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Der Israelit · 1907-09-19 · Heft 39 (19.9.1907) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 39 (19.9.1907)
Date
1907-09-19
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette 6 Nr. 39. Der JSraelK. 19. Geptemöer 1907 Gebetbuchedittonen gegenüber keinen Protest verlautbaren ließen. Und er schließt: „Wir beneiden die Herren Gutachter und ihre Miwotanten nicht um den Mut, mit dem sie mindestens die Hälfte . aller deutschen Juden und gewiß nicht die schlechtesten unter ihnen als Abtrünnige kennzeichnen." Das ist eigentlich für einige wenige Seiten genug! Dennoch will ich ohne jedwede Heftigkeit auf diese Sache näher eingehen und vor allem rein sachlich zu erklären suchen, welche Gründe unsere Gesinnungsgenossen zu der energischen Stellungnahme gegen den Entwurf des badischen Gebetbuchs veranlaßten. Um mit dem letzten zu beginnen: Wenn wir erklären, daß die Prinzipien, die dem badischen und den „meisten neueren Gebetbüchern" zu Grunde liegen, „einen Abfall vom wahren Judentum" bedeuten, so liegt es uns fern, durch diese Erklärung „mindestens die Hälfte aller deutschen Juden als Abtrünnige zu kennzeichnen." Ein großer Teil der Besucher der in Betracht kommenden Synagogen ist schon in der zweiten oder gar dritten Generatton dem gesetzestreuen Judentum entfremdet und der Rest hat den Religionsunterricht von Reformrabbinern oder gesinnungsgleichen Religionslehrern erhalten, ist also von Kindheit auf in den irrigen Anschauungen vom Judentum aufgewachsen. Als „Abtrünnige" könnte man nur den in Deutschland sehr kleinen Kreis derer bezeichnen, die mit den Lehren des gesetzestreuen Judentums vertraut geworden, dennoch sie prinzipiell verwerfen und die Reformrabbiner selbst. Für letztere fällt freilich wiederum entschuldigend ins Gewicht, daß sie — besonders was einen Teil der jüngeren Generatton betrifft — ebenfalls aus Familien stammen, in denen das überlieferte Judentum keine Stätte mehr hat, oder daß sie den Unterricht von Lehrern genoffen, die sie auf den falschen Weg geführt. Was aber die Zahl betrifft, so wird zweifellos in Deutschland mindestens die Hälfte der Juden der praktischen Ausübung des Thoragesetzes entftemdet sein. Aber nur ein ganz verschwindend kleiner Bruchteil wird sich zu den Prinzipien der modernen Gebetbücher bekennen. Denn die weitaus größte Zahl betet überhaupt nicht. Oder sollen die Besucher der 'Orgelsynagogen an „den hohen Festtagen" auch als „Vertreter von Prinzipien" gelten? Wenn einzelne Gutachten „in ihren eigenen Gemeinden weit radikaleren Gebetbüchern gegenüber keinen Protest verlautbaren ließen," so ist das be bäuerlich. Aber der Oberrat, der auf so strengeZucht innerhalb der Landessynagoge hält, daß er einen in Ehren ergrauten Rabbiner, den durch seine Charakterfestigkeit und seine Gelehrsamkeit überall in Deutschland hochverehrten Dr. Löwenstein, vor ^den vierzig ihm unterstellten Gemeinden bloßbeifälligen Lächeln begleiteten Kopfnicken diese Frage. „Aber da seid Ihr im Irrtum," fuhr Rabbi Israel fort, „denn erstens habe ich nicht nur vor meinem Partner, sondern vor Gott auf jeden Lohn verzichtet und zweitens, selbst wenn der Himmel Kesen Verzicht nicht annähme und ihn mir besonders belohnte, für die Mizwas Arba Minrm habe ich keinen Anspruch auf