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Der Israelit · 1900-05-23 · Heft 42 (23.5.1900) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 42 (23.5.1900)
Date
1900-05-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
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41. Jahrgang. Erste Setlage M M 42 des .Israelit". ) Leitender Artikel r T ) K«s ich mm meinen Siinöern lerne.*) Von Bezirksrabb. Dr. Ehrmann—Baden (Schweiz). r e Von deinen Kindern lernst du mehr als sie von dir: Sie lernen eine Welt von dir. die nicht mehr ist: k Du lernst von ihnen eine, die nun wird und gili. j Rückert. Was ich von meinen Kindern lerne, resp. lernen _ kann, ist unvergleichlich bedeutsamer, als dasjenige, was , sie von mir lernen können. So parodox dies auch klingen mag. so wahr ist es. Dabei denke ich hier nicht , einmal an das: 2^122 '-i2b?>2i das der Lateiner mit c Pocendo discimus wiedergibt, d. h. an die Klarheit, die der Lehrer über seinen zu lehrenden Gegenstand durch die Rothwendigkeit gewinnt, sich seinen Schülern t so verständlich als eben möglich zu machen. Mir schwebt , bei dieser Behauptung vielmehr dasjenige Kindesalter vor. bei welchem von Lernen und Lehren im gewöhnlichen Sinne des Wortes noch gar nicht die Rede sein l kann. j Was mein Kind selbst später bei mir lernt, ist zunächst Sache des Wissens, des Kopfes. Daß es vom c Wissen zur Thai, von der Theorie zur Praxis, vom e Kopf in Herz und Gemüth gelangt, das liegt nur zum r geringsten Theil in meiner Hand. Ich lehre es lesen, . schreiben, rechnen; aber die Anwendung, die es einst von dem Erlernten machen wird, und wie es dieselbe machen wird, dies alles liegt in dem Kinde selbst, liegt in der Zukunft und in einer Reihe äußerer Um- , stände, über die ich nicht Herr bin. Ich kann nur die t Saat ausstreuen, aber der Sonnenschein, der Regen, » alle die Faktoren, die das Wachsthum und die Reife der Saat so wesentlich bedingen, liegen in höherer Hand, b Verfügte ich über Saatkörner, die mit solcher Keimt traft ausgestattet sind, daß sie sofort, nachdem sie dem Boden anvertraut wurden, emporschössen, blühten und , Früchte zeitigten, dann brauchte ich nicht ängstlich nach Wind und Wetter und all den Momenten auszuschauen, £ von welchen die gedeihliche Entwickelung meiner Saat so wesentlich abhängt. ■ lieber solche Saatkörner verfüge ich aber nicht. 5 Mein Kind jedoch besitzt sie in Hülle und Fülle. Und nicht nur mein Kind, jedes Kind wirft fortwährend verschwenderisch Hände voll davon unter seine Urn- *) Mit Genehmiaung der Verlagsbuchhandlung von A. I. Hofmann. Frankfurt a. M., entnehmen wir diesen eben so gediegenen lvie originellen Aufsatz dem vor einigen Wochen erschienenen und auch in diesen Blättern besprochenen Werke: Durch's Fahr! Essays über die gehobenen Momente des jüdischen Pflichtlebens in allen Monaten des Jahres. gebung: aber man beachtet sie nicht. Ich möchte deshalb auf einige wenige dieser Wunderkerne die Aufmerksamkeit lenken. Wenn man von dem Reichthum dieser kleinen Krösusse etwas provitiren will, so darf man es natürlich nicht verschmähen, zu ihnen hinunter zu steigen und recht viel mit ihnen zu verkehren. Mein brauner, dreijähriger Lockenkopf ist daher, so viel er nur immer will, in meinem Arbeitszimmer. Wenn ich es auch noch nicht so weit wie Jean Paul gebracht habe, der mit der einen Hand seine herrlichen Werke schrieb, während die andere die Wiege schaukelte, so kann ich doch allen meinen Werken nachgehen, ohne durch die Streif- und Querzüge gestört zu lverden, die mein kleiner Wildfang inzwischen in meinem Zimmer veranstaltet. Er hat strenge Weisung, meine Bücher und Schreibereien nicht zu berühren, und er leistet dem Folge. Darauf kann ich mich verlassen, wenn er auch einen ganzen Tag allein auf meinem Zimmer wäre. Mein Papierkorb ist seine Domäne. Wenn er von da ein Briefcouvert holen und es bemalen, oder aus einem Zeitungsblatt sich eine Trompete konstruiren, oder, wenn es hoch geht, meinen Spazierstock in ein Reitpferd verwandeln kann, so ist er hinlänglich beschäftigt, um auch mir meine Beschäftigung zu gestatten. Bon Zeit zu Zeit präsentirt er mir aller dings seine Hiroglyphen mit der Frage, ob das schön geschrieben sei, oder er ersucht mich um Reparatur seines Blasinstrumentes: hin und wieder beehrt er mich auch mit einer Einladung zu einein gemeinschaftlichen Ritt durch das Zimmer; aber es kostet mich längst keine Ucberwindung mehr, auf diese Wünsche einzugehen, oder wenn eine dringende Arbeit es schlechterdings nicht gestattet, in aller Ruhe und Freundschaft diese Anträge von der Hand zu weisen und den Antragsteller auf eine geeignetere Zeit zu vertrösten. Einmal nur fing der Knabe Karl an mir fürchterlich zu werden. Es war recht griesgrämiges Regenwetter, und ich hatte mir auch eine starke Dosis von dieser Stimmung angeeignet. Ein ganze Anzahl von Widerwärtigkeiten und Verdrießlichkeiten hatte sich just an diesem Tage ein Rendezvous bei mir gegeben. Die Kobolde des Zornes und Aergers grinsten aus den finsteren Furchen, die sie mir in die Stirne gegraben hatten und jagten mich im Sturmschritt aus einer Zimmerecke in die andere, warfen mich wieder auf meinen Stuhl, drückten mir die Feder in die Hand, um sie in der nächsten Minute lvieder wegzuwerfen; kurz, ich >var unausstehlich und zwar in dem Grade, daß ich meinen kleinen Controlleur in der Ecke ganz vergessen hatte. Dieser aber hatte um so lebhafter an mich gedacht und folgte allen meinen Extravaganzen mit gespannter Aufmerksamkeit. Als ihm das Spiel doch zu lange dauerte und zu bunt wurde, trat er mir plötzlich in den Weg, faßte mich an den Rockschößen, hob seine treuen Augen zu mir auf und richtete ganz verzagt die Bitte an mich: „Vater, lach' doch einmal!" Ein Sekunde

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