Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 39 (19.9.1907)
- Date
- 1907-09-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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19. September 1907. Der JSraeltt. Nr. 39. Seite 5 gegen das badische Gebetbuch gelegentlich meiner Ausführungen ^noch deutlicher vor Augen gesteÜt, davon abgekommen. Ich erkenne den guten Willen des „praktischen Schulmannes", der in Nr. 2 und Nr. 22 des „Israelit" die Frage: „ist das Gebetbuch des badischen Oberrats in der Schule verwendbar", behandelt hat, rückhaltlos an. Aber ich bin der Meinung: Es heißt sich auf einen falschen Standpunkt stellen, wenn man überhaupt sich in eine Diskussion über pädagogische Details mit dem Gegner einläßt. Das hat unser Gesinnungsgenosse gefühlt. Er sagt in dem ersten der erwähnten Artikel: „Nun ist selbstverständlich ein Buch, das wegen wichtiger religiöser Bedenken zum Gebrauch im häuslichen und Gemeindegottesdienst ungeeignet erscheint, von Vorneherein auch für die Schule unbrauchbar." Aber er fügt hinzu: H,Trotzdem halte ich es für zweckmäßig, das vorliegende Gebetbuch einer Pädagogischen Beurteilung, unter Ausschaltung aller religiösen Differenzpunkte, zu unterwerfen, um dadurch zu einem auf objektiven Erwägungen beruhenden Ergebnisse zu kommen, das mir zur Erzielung eines abschließenden Urteils als wesentliche Ergänzung unerläßlich zu sein scheint." Er zeigt nun in unwiderleglichen*) Ausführungen, daß das badische Gebetbuch weder für das Uebersetzen der Gebete noch für den Religionsunterricht brauchbar ist. Aber ich bin, wie gesagt, der Meinung,- daß man die religiösen Differenzpunkte gar nicht ausschalten kann, will man das badische Gebetbuch auch nur vom Standpunkt der Pädagogik aus beurteilen. Das tritt am deutlichsten bei der „Verwendbarkeit des bad. Gebetbuchs für den'Religionsunterricht" hervor. Warum sollte denn das badische Gebetbuch für den Religionsunterricht, wie ihn der Oberrat sich denkt, nicht verwertbar sein? Es ist ja vor allem für die Kreise bestimmt, die den Sabbath-, Speise- und Ehegesetzen völlig entfremdet sind, für die die jüdische Religion nichts anderes ist als das Bekenntnis zum reinen Monotheismus und eine Summe rein ethischer Lehren, vermischt mit ein paar Brocken, die von der Erwählung *) In den „Blättern für Erziehung und Unterricht" 1907 Nr. 10 und 17 hat „ein badischer Schulmann" den Inhalt deS Arttkels in Nr. 3 des „Israelit" zu widerlegen gesucht und in dem Wtedrrabdruck dieser „Widerlegung" im Verordnungsblatt des Gr. O. d. I. 1907 Nr. 5 hat er auf die Replik im Israelit Nr. 22 in Anmerkungen geantwortet. Wieso er ihn nicht widerlegt hat, nicht wtederlegen konnte, das führe ich oben weiter aus. Da er aber mich mit einem großen Zitat aus meiner Abhandlung: „Zum Unterricht in der Bibel", Abhandlung neben anderen auch die Dichtigkeit _ guten Uebersetzung für dm Bibelunterricht hervorgehoben und die „hochpyettsche Form" in allen vorhandenen Bibel - Übersetzungen vermißt. „Der badische Schulmann" führt Israels handeln**). Und für das Uebersetzen der Gebete? Lohnt es sich wirklich darüber zu streiten, ob die Kinder mit diesem Gebetbuch in der Hand dem Verständnis des hebräischen Textes näher kommen? Sie sollen es ja gar nicht! Dann merken sie ja, daß sie in der deutschen Uebertragung etwas anderes beten, als was im Text steht. Und ist es eine Unterstellung, wenn wir die Vermutung aussprechen, daß in dem ganzen Vorgehen, in der Umgestaltung des Gebetbuches, in der Form der Uebertragung des „System Maybaum" sich geltend macht? Maybaum will in seiner „Methodik des jüdischen Religionsunterrichts" (S. 