Lohn, sie kantt ich dieses Jahr in vollständiger Vollendung üben." Als ich zu Rabbi Israel zurückkam, bestätigte er mir diese Erzählung und konnte auch jetzt noch nicht die Freude über „das gute Geschäft" unterdrücken, das er damals gemacht hatte. „Aber Ihr Freund", wagte ich zu bemerken, „hat auch kein schlechtes Geschäft gemacht, wenn die großen Erfolge, deren er sich seitdem erfreut, wirklich eine Folge dieses Geschäftes sind. Hält der Rabbi das für möglich?" „Für möglich? Warum nicht? Können Millionen eine einzige Mizwo aufwiegen?" „Aber dann verzeiht eine Frage, Rabbi. Wenn die einmalige Uebung dieser Mizwo Millionen bringen kann, so müßte der Rabbi, der sie schon so oft erfüllt hat, Milliardär sein." ' Wenn man jung und unbesonnen ist, glaubt man, mit solchen und ähnlichen Fragen die Welt aus den Angeln heben zu können. Mer der Meister, der aus der Spannung, mit der ich an feinen Lippen hing, meine ganze Denkweise gewiß zehnmal durchschaute, meinte: „Aus diese Frage brauche ich Ihnen keine Antwort zu geben, das hat der Ramban schon in seiner Erklärung zum dritten Buch der Thora im Kapitel 18, V. 4. getan. Er führt dort aus, wie die Fol- . gen, welche die Mizwos für uns haben, sich ganz nach der Gesinnung richten, mit der wir sie üben. Wer sie nicht mit der lauteren Gesinnung, von der stellt nur deshalb/ weil er die Orgelsynagogen Stätten genannt, wo Orgelklang und Weibersang künstliche Andacht züchten soll, der Oberrat/sage ich, sollte doch am besten beurteilen können/ wie schwierig es für den Untergebenen des Vorstands — als welcher der Rabbiner in den Reformgemeinden fungiert — ist,, an bestehenden und durch die Gewohnheit sanktionierten Zuständen zu rütteln. Es ehrt die betreffenden Gutachter, daß sie, nachdem sie sich im Verlaufe ihrer Wirksamkeit innerhalb der Reformgemeinde davon überzeugt, daß die modernen Gebetbücher keine werbende Kraft entfalten, sondern nur die gesetzestreuen Beter aus der Synagoge scheuchen, daß sie da offen und ftei sich zur Wahrheit bekennen. Es zeigt, daß sie den Kopf und das Herz auf dem rechten Fleck haben. Sie sind verständig, sie lernen aus ihren Erfahrungen und sie sind muttg genug, um der Bedeutung der großen Sache willen den Vorwurf der Inkonsequenz gelassen zu ertragen. Es fehlen, meint die Denkschrift ferner, außer einigen wenigen unter der Gegnerschaft die Rabbiner der Hauptsynagogen allerGroßgemeinden. Das ist freilich ein sehr ausschlaggebendes Moment! Werden die Verfasser, wenn sie nicht in Vorurteilen befangen sind, nicht zugestehen müssen, daß die derzeitigen Oberrabbiner von Hamburg und Posen, um nur diese zu nennen, ein ganzes Groß von Reformrabbinern aufwiegen? Dürfen sie sich etwas darauf zu Gute tun, daß nicht die „Rabbiner" ihre Gegner sind, die dem Wellhausen'schen Standpunkt einnehmen, nach dem die Offenbarung am Sinai ein Kindermärchen, die pentateuchischen Gesetze zum großen Teil aus Priestertrug und Prieftereigennutz entstanden sind? Wollen sie die „Rabbiner zu ihren Gesinnungsgenossen zählen, die ihre Kinder am Sabbath in der Schule schreiben lassen, oder selber am Feste der Offenbarung schreiben, oder das Verbot Lev. 20, 18, auf dessen Uebertretung die Strafe des rrc steht, dauernd übertreten? Das sind alles „Rabbiner" von Großgemeinden! Dann aber, was beweist denn das Fehlen