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Der Israelit · 1907-09-19 · Heft 39 (19.9.1907) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 39 (19.9.1907)
Date
1907-09-19
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Crzic^ung and Lei; la^ojisi Inwieweit ist eine Umgestaltung 4er bedrSiscden Uebersetrnngsnnterticdtes nacd Stottanswabi, Ststtvetteiinng nnümetbogiseder Ledan4Inng notwenüig? (Bortrag, gehalten bei der 28. Generalversammlung des Israelit. Lehrervereins für das Königr ich Bayern in Afchaffenburg, von Seminaroberlehrer Jakob Stoll- Würzburg.) Der jüdische Religionsunterricht gilt den Lehrern im allgemeinen nicht als der leichteste und angenehmste, ja vielen wohl als der schwerste und langweiligste- und nicht den Lehrern bloß, mehr noch den Schülern. Das ist ein schwerer höchsten Ausgabe der jüdischen Schule zusammenhängt, mit der Pflege des Judentums, so ist es sogar ein religiöser Notstand, welchem Abhllfe werden müßte, so schnell als möglich. Wenn man diese Frage im Gespräch mit Kollegen berührt, so wird als Grund des Uebelstandes gewöhnlich der Mangel einer allgemein gültigen Methode für den jüdischen Religionsunterricht im allgemeinen und für den Uebersetzungsunterricht im besonderen angegeben. Das Heil des jüdischen Religionsunterrichts erblickt man heute in dem Auffinden der richtigen Methode, also in einem bestimmten Unterrichtsverfahren, das' nach psychologischen Grundsätzen aufgebaut ist. Als Ideal der Methode gelten Musterlektionen aus der Religionslehre nach den 5 formalen Stufen. Denn die Erzeugung der rechten Gesinnung ist im Unterricht die Hauptsache und diese kann man heutzutage in Form theoretischer Grundsätze mit Hilfe der Abstraktion, der Syntese, der Association rc. fein säuberlich in die Köpfe der Kinder niederlegen. Der Schüler lernt sogar noch Handeln nach bewußten Grundsätzen. Man sieht, worauf es im Unterrichte ankommt : auf bewußte, klare Verstandestätigkeit. Das Bestreben, im Religionsunterricht durch bewußte Verstandestätigkeit des Schülers Gesinnung zu erzeugen — ein Beginnen, welches in der sogenannten systematischen Religionslehre am ungestörtesten sich breit machen konnte — war die Folge einer falschen oder doch sehr einseitigen Richtung in der Pädagogik überhaupt, die das Hauptgewicht auf das Erkennen und Wissen legte, die den didaktischen Materialismus mit seiner Leitfädenkultur großgezogen hat. Und diese einseitige Verstandesrichtung in der Pädagogik, mit deren Ueberwindung das letzte Jahrßchnt pädagogischer Bestrebungen ausgefüllt ist, war ihrerseits eine Folge der Einwirkung von Kants Philosophie in die pädagogischen Kreise mit ihrer Kritik der reinen Vernunft, ihrem kategorischen Imperativ, ihrer Bekämpfung des Gefühlslebens als Richtmaß für Tun und Denken. Die Abstraktion, diese ausgewachsene Frucht des Kritizismus, wie sie Hildebrand nennt, ist die Krankheit unserer Zeit und sie tritt am schärfsten in Deutschland auf. Sie ist aber ganz genau bei einem Volke das, was beim Einzelnen die natürliche Krankheit des Greises ist, dessen Lebenskraft in den Gliedern schwindet, dessen Zusammenhang mit der wirklichen Welt sich langsam löst, während das Gehirn noch in seiner Art fort tätig ist. Am Deutlichsten sieht man diese Greisenkrankheit an der Geltung und Behandlung des jüdischen Religionsunterrichtes in der Schule. Je mehr das Judentum in der Gemeinde und Schule in den Hintergrund gerückt ist, desto mehr wird die systematische Religionslehre in der Schule in den Vordergrund treten. Daß man das Wesen des Religionsunterichtes im engeren Sinn in die Schale, in abstrakte Lehren über die Religion, und neuerdings das Wesen des Pentateuch- und Tefillohunterrichtes in die Grammatik versetzt, ist genau wie bei einem altersschwachen Baum, dessen Kern abzufterben beginnt, während das Leben in den äußeren Teilet: noch weiter fortgeht. Es ist für eine frische Zukunft eine große Umkehr nötig, ein durchgreifender Bruch mit