Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 42 (23.5.1900)
- Date
- 1900-05-23
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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^*M-OWWWWW 864; lang sah ich den Störefried, oder richtiger Störeunfried, mit wirrem, finsterem Blick in die umflorten blauen Augen und wollte ihm schon ärgerlich den Rock aus den Händchen reißen, um meine wilde, stumme Jagd weiter fortzusetzen, da fragte das traurige, verschüchterte, aber immer noch silberhelle Stimmchen: „Kannst Du gar nicht mehr lachen?" Damit war der Bann gebrochen. Der Dämon, der mir während der ganzen Sturm- und Drangperiode die Lippen zusammengepreßt hatte, mutzte sie frei geben, ich drückte sie auf die Stirn meines kleinen Geisterbanners, hob ihn hoch in die Höhe und fing nun laut an zu lachen, noch nicht aus innerem Drang, sondern nur zur Konstatierung der Thatsache, daß ich noch lachen könne. Erst als der Kleine mit einstimmte, war das letzte Eis geschmolzen; und ich war wieder vollständig der alte, als ich das Zeugniß ausgestellt erhielt: „Jetzt bist Du wieder lieb, aber vorhin habe ich mich so vor Dir gefürchtet." . Solche und ähnliche Scenen mögen im Verkehr mit Kindern unzählige Mal Vorkommen; aber so kleinlich sie auch scheinen, wenn man will, kann man viel daraus lernen. Mein erstes Gefühl nach jener Scene war das der Scham. Ich schämte mich der Blößen, die ich mir vor meinem Kinde gegeben hatte, indem ich einer verdrießlichen Grille nachhängen und sie Herr über mich werden lassen konnte. Und diese Herrschaft, die ich als etwas ganz selbstverständliches ertrug, der entgegenzutreten ich nicht einmal den Versuch wagte, hat der kleine Knirps durch seine plötzliche Intervention so vollständig gebrochen! Wie hat er es angefangen, über welche Mittel verfügt er, um dieses Wunder zu Wege zu bringen? Das Nachdenken über diese Fragen führte mich zu dem ersten Fundamentalgesetz im Erziehung-Kanon unserer kleinen Lehrmeister, das so sicher wirkt, weil es ohne jede Absicht, ja ohne alles Bewußtsein von unseren uns erziehenden Kleinen angewendet wird: „Kinder sind, sich selbst überlassen, immer zufrieden und heiter." Wenn wir Großen ihnen nur das Eine nachthun wollen und ihre Virtuosität darin nur halbwegs erreichen, so haben wir schon ungemein viel von ihnen gelernt. Wer je eine Kinderschaar beobachtet, dem springt der laute, jugendliche Frohsinn, der alle beseelt, sofort in die Augen. Aber selbst das einzelne Kind, das im Sande wühlt, mit einem Stein spielt, oder an einem Papierstreifen seine Kurzweil sucht und findet, wird als Grundzug seines ganzen Wesens niemals jene kindliche Selbstzufriedenheit und ungezwungene Heiterkeit verleugnen, die man bei Erwachsenen vielfach so schmerzlich vermißt. Die große Masse macht sich die Erklärung dieses glücklichen Privilegiums, das die Kleinen vor uns Großen voraus haben, sehr leicht. Die Kinder, sagt man, können leicht heiter und zufrieden sein, sie haben ja noch keine Sorgen, welche ihnen die Lebenslust trüben. Wer je der Kinderwelt näher getreten ist, wird dieser Erklärung nur eine bedingte Richtigkeit zugestehen. Denn die Kleinen haben in ihrer kleinen Welt thatsächlich ganz dieselben Anliegen wie die Großen in der ihrigen. Eine Hand voll Spielmarken hat in ihren Augen mindestens dieselbe Bedeutung, als in den unserigen eine Hand voll Goldstücke. Sie freuen sich mit dem Besitze und härmen sich über den Verlust so gut, als es die Großen thun, ja, ihr Schmerz, wie ihre Freude, ist viel intensiver, ergreift den kleinen Menschen viel tiefer als den großen. Wie ist sein Blick so geschärft und die Empfindung schmerzlich erregt, bei jedem Apfel und bei jeder Kirsche, die das andere Kind mehr erhält, wie schreit es auf, wenn man seinen Händchen eines seiner Besitzthümer entreißen will, und wie strahlt bei jedem Spielzeug die Helle Freude aus allen Minen und Geberden! Und doch nnterscheioet sich die Art und Weise ihres Schmerzes vom unsrigen. Aber diese Unterscheidung ist selber wieder ein Vorzug, den unsere Liliputaner vor uns Niesen voraus haben. So tief nämlich der Schmerz das kindliche Gemüth auch ergreift, so heiße Thränen er ihm auch auspreßt, er ist nicht nachhaltig. Es bedarf nur einer Ablenkung der kindlichen Aufmerksamkeit von der Veranlassung des Schmerzes auf irgend einen anderen Gegenstand, um das noch thränende Auge wieder in Freude ausleuchten zu sehen. Gewiß kennen Kinder d.n pchchischcu Sckunerz, wie sie dem physischen unterworfen sind, aber die mit nagender Unruhe verbundene, beharrliche Richtung des Gemüthes auf den Schmerz, die wir Sorge nennen, ist ihnen fremd. Es ist also wohl richtig, daß die Kinder keine Sorge kennen, aber die Frage bleibt immer noch offen, warum sie dieselbe nicht kennen, da die Veranlassung dazu bei ihnen ganz so vorhanden ist, wie bei uns. Bevor wir eine Beantwortung dieser Frage versuchen, verzeichnen wir jedoch eine andere für unsere Erziehung so bedeutsame, aus dem Beispiel unserer Kinder zu uns sprechende Lebensregel. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Osterode a. Harz, 17. Mai. Heute wurde ein treuer College zur letzten Ruhe gebettet, der durch seine vortrefflichen Uebersetzungsbücher sich einen verdienstvollen Namen erworben hat. Es ist der Lehrer I. Wiesen. Seinem Sarg umstand trauernd mit seiner Gattin und seinen Kindern, der Landrabbiner Dr. Lewinsky —Hildesheim, die Nachbarkollegen aus Einbeck, Moringen, Bovenden, Duderstadt, Dransfeld, wie die Schüler und zahlreiche Ortsansässigen An der Stätte seiner Wirksamkeit, im Gotteshause, woselbst der Sarg aufgebahrt wurde, fand die Trauerfeier statt. Herr Rabb. Dr. Lewinsky widmete ihm