35 f.) das deutsche Gebet völlig an die Stelle des hebräischen setzen, und nur, well wir zu seinem Bedauern in den Gemeinden noch nicht so weit sind „kann das Hebräische aus dem Lehrplan der Religionsschule zur Zeit nicht entfernt werden". Ein Lehrer, der hier mit dem Oberrat zu gehen sich nun meine ziemlich temperamentvoll gehattenen Darlegungen für die Uebertragung in dem Entwurf des Oberrats ins Gefecht. — Dazu habe ich zu bemerken: Für den, der das im Artikel wiedergegebene Zitat aus meiner Abhandlung genauer liest, ist erfichtlich, daß die Uebertragung in dem Entwurf durchaus nicht dem Ideal entspricht, das ich aufstelle. Denn erstens spreche ich dort vom Bibel- Unterricht. Ich betone ausdrücklich: „Wir fordern die elegante Übersetzung nicht in der Unterstufe, vor allem nicht beim ersten Gebetübersetzen." Ich dachte bei meinen Anregungen an die großen Religionsschulen, die ihre Scküler fast bis zum Abiturium behalten, oder an die jüdischen Schulen mit der Berechtigung zum „Einjährigen". Dort allein kommt der von mir geschilderte und gewünschte Bibelunterricht in Betracht. Ich kenne nicht die Schulverhältnifse in Baden. Aber es wird dort nicht anders fein als in den meisten kleinen und Mittelstädten. Die Schüler im Alter bis zu vierzehn Jahren sind für die Art des Uebersetzens, wie fie mir in meiner Abhandlung vorschwebte und die die Beherrschung des Sprachstoffes voraussetzt, nicht reif. - Bor allem allem aber bemerke ich: „Der Schüler hat zunächst von dem präparierten Stück eine elegante Uebersetzung zu geben, die dem deutschen Sprachgeist völlig homogen ist und doch alle Gedanken und Begriffe, die in den Textworten niedergelegt sind, bis auf die feinsten Nüancon der Konjunktionen und Modi zum Ausdruck btingt." Wie man da mich als Zeagen dafür beibringen kann, daß ich das Treiben der wild geworbenen Phantafie in der Uebertragung des badischen Gebetbuchs nach meinen Prinzipien billigen müßt, ist mir unerfindlich. Ich habe oben genügend Beispiele dafür beigebracht, daß in der Uebertragung des Oberrats tendenziöse Aenderungen vorgenommen worden find und daß abgesehen von der Tendenz überaus oft unnötiger Weise etwas völlig Anderes in der Uebertragung als im Texte steht. „Der praktische Schulmann" im „Israelit hat also durchaus recht, wenn er meint, diese Uebertragung fei für das Verständnis des Textes wertlos. **) Die von dem „badischen Schulmann" aus Abteilung XVI beigebrachten Abschnitte 1, 3, 10, 13, 16, 18, 22 und 23 lasten von dem Wesen des gesetzestreuen Judentums, eben von der überragenden Wichtigkeit der Gesetze, gar nichts verlauten. Oder soll etwa Nr. 212 als ausreichend erscheinen? entschließt, den vor allem die Leugnung der religiösen Grundprinzipien wie sie im Entwurf vorliegt, nicht zum heiligen Protest entflammt, der wird auch zu der pädagogischen Einsicht des Oberrats ein größeres Vertrauen haben als zu' uns, und wenn wir mit Engelszungen redeten. Noch ein paar Bemerkungen über das „Schlußwort" und den „Nachtrag" in der Denkschrift. Ich habe um der Sache willen, um das Vorgehen des Oberrats und das Verfahren der Verfasser der Denkschrift scharf zu kennzeichnen, oft auch ein scharfes Wort brauchen müffen*). Doch am Schluffe sei trotz dem unversöhnlich gehaltenen Schlußworte der Denkschrift meinerseits ein versöhnliches Wort gesprochen. Der Oberrat sieht in der Bewegung, die der Entwurf des badischen Gebetbuches hervorgerufen hat nur „eine Verkennung seiner redlichen Absicht von Seiten intransigenter Orthodoxes, „Versuche, die Massen gegen ihn aufzureizen", „Umtriebe der Gegner"., Er meint, daß „die Orthodoxie in dem