der bisher allgemein geltenden Gedankenrichtung. So hochwichtig auch Berstandesklarheit und Pflichtbegriff sind im Geistesleben, sie sind eben nicht imstande, wie man meint, allein zu leisten, was nötig ist. Während man im Deutsch-Unterricht schon längst erkannt hat, daß Sprachverständnissprachliche und sachliche Bildung durch Grammatik und Orthographie nicht wesentlich gefördert werden und die systematischen grammatischen und orthographischen Belehrungen in der Schule auf ein Mindestmaß zu reduzieren seienwährend man sich allgemein zu der Ansicht durchgerungen hat, daß der Bildungswert des Deutsch-Unterrichts nicht durch Behandlung der formal-sprachlichen, sondern nur durch Erschließung der inhaltlichsachlichen Seite ausgeschöpft werden kann, arbeiten jüdische Lehrer gegenwärtig darauf hin, den Uebersetzungsunterricht zu einem formalen Sprachunterricht umzugestaltenanstatt das Hauptgewicht auf den lebendigen Inhalt unserer religiösen Bücher zu legen, werden alle Künste der Methode aufgeboten, den Schülern möglichst frühe formale Sprachbildung im Hebräischen zu vermitteln. Es ist an der Zeit, gegenüber der nicht wegzuleugnenden Kälte der Verstandskultur im Religionsunterricht, gegenüber der zur sehr in die Breite sich verirrenden Logik eines religionsphllosophischen und grammatischen Systems die Wärme, die Tiefe, die Begeisterung, den rechten Flügelschlag der Seele zu betonen, wodurch allein Gefühl und Gemüt, der ganze Mensch nachhaltig angeregt und zu edlem Denken und Tun hingezogen werden kann. Die Religion ist gegenwärtig ausschließlich ein Gegenstand des Wissens, sie wird gelernt und ein relMös ganz armes Kind kann sich durch Fleiß und Verstand in der Religion hervortut: und eine gute Zensur erwerben. Alle wahren Freunde der Religion müssen schaudern vor solchem Unwesendenn Religion ist in erster Linie etwas Innerliches, Persönliches und entzündet sich nur da in einem Menschenherzen, wo der Funke religiösen Lebens von Person zu Person überspringt. „Der Weg zum Kopf muß durch das Herz hindurchgehen". — Dieser Satz sollte der Wegweiser auf dem Gebiete unseres Religionsunterrichtes sein. Es ist in der Pädagogik überhaupt die Zeit gekommen, wo das Gemüt seine Rechte zurückverlangt. Ueberaü regt es sich, die Persönlichkeit des Lehrers zu breiter Entfaltung zu bringen und den Schwerpunkt auf die Ausbildung von Gemüt nnd Phantasie des Schülers zu legen. Das ist, der eigentliche Kern der vo:: vielen so arg mißverstandenen ^Kunstbewegung" in der Pädagogik. Auf keinem Gebiete ist die Beteiligung des Gemüts und der Phantasie aber wichtiger als auf dem des Religionsunterrichtes und — auf keinem wird gegenwärtig gegen diese Grundbedingung der rechten Bildung mehr gefehlt. Es ist deshalb nötig, die psychologische Grundlage der religiösen Bildung etwas näher anzusehen. Wie sehr der Intellektualismus, d. i. die Vorliebe für alles Verstandes- und Begriffsmäßige die Pädagogik beeinflußt, beweist die Tatsache, daß die pädagogische Praxis in den Anschauungen nur eine Unterlage für Begriffe erblickt, eine Durchgüngsstufe für eine nachfolgende Abstraktion. Eine Lehrprobe aus der biblischen Geschichte oder der Religionslehre muß, wenn sie mustergiltig nach der Formalstufentheorie ausgearbeitet wird, auf der vierten Stufe stets zu einer Abstraktion, einem Spruch, einem Lehrsatz, einem Allgemeinbegriff fortschreiten. Als ob der Wille durch allgemeine Grundsätze und abgezogene Begriffe bestimmt würde! Der Wille wurzelt in der Tiefe seelischen Lebens, bis zu welcher hinabzusinken jene flatternden Gedankenschemen gar nicht Eigengewicht genug haben. Im Kopse mögen die saubersten Begriffe aufgespeichert sein: das Herz läßt sich dadurch nicht von seinem Wege abbringen. Ihm vermögen nur die Anschauungen, „die Mt der Wucht der Wirklichkeit auf die Nerven fallen," zu imponieren. Der wahrhaft erlichende Unterricht muß sich der Wirklichkeit bedienen. Wir

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