unter der Gegnerschaft. Das ist ja ein arßumsutam e silentio! Für das Schweigen kann es unzählige Gründe geben. Ich habe nicht das Recht, Namen zu nennen, aber ich selbst weiß von mehreren Herren, die nicht unter den Gutachtern genannt sind, daß sie dem Entwurf ablehnend gegenüberstehen. Herrn Rabbiner Dr. Eschelbacher darf ich nennen. Jch^habe oben sein Gutachten im Verordnungsblatt aus der Zeit, als der Oberrat die Enquete über jdie „innerkirchlichen Aufgaben" veranstaltete, zittert! Es gehört zu dem Besten und Schärfsten, was über die Modernen Gebetbücher geschrieben wurde. Nun, er fehlt auch sie begleitet sein sollen, sondern mit der Msicht auf irdischen Lohn, auf Reichtum und Ehre erfüllt, der wird durch sie das erlangen, wonach er sich sehnte. Das ist der Reichtum und die Ehre, welche die Thora in ihrer Linken hält, d. h. für die Linken. Ich würde mich unglücklich schätzen, wenn mir Thora und Mizwos nichts als irdische Güter brächten, deshalb hat sie mir Gott in seiner Gnade versagt." Beschämt über den Wstand zwischen meiner hausbackenen Denkweise und dem Gesinnungsadel des großen Mannes, wollte ich mich verabschieden. „Noch eine Frage. Der Rabbi ist doch sonst Freund einer guten Prise, warum hat sie der Rabbi vorhin ausgeschlagen?" „Der Tabak, der auf diese Weise über die Grenze kommt, ist meistens geschmuggelt." Dankerfüllten Herzens verließ ich den großen Mann, der mir diese Lichtblicke in sein edles Herz und seinen hellen Geist gestattet hatte und war nun auch meinerseits überzeugt, daß er ein „gutes Geschäft" gemacht hatte. ttMirzburger Brief. „Ein Daheimgebliebener" — habe ich meinen jüngsten Bttei unterzeichnet; —'und nun bin ich doch zum Schluß der Ferien noch ein wenig hinausgewandert, nicht weit, nur in die benachbarten Gaue, aber doch hinaus, und — o Zufall, wieder mitten hineingeraten in eine Tagung konfessioneller Art. Nach dem Katholikentag in Würzburg der Protestantentag in Schweinfurt! Und siehe, hier wie dort das gleiche Bild, dieselben Ideen, dieselben Bestrebungen,, nur in anderer Farbentönung — mutatis mutandis - und darum natürlich b« mir die alten Gedanken und „unter dieser Gegnerschaft". Sicherlich Nicht, weil er seither seine Meinung geändert! Aber die Zahl soll wohl Achtung erzwingen! Nach der Angabe der Denkschrift, die ichnicht nachprüfen kann, fehlen zwei Drittel der Rabbiner Deutschlands in der Gegnerschaft. „Dem Bereül zur Wahrung des gesetzestreuen Judentums in Baden" wird vor Augen gehalten, daß er doch recht geringzählig sei. Der Oberrat kennt also nicht den Satz croyn idü öyon an# o, daß an der Wiege unseres,' Volkstums uns als Motto das Wort mitgegeben wurde: Ihr seid das kleinste unter allen Völkern. Ja, daß dieser Satz auch innerhalb Israels galt und daß der Kreis, in dem die Reinheit der Gotteslehre und der Glaubenstreue gewahrt blieb, immer nur ein kleiner war. Die Propheten und ihr Anhang, „der Knecht Gottes", die Ebjonim der Psalmen, die Glaubensheld'en im Kämpft gegen den Hellenismus u. s. f., das waren alles wahrlich nicht die Majorität. Ueber die „Herausforderung", um in der Sprache des Verfassers der Denkschrift zu reden, über die Herausforderung, die in den Worten liegt, daß man erst jetzt auf Grund des Entwurfs in Baden „Gott mit ÄZahrheit anrufe", kann ich wohl nach meinen obigen