken?" „Das könnte ich wohl tun, aber es wäre nicht unmöglich, daß wir früher ankommen würden als unsere Depesche. Uebrigens sind immer Wagen am Bahnhof, in zehn Minuten können wir in der Fabrik sein." „So müffen wir uns bis dahin gedulden." Der Zug hatte bei der nächsten Station gehalten. Sie waren ausgestiegen, hatten sich in der Restauration durch einen warmen Trunk gestärkt und waren dann wieder eingestiegen, und Frau Gotthold fuhr fort, sich durch Reminiscensen an das gestrige Fest die Zeit zu verkürzen und wieder mußte sich ihr Gatte auch äußern, entweder.zustimmend oder berichtigend. So war es zehn Uhr geworden und wenige Minuten darauf waren sie am Ziel ihrer ReiA Mit einer gewissen nervösen Hast hatte Gotthold ihre Effekten zusammen genommen, hatte einem Träger gewinkt und ihm die Sachen übergeben, dann war er.ausgestiegen und war nun seiner Frau beim Aussteigen behilflich. Da trat ein Herr grüßend an ihn heran und reichte ihm die Hand. „Willkommen, Herr Gotthold." Gotthold fuhr zusammen, unwillkürlich erwiderte erden Händedruck, indem er mit angstvoll fragenden Augen zu ihm hinüber blickte, aber seinen bebenden Lippen entrang sich kein Laut. Der Andere hatte die Frage dennoch verstanden. „Sie kommen nicht zu spät," sagte er trübe. „Vermutlich Ihre Frau Gemahlin?" Gotthold athmete schwer auf, dann sagte er darstellend: „Herr Dr. Merz, meine Frau." „Sie sind von hier, Herr Doktor?" sagte Frau Gotthold, „da werden Sie vermutlich wissen, wie es in unserer Fabrik ausfieht, unserem Sohn ist doch hoffentlich nichts geschehen?" Der Arzt blickte sie betroffen an. „Gnädige Frau — „Meine Frau hat ihre Depesche nicht gelesen", sagte Gotthold mit merklich bebender Stimme, „sie weiß nur, daß eine Explosion stattgefunden hat. — „Dann bedauere ich es auftichtig, daß mir die schmerzliche Pflicht obliegt." Sie stieß einen Schreckenslaut aüs. „. ist geschehen? Um Gotteswillen! Was ist geschehen?" Ihr Gatte legte den Arm um die Wankende, der Arzt trat an ihre andere Seite, sie zu stützen, „Ihr Herr Sohn ist leider verwundet, gnäoige Frau, ich hielt mich verpflichtet, Sie davon zu benachrichtigen und zum Herkommen zu veranlassen. Sie kommen ^zu rechter Zeit." Einheftiges Zittern hatte die Unglückliche befallen, die Herren trugen sie mehr als daß sie sie führten und hoben sie in einen Wagen, ihr Gatte setzte sich neben sie, der andere gegenüber, dann rollte der Wagen davon. Gotthold hielt die Hand seiner Frau mit warmem festem Druck, sie hatte aber mit echt weiblicher Energie die momentane Schwäche rasch überwunden. ' „Unser Sohn ist schwer verletzt Herr Doktor?" /,Jch kann leider nicht widersprechen." „Aber doch nicht hoffnungslos?" „Solange Athem ist, ist Hoffnung. Hoffen wir das Beste, gnädige Frau, hoffen wir, daß Ihre Gegenwart ihm Genesung bringe. Aber sie müffen stark sein, gnädige Frausehr stark." „Ich bin stark," entgegnete sie mit leiser, jedoch fester Stimme, indem sie sich stramm aufrichtete. Beide Herren sahen mit einer gewiffen Bewunderung auf die zarte Frau,. die sich derart zu beherrschen wußte. „Ich glaube in der Tat, daß Sie stark sind, dennoch glaubeich, Sie auf den Anblick be£ allerdings Schwerverletzten vorbereiten zu müffen, die Hauptverletzung ist am Kopf, er hat deshalb den Kopf und die eine Gesichtshälfte verbunden." Sie hatte die bleichen Lippen fest aufeinandergepreßt und athmete schwer, verhielt sich jedoch im übrigen vollständig ruhig. Sie hatten die Fabrik erreicht, in der heute, des Sonntags wegen, nicht gearbeitet wurde, doch sah man nichts von dem Schaden, den die Explosion angerichtet,- denn sie hatte sich auf das seitwärts gelegene Laboratorium beschränkt. Einige der in der Fabrik Angestellten begrüßten die Angekommenen mit ernster Teilnahme, die-junge Frau des Fabrikdirektors war Frau Gotthold beim Ablegen der schweren Ueberkleider behilflich, sie nahm ihr auch den Hut ab. „Dank Ihnen", sagte Frau Gotthold leise, „aber — wo —" „Sie wollen wissen, wo der Patient liegt? Darf ich Sie bitten, gnädige Frau, meinen Arm zu nehmen, ich werde Sie hinüber führen." Gotthold hielt ihn zurück. . „33it*e, Herr Doktor, unser Sohn weiß vielleicht nicht, daß wir hier sind — wäre es nicht geraten, es ihm mitzuteilen, bevor wir zu ihm gehen?" Der Arzt schüttelte den Kopf. „Das ist nicht notwendig. Es ist ja ein Glück für den Schwerverletzten, daß er nicht bei vollem Bewußtsein ist, dadurch leidet er nicht allzu sehr. Ob er die Eltern erkennen wird? — Jedenfalls möchte ich bitten, ruhig mit ihm zu sprechen — nicht zu leise, aber vollkommen ruhig." Der Arzt geleitete die Eltern in das Krankenzimmer. Als sie eintraten, erhob sich im Hinter- Grund des Zimmers ein junges Mädchen, das an dem Bette des Kranken geseffen, und entfernte sich. Das Bett stand an der Wand der Tür gegenüber, was auf demselben lag, schienen mehr die Trümmer eines Menschen als ein Mensch. Es war gut, daß der Arzt die Eltern auf daS- Entsetzliche vorbereitet hatte, wie erstarrt standensie einige Augenblicke an der Tür, ohne zu wagen weiter zu gehen, nur die brennenden Augen auf das Bett gerichtet. IFottschung folgt.)