Wahne lebt, ihre Ansichten schließlich den Widerstrebenden doch einpflanzen oder aufdrängen zu können". Er erklärt: Erst jetzt würde es in Baden „im Hinblick auf alles, was aus dem Gebetbuch gebetet wird, heißen können „Nahe ist der Ewige allen, die ihn anrufen, allen die ihn anrufen mit Wahrheit". Er behauptet, daß „der Verein zur Wahrung des gesetzestreuen Judentums" zwar recht lärmend auftrete, aber recht geringzählig sei, daß nur ein Drittel der in Deutschland vorhandenen Rabbiner und Ravbinatsaffefforen sich den Gutachten gegen den Entwurf angeschlossen habe und daß mit Ausnahme einiger weniger unter dieser Gegnerschaft die Rabbiner der Haupt-. synagogen aller deutschen Großgemeinden fehlen. Er findet: Es mache einen eigenartigen Eindruck, daß sich unter den Gutachten solche finden, deren Urheber in ihren eigenen Gemeinden weit radikalere *) Daß es ihnen gegenüber ftellich ebmsowenig mit einer milden und sanften Ausdrucksweise getan ist, beweisen fie durch die Art der Polemik gegen die mehrfach erwähnte Arttkelserie des Herrn Dr. Kaatz in der „Jüdischen Preffe". Herr Dr. Kaatz ist sehr zurückhaltend in seinem Ausdrucke und würdigt den Entwurf von großen Gestchtspunkten, und dennoch nennen die Berfaffer der Denkschrift (S. 23 Anm. 1) ihn „dm verdächtigung^- süchttgen Kritiker." Nebenbei sei bemerkt, baß die Verfasser der Dmkschrist auch sachlich in ihrer Anttkritik Herrn Dr. Kaatz gegenüber im Unrecht find. Dr. Kaatz sagte nur, daß die „Borbemerkungm" in der Auffassung des Midrasch dem Morekommmtar Salomon Maimons gefolgt seien. Ebenso unrichtig ist eS, wenn fie (S. 34 Anm.) behaupten, daß Dr. Kaatz fälschlich ein Zitat aus Grätz anführe. Man vergleiche die Melle bei Kaatz („Jüdische Preffe" 1906 Nr. 4L) und in der Denkschrift (a. a. O.). In Wirklichkeit bezieht sich daS Zitat auf dm ganzen More, also auch auf die daS Opfergesetz behandelnden Stellen. Grätz selbst sagt (VIS. 319), daß Maimonides' Theorie nicht ganz mit dem Judentum übereinstimme. einigen Großhändlern auch Rabbi Jsroel da, um sich Esrogim auszusuchen. Auch einem weniger geübten Kennerblick wäre dieser selten schöne Esrog ausgefallen. R. Jsroel konnte die Äugen nicht von ihm wenden. Er wähtte und suchte noch einen Esrog, dessen Preis seinen Verhältnissen eher entsprach, aber immer blickte er wieder nach dem für ihn unerreichbaren Jdeal- Esrog. Da kaufte jck den Esrog für 50 Rubel und trat damit vor Rabbi Jisroel mit den Worten hin: „Ich weiß, Rabbi Jsroel, daß Ihr Euch so wenig einen 'Esrog schenken laßt, wie sich König David von dem Jebussiten Arawna den Platz schenken ließ, auf dem sich einst das Bed Hamikdosch erheben sollte. Wer verkaufen möchte ich ihn Euch, da rch sehe, daß Ihr ihn gerne haben möchtet. Zu dem Esrog verpflichte ich mich. Euch den schönsten Lulab, die schönsten Haddassim (Myrthen) und die schönsten Arobot (Bachweiden), dre in Wilna äufzutreiben sind, zu liefern und dafür verlange ich von Euch-" Hier stockte ich, denn ich hatte nicht den Mut, das, was ich dafür wollte auszusprechen. Rabbi Israel aber kam mir entgegen und ermutigte mich, meine Bedingung ruhig auszusprechen, indem er in seiner verbindlichen Weise ftagte: - „Und was verlangt Ihr von mir?" „Wenn Ihr mir's mauchel seid, möchte ich Euch dagegen bitten, mir den^2V*)Eurer diesjährigen Mizwas Lulab abzutreten." Kaum war das Wort heraus, als ich auch schon die Dreistigkeit bereute, ein solches Verlangen gestellt zu haben. Hätte ich's wieder zurücknehmen können, so hätte ich's gewiß getan, aber es war zu spät. Aus den Äugen der anwesenden Herren konnte ich den. Borwurf über daS Ungehörige eines