Darlegungen besonders bezüglich der Uebertragung — zur Tagesordnung übergehen. Ein Wort noch über die Sätze, mit denen die gekennzeichnet werden, die gegen das badische Gebetbuch aufgetreten sind, über „die Umtriebe der Gegner", „die Versuche, die Massen gegen den Oberrat aufzureizen", „die Verkennung seiner redlichen Absichten", „der Wahn der Orthoxie, ihre Ansichten den Wider-. strebenden aufdrängen zu können" u.s.w. Ich gehöre ja nach dem vorliegenden Briefe jetzt auch zu diesen Missetätern. Wie jedem Angeklagten steht mir das Recht der Verteidigung zu. Die Hauptschuld liegt wie so oft wiederum an einem Worte, an dem Worte: „Orthodoxie". Der Oberrat stellt sich unter uns eine herrschsüchtige Clique vor, die ihre Meinung, wenn es noch möglich wäre, am liebsten mit Feuer und Schwert, heutzutage mit den zeitgemäßen Mitteln durchzusetzen sucht. Er selbst ist ja so liberal, er ist durchaus damit zufrieden, wenn die Orthodoxen nach ihrer Weise beten.*) Er bedenkt nicht, daß ihm dieser Liberalismus nicht sehr schwer wird. Er ist ja (wie aus der großen *) Daß nach der Organisation der Landessynagoge, nach dem Einfluß des Oberrats, nach der Autorität, von der dadurch das Gebetbuch getragen wird, daß nach alledem die Vorlegung des Entwurfs an sich einen unerttägltchen Gewissenszwang bedeutet, das ist so oft und zum Ueberdruß schon gesagt worden, daß ich nicht weiter rarauf eingehe. Der Obcrrat verharrt aber immer bei der Meinung, er sei tolerant. || Bedenken in „erneuter und verstärkter Auslage." Ter unentwegte Kampf für die konfessionelle Schule war's, den ich schon jüngst beregte. Wer die Schule hat, der hat die Zukunft! Dieser Wahrheit ist man sich in jenen Lagern wohl bewußt. Der lebendtge und belebende Religionsunterricht muß der Fe.ment des Schulbetriebs sein und das ist nur in der konfessionellen Schule möglich. Gilt das in anderen religiös positiven Kreisen als fundamentale Wahrheit, so gilt es doppelt und dreifach für jüdische Verhältnisse, und wird dort gegen die Simultanschule energisch Front gemacht, trotzdem beide Konfessionen im Lehrkörper und in der Verwaltung vertreten sind, wie viel mehr Ursache hätten wir Juden, mit allen Kräften nach jüdischen Löiksschulen zu streben, zumal die Simultanschule den Juden als Lehrer bei uns nicht kennt. Jst's nicht gewissermaßen Aufdringlichkeit, Selbsterniedrigung, trotz alledem „prinzipiell" Gegner der jüdischen Volksschule zu sein und bei deren Vorhandensein die Kinder in die Ortsschule zu schicken, obwohl diese nur durch diese jüdischen Kinder „simultan" wird, offiziell aber tatsächlich Konfessionsschule ist? Einem on dit zufolge, soll es Gegenden geben, wo letzteres vorkommt! Vielleicht wird die Bedeutung der Schule für's spätere religiöse Leben deshalb vielfach verkannt und zu gering eingeschätzt, weil es sich leider gar zu oft zeigt, daß junge Leute, kaum der Schule entwachsen, und als „Lehrlinge" in irgend einer Branche plaziert, allmählich in religiöser Hinsicht zuerst lässig, indifferent und schließlich gar völlig — um mich in pw? H'pi auszudrücken, — „freigeistig" werden. Leicht, bequem ist's ja, diesen und jenen rückwätts liegenden Faktor für solche betrübenden Erscheinungen verantwortlich zu machen; schwieriger wohl, aber auch unendlich

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