solchen Ber- *-* lesen. Aller Wicke hingen an den Lippe» R. Israels, welche Antwort ihnen wohl auf die Zumutung entströmen werde. Rabbi Israel blickte mir eine Sekunde lang mit seinen flammenden, durchdringenden Blick rn die Augen, dann sagte er: „Ist das Euer Ernst?" Da ich A gesagt hatte, mußte ich auch B sagen. Es blieb mir nichts anderes übrig, als die Frage zu bejahen, zumal ich aus dem Ton dieser Frage nichts weniger als einen Vorwurf, sondern das Gegenteil, eine freudige Gesinnung herauszuhören glaubte. Darauf reichte er mir die Hand hin und sagte: „Wir wollen unser Nebereinkommen durch Tekias Kaf (Handschlag) bestätigen: Ihr liefert mir die schönsten vier Pflanzenarten für Mizwas Lulab, die in Wilna zu haben sind, und ich trete Euch dafür meinen für die Erfüllung dieser Mizwo ab. Die sämtlichen anwesenden Herren sind Zeugen." Wie ein Lauffeuer ging die Nachricht von diesem eigenartigen Pakt durch ganz Wilna. Wäre es nicht durch die angesehensten Männer bezeugt gewesen, man hätte es nicht geglaubt, daß R. Israel eine Mizwo so leichten Kaufes feil ist, und er sie für einen schönen Esrog und Lulab hingibt. Das allgemeine Staunen wuchs, als dann das Sukkothfest herankam. Man muß die flammende Begeisterung gesehen haben, mit der Rabbi Israel jede Mizwo übte und besonders die fteudige Erregung, mit welcher er alljährlich Mizwos Lulab erfüllte. Wer dieses Jahr kannte diese überschäumende Freude fast keine Grenzen. Wie uns von König David berichtet wird, daß er mit aller Kraft vor der Lade Gottes tanzte, so war der Helle Jubel, mit welcher dieses Jahr R. Israel Mizwas Lulab ersüllte, geradezu maßlos. Ich hatte gedacht, das Bewußtsein, sein Mizwo verkauft zu haben, hätte in dem Augenblick ihrer Ausübung etwas bedrückendes fttr Hff. Sv dachte» such andere Und fein gelehrter. ihm sehr nahestehender Freund Rabbi Mattts Stvaschun, gestattete sich, ihn deshalb zu beftagen. Rabbi Mattts hat mir noch an demselben Tag die erhaltene A»twB:t mitgeterlt, die mir den großen Mann noch mehr in seiner wahren Größe zeigte, als alles seitherige. „Der 112. Psalm", sagte Rabbi Israel, „leitet mit den Worten ein: „Glücklich der Mann, der Gott fürchtet, der an seinen Geboten den größten Gefallen hat." Dazu bemerkt Rabbi Eleasar m der Gemoro (Talmud Worte sem. Fol. 19): An seinen Geboten, aber nicht an dem Lohn seiner Gebote." Ich habe diese Anforderung immer für eine der schwierigsten gehalten, die an einen Menschen gestellt werden können. Man kann sich noch so sehr bestreben, Gott aus Liebe zu dienen und aus Liebe zu seinen Mizwos, wie dies Raschi zur Stelle noch genauer erläutert, aber den Geoanken kann ich nicht los werden, daß ein Lohn auf die Erfüllung aller Mizwos steht, wie wenig ich ihn auch zu erlangen beabsichtige. Wer könnte von sich mit voller Sicherheit behaupten, daß sich bei aller Selbstlosigkeit und Lauterkeit der Gesinnung nicht doch der Gedanke an die Aussicht auf den unbegrenzten Lohn einmifcht, der auf die Ausübung jeder Mizwo steht? Vielleicht ist das der Sinn des Wortes iu Kohelet (o. 7, 20): daß es keinen Gerechten auf Erden gibt, der selbst bei dem Guten, das er übt, nicht fehlte. Wer dieses Jahr kann ich die Mizwo nur um Gottes Willen ohne jede Nebenabsicht aus Lohn erfüllen, denn ich habe ^hn ja durch Handschlag einem andern abgetreten." „Wenn ich wollte," entgegenete Rabbi MatttS, „könnte ich Eure Freude stören, aber ich warte da-, mit bis nach dem Feste." Vf JD, ich weiß, was Ihr denkt," entgegnete Rwbbi ZSrael, „Ihr meint, für diesen BerziM gehöre mir wieder ein neuer, besonderer Lohn; ist's mcht so?".. Der Angeredete bejaht? r:i